Gottes Auftrag – kontraproduktiv

  1. Mose 5,1 – 6,1

 1 Danach gingen Mose und Aaron hin und sprachen zum Pharao: So spricht der HERR, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste.

             Man weiß gar nicht, wie man sich das vorstellen soll, dass Mose und Aaron zum Pharao gehen. Zwei verachtete Hebräer unaufgefordert zum König von Ägypten. Es ist durch die Erzählung „vorausgesetzt, dass die israelitischen Zwangsarbeiter durch ihre Repräsentanten ohne weitre mit dem Großkönig sprechen konnten.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.37) Die Boten überbringen ihre Botschaft, auftragsgemäß: Lass mein Volk ziehen  – seither unzählige Male nachgesungen: let my people go.

          Das Ziel: ein Fest für Gott in der Wüste. Es ist eine Botschaft Gottes, nicht ein Wunsch von Mose und Aaron. Schon gar nicht eine bitte der Hebräer in ihrem Mund. Das ist wichtig für den Fortgang der gesamten Exodus-Erzählung: In seiner Reaktion verhält sich der Pharao zu einem Wort Gottes und nicht nur zu einer Bitte dieser beiden Männer vor seinem Thron.

 2 Der Pharao antwortete: Wer ist der HERR, dass ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse? Ich weiß nichts von dem HERRN, will auch Israel nicht ziehen lassen.

             Es klingt nach Arroganz des Pharao: Wer ist der HERR? Es könnte aber auch sein: mit diesem Namen kann er nichts anfangen. „Jahwe, der Gott Israels. Diese Bezeichnung war Pharao fremd.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.117)Aber über diese Fremdheit hinaus spürt er einen Anspruch, dem er sich keinesfalls beugen will. Ihn leitet in seiner Abwehr der Gedanke: Es kann jeder kommen – und im Namen seines Gottes irgendwelche Forderungen anführen. Ich kenne diesen Gott nicht und ich will Israel nicht ziehen lassen. Israel wird gebraucht als Arbeitsarmee.

  3 Sie sprachen: Der Gott der Hebräer ist uns erschienen. So lass uns nun hinziehen drei Tagereisen weit in die Wüste und dem HERRN, unserm Gott, opfern, dass er uns nicht schlage mit Pest oder Schwert.

            Noch einmal Mose und Aaron – noch einmal die Bitte – verbunden mit dem Hinweis: Wir wollen uns nicht mit Gott überwerfen.  Diesmal mit der Erklärung: Der Gott der Hebräer ist uns erschienen. Der Gott der Fremdarbeiter. Das wird der Pharao verstehen, dass sie, die „Arbeitstiere Ägyptens“, doch einen Gott haben, dem sie verpflichtet sind. Es hört sich an, als würden sie sagen: ein bisschen Respekt verdient doch auch unsere Frömmigkeit, auch wenn sie dir fremd ist.  

             Ist es lediglich Taktik, dass Mose und Aaron nur die Erlaubnis erbitten, drei Tage weit zu reisen? Weil sie wissen: ein Ausreiseantrag für immer würde nie Gehör finden! Es könnte auch anders sein: Weder sie noch Israel wissen im ernst, „wohin die Reise gehen soll.“ Darum ist das Opferfest in der Wüste auch für die Israeliten eine konkrete erste Etappe – „vielleicht wären sie in diesem Moment mit dem Wissen um das ferne Ziel überfordert gewesen.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.45) Seit vier Jahrhunderten in Ägypten ist Kanaan nicht wirklich ein Ziel.   

 4 Da sprach der König von Ägypten zu ihnen: Mose und Aaron, warum wollt ihr das Volk von seiner Arbeit frei machen? Geht hin an eure Dienste! 5 Weiter sprach der Pharao: Siehe, sie sind schon mehr als das Volk des Landes, und ihr wollt sie noch feiern lassen von ihrem Dienst!

            Es ist eine glatte Abfuhr, die sie erleben: der Pharao „führt das Verlangen nach Entlassung auf Arbeitsunwilligkeit zurück.“ (M. Noth, ebda) Was Mose und Aaron erbitten, stellt die Planvorgaben des Pharao in Frage. Er braucht doch diese Arbeitskräfte, Tag um Tag. Darum diese harsche und barsche Antwort: Macht euch an die Arbeit. Was ihr wollte, geht gar nicht – ihr fördert nur Unruhe. Und es ist die alte Angst, die wieder wach wird: Es sind so viele – und jetzt stellen sie auch noch Forderungen. Wehrt den Anfängen!

 6 Darum befahl der Pharao am selben Tage den Vögten des Volks und ihren Aufsehern und sprach: 7 Ihr sollt dem Volk nicht mehr Häcksel geben, dass sie Ziegel machen, wie bisher; lasst sie selbst hingehen und Stroh dafür zusammenlesen. 8 Aber die Zahl der Ziegel, die sie bisher gemacht haben, sollt ihr ihnen gleichwohl auferlegen und nichts davon ablassen, denn sie gehen müßig; darum schreien sie und sprechen: Wir wollen hinziehen und unserm Gott opfern. 9 Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern.

