Tage des Grauens

  1. Mose 12, 21 – 33.51

21 Und Mose berief alle Ältesten Israels und sprach zu ihnen: Lest Schafe aus und nehmt sie für euch nach euren Geschlechtern und schlachtet das Passa. 22 Und nehmt ein Büschel Ysop und taucht es in das Blut in dem Becken und bestreicht damit die Oberschwelle und die beiden Pfosten. Und kein Mensch gehe zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen. 23 Denn der HERR wird umhergehen und die Ägypter schlagen. Wenn er aber das Blut sehen wird an der Oberschwelle und an den beiden Pfosten, wird er an der Tür vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, um euch zu schlagen.

        Genug der Anweisungen – jetzt setzt die Erzählung wieder ein. Mose nimmt die Ältesten mit hinein in die Verantwortung. Sie suchen die Tiere aus, sie schlachten sie und sie bestreichen die Türpfosten und Oberschwellen mit dem Blut der geschlachteten Tiere. Sie sind weit mehr als Handlanger des Mose. Sie geben auch das strenge Gebot weiter: Keiner verlässt in dieser Nacht das Haus.

           Noch einmal wird die Begründung für das Blut an den Haustüren geliefert. Denn der HERR wird umhergehen und die Ägypter schlagen. Ist zunächst vom Schlagen des HERRN die Rede, so später vom „Verderber“ (hebräisch: mằsit). Scheut sich der Erzähler, Jahwe für dieses Blutbad direkt verantwortlich zu nennen? Und doch ist es außer Zweifel: „Alle Macht gehört Gott allein, und nur das Verderben, dem er es „zugibt“, kann zuschlagen.“  (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.78)  Es geht nicht darum, Gott von dieser Blut-Tat freizusprechen, wohl aber darum, einer Vorstellung zu wehren, dass Gott selbst durch die Straßen schleicht und zuschlägt.

 24 Darum so halte diese Ordnung für dich und deine Nachkommen ewiglich. 25 Und wenn ihr in das Land kommt, das euch der HERR geben wird, wie er gesagt hat, so haltet diesen Brauch. 26 Und wenn eure Kinder zu euch sagen werden: Was habt ihr da für einen Brauch?, 27 sollt ihr sagen: Es ist das Passaopfer des HERRN, der an den Israeliten vorüberging in Ägypten, als er die Ägypter schlug und unsere Häuser errettete.

             Noch einmal wird die Situation geöffnet – durch den Blick in die weite Zukunft. Was jetzt in dieser Nacht geschieht, solle eine Ordnung sein für immer, für ganz Israel. Hier ist es Mose, der das anordnet. So soll es gehalten werden auch in dem Land, das euch der HERR geben wird. Die Formulierung lässt schon anklingen: es wird nicht Mose sein, der das Volk in das Land führt, der ihm dieses Land gibt.  Aber dort, in diesem Land wird die Nacht des Passa alljährlich nachgespielt werden – in der Frage der Kinder und im Bekenntnis der Älteren, der Ältesten.

            Der HERR ging an den Israeliten vorüber. Das wird in dieser Nacht geschehen. Grundlos. „Passa als Verschonung. Gott „überspringt“ die Häuser seines Volkes, wenn er mit seinem Gericht durch die Straßen zieht. Nicht etwa die Würdigkeit, nicht etwa die Reinheit Israels führt zu dem Verdienst der Rettung, sondern nur Gottes Wahl.“ (O.-A.Scriba, Aufbruch in Gottes Zukunft, Zur 32. Bibelwoche 1969/70, Berlin 1969, S. 36)

Da neigte sich das Volk und betete an. 28 Und die Israeliten gingen hin und taten, wie der HERR es Mose und Aaron geboten hatte.

            Was bleibt ist Anbetung.  Und tun, wie es der HERR geboten hatte. Der Satz hält noch einmal fest: Stifter des Passa sin nicht Mose und Aaron, auch wenn sie die Ordnungen und Anweisungen an die Ältesten weitergeben. Stifter ist der HERR selbst. Eine Ordnung für immer. „In der jüdischen Passa-Anweisung (Pes. X, 5) steht der Satz: In jeder Generation ist man verpflichtet, sich so anzusehen, als ob man selbst aus Ägypten ausgezogen wäre.“ (O.-A.Scriba, ebda.)Der Gehorsam gegen diese Wort hält an. Bis heute.

 29 Und zur Mitternacht schlug der HERR alle Erstgeburt in Ägyptenland vom ersten Sohn des Pharao an, der auf seinem Thron saß, bis zum ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis und alle Erstgeburt des Viehs. 30 Da stand der Pharao auf in derselben Nacht und alle seine Großen und alle Ägypter, und es ward ein großes Geschrei in Ägypten; denn es war kein Haus, in dem nicht ein Toter war.

