Passa

  1. Mose 12, 1 – 20

 1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.

             Eine neue Zeit bricht an. Sie bricht an, indem sie angesagt wird – nicht von Mose und Aaron, sondern vom HERRN. Die neuen Zeiten, die wir Menschen ansagen, halten meistens nicht, was sie versprechen. Das Neue, das jetzt mit Israel geschehen soll, wird aber alles verändern. Angefangen bei der Zeitrechnung.

            Für uns ist der Kalender eher nebensächlich. Hier aber wird er zum Symbol: alles was folgen wird an Zeitrechnung, soll von dem her, was jetzt geschieht, gezählt werden. Dieser Monat jetzt soll zum ersten Monat werden, dieses Jahr zum Jahr des neuen Anfangs. Die Zeit der Knechtschaft geht zu Ende.

        Merkwürdig genug wird der Auszugserzählung die Einsetzung des Passafestes in aller Ausführlichkeit vorangestellt. Auch das ein Hinweis: Alles wird anders. „Darum ist Passa das Grundfest Israels, darum ist der Frühlingsmonat Nissan, in dessen Mitte es gefeiert wird, der „erste Monat, das Monatshaupt“, obwohl das jüdische Neujahr nach dem alten Kalender in den Herbst fällt.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S76.)  

3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.

            Es sind detaillierte Anweisungen, die nicht wirklich in die Unruhe der Nacht vor dem Aufbruch passen wollen. Es wird wohl so sein: die Anweisungen und die Art und Weise, wie später im Land der Verheißung das Passa gefeiert wird, werden zurück datiert auf den Anfang. Was in diesen Anweisungen hier nebenbei sichtbar wird: „Das erste Passa ist das Fest einer Hausgemeinschaft“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.180), offen aber in die Nachbarschaft hinein. Die Hausgemeinschaft ist nicht exklusiv.  Erst in viel späterer Zeit wird die Feier des Passa in Jerusalem zentralisiert. (5. Mose 16,5-8) 

5 Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen 6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.

             Das Beste ist für die Feier des Passa gerade gut genug. Darum ein Lamm, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier. Darum die absondernde Aufbewahrung des Tieres, bis es so weit ist. Dass es kein reines Familienfest ist, sondern ein Fest der Volksgemeinschaft wird sichtbar am gemeinsamen Schlacht-Termin. Die Familien schlachten nicht je nach eigener Zeiteinteilung, sondern die ganze Gemeinde Israel schlachtet gegen Abend.

 Das Fest der Hausgemeinschaft ist eingebunden ist das Fest der Gesamtgemeinde. Es ist der gemeinsame Ritus, der ganz Israel verbindet.

 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa.

             Mit dem Blut des Lammes wird das Haus markiert.  „Zu allen Zeiten dienen Zeichen oder Inschriften an den Türpfosten und an der Oberschwelle dazu, die Personen zu kennzeichnen, die in diesem Haus wohnen.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.182) Wozu diese Kennzeichnung notwendig ist, wird zunächst noch nicht erklärt.

            Stattdessen folgen Vorschriften über die Art, wie das Lamm zu bereiten und zu essen ist. „In großer Treue werden die alten Nomadenbräuche festgehalten: das am Feuer gebratene (nicht gekochte) Fleisch, der nach Beduinenweise rasch hergestellte ungesäuerte Brotfladen mit den bitten Kräutern der Steppe.“(E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.45) Vielleicht stimmt die Vermutung, dass es eine Vorgeschichte für das Passa gibt – in uralten Gewohnheiten wandernder Kleinviehnomaden. Sie waren ja auf ihren Wanderungen ständig in Gefahr und brauchten Schutz – vor Feinden, vor Irrwegen, vor Raubtieren, vor versiegten Wasserstellen.

             Der Einwand gegen diese Herleitung aus uralter Opferhandlung ist aber auch deutlich. Das Passa ist kein Opfermahl. Es soll keine Gottheit durch dieses Passa irgendwie freundlich gestimmt werden, Sondern es ist ein Mahl im Aufbruch. Stärkung für einen langen Weg. Kein geruhsames Festmahl, das gemächlich genossen wird. Sondern ein Mahl „in ängstlicher Eile.“ (E. Kellenberger, ebda.)

 12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. 13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.

