Blind durch Wissenschaftsgläubigkeit?

  1. tMose 7, 1 – 25

 1 Der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich habe dich zum Gott gesetzt für den Pharao, und Aaron, dein Bruder, soll dein Prophet sein. 2 Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde; aber Aaron, dein Bruder, soll es vor dem Pharao reden, damit er die Israeliten aus seinem Lande ziehen lasse. 3 Aber ich will das Herz des Pharao verhärten und viele Zeichen und Wunder tun in Ägyptenland. 4 Und der Pharao wird nicht auf euch hören. Dann werde ich meine Hand auf Ägypten legen und durch große Gerichte meine Heerscharen, mein Volk Israel, aus Ägyptenland führen. 5 Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der HERR bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecken und die Israeliten aus ihrer Mitte wegführen werde.

            Es ist ein harter Kampf für Gott, Mose zu seinem Auftrag zu gewinnen. Immer wieder muss er die Skepsis des Mose überwinden: die Israeliten glauben mir nicht. Der Pharao hört nicht auf mich.

            Die Antwort Gottes auf diese Einwände ist zunächst einmal: Ich, der HERR setze dich zum Gott für den Pharao. Zu einem Gegenüber, das mehr als auf Augenhöhe ist. Zu einem, der aus einer anderen Wirklichkeit heraus redet. Nicht aus der Wirklichkeit der Welt, in der der Pharao ganz oben und du als Hebräer ganz unten bist.

            Und so wie die Götter Ägyptens nur mittelbar reden, durch ihre Priester, so soll Aaron der Mund des Mose sein. Sein Prophet. „Der Prophet (hebräisch nābîʼ) ist der Mittler des göttlichen Wortes.“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.136) Auch darin erfährt der Pharao: hiersteht mir mehr als ein Mensch gegenüber.

            Die zweite Antwort: Noch einmal legt Gott Moose dar, was geschehen wird: viele Zeichen und Wunder – aber das Herz des Pharao wird fest bleiben, verhärtet, verstockt. Erst wenn der HERR seine Hand über Ägypten ausstreckt, wird dieser Widerstand gebrochen werden. „Zeichen und Wunder umschreiben das einmalige und unverwechselbare Handeln Jahwes. (Hj. Bräumer, aaO.;S.137)Das also wird geschehen: Der Pharao wird einsehen müssen, dass er es nicht nur mit einigen durch geknallten Hebräern zu tun hat, sondern mit Gott. Mit dem Gott, von der er sagte: Wer ist der HERR, dass ich ihm gehorchen müsste?(5,2) Es ist dieser ihm unbekannte und gering geachtete Gott, der das Volk ausziehen lässt.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.53)  

6 Mose und Aaron taten, wie ihnen der HERR geboten hatte. 7 Und Mose war achtzig Jahre und Aaron dreiundachtzig Jahre alt, als sie mit dem Pharao redeten.

             Es folgt eine Zwischennotiz – eine Altersangabe zu Mose und Aaron. Beides sind keine Jünglinge mehr, sondern eher alte Männer, gereift durch das Leben. Biblische Autoren lieben solche Angaben, die sichtbar werden lassen: hier wird wirkliche Geschichte mit wirklichen Menschen erzählt und kein zeitloser Mythos.

 8 Und der HERR sprach zu Mose und Aaron: 9 Wenn der Pharao zu euch sagen wird: Weist euch aus durch ein Wunder!, so sollst du zu Aaron sagen: Nimm deinen Stab und wirf ihn hin vor dem Pharao, dass er zur Schlange werde! 10 Da gingen Mose und Aaron hinein zum Pharao und taten, wie ihnen der HERR geboten hatte. Und Aaron warf seinen Stab hin vor dem Pharao und vor seinen Großen und er ward zur Schlange. 11 Da ließ der Pharao die Weisen und Zauberer rufen und die ägyptischen Zauberer taten ebenso mit ihren Künsten: 12 Ein jeder warf seinen Stab hin, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe.