             Um Mitternacht beginnt das große Sterben. Der Anfang des neuen Tages ist der Anfang der Schmerzen. Konnte Pharao sich bis dahin noch abkuppeln vom Leid der Plagen – jetzt trifft es ihn wie den letzten Ägypter, wie den Häftling im Gefängnis. Alle Erstgeburt ohne Ausnahme stirbt. Auch alle Erstgeburt des Viehs. Es gibt kein oben und unten mehr, es gibt nur noch die Gemeinschaft des Schmerzes. „Ohne Schadenfreude und mit Anteilnahme werden die Schrecken der Ägypter berichtet.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.46) Aber es kann kein Zweifel sein: Der Angriff es Pharao auf die gerade erst geborenen Söhne der Israeliten (1,16), auf Israel als den Erstgeborenen Gottes fällt jetzt auf ihn und sein Volk zurück.

31 Und er ließ Mose und Aaron rufen in der Nacht und sprach: Macht euch auf und zieht weg aus meinem Volk, ihr und die Israeliten. Geht hin und dient dem HERRN, wie ihr gesagt habt. 32 Nehmt auch mit euch eure Schafe und Rinder, wie ihr gesagt habt. Geht hin und bittet auch um Segen für mich.

             Was bleibt dem Pharao? Mitten in der Nacht lässt er Mose und Aaron rufen und bettelt geradezu um ihren Aufbruch, darum, dass Israel wegzieht, dass sie dem HERRN dienen. Es mutet fremdartig an. Der gleiche Pharao, der gesagt hat: Wer ist der HERR, dass ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse?(5,2) der bittet jetzt um beschleunigten Aufbruch. Er bietet an, alles mitzunehmen, eure Schafe und Rinder. Und – das setzt dem Ganzen die Krone auf: bittet auch um Segen für mich.

             Es ist ein weiter Bogen, der hier gespannt wird: „Mit einem Segen für den Pharao begann die Geschichte der Ansiedlung der Israeliten im Land Goschen. Jakob segnete den Pharao (1. Mose 47,7.10) Am Ende des Aufenthaltes der Israeliten in Ägypten steht die Bitte des Pharao um einen Segen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.194) Es sind die verachteten Hebräer, die für den Pharao gut sprechen sollen, ein gutes Wort einlegen, benedicere. Segen erwirken.

 33 Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Wir sind alle des Todes.  

            Es kann den Ägyptern, dem Volk, jetzt, nach diesem furchtbaren Schmerz, gar nicht schnell genug gehen, die Israeliten los zu werden. Fürchten sie doch, dass eine Verzögerung des Aufbruchs zu neuen Strafen und neuem Tod führen kann. Wenn der Tod einmal so auf dem Plan ist und seine harte Herrschaft übt ….

51 An eben diesem Tage führte der HERR die Israeliten aus Ägyptenland, Schar um Schar.

             Es ist der HERR, der Israel aus Ägyptenland führt. Es ist seine Tat. In den übersprungen Versen erfahren wir: „Und es zog auch mit ihnen viel fremdes Volk, dazu Schafe und Rinder, sehr viel Vieh.“(12,38) Ein großer Aufbruch  – 600.000 Mann zu Fuß ohne die Frauen und Kinder  – und doch Schar um Schar.

            Eine Anregung zum eigenen Nachdenken: „Ein Kind, dem die Begebenheiten on Ex 12 erzählt wurden, fragte: „Was wäre passiert, wenn die Ägypter auch das Passa geschlachtet und das Blut an ihre Türen gestrichen hätten? Waren sie verschont worden?“ – Die Frage ist verblüffend. Vielleicht darf sie in das Licht von V. 38 gestellt werden. Ist dort von dem Gemisch, fas mitzog, also von nichtisraelitischen Auszugsgefährten die Rede, so will der Text offenbar die Möglichkeit offenlassen, dass jeder die Israel gegebenen Anweisungen mit befolgen und sich so retten durfte.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.81)Wenn man so will: Gute Nachricht für Trittbrettfahrer.

Heiliger barmherziger Gott, es gibt Nachrichten, die lassen das Blut erstarren, lähmen den Mut zum Leben. Da ist es kein Trostl, dass es die anderen getroffen hat, wir verschont geblieben sind.

Wenn das Sterben um sich greift, trifft wen es trifft, ohne Unterschied wegrafft, dann wird uns Dein Bild dunkel

Wir klagen mit den Opfern. Wir klagen mit Dir um die Opfer jener Nacht, aller Nächte und Tage, in denen Menschen Opfer geworden sind auf dem Altar der Staatsinteressen, der Wirtschaftsinteressen, der harten Herzen.

Ich bitte Dich um Dein Erbarmen, Dein Verschonen, in den Tagen und Nächten des Grauens. Amen