             Durch diese Worte erst erklärt sich, wozu die Blutzeichen an den Haustüren dienen. Sie werden zum Signal für die Verschonung. Wessen Haus durch das Blut des Lammes gekennzeichnet ist, der wird verschont werden. Was hier von Israel in der Nacht des ersten Passa erzählt wird, hat seine Langzeitwirkung im Glauben der Christen: Das Blut des Lammes bewahrt, rettet vor dem Verderben. (Offenbarung 7,14;12,11) Die so gezeichnet sind, werden ausgespart – das Unheil geht vorüber.

14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. 15 Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Schon am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern tun. Wer gesäuertes Brot isst, vom ersten Tag an bis zum siebenten, der soll ausgerottet werden aus Israel. 16 Am ersten Tag soll heilige Versammlung sein und am siebenten soll auch heilige Versammlung sein. Keine Arbeit sollt ihr dann tun; nur was jeder zur Speise braucht, das allein dürft ihr euch zubereiten.

             Wieder wird die Situation der Erzählzeit gesprengt. Diese Anweisungen passen ins Land, aber nicht in die Nacht des Aufbruchs. „Die Vorschriften für das in allen Generationen zu feiernde Passafest gelten erst für die Zeit nach dem Auszug aus Ägyptenland.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S. 186)Aber sie erinnern eben daran: was da im Land gefeiert wird, das hat seinen Ursprung in bedrängter, angstbesetzter Zeit. Um dieses Fest richtig feiern zu können, ist es wichtig, sich des Ursprungs immer neu zu erinnern.

            Was aus einem Fest wird, dessen Ursprungsgeschichte nicht erzählt wird, nicht in der häuslichen Feier auch als Erinnerung in der Mitte steht, ist schmerzhaft deutlich an der Veräußerlichung von Weihnachten abzulesen. Das schleichende, flächendendeckende Vergessen des Inhaltes – die Geburt Jesu Christi als des Retters der Welt – und die Kommerzialisierung des Festes zum Konsumrausch sind zwei Seiten der gleichen Münze.

 17 Haltet das Gebot der ungesäuerten Brote. Denn eben an diesem Tage habe ich eure Scharen aus Ägyptenland geführt; darum sollt ihr diesen Tag halten, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. 18 Am vierzehnten Tage des ersten Monats am Abend sollt ihr ungesäuertes Brot essen bis zum Abend des einundzwanzigsten Tages des Monats, 19 sodass man sieben Tage lang keinen Sauerteig finde in euren Häusern. Denn wer gesäuertes Brot isst, der soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel, auch ein Fremdling oder ein Einheimischer des Landes. 20 Keinerlei gesäuertes Brot sollt ihr essen, sondern nur ungesäuertes Brot, wo immer ihr wohnt.

             Man kann es leicht überlesen. „Der Fremdling“ ist nicht kategorisch von diesem Fest ausgeschlossen. Aber er muss sich an die Spielregeln des Festes halten. „Die Anweisungen haben Verbindlichkeit sowohl für die, die als Juden geboren wurden, als auch für alle, die durch ihre Beschneidung zum Judentum übergetreten sind.“(Hj. Bräumer, aaO.;S.189 )

            Es sind die auf den ersten Blick so am Äußeren orientierten Gebote, die in ihrer Sorgfalt dazu helfen sollen, eine Erinnerungskultur zu etablieren, die den Kern des Festes bewahrt. Es braucht die verbindlichen Regelungen, gerade dann, wenn das Fest nicht als ein Fest der Gemeinschaft zentral gefeiert wird, sondern in der häuslichen Gemeinschaft seinen Ort hat. Damit die Hausgemeinschaft weiß, wie die Feier „geht“, sind alle diese Vorschriften nötig. Sie helfen zugleich dazu, dass die größere Gemeinschaft von ganz Israel im gemeinsamen Ritus abgebildet wird.

 

Heiliger Gott, Du willst uns bereit zum Aufbruch. Du willst uns stärken für den Weg, der vor uns liegt, in der Mitte der Nacht beginnt

Du willst, dass wir auf ungewissen Wegen Dir trauen, uns bergen in Deinem Verschonen.

An Israel sehen wir Deine Treue, Dein Verschonen, Deine Fürsorge.

Ich danke Dir für das Mahl des Aufbruchs, in dem uns Kraft gegeben wird, Mut zuwächst, in dem wir Deine Güte schmecken, auch in dunklen Zeiten. Amen