             Ganz konkret bereit Gott Mose und Aaron auf die folgenden Ereignisse vor. Wieder ist Audienz beim Pharao – diesmal stehen Mose und Aaron aber nicht einfach nur als Bittsteller da. Sondern als Männer mit unheimlichen Fähigkeiten. Es kommt zum Kampf der Machterweise. Beglaubigungswunder sind gefragt – und werden aufgeboten, von Aaron und von den Weisen und Zauberern des Pharao. Die Wunder sehen sich zum Verwechseln ähnlich. „Hier wird mit der Realität übernatürlicher, wunderbarer Wirkungen bei den „Heiden“ gerechnet, die durch „Geheimkünste“, d.h. durch Magie erzielt werden können und die den von der Wundermacht des Gottes Israels herbei geführten Wirkungen durchaus gleich sein können.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.54)

        Und doch:  Aarons Stab verschlingt ihre Stäbe. Die Zauber können nur ein Stück weit Schritt halten. Ist das also ein Beweis: Gott ist mächtiger?

 13 Aber das Herz des Pharao wurde verstockt und er hörte nicht auf sie, wie der HERR gesagt hatte.

             Der Pharao mag beeindruckt sein. Aber überzeugt ist er nicht- Verwandelt ist er nicht. Sein Herz bleibt hart und fest wie bisher. „Der Pharao sieht nur den Trick, aber nicht das Zeichen, das darin verborgen ist, dass der Stab des Mose jene der Magier verschlingt.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.58) Das mag ein Hinweis sein, wie misslich es ist, mit der Überzeugungskraft von Wundern zugunsten des Glaubens zu argumentieren. Diese Beglaubigungszeichen erkennt nur der Glaube. Wer Wunder sieht, glaubt schon. Wer nicht glaubt, sieht nur Seltsame, Unerklärliches, Tricksereien.

 14 Und der HERR sprach zu Mose: Das Herz des Pharao ist hart; er weigert sich, das Volk ziehen zu lassen. 15 Geh hin zum Pharao morgen früh. Siehe, er wird ans Wasser gehen; so tritt ihm entgegen am Ufer des Nils und nimm den Stab in deine Hand, der zur Schlange wurde, 16 und sprich zu ihm: Der HERR, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und dir sagen lassen: Lass mein Volk ziehen, dass es mir diene in der Wüste. Aber du hast bisher nicht hören wollen. 17 Darum spricht der HERR: Daran sollst du erfahren, dass ich der HERR bin: Siehe, ich will mit dem Stabe, den ich in meiner Hand habe, auf das Wasser schlagen, das im Nil ist, und es soll in Blut verwandelt werden, 18 dass die Fische im Strom sterben und der Strom stinkt. Und die Ägypter wird es ekeln, das Wasser aus dem Nil zu trinken.

             Der Ausgangspunkt ist die Herzenskenntnis Gottes. Er weiß: Das Herz des Pharao ist hart. Darum verweigert er den Auszug. Es braucht also eine weitere, harte Erdahrung: der nil wird verseucht. die Fische im Strom sterben und der Strom stinkt. Die Lebensader Ägyptens wird zur stinkenden Kloake, aus der kein Mensch mehr trinken kann.

            War das Schlangenzeichen noch vermeintlich purer Hokuspokus, ein bisschen Schrecken und Nervenkitzel, aber mehr auch nicht, so trifft dieses neue Zeichen den Lebensnerv Ägyptens. Den Nil.

9 Und der HERR sprach zu Mose: Sage Aaron: Nimm deinen Stab und recke deine Hand aus über die Wasser in Ägypten, über ihre Ströme und Kanäle und Sümpfe und über alle Wasserstellen, dass sie zu Blut werden, und es sei Blut in ganz Ägyptenland, selbst in den hölzernen und steinernen Gefäßen. 20 Mose und Aaron taten, wie ihnen der HERR geboten hatte, und Mose hob den Stab und schlug ins Wasser, das im Nil war, vor dem Pharao und seinen Großen. Und alle Wasser im Strom wurde in Blut verwandelt. 21 Und die Fische im Strom starben und der Strom wurde stinkend, sodass die Ägypter das Wasser aus dem Nil nicht trinken konnten; und es war Blut in ganz Ägyptenland. 22 Und die ägyptischen Zauberer taten ebenso mit ihren Künsten.

            Was Gott in Auftrag gibt, wird von Mose und Aaron ausgeführt. Das ganze Land ist getroffen. Umweltschäden, die alle Vorstellungen übertreffen. Ein Fischsterben, das zur Hungersnot werden kann. Eine Öko-Katastrophe würden wir heute sagen.

            Verrückt wird es, als die  ägyptischen Zauberer wieder noch eins drauf zu setzen versuchen. Was Mose und Aaron können, können wir schon lange – und die Katastrophe wirkt weiter fort. Statt Abhilfe führen sie eine weitere Verschärfung der Not herbei.

