Gefährliches Bescheidwissen

Markus 6, 1 – 6

1 Und er ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm nach. 2 Und als der Sabbat kam, fing er an zu lehren in der Synagoge.

             Jesus verlässt den Ort am See. Er geht durch die Berge hinüber nach Nazareth Seine Jünger sind mit ihm auf dem Weg. Sie folgen ihm nach – hier verwendet Markus das Wort, das für Nachfolge als Jüngerschaft steht: κολουθέω. Sie gehen also nicht einfach nur mit. „Jesus kommt in seine Heimat als Wanderrabbi, dem eine stattliche Anzahl von Schülern folgt.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, s.116) Sie werden – in Nazareth – erfahren und lernen, was es heißt: mit Jesus unterwegs zu sein.

            Er hält sich in Nazareth auf, längere Zeit, mehrere Tage. Als der Sabbat kommt, geht Jesus in die Synagoge. Wo soll er auch sonst hingehen? Der Evangelist Luks weiß, was Markus nicht sagt: „nach seiner Gewohnheit“ (Lukas 4,16) Er tut, was er auch sonst tut: er lehrt, διδσκειν, diesmal nicht am See, nicht auf dem Berg, sondern in der Synagoge.  Der Lehrer, Meister (12,14) genannt werden wird – lehrt.

            Es fällt auf: Im Gegensatz zum Lukas-Evangelium, das den Inhalt der Predigt Jesu in Nazareth überliefert, schweigt Markus über die Inhalte des Lehrens Jesu. Weiß er nichts von dem, was Lukas weiß? Folgt er einer anderen Überlieferung? Es kann auch so sein, wie es oft bei Markus ist. Er redet vom Lehren Jesu ohne es inhaltlich genau zu bestimmen, weil es für ihn – und damit auch für seine Leserinnen –  klar ist: sein Lehren ist das Ausrufen des Reiches – so wie es direkt am Anfang des Evangeliums sichtbar ist: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (1,15) und wie es sich dann am See fortsetzt: „Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen.“ (4,1 -2) Das alles kennen die Leserinnen und Leser des Evangeliums doch und so könnte dieses Kennen des Evangeliums den Verzicht auf die Inhalte seines Lehrens in Nazareth erklären. „Gefährliches Bescheidwissen“ weiterlesen

Steh auf!

Markus 5, 35 – 43

35 Als er noch so redete, kamen einige aus dem Hause des Vorstehers der Synagoge und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?

            Die Erzählung war unterbrochen. Jetzt kehrt zurück sie zum Ausgangspunkt. Das Zwischenspiel mit der Frau hat nur aufgehalten. Jetzt kommt die Tochter des Synagogen-Vorstehers wieder in den Blick. Aber die Boten aus dem Haus sagen: zu spät. Deine Tochter ist gestorben. Das Mädchen ist tot. Der Meister muss nicht mehr kommen. Lass ihn gehen. Nicht Jesus, ausschließlich Jaïrus ist der Adressat der Botschaft, die sie aus dem Haus des Vorstehers überbringen. In den Augen dieser Boten ist Jesus nur noch eine Randfigur.

            Man könnte auch so hören: Während er, Jesus, sich mit der Frau mit dem Blutfluss, „seiner Tochter“, aufgehalten hat, ist sie, deine Tochter, Jaïrus, gestorben. Es macht keinen Sinn mehr. Angesichts des Todes kommt jede Hilfe zu spät. Jetzt noch Jesu weiterbemühen, würde nur bedeuten: „Jesus wird zur Hilfe gebeten in einer Lage, in der jede menschliche Hilfsmöglichkeit vorüber ist.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.152) Hier kann auch der Glaube nichts mehr machen, hier hilft nicht einmal mehr beten.  Das ist keine Resignation, sondern Anerkennung der Tatsachen.

  36 Jesus aber hörte mit an, was gesagt wurde, und sprach zu dem Vorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur! 37 Und er ließ niemanden mit sich gehen als Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.

             Jesus hört, genau wie Jaïrus die Botschaft der Boten. Was gesagt wurde – und hört wohl auch, wie es gesagt wurde. Aber nun ist er es, der die Initiative übernimmt. Jaïrus war zum Abbruch des Weges aufgefordert. Jesus fordert ihn auf, diesen Weg weiter zu gehen. Sich nicht dieser Botschaft zu unterwerfen. Fürchte dich nicht, glaube nur!  Das ist noch kein Versprechen, sondern nur eine Aufforderung. Aber wozu? Zum Festhalten der Hoffnung, wo nichts mehr zu hoffen ist? „Die Aufforderung „Fürchte dich nicht!“ ist sonst Offenbarungsszenen vorbehalten. Sie wird auch hier eine solche vorbereiten wollen.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S,217)

           Es ist müßig zu fragen, ob Jaïrus das hören konnte, ob ihn die in diesen Worten so tief verborgene Zusage durch den Schleier des Schmerzes überhaupt erreichen konnte. Immerhin: neben die Zusage tritt die Aufforderung: Glaube nur. μνον πστευε. „Der Glaube ist hier die Haltung, die den Menschen in der Hoffnungslosigkeit hoffen lässt, indem er sich an das Wort Jesu klammert.“ (J.Gnilka, ebda.) Das ist die Aufforderung Jesu an Jaïrus: Stelle den Glauben, das Vertrauen dem entgegen, was du gehört hast. Etwas anderes hat Jaïrus ja nicht mehr: wenn er keinen Glauben mehr hat, bleibt nur noch der Schmerz.  „Steh auf!“ weiterlesen

Ströme neuer Kraft

Markus 5, 21 – 34

21 Und als Jesus wieder herübergefahren war im Boot, versammelte sich eine große Menge bei ihm, und er war am See. 22 Da kam einer von den Vorstehern der Synagoge, mit Namen Jaïrus. Und als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 23 und bat ihn sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm doch und lege deine Hände auf sie, damit sie gesund werde und lebe. 24 Und er ging hin mit ihm. Und es folgte ihm eine große Menge und sie umdrängten ihn.

            Es geht zurück über den See. Aus Erzählperspektive deutlich: zurück an das Westufer. Nach Kapharnum? Dort wartet schon eine große Menge auf ihn.  Es scheint, dass Jesus nicht gleich losgeht, in den Ort hinein. Er verweilt am See.

            Dorthin kommt ihm ein Synagogenvorsteher mit Namen Jaïrus entgegen. „Ein solcher Leiter der Gemeindeversammlung hatte nicht nur im Synagogengottesdienst, sondern auch in der kommunalen Verwaltung wichtige Aufgaben wahrzunehmen.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.111) Es handelt sich also in Jaïrus um eine Persönlichkeit von Gewicht und öffentlicher Bedeutung.  Dieser Mann fällt vor Jesus nieder – aber es ist nicht das Niederfallen der Anbetung. Das weiß der Jude Jaïrus: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“(Matthäus4,10) Markus vermeidet das Wort προσέκυνησεν, das er für das sich Niederwerfen des Besessenen im Gerasenergebiet (5,6) gebraucht hatte. Sondern es ist, wie sich zeigen wird, ein Niederfallen, das die nachfolgende Bitte in ihrer Dringlichkeit unterstreicht. Ein Niederfallen aber auch, das ein Anerkennen der Vollmacht Jesu signalisieren mag.

            Es ist eine verzweifelte Bitte. Weil es um Leben und Tod geht. Weil das Mädchen, seine Tochter in den letzten Zügen liegt. Wer würde da nicht nach dem letzten Strohhalm greifen, sich einen zu Füßen werfen, von dem man sich wundersame Dinge erzählt? Nur die Hände soll er ihr auflegen. Kein Gebet, keine Eingriff, kein medizinischer Heilungszauber. „Nur ein erklärter Gestus seiner Vollmacht.“(J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.214)

            Nur eines hat dieser bittende Vater im Sinn: dass sie gesund werde und lebe. Inmitten einer Menge, die sich um ihn drängt, um Jesus, alles Mögliche und Unmögliche von ihm erhofft, dieses Bitten.

            Geht es Jaïrus nur um seine Tochter? Es ist Skepsis spürbar: „Nach jüdischem Vergeltungsglauben ist Tod der Kinder Strafe und Gericht für besondere Schuld, die die Eltern auf sich geladen haben. Das bedeutet bei der Stellung des Jaïrus viel. Die Frage muss gestellt werden, ob unter solchen Umständen Jaïrus sein Amt behalten konnte.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.150) Es ist gut, dass uns der Text des Markus solche Gedanken nicht vorschreibt. Aber es ist auch kein Privileg jüdischen Vergeltungsglauben solche Zusammenhänge zwischen dem Schicksal von Kindern und der vermuteten, vermeintlichen Schuld der Eltern zu konstruieren. Das geschieht bis in unsere Zeit, oft unter der Hand, oft versteckt in Fragen. Manchmal auch durch die Konstruktion von Zusammenhängen: die Kinder sind das Opfer des früher „wilden, ausschweifenden Lebens“ der Eltern geworden. „Ströme neuer Kraft“ weiterlesen

Wir sollen frei sein

Markus 5, 1 – 20

 1 Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener.

             Der Sturm ist vorüber. Die Nacht ist vergangen. Die Überfahrt ist geschafft. Jetzt sind sie am anderen Ufer, auf der Ostseite des Sees, in der Gegend der Gerasener. Bis heute wird am Ort Kursi für Israelreisende  die nachfolgende Geschichte lokalisiert. Aber das ist unsicher, weil es in den alten Handschriften widersprüchliche Überlieferungen gibt. Da wird „Gadara“ (Matthäus 8,28) gelesen, auch Gergesa, aber auch Gerasa. Das macht eine sichere Lokalisierung ausgesprochen schwierig.  Kursi bietet sich von der Nähe zum See her an und weil es dort einen steilen Abhang gibt. Wichtig ist nur: es ist Ausland, heidnisches Land aus der jüdischen Sicht, wie sich schon bald zeigen wird.

  2 Und als er aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, 3 der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; 4 denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen.

             Es kommt zu einer erschreckenden Begegnung. Von den Gräbern her, „die am Ufer in den Felsen gehauen waren“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.106), kommt ihm einer entgegen, der ausgesprochen sorgfältig charakterisiert wird: Er haust in den Gräben. Er ist unbändig und nicht zu binden. Alle Versuche, ihn einzugrenzen, zu bändigen sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Es scheint, er ist ein gefährlicher Mensch für andere. Aber auch einer, der sich selbst verletzt und verwundet.  Kein Wunder also, dass es heißt: ein Mensch mit einem unreinen Geist.

             Ich halte es für gefährlich, wenn man aus der Beobachtung des Textes eine klinische Diagnose ableiten zu können meint:  „Der Kranke scheint an manisch-depressivem Irresein erkrankt zu sein.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.143) Wie unfassbar leicht wird da eine Gleichsetzung – psychische Krankheit – Besessenheit ermöglicht. Und wie gefährlich für alle Seiten ist eine solche Gleichsetzung bis heute. „Wir sollen frei sein“ weiterlesen

Geborgen im Sturm des Lebens

Markus 4, 35 – 41

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

             Der Tag ist vorüber. Es war ein langer Tag, darauf weist die  Wendung „“an jenem Tag“ hin. Der Leser kann zurückgehen  und fragen, womit jener Tag erfüllt worden ist – mit der Predigt am See, den Gleichnis-Erzählungen. Jedenfalls, „er hat ein großes Tagwerk vollbracht, an das sich ohne Unterbrechung die Fahrt über den See anschloss.“(A.Schlatter, Die Evangelien nach Markus und Lukas, Stuttgart 1969, S. 49)

             Das Volk darf seines Weges gehen. Die Jünger machen sich, auf das Geheiß Jesu hin, auf den Weg, um ans andere Ufer zu fahren. „Die Initiative zur Überfahrt geht von Jesus aus.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.195) Der Aufbruch wirkt spontan, nicht wirklich vorbereitet: sie nahmen ihn mit, wie er im Boot war, vom frühen Morgen an. Eine Begründung für den Wechsel auf die andere Seeseite erhalten die Leser nicht. Neben diesem Boot, in den Jesus fährt, sind noch andere Boote auf dem See.

 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.

            Sie sind auf dem See, da bricht ein Unwetter los. Ein großer Windwirbel und due Wellen schlagen ins Boot. So knapp die Sätze auch sind, sie erzeugen ein Bild vor dem inneren Augen. Das Boot und die Leute in dem Boot sind in schwerer Seenot. In tödlicher Gefahr.

            Wir werden kundig aufgeklärt: „Der in einem tiefen Becken liegende Galiläische See ist häufig Windwirbeln ausgesetzt, die vom Gebirge her einfallen und ebenso rasch wieder entweichen, aber für die Schifffahrt sehr gefährlich sind. Im Osten des Sees ist der wind am heftigsten, und steigen die Wogen am höchsten, während am Westufer noch das Gebirge einen gewissen Schutz bietet.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.138) Es ist kein Leichtsinn, der die Jünger mit Jesus die Fahrt hat wagen lassen. Sie sind einfach mitten auf dem Meer vom Wetter überrascht worden, regelrecht überfallen.

            Man ahnt: es wird laut im Boot. Angst-Schreie, Anweisungen gellen durch die Dunkelheit. Umso stärker der Kontrast: Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Was für eine Szene. Man könnte auf die Idee kommen: er schläft, erschöpft von dem langen Tag. „Er schläft mitten im Sturm, geborgen im Frieden der Gegenwart Gottes.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S.73) „Geborgen im Sturm des Lebens“ weiterlesen