             Mose und Aaron sind vom Hof gejagt. Es folgt eine amtliche Anweisung von Oben, vom Pharao Ein Erlass an die Arbeitsaufsicht: Verschärfte Bedingungen. Die Arbeitsbedingungen werden so verschlechtert, dass Todesopfer geradezu einkalkuliert erscheinen. Aber niemand fragt doch wirklich nach diesen Fronarbeitern.

            Es ist die harte Antwort auf die Bitte. Der Versuch, einen vermuteten „Übermut“ schon im Keim zu ersticken. In Wahrheit aber ist es ein Affront gegen Gott. Es trifft die Menschen, aber es ist Gott, der zurückgewiesen wird mit seinem Lass mein Volk ziehen.

             Ein Vorgang, der sich in biblischer Sicht immer neu wiederholt: Wer Gottes Menschen antastet, tastet „Gottes Augapfel“(Sacharja 2,12) an. So sagt Jesus: „Wer euch verachtet, der verachtet mich; (Lukas 10,16) Wer ihre Worte nicht annimmt, nimmt Gott nicht an, sondern weist ihn zurück. Pharao sieht nur die Hebräer – den Gott hinter ihnen nimmt er nicht wahr.

10 Da gingen die Vögte des Volks und ihre Aufseher hinaus und sprachen zum Volk: So spricht der Pharao: Man wird euch kein Häcksel mehr geben. 11 Geht ihr selbst hin und beschafft euch Häcksel, wo ihr’s findet; aber von eurer Arbeit soll euch nichts erlassen werden. 12 Da zerstreute sich das Volk ins ganze Land Ägypten, um Stroh zu sammeln, damit sie Häcksel hätten.

            Die Umsetzung folgt auf dem Fuß. Sie wird durch die Aufseher weiter gegeben in den konkreten Ausführungsbestimmungen. War es bis jetzt schon hart, das Leben als Fronarbeiter, so wird es jetzt unerträglich. Es klingt nach purem Hohn und tiefer Verachtung, nach Erbarmungslosigkeit, nach einer „Endlösung“ durch mörderische Arbeitsbedingungen.

  13 Und die Vögte trieben sie an und sprachen: Erfüllt euer Tagewerk wie damals, als ihr Häcksel hattet. 14 Und die Aufseher aus den Reihen der Israeliten, die die Vögte des Pharao über sie gesetzt hatten, wurden geschlagen, und es wurde zu ihnen gesagt: Warum habt ihr nicht auch heute euer festgesetztes Tagewerk getan wie bisher?

            So funktioniert die Welt – damals wie heute – Top down: Druck wird weiter gegeben. Die Aufseher aus den Israeliten, die es vermutlich immer ein bisschen besser hatten, bekommen es zu spüren – körperlich. Sie werden misshandelt, geschlagen. Glaubt nur nicht, ihr wärt etwas Besseres – ihr seid und bleibe Hebräer – billige Arbeitskräfte ohne Recht. Sie werden persönlich dafür verantwortlich gemacht, wenn das Soll nicht erfüllt wird. Weil es doch gar nicht erfüllt werden kann. Aber danach fragt keiner.

15 Da gingen die Aufseher der Israeliten hin und schrien zu dem Pharao: Warum verfährst du so mit deinen Knechten? 16 Man gibt deinen Knechten kein Häcksel, und wir sollen dennoch die Ziegel machen, die uns bestimmt sind; und siehe, deine Knechte werden geschlagen, und du versündigst dich an deinem Volke.

             Weiß der Pharao das alles, was den Fronarbeitern zugemutet wird? Es ist, als würden die Aufseher der Israeliten  darauf setzen, dass direkte Vorsprache vor dem Pharao die Verhältnisse ändern kann. Er muss sich doch erweichen lassen, für einigermaßen menschenwürdige Arbeitsbedingungen offen sein, wenn er das alles erfährt. Darum bringen sie ihre Beschwerden vor dem Pharao vor.

            Du versündigst dich an deinem Volke. höre ich so: Was der Pharao macht, ist doch eine Beschädigung eigener Interessen. Wenn diese Situation nicht abgestellt wird, ist die gesetzte Planerfüllung gefährdet. Wenn das wirklich so ist, dass der Pharao hinter dem allem steht – dann gefährdet er selbst seine Ziele. Versündigen ist hier nicht moralisch zu verstehen. Es ist schlicht ein falscher Denkansatz.

  17 Der Pharao sprach: Ihr seid müßig, müßig seid ihr; darum sprecht ihr: Wir wollen hinziehen und dem HERRN opfern. 18 So geht nun hin und tut euren Frondienst! Häcksel soll man euch nicht geben, aber die Anzahl Ziegel sollt ihr schaffen. 19 Da sahen die Aufseher der Israeