Hoffnung, wo nichts mehr zu hoffen ist

  1. Mose 14, 1 – 14

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Rede zu den Israeliten und sprich, dass sie umkehren und sich lagern bei Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer, vor Baal-Zefon; diesem gegenüber sollt ihr euch lagern.

             Gott weist dem Volk einen Lagerplatz an. Wir wissen heute nicht mehr, wo diese Orte  Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer, vor Baal-Zefon zu suchen sind. Es ist kein direkter Weg, sondern eher ein Hin und Her, den Gott mit den Israeliten geht. Vor und zurück, ein Umkehren. Ein Plan wird hinter diesem Weg nicht erkennbar.

 3 Der Pharao aber wird sagen von den Israeliten: Sie haben sich verirrt im Lande; die Wüste hat sie eingeschlossen. 4 Und ich will sein Herz verstocken, dass er ihnen nachjage, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der HERR bin. – Und sie taten so.

             Das macht das Urteil des Pharao erklärlich: Sie haben sich verirrt im Lande; die Wüste hat sie eingeschlossen. „Dieser sonderbare Zickzackweg musste auf die Ägypter den Eindruck einer verzweifelten und hoffnungslosen Flucht und eines Stolperns angesichts der Wüste machen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.231) Gottes Aufmerksamkeit gilt nicht nur dem Volk. Sie gilt auch den Ägyptern. Dem Pharao. Es ist, als könnte Gott Gedanken nicht nur lesen, sondern vorausschauen, erahnen. Eine Fähigkeit, die der Psalm besingt – staunend, auch ein wenig ängstlich und dankbar zugleich.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                     du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                              Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.                              Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                       das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                    Psalm 139, 2 -4

             Was immer der Pharao an Gedanken hat, an Plänen schmiedet, sie sind Gott nicht verborgen. Es ist ein Teil des Schutzes für Israel, dass Gott weitblickender ist als wir Menschen es glauben. Der Pharao ist – so gesehen – nichts als eine Figur in der Hand des großen Schachspielers.

 5 Als es dem König von Ägypten angesagt wurde, dass das Volk geflohen war, wurde sein Herz verwandelt und das Herz seiner Großen gegen das Volk und sie sprachen: Warum haben wir das getan und haben Israel ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?

             Es kommt, wie es Gott vorausgesehen hat. Der Pharao hat seinen Schmerz bewältigt, sein Herz wird wieder fest – und er will sich das nicht gefallen lassen, dass er seine Fronarbeiter verliert. „Es wurde ihnen bewusst, dass Goschen entvölkert, die Felder, auf denen die Ziegel getrocknet wurden, verlassen und die monumentalen Bauvorhaben gestoppt waren.“(Hj. Bräumer, aaO.; S.233)  So zynisch verwandelt sich das Herz: Es wird neue Kinder geben – aber wenn die Israeliten weg sind, fehlt die Basis für das wirtschaftliche Wohlergehen. Man kann diese Hebräer nicht laufen lassen.

 6 Und er spannte seinen Wagen an und nahm sein Volk mit sich 7 und nahm sechshundert auserlesene Wagen und was sonst an Wagen in Ägypten war mit Kämpfern auf jedem Wagen. 8 Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren unter der Macht einer starken Hand ausgezogen. 9 Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern und mit dem ganzen Heer des Pharao und holten sie ein, als sie sich gelagert hatten am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon.

             Eine Verfolgungsjagd wird gestartet. Sechshundert Streitwagen mit Elitetruppen. Der Pharao und seine Truppen machen sich auf dem Weg. Es kann einfach nicht sein, dass die Israeliten gehen können. Der Lagerplatz Israels ist rasch erkundet und sie holen sie ein. Jetzt wird sich zeigen müssen, wer der Stärkere ist. Was es mit der Stärke des HERRN auf sich hat.

            Mitten in dem militärischen Planspiel steht der Satz, der an dieser Stelle wie Fremdkörper wirkt: Aber die Israeliten waren unter der Macht einer starken Hand ausgezogen.  Er ist seltsam zurückhaltend formuliert – nichts von Gott, nichts vom HERR.  Unter der Macht einer starken Hand. Es wirkt fast, als würde Gott in der Anonymität verschwinden.

10 Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her.

              Der Pharao mag sich bestätigt fühlen:  Sie haben sich verirrt im Lande. Jetzt sind sie geliefert, ihm ausgeliefert – das Meer vor Augen und die Streitmacht Pharaos im Rücken.   Sie sitzen in der Falle. Jetzt gibt es nur noch Ergeben, betteln um Gnade, Betteln darum, wieder in Ägypten dienen zu dürfen.

Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN 11 und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? 12 Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.

             Ob Pharao Gedanken lesen kann? Ob Gott Gedanken liest, hier die Gedanken des Volkes? Es ist vor aller Augen: das ist das Ende. „Die Wagenmacht Ägyptens hat damals nicht weniger schrecklich gewirkt als heute die Atomwaffen. Und die Israeliten waren keine Guerillas, die dank ihrer Waffentechnik mit Panzern fertig werden konnten. Sie waren nach ihrem eigenen Selbstverständnis und erst recht in den Augen der Fronherren nur entlaufene Sklaven, auf einer kopflosen Flucht in eine weglose Wüste.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S. 92)  

              So schreien sie Mose entgegen: Du bist unser Unglück. Du hast uns das bisschen Leben gestohlen, das wir hatten. Wir haben es schon immer gewusst, es kann nicht gut gehen mit dir und deinem Gott. So schreien sie Mose an, klagen ihn an und meinen doch Gott. Den HERRN, der in der Feuersäule und Wolkensäule ihr Schutz ist. Der sie führt und leitet. Hier, am Ufer fühlen sie sich ganz und gar gottverlassen. Ausweglos ausgeliefert. Sie haben ihr Ende vor Augen. Jetzt hilft nicht einmal mehr beten.

 13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. 14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

             Was sieht Mose, dass er nicht einstimmt in das Geschrei, in das Wehklagen? Fürchtet euch nicht! Es sind Worte „wie von einem anderen Stern“`! Wie sie gesagt werden als „Ankündigung des mächtigen Eingreifens Jahwes zugunsten seines Volkes“. (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.89) Es sind aber zugleich ärgerliche Worte – nehmen sie doch den Israeliten allen Spielraum zum eigenen Handeln. Steht fest! Seht zu. Ihr werdet stille sein. Da ist für Israel nichts mehr zu machen. Nicht einmal mehr verzweifelte Flucht in das Meer. Liebe ertrinken als so abgeschlachtet zu werden.

            Ich lese das und ahne: Mose weiß nicht, woher ihm diese Worte kommen. Er weiß auch nicht, was er damit sagt. Es sind Worte, die ihm zufliegen, zuwachsen, über das eigene Verstehen und Begreifen hinaus. Mir ist das wichtig: Hier geht es nicht darum, dass Mose hellsichtig und glaubensstark schon weiß, was kommen wird, dass er das feste Herz voller Vertrauen hat, das auch in tiefster Not nicht verzagt. Ein Glaubensheld Mose, der unberührt von dieser „Terrorvision“  einfach festhält an Gott, hilft mir nicht. Was mir hilft ist, dass er in dieser Situation zurückgreift auf bewährte Worte, dass er in heilloser Lage die Tür immer noch einen Spalt weit offen sieht für ein Heil, das der HERR heute an euch tun wird. Durch diesen Türspalt fällt Licht in das Dunkel der Angst, auch der Angst des Mose.

Mein Gott, Worte über alles Begreifen hinaus, standhalten entgegen aller Wirklichkeit, den Hoffnungsschimmer sehen, wo keine Hoffnung mehr ist.

So höre ich die Worte des Mose und weiß, wie weit sie von meinem Denken und Fühlen fern sind. Sie kommen mir vor wie Worte aus einer andere Welt, aus einer Wirklichkeit, an die ich glaube, die mir aber dennoch oft verschlossen ist.

Mein Gott, sei Du mir der Boden unter den Füßen, wenn alles ins Wanken gerät, der Silberstreif am Horizont, wo nichts mehr zu sehen ist, was hoffen lässt.

Sei Du da, auch in den Nächten des Verzagens, wenn der Glaube verstummt. Amen