Rettung und Untergang

  1. Mose 14, 15 – 31

15 Und der HERR sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen.

             Der HERR hört, auch jetzt, hört das Geschrei, die Todesangst. Er ist nicht taub, der HERR im Himmel. Es ist deutlich in der Frage ein Tadel – so wie später in der Frage Jesu an seine Jünger, auch da in einer Weltuntergangs-Situation am Meer, ein Tadel steckt: „Habt ihr noch keinen Glauben?“(Markus 4,40) Aber damit ist Tadel genug. Es folgt der Auftrag, absurd in dieser Lage: sie sollen weiterziehen. Wohin denn?

 16 Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, sodass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen.

            Der Auftrag an Mose geht weiter – auch er irgendwie wie aus einer anderen Wirklichkeit. Hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch Es ist der Stab, den Mose seit seiner Berufung bei sich trägt. Hirtenstab, Schutzstab. Und jetzt der Stab, um das Meer zu teilen. Was für eine Herausforderung steckt in dieser Aufforderung an Mose! Wird er das tun – den Stab erheben? Wird er das tun, das Meer teilen? Das kann doch keiner, auch nicht der Gottesmann Mose.

 17 Siehe, ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie hinter euch herziehen, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, an seinen Wagen und Männern. 18 Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der HERR bin, wenn ich meine Herrlichkeit erweise an dem Pharao und an seinen Wagen und Männern.

         Was folgt, ist eine Einweihung in den Plan Gottes. Er wird die Ägypter bestärke in ihrem Jagdinstinkt, in ihrem Plan, diese Sklavenbande einzufangen oder zu vernichten. Es ist ein Bestärken, das verblendet. Blind macht für die Gefahr, in die sie sich begeben.

19 Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie 20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.

             Zwischen die Ägypter und die Israeliten tritt nun der Engel Gottes, tritt die Wolkensäule  und wird so vollends zum Schutz. „Dieser „Engel Gottes“ vertritt die Gegenwart gottrs selbst; er ist ein in menschlicher Gestalt gedachter Abgesandter Gottes, der vor allem das den Menschen sich zuwendende, helfende Handeln Gottes vermittelt.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.91)

             Ist es den Schreibern der alten Texte nicht aufgefallen? Sie sagen einmal Engel Gottes und einmal Wolkensäule. Himmlische Erscheinung und irdisches Phänomen. Das greift ineinander, schiebt sich ineinander und macht es so unmöglich, alles auf einen Nenner zu bringen. Hier geschieht, was die normale Wahrnehmung übersteigt.

         Das findet auch seine Fortsetzung darin, dass die Wolke zweifach wirkt: zu den Israeliten hin verbreitet sie Helligkeit, für die Ägypter bewirkt sie undurchdringliche Nacht. So verhindert sie ihr vorwärtskommen und angreifen. „Was dem Gottesvolk „leuchtet“, ist für die Verfolger dunkel.“(I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S. 92) Wo der Glaube Gott am Werk „sieht“, sieht der Unglaube nur nichts, undurchdringliches Rätselwerk.

21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken und die Wasser teilten sich. 22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

             Wann ist das? Zwischen Tag und Traum? Im Halbdunkel der Dämmerung? Es hängt nichts an der Uhrzeit, am genauen Datum. Es hängt alles daran, dass Mose tut, wie er geheißen worden ist. Er reckt die Hand aus über das Meer. Mehr nicht. Es ist nicht Mose, der das Meer teilt! Es ist der HERR, der den starken Ostwind sendet. So wie es ganz ohne wundersame Begleitumstände auch in der so schönen Prophetenerzählung heißt: „Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen.“(Jona 4,8)

            Der Ostwind trocknet das Meer. Teilt die Wasser. Und gibt so den Weg frei. Es ist fast amüsant, Erklärungsversuche zu lesen: „In Ostwestrichtung hat sich also quer durch die Meerenge eine natürliche, jedoch bei normalem Wasserstand nicht sichtbare Furt befunden, die nach der Trockenlegung für Fußgänger passierbar war…. Das Gelände war sicher von tieferen Stellen, in denen noch Wasser oder zumindest Morast stand, durchsetzt….. Das nach Norden und Süden abgetriebene Wasser wurde so zur Schutzmauer für Israel, nicht, weil es mauerartig aufgetürmt gewesen wäre, sondern weil es durch sein bloßes Vorhandensein eine Umgehung der Durchzugsroute unmöglich machte, die Fliehenden also wie eine Mauer schützte.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S 90) Das kommt dabei heraus, wenn man das Unerklärliche zu erklären versucht. Die Erklärungsversuche sind Legion. Jeder für sich sehr ernsthaft – und doch zugleich irgendwie wunderlich. Es müsste einen eigentlich warnen, dass der alte Text offenkundig überhaupt kein Interesse daran hat, hier irgendetwas vernünftig zu erklären. Er ist Bekenntnis und keine Reportage!    

 23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Männer, mitten ins Meer. 24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer 25 und hemmte die Räder ihrer Wagen und machte, dass sie nur schwer vorwärts kamen. Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.

            Die Ägypter, landeskundige Leute, die die Tücken der Furt doch auch kennen dürften, lassen sich nicht aufhalten. Sie folgen den Israeliten nach, mitten ins Meer. Und werden – jetzt erfahren wir die Zeit des Geschehens – zur Zeit der Morgenwache jäh gestoppt. Weil ein Gottesschrecken sie übermannt. Weil  der HERR aus der Feuersäule und der Wolke auf das Heer der Ägypter schaute. Sie sehen plötzlich, mit wem sie es zu tun haben. Nicht mit einem wenn auch großen Haufen verängstigter Flüchtlinge, sondern mit dem HERRN – und er streitet für sie. Die verachteten Hebräer.

            Es ist keine militärische Aktion, die die Elitetruppe des Pharao stoppt. Es ist auch nicht die überlegene Ortskenntnis, die sich jetzt auszahlt. Gotteschrecken. Die Gegenwart Gottes führt eben nicht wie von selbst immer und jedermann zur Klarheit und zur Wahrheit, sie kann auch Halt gebieten, verwirren, Entsetzen auslösen.

26 Aber der HERR sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Männer. 27 Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer. 28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Männer, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb.

            Das Wasser kommt zurück. Die Mauer, die es zurück gehalten hatte, löst sich auf. Und die Ägypter, jetzt vollends verwirrt fliehen dem Wasser entgegen und kommen darin um. „Ein panischer Schrecken der Ägypter führt zu Verwirrung Flucht“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.53 )– in den Tod.

            Spätestens hier, wenn diese Wirkung des Gottesschreckens erzählt wird, muss es einem aufgehen: wir haben keine Kriegsreportage vor uns.  Keine Erzählung, die rational aufgeschlüsselt werden will. Sondern hier wird „Wunder“ erzählt, Geschehen, das sich nicht mit den normalen Maßstäben darstellen lässt. Das aber dazu herausfordert, damit zu „rechnen“, dass Gott auch heute noch „eingreift“, retten kann in aussichtloser Lage, bewahren vor feindlicher Übermacht und dem drohenden Tod.

            Sind die Ägypter Opfer eines gewalttätigen Gottes? Oder werden sie nicht Opfer ihrer  eigenen Gewalttätigkeit, ihres Machtwillens? „Der Tod der Ägypter war von ihnen selbst -wie bei jedem Waffensystem – eingeplant, wenn sie auch natürlich hofften, nicht den eigenen, sondern den Tod der Gegner vorprogrammiert zu haben. Dafür sprach zwar alle Wahrscheinlichkeit, aber ein Todesprogramm war es in jedem Fall. Gott hat die Ägypter nicht irregeführt, sondern ihnen ihr Programm gelassen.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.93)Es kennzeichnet die Gerichte Gottes, dass sie den Menschen die Folgen seines eigenen Tuns und Planens zu erleiden nötigen.     

 29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.

            Es geht nicht idyllisch, aber doch beinahe beschaulich zu Ende. Israel geht trocken durch das Meer. Geschützt durch und vor dem Wasser zur Rechten und zur Linken. Da ist nichts mehr von Gefahr zu sehen. Nur noch die Leichen am Ufer des Meeres. Einmal mehr wird die Erklärungslust auf harte Proben gestellt: sind die Ägypter denn auf der anderen Seite der Furt angespült worden? Oder ist Israel bei seinem Weg durch die Furt auf die Ausgangsseite zurück gekehrt? Fragen über Fragen. Müßig, auf Antwort zu warten.

31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

            Was bleibt und was allein zählt: So errettete der HERR an jenem Tage Israel. Und alles, was im Text zu lesen ist, ist das Zeugnis Israels über diese gewaltige Tat Gottes, seine mächtige Hand. Weil sie das sehen, fürchten sie den HERRN. Aber auch glauben sie ihm. Es ist die Gottesfurcht, die Gottes Macht spürt und ahnt, dass sie dem Leben dienen will, aber auch Tod bringen kann. „Israel hat gemerkt, was Gott tut und überlässt sich ganz Gottes Hand.“ (E. Kellenberger, aaO.; S.54) Wenigstens jetzt, für diesen Tag am Schilfmeer.

            Es ist der Tag der Rettung, ohne den es kein Israel gäbe. Das macht ihn zu einem besonderen Tag, auch wenn er nicht als Gedenktag fest terminiert werden kann.

           Wie geht man mit solchen Gedenktagen um? Mit den möglichen Siegesfeiern?  Die Engel baten, das Loblied sprechen zu dürfen vor dem Heiligen, gepriesen sei Er, in dieser Nacht, in der Israel durch das Meer zog. Er erlaubte es ihnen nicht, sondern sagte zu Ihnen: Meine Legionen sind in Bedrängnis. Das Werk meiner Hände versinkt im Meer und ihr wollt ein Loblied singen.“(nach Rabbi Jochanan)

             Ein letztes: Radikale Kritik weist gerne darauf hin, dass diese ägyptische Katastrophe in keiner Chronik Ägyptens Erwähnung findet und schließt daraus: Es hat dieses Ereignis am Schilfmeer gar nicht gegeben. Es ist eine schön erfundene Erzählung. Ohne jeden historischen Anhaltspunkt. „Dass bis heute kein ägyptisches Zeugnis von diesem für Israel so wichtigen Ereignis gefunden worden ist, ist wohl kein Zufall. Ebenso wenig Notiz nahm die Weltpolitik von der Kreuzigung Jesu. Doch hinterher zeigt sich, dass von solchen zunächst übersehenen Ereignissen auch weltgeschichtlich Entscheidenderes ausgegangen ist. dies sollte uns auch bei unserer Wertung heutiger Ereignisse vorsichtiger (und getroster!) machen.“ (E. Kellenberger, aaO.; S.54f.)

 

Heiliger barmherziger Gott, so nahe liegt das beieinander, wunderbare Rettung der einen, Tod und Schmerz der anderen.

So nahe liegt es beieinander, Untergang in der eigensinnigen Wut, Rettung durch den Weg, den Du weist.

Ich glaube daran, dass Du keinen Gefallen hast am Tod, auch nicht am selbstverschuldeten Tod der Militärstrategen, dass auf sie ihren Hass und ihr Jagdfieber zurückfallen.

Du willst, dass wir leben, auch die Gewalttäter, und zurück auf Deinen Weg finden. Amen