Ja, ich will singen

  1. Mose 15, 1 – 21

 1 Damals sangen Mose und die Israeliten dies Lied dem HERRN und sprachen:

          Die Exegeten sind sich einig. Hier finden wir das älteste Lied der Heiligen Schrift. Es ist ein Siegeslied, gesungen von Miriam und den Frauen Israels: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt.“ Wer genau hinschaut sieht: es ist wohl ein sich wiederholender Kehrvers, mit dem die Frauen dann das Lied der Männer auslösen und es „auf den Punkt“ bringen.

             Das Männerlied – Mose stimmt es an – steht in unseren Bibelausgaben vorneweg. Aber es dürfte umgekehrt gewesen sein: Die Frauen singen ihren Vers und die Männer streuen die Verse des Moseliedes ein. Manche Exegeten gehen so weit, dass sie sagen: Das Moselied sei aus dem Vers des Miriam-Liedes herausgesponnen.

 Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt. 2 Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben. 3 Der HERR ist der rechte Kriegsmann, HERR ist sein Name.

             Der Pharao hatte gefragt: Wer ist der HERR? Israel gibt die Antwort, gestützt auf die Erfahrung am Schilfmeer. Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt. Er ist mächtig. Er ist tatkräftig. Er ist Israels Heil – und deshalb sein Lobgesang.

            Für unsereinen, aufgewachsen in Friedenszeiten, geprägt von der Wendung „der liebe Gott“, engagiert für den Frieden, bestimmt durch das Selbstverständnis des Pazifisten, ist es eine harte Zumutung: Der HERR ist der rechte Kriegsmann, HERR ist sein Name. Wir haben es eher mit dem Friedensfürsten. Ich jedenfalls. Und stehe deshalb auch ein wenig ratlos für diesem Siegeslied. Wobei ich mir eingestehe: wenn och um Haaresbreite den Panzerketten und Maschinengewehr-Salven entgangen wäre, weil die Flut die Verfolger wegspült – ich würde wohl auch „Großer Gott, wir loben dich“ singen.

 4 Des Pharao Wagen und seine Macht warf er ins Meer, seine auserwählten Streiter versanken im Schilfmeer. 5 Die Tiefe hat sie bedeckt, sie sanken auf den Grund wie die Steine. 6 HERR, deine rechte Hand tut große Wunder; HERR, deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen. 7 Und mit deiner großen Herrlichkeit hast du deine Widersacher gestürzt; denn als du deinen Grimm ausließest, verzehrte er sie wie Stoppeln. 8 Durch dein Schnauben türmten die Wasser sich auf, die Fluten standen wie ein Wall; die Tiefen erstarrten mitten im Meer. 9 Der Feind gedachte: Ich will nachjagen und ergreifen und den Raub austeilen und meinen Mut an ihnen kühlen. Ich will mein Schwert ausziehen, und meine Hand soll sie verderben. 10 Da ließest du deinen Wind blasen, und das Meer bedeckte sie, und sie sanken unter wie Blei im mächtigen Wasser.

           Aber auch wenn dieser Lobgesang an manchen Stellen zeitlos wirkt – er wird immer neu zurück gebunden an die Rettungs-Erfahrung am Schilfmeer. Wobei diese Worte noch einmal sichtbar machen: Zu keiner Zeit hat Israel seine Rettung auf die Geschicklichkeit seiner Führer zurückgeführt, auf die bessere Ortskenntnis, auf glückliche Umstände. Immer gibt es nur einen Akteur, dem sich Israel verdankt: es ist der HERR. Er hat den Wellen Einhalt geboten, er hat den Winden gerufen.

          Was sind dem gegenüber die Pläne der Feinde, so furchteinflößend sie sich auch gebärden mögen. Erst in dieser Gegenüberstellung aber wird spürbar, dass Israel hier nicht nur Vergangenheit besingt, sondern sich im Singen des alten Lobliedes Mut holt für die Situation, in der es jetzt ist.  So ist es auch nicht erstaunlich, dass dieser Liedtext weiter wirkt: „Das Ende der babylonischen Gefangenschaft wird von Jesaja als alleinige Tat Jahwes angesagt. Er allein führt den Durchbruch herbei, die Erlösung aus dem Strafzustand des Exils und aller Sündennot zugleich.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.250)

              Es ist in den Worten des Liedes schon mit angelegt, dass sie nicht nur historische Fakten wiedergeben, sondern Gott als den Retter besingen, der zu allen Zeiten seinem Wesen treu bleiben wird – zu retten, Israel zu erlösen, sein Heiland zu sein.  Das Siegeslied wird erst richtig verstanden, wenn  man es als Hoffnungslied begreift, als Lied, das die Zukunft im Licht der alten Erfahrungen neu sehen lässt.

 11 HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist? 12 Als du deine rechte Hand ausrecktest, verschlang sie die Erde. 13 Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöst hast, und hast sie geführt durch deine Stärke zu deiner heiligen Wohnung.

             Unvergleichlich ist Gott. Kein Gott wie die Götter. Für die Feinde ist er schrecklich. Für Israel ist er die Zuflucht in aller Not, der es in Barmherzigkeit trägt und der es durch seine Stärke an sein Ziel bringt. Nicht nur bringen wird. Die Zukunft wird hier schon vollendet gesehen.  Die Wohnung Gottes – das könnte schon Jerusalem mit dem Tempel sein. Aber „jüdische Ausleger denken bei der Stätte Jahwes zuerst an den Berg Sinai, den Horeb.“ (Hj. Bräumer, aaO; S.254) Dorthin wird ja der Weg des Auszugs führen.

14 Als das die Völker hörten, erbebten sie; Angst kam die Philister an. 15 Da erschraken die Fürsten Edoms, Zittern kam die Gewaltigen Moabs an, alle Bewohner Kanaans wurden feig. 16 Es fiel auf sie Erschrecken und Furcht; vor deinem mächtigen Arm erstarrten sie wie die Steine, bis dein Volk, HERR, hindurchzog, bis das Volk hindurchzog, das du erworben hast. 17 Du brachtest sie hinein und pflanztest sie ein auf dem Berge deines Erbteils, den du, HERR, dir zur Wohnung gemacht hast, zu deinem Heiligtum, Herr, das deine Hand bereitet hat.

             „Im Lobpreis gibt es keine Vergangenheit; dem Dankenden sind alle Wundertaten Gottes gegenwärtig.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.97) Die ganze Existenz Israels – ein Loblied auf Gott. Und so schieben sich in diesem Lobgesang Erfahrungen ineinander – die am Schilfmeer mit anderen Erfahrungen von der Durchhilfe Gottes, viel später. Was hier geschildert wird, gehört in die Zeit der Landgabe, in die Zeit, in der Israel nach Kanaan einwandert. Diese spätere Situationen spielen hier hinein und wirken ein wenig deplatziert.  Die Philister haben mit dem Durchzug durch das Rote Meer nichts zu tun, auch Edom und Moab nicht. Aber es ist der gleiche Gott, der am Schelfmeer und in der Landgabe handelt.

 18 Der HERR wird König sein immer und ewig.

             Das wird wie eine Summe aus allem Bisherigen nun festgestellt. Das ist der Lehrsatz, der sich ganz Israel einprägen soll, wieder und wieder gesungen. Im Singen zur bleibenden Erinnerung und zur tragenden Hoffnung auf gute Zukunft zugleich gemacht. Glaubensätze, davon bin ich überzeugt, gewinnen einen anderen Klang und eine andere existentielle Tiefe, wenn sie nicht nur gedacht, einmal gesagt, sondern gesungen werden. Was wir singen, haftet in unserer Seele.

19 Denn der Pharao zog hinein ins Meer mit Rossen und Wagen und Männern. Und der HERR ließ das Meer wieder über sie kommen. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer.

             Ein letztes Mal, in knappster Form zusammengefasst, was der Grund allen Singens ist. Dass Israel da trockenen Fußes durchgeht, wo das Meer alles überschwemmt. Dass der HERR sie bewahrt hat.

           Dass wir hier ein Lied vor uns haben, darf uns nicht darüber hinwegtäuschen. Der Gott des Lebens zeigt sich hier als Gott, der Tote in Kauf nimmt. Der Gott des Lebens rettet sein Volk auf Kosten der Ägypter. Das taucht ja immer wieder einmal in biblischen Texten so auf. In einem der schönsten Texte des Jesaja-Buches, den wir als Christen gerne auch bei Taufen zitieren, heißt es: „Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.“ (Jesaja 43, 3 – 4) So sehr ist Gott Partei für Israel, dass er den anderen wie ein Totengott entgegen tritt.

20 Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.

             Mirjam führt die Frauen im Reigengesang an. Wer ist Mirjam? Sie hat prominente Verwandtschaft: Mose und Aaron sind ihre Brüder. Sie ist nicht konfliktscheu. Sie beansprucht wie Mose, dass sie Sprachrohr Gottes sein kann: „Redet denn der HERR allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?“ ( 4. Mose 12, 2)  Und es ist in der Glaubensgeschichte Israels keine Frage: Miriam ist eine „Führerin Israels!“( Micha 6,4)

21 Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.

               Hier, am Schilfmeer ist sie Vorsängerin und Prophetin. Dass sie Prophetin ist, gibt ihren Worten Gewicht. Es ist nicht einfach nur ein Lied, das gesungen wird. Es ist die Botschaft einer Prophetin. Mirjam deutet das Geschehen in der Kraft des Geistes, aus der Wirklichkeit Gottes heraus. Was da geschehen ist, ist Gottes Tat. Mag sein, der Wind stand günstig. Mag sein, sie kannten die Furt. Mag sein, die Israeliten waren für einen Durchzug mit leichtem Gepäck besser „präpariert“ als die schwer bewaffneten Truppen des Pharao.  Das Entscheidende ist das alles nicht, was da gedanklich ausgegraben und angeführt werden könnte. Das entscheidende Ereignis benennen die Worte der Mirjam: „Gott der Herr hat eine herrliche Tat getan.“

           Das sagt die Prophetin Mirjam – bleibend bis auf diesen Tag: Die Freiheit Israels ist Tat Gottes. Die Rettung Israels ist Tat Gottes. Es gibt Israel nur aus diesem einen Grund: Weil Gott es vor dem Untergang bewahrt hat. Das ist das große Glaubenszeugnis dieses Liedes.

            Eine mir und hoffentlich auch meinen Leserinnen und Lesers anstößige Erinnerung kann ich uns nicht ersparen. Als am 9. September 2001 die Flugzeuge in das World Trade Center flogen und mehrere tausend Menschen den Tod in den Flammen und den Trümmern fanden, da gab es Freudentänze in der arabischen Welt. Das ist eine unselige Tradition, die sich nicht auf das Miriam-Lied beruft und auch nicht berufen darf, die aber nach dem gleichen Schema tickt: Die böse Freude über das Unheil, das die Weltmacht getroffen hat.

            Mirjam, Mose und das Volk freuen sich mit einer Freude, die nicht die Opfer sieht, sondern nur die eigene Bewahrung, nur die eigene Rettung. Wir haben kein Recht, Mirjam zu schelten. Aber wenn wir das Mirjam-Lied feiern, heute, dann müssen wir uns dem stellen, dass es Opfer gegeben hat.

 

Ja ich will singen von den Taten des Herrn und seinen Ruhm verkündigen. Ich will singen, dass er rettet, erlöst, aus den Toten ruft.

Ich will singen, dass bei ihm das Leben ist, dass er heilt und zurechtbringt, aufrichtet und  ermutigt.

Ich will nicht davon singen, dass seine Siege Opfer fordern, dass er sich um die Toten auf der falschen Seite nicht schert.

Ich will von seiner Trauer singen, wenn ihm einer verloren geht, von seinem Schmerz, wenn eine seinen Weg verfehlt.

Ich will singen von der Güte des Herrn, die am Ende den Tod zerbricht und das Totenreich leer stehen lässt. Amen