Wenn das Wasser knapp wird

  1. Mose 15, 22 – 27

22 Mose ließ Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zu der Wüste Schur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser.

             Der Ort der wunderbaren Rettung ist dennoch kein Ort, um dort für immer zu bleiben. Darum fordert Mose zum Aufbruch auf – vom Meer weg in die Wüste. „Die Wüste Schur dürfte ein Ägypten nahe gelegener Teil der Sinaiwüste“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.102)sein. Wüsten haben nicht Wasserstellen in Hülle und Fülle. So kommt es zu einem dreitägigen Marsch durch die Wüste ohne Wasser. Die Israeliten sind Menschen, die sich auskennen: Wüste ohne Wasser ist lebensbedrohlich. Damals und heute.

 23 Da kamen sie nach Mara; aber sie konnten das Wasser von Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher nannte man den Ort Mara.

             Nach drei Tagen stellt sich Erleichterung ein – endlich Wasser. Und sofort bittere Enttäuschung: das Wasser ist ungenießbar. Bitter. „Das Wasser war aufgrund seines hohen Salzgehaltes nicht genießbar.“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.261)

 24 Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?

             Es gehört nicht allzu viel Vorstellungskraft dazu, sich die Reaktionen der erschöpften und frustrierten Wüsten-Wanderer auszumalen. Murren ist wohl eher ein sanfter Ausdruck für das, was sich da abspielt. „Zum ersten Mal taucht hier das Wort „murren“ auf. Murren (hebräisch lȗn) ist ein Bildwort. Der Murrende ist einem knurrenden Hund zu vergleichen. Murren heißt so viel wie sich auflehnen, rebellieren.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.262)Ein Gemisch vom Verzweiflung, Angst und Wut bricht sich Bahn. Verdichtet sich in dieser Frage, die Mose doch ins Mark treffen muss. Was sollen wir trinken? Er ist doch nicht Gott, der frisches Wasser in der Wüste quellen lassen könnte. Nicht der gute Hirte, von dem es heißt: „Er führet mich zum frischen Wasser.“ (Psalm 23,2)

25 Er schrie zu dem HERRN und der HERR zeigte ihm ein Holz; das warf er ins Wasser, da wurde es süß.

            Mose tut, was ihm allein bleibt: er schreit zu Gott. Ob das der Unterschied ist zwischen Mose und dem Volk? Das Volk wendet sich an Mose und macht ihn für das fehlende Wasser verantwortlich. Mose dagegen wendet sich an den HERRN und sucht bei ihm Hilfe. Und erfährt sie wunderbar. Ein Holz, in das Wasser geworfen, schafft Abhilfe. Erklärung für dieses Geschehen? Es gibt keine. Auch der Name Mara ist keine Erklärung, denn er weist ja auf die Bitterquelle hin, nicht auf das so überraschende Süßwasser.

 Dort gab er ihnen Gesetz und Recht und versuchte sie 26 und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und merken auf seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt.

             Es ist ein Zusammenhang, der grundlegend ist: Das Gesetz und Recht, das Israel gegeben wird hat als Voraussetzung die Wohltaten Gottes. Erst kommt die Erfahrung, dass das Hören auf das Wort des Herrn, seine „Weisung“ geeignet ist, eine Wasserquelle zu „heilen“, dann erst folgt die Aufforderung, sich seiner Wegweisung anzuvertrauen. Es geht nicht um einen ersten Akt der Verkündigung von Geboten in Mara. Sondern „Satzung oder Gesetz heißt: Gott zeigt seinem Volk, wie er es führen und regieren will.“ (Hj. Bräumer, ebda.)

             Dann wird alles, das Geschehen und die Weisungen eingeordnet: Ich bin der HERR, dein Arzt. Was für ein steiler Satz. „Er bedeutet sicher nicht, dass man auf menschliche Ärzte verzichten soll. Der Arzt, genauer, der „Heiler“ ist hier derjenige, der Ungesundes gesund macht.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.106) Das wird Israel mit seinem Gott erleben, dass es unter seiner Führung heil wird, dass es gesundet, dass es Lebensverhältnisse gewinnt, die wohl tun.

 27 Und sie kamen nach Elim; da waren zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäume. Und sie lagerten sich dort am Wasser.

             Von Mara führt der Weg nach Elim. In eine Oase, die mit Wasserquellen und Palmen reich gesegnet ist.Das ist die Spanne des Weges, zwischen dem Mangel in Mara und der Fülle in Elim. Zwischen diesen Extremen verläuft der Weg Israels Es muss lernen, mit dem Mangel zu leben und darf doch auch die Fülle genießen. Das ist schwer als Einzelner zu lernen – aber es geht. Paulus ist dafür Zeuge: „Ich habe gelernt, in jeder Lebenslage zufrieden zu sein. Ich weiß, was es heißt, sich einschränken zu müssen, und ich weiß, wie es ist, wenn alles im Überfluss zur Verfügung steht. Mit allem bin ich voll und ganz vertraut: satt zu sein und zu hungern, Überfluss zu haben und Entbehrungen zu ertragen. Nichts ist mir unmöglich, weil der, der bei mir ist, mich stark macht.“(Philipper 4, 11 – 13)

      Schwerer aber ist es wohl, das als Volk zu lernen. Weil die Klagestimmen über den Mangel immer mehr Gehör finden als die Stimmen, die zum Vertrauen rufen. Das ist die Herausforderung auf dem Weg: auch in Zeiten des Mangels das Vertrauen zu bewahren: Er ist da, der für uns sorgt, der uns stark macht, dem wir den Mangel unseres Lebens anvertrauen dürfen.

            Ich mache mir klar: ich haben den Mangel nie wirklich kennen gelernt. Ich weiß nicht, was Hunger ist. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn der Körper na h Wasser lechzt. Es ist bis auf den Tag heute immer genug da gewesen, für mich, für die Meinen. Für die Bedürfnisse unseres Lebens. Ich lebe näher an Elim als an Mara. Darum antworte ich auch wie die Jünger:  „Dann fragte Jesus die Jünger: »Als ich euch ohne Geldbeutel, ohne Vorratstasche und ohne Sandalen aussandte, hat euch da etwas gefehlt?« – »Nein, gar nichts«, antworteten sie.“(Lukas 22, 35)  

            Hinter der Geschichte steht wohl ein uraltes Stationen-Verzeichnis.  Mara und später Refidim sind Stationen auf dem Weg durch die Wüste. Betrachtet man diesen kleinen Abschnitt, so zeigt sich: Es geht um die Führungen Gottes. Sie sind nicht immer so eindeutig wunderbar, wie wir es gerne hätten. Sie verlangen manchmal viel ab. Sie scheinen in Sackgassen zu landen, wo das Leben nicht weitergeht. Es singt sich leicht: „Gottes Wege sind immer gut.“(Eckhart zur Nieden, 1970) Das Leben aber lehrt, dass sie uns oft fordern bis an den Rand der Kräfte und manchmal sogar über diesen Rand hinaus. Darum darf man nicht zu leichtfertig von den wunderbaren Führungen Gottes reden, als gäbe es nicht auch diese anderen Erfahrungen. Gleichzeitig aber hält die Erzählung fest: Gott bewährt sich auch auf diesem Weg als der der seinem Volk wohl will, der es heilt.

 

Gott, Du führst uns auf dem Weg unseres Lebens, gute Wege – schwere Wege. Deine Führung lassen uns nicht allezeit leichtfüßig gehen, machen es uns mit dem Glauben nicht so einfach.

Deine Führungen scheinen manchmal zu versanden, in der weglosen Wüste fühlen wir uns allein. Ausgeliefert.

Gib Du, dass wir dann nach Dir schreien, uns fest halten an Dir, der uns hält und heilt. Amen