            Wir tun gut daran, hinter den Zauberern nicht irgendwelche Scharlatane zu vermuten. Sie sind die Naturwissenschaftler der Alten Welt. Sie kennen sich aus und wissen um Zusammenhänge, die dem Normal-Volk verborgen sind. Sie haben darum große Fähigkeiten. „Auch Menschen können Wasser vergiften, so dass es zu „Blut“ wird und alles Leben stirbt…. So können „Magier“  wie Wissenschaftler mit ihren Künsten die Katastrophen , mit denen Gott straft, auch noch selbst herbeiführen und meinen, ihnen damit unglaubwürdig zu machen.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.59)  

            Vielleicht ist es ein bisschen überzogen: Der Pharao vertraut auf die Fähigkeiten seiner Wissenschaftler und wird deshalb regelrecht blind dafür, dass sie mit ihren Fähigkeiten nicht Unglück verwehren, sondern es nur mehren. Man muss kein wissenschaftsfeindlicher Mensch sein, um die Frage zu stellen, ob nicht viele Probleme auch unserer Zeit – sowohl große gesellschaftliche wie auch kleine mehr private und individuelle Probleme – der Wissenschaft und dem blinden Glauben an die Wissenschaft geschuldet sind.

So wurde das Herz des Pharao verstockt und er hörte nicht auf Mose und Aaron, wie der HERR gesagt hatte. 23 Und der Pharao wandte sich und ging heim und nahm’s nicht zu Herzen.

             Weil der Pharao dies weiß, die Möglichkeiten seiner „Naturwissenschaftler“ hoch einschätzt, sieht er immer noch nur Menschen am Werk. Er hat kein Ohr für Mose und Aaron. Er sieht nicht, dass der HERR  am Werk ist. Und – es wird wohl so sein: Im Palast des Pharao ist nach wie vor alles in Ordnung. Sauberes Wasser, Kein Kloakengestank. Ordentliches Essen. Wenn das Volk leidet, ist das noch lange nicht das Problem eines Pharao, der längst dem Volk entrückt ist. So geht er heim und nimmt es nicht zu Herzen.

 24 Aber alle Ägypter gruben am Nil entlang nach Wasser zum Trinken, denn das Wasser aus dem Strom konnten sie nicht trinken.

             Man muss sich nur die Bilder vor Augen halten – von heute: Hier Millionen auf der Flucht – da der noble Palast in Damaskus. Hier die Elendsquartiere der Flüchtlinge, verdreckt, verschlammt – da die Nobelherbergen, in denen scheinbar ohne Zeitdruck um Lösungen gefeilscht wird und jede Partei Gewinner sein will. Wen schert es schon, dass das Volk millionenfach leidet, krepiert, absäuft, jede Perspektive verliert. Es ist das Kontrastbild damals wie heute: Das Volk leidet Not und badet das harte Herz der Herrschenden aus.

 25 Und das währte sieben Tage lang, nachdem der HERR den Strom geschlagen hatte.

             Sieben Tage. Es ist wie die Umkehrung der Schöpfungswoche. Eine heillose Zeit für das ganze Land. Weil der HERR den Strom geschlagen hatte.  Dahinter wird einmal mehr eine Grundüberzeugung biblischen Denkens erkennbar: Leben ist immer Gottes Gabe. Wenn er die Gabe verweigert, ist das Leben bedroht.

Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.                     Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.                                                                                                               Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.                                                                                 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.                           Psalm 104, 27-30

      Es ist Gabe Gottes, dass Leben möglich ist. In Ägypten und anderswo.

Heiliger Gott, wir glauben alles zu verstehen, Vieles zu wissen, zu können. Wir loten die Grenzen des Möglichen aus.

Wenn es dabei zu Unfällen kommt, zu Schädigungen, zu Opfern, sind wir schnell bei der Hand mit Entschuldigungen, Erklärungen: Opfer müssen gebracht werden.

Wir sind so leicht zu blenden, zu verführen mit klugen Worten, mit Versprechungen für die Zukunft, mit Vorführungen, die sagen: Alles ist möglich.

Hilf Du mir an der Einfalt festzuhalten, die sich Dir anvertraut, die Deine Güte glaubt, die das Leben nicht anders will als wie Du es gibst. Amen