Gott versorgt

  1. Mose 16, 1 – 16

1 Von Elim zogen sie aus und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie von Ägypten ausgezogen waren.

             Der Weg geht weiter. Aus der Wüste Sur in die Wüste Sin. Es ist ein anstrengender, gefährlicher Weg, den sie da unter die Füße nehmen.

 2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

             Es ist die neue Grundmelodie Israels: murren. „Diese Grundhaltung bestimmte den ganzen Wüstenzug der Israeliten.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S. ) Plötzlich ist alles anders. Nostalgie verklärt die Vergangenheit. Die Fleischtöpfe Ägyptens sind attraktiver als der anstrengende Weg in der Wüste. Vergessen die Sehnsucht nach Freiheit, der Schmerz und die Erniedrigung durch die Schläge der Aufseher, der Schrei nach Hilfe. Die Hoffnung auf den HERRN, der sie herausführen möchte.

             Es lohnt, einem Gedanken nachzugehen, der nicht gleich offen zu Tage liegt. Es könnte sein, dass die Fleischtöpfe in Ägypten nicht die alltägliche Verpflegung meinen. So üppig wird die für die verachteten Fronarbeiter kaum gewesen sein. Dem gegenüber steht die andere Möglichkeit: Es geht um die Nacht, als ganz Israel das Passalamm aß. Dann würden sie sagen: wäre doch diese Nacht und dieser Augenblick nie vergangen, da wir so festlich und voller Hoffnung zusammen saßen. So wie es bis heute gesungen wird: „So ein Tag, so wunderschön wie heute. So ein Tag, der dürfte nie vergehn.“ Die Vergangenheit festhalten zu wollen und sich der mühseligen Gegenwart verweigern, das ist so urmenschlich, bis auf den heutigen Tag.

4 Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich’s prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht. 5 Am sechsten Tage aber wird’s geschehen, wenn sie zubereiten, was sie einbringen, dass es doppelt so viel sein wird, wie sie sonst täglich sammeln.

            Gott geht nicht auf das Murren ein. Schilt es nicht als undankbar. Weil er weiß, wie Menschen sind, auch wie sein Volk ist. „Es kann schwer sein, nach einer großen Erfahrung des Handels Gottes dieses Erleben nicht bloß im Fest zu feiern, sondern auch im Alltag zu bewahren und zu bewähren.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S. 107) Der HERR aber antwortet auf diese verweigerte Dankbarkeit mit lauter Güte:  Brot vom Himmel – Geschenk und Prüfung zugleich. Der tägliche Bedarf wird gedeckt sein. Und am sechsten Tag genug für den darauf folgenden, den siebten. So dass an diesem Tag keiner sammeln und zubereiten muss.

6 Mose und Aaron sprachen zu ganz Israel: Am Abend sollt ihr innewerden, dass euch der HERR aus Ägyptenland geführt hat, 7 und am Morgen werdet ihr des HERRN Herrlichkeit sehen, denn er hat euer Murren wider den HERRN gehört. Was sind wir, dass ihr wider uns murrt?

             Das ist die Deutung, die Mose dem Murren gibt: es ist in Wahrheit ein Murren gegen den HERRN. Wir, Mose und Aaron sind die falsche Adresse. Und die Antwort darauf: sie werden seine Herrlichkeit sehen. Es scheint, als seien Abend und Morgen hier schon dem geschuldet, was geschehen wird. Es könnte aber auch sein, dass damit angedeutet ist: alle Zeit. So wie es Bonhoeffer gesungen hat: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jeden neuen Tag“ (D. Bonhoeffer, 1945 in Wiederstand und Ergebung, München 1951, s.205. EG 65)

  8 Weiter sprach Mose: Der HERR wird euch am Abend Fleisch zu essen geben und am Morgen Brot die Fülle, weil der HERR euer Murren gehört hat, womit ihr wider ihn gemurrt habt. Denn was sind wir? Euer Murren ist nicht wider uns, sondern wider den HERRN.

             Seltsame Doppelung. Die eine Erklärung: zwei Quellen, aus denen der Text zusammen gewachsen ist. Meine Erklärung: die Wiederholung gibt den Sätzen ein besonderes Gewicht. Es ist die Ankündigung einer Wohltat Gottes – unverdient. Durch das Murren eher in Frage gestellt. Und noch einmal: es ist der HERR, gegen den ihr euch hier wendet.

 9 Und Mose sprach zu Aaron: Sage der ganzen Gemeinde der Israeliten: Kommt herbei vor den HERRN, denn er hat euer Murren gehört. 10 Und als Aaron noch redete zu der ganzen Gemeinde der Israeliten, wandten sie sich zur Wüste hin, und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erschien in der Wolke.

             Was folgt: eine Gotteserscheinung. Theophanie. In der Wolke. Diese Gotteserscheinung in der Wolke fällt Aaron regelrecht ins Wort. So, dass sich die Israeliten von ihm wegwenden hin zur Wüste. Man wird das nicht überstrapazieren dürfen, aber wer Gottes Erscheinen nicht versäumen will, verpassen will, der muss sich umkehren, manchmal zur Wüste hin, dorthin, wo es nichts an Leben zu erwarten gibt. In den Wüsten des Lebens will die Herrlichkeit Gottes aufleuchten.

11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.

            Ein Wort an Mose: Die Botschaft Israels ist angekommen. Die Antwort: genug zum Sattwerden. Aber auch die Erfahrung: Ich bin der HERR, euer Gott. Ob Israel ohne die Ankündigung überhaupt in der Tiefe hätte verstehen können, was geschieht?

 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war.

             Wachteln am Abend, Manna am Morgen. Gott sorgt für sein Volk. Versorgt es mit Fleisch und Brot. So überraschend, unerwartet, dass sie ins Fragen kommen. Sie wissen nicht, was es ist. Sie verstehen nicht wirklich, was da geschieht. Man hu? – Was ist das?  Es ist ein Geschehen, dass das Begreifen übersteigt.

            Darum wirkt die Mühe der Erklärung auf mich fast wie absurdes Theater. „In der Tat gibt es das Manna noch heute im Inneren der Sinaihalbinsel, und es wird auch von den nomadischen Bewohnern dieses Gebietes noch mann genannt. Es handelt sich um ein tropfenartiges Gebilde an den Blättern des in der Wüste beheimateten Baumes bzw. Strauches der Tamariske, das durch den Stich der Schildlaus aus dem Sekret dieses Insektes entsteht… Wenn es in der Nachtkühle verhältnismäßig hart geworden ist, kann man es vom Boden auflesen. Da es eine niedrige Schmelztemperatur hat, zerfließt es in der Tageshitze; daher sammelt man es am besten am frühen Morgen.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.105)

             Es geht dem Erzähler nicht um die Erklärung, wie Israel in der Wüste auf zwar ungewöhnlichem, aber natürlichem Weg doch sein Überleben sichern konnte. Sondern es geht ihm um das Zeugnis: Gott versorgt sein Volk.  „Brot, das aus dem Himmel gekommen ist“( Johannes 6,41) nennt Jesus das Manna. Und Paulus nennt es πνευματικν βρμα, „geistliche Speise“ (1. Korinther 10,3)  Das Manna ersetzt als natürliche Substanz das natürliche Brot und ist doch zugleich mehr. Immer geht es um das, was sich hinter dem Manna zeigt –  Gottes Versorgen.

Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. 16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

             Das Brot, das der Herr euch zu essen gegeben hat. Genug für alle, genug für jeden. Nicht die Parole menschlicher Klugheit: „Denke dran, leg Vorrat an.“ Sondern die göttliche Weisung: Genug ist genug. Aus solchen Geschichten schöpft der Herr Jesus: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? …Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft….Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen“ (Matthäus 6, 26.31-32. 34)

 

Heiliger Gott, es ist genug da für alle. Du gibst reichlich, über Nacht und am Tag, damit niemand zu kurz kommen muss.

Gib Du doch die Sorglosigkeit in unsere Herzen, die einverstanden wird mit dem, was Du gibt, dem Brot für den heutigen Tag.

Gib Du doch, dass wir nicht auf Kosten anderer uns Vorräte anlegen, ihnen wegnehmen, vorenthalten, was sie brauchen, weil wir Angst haben, zu kurz zu kommen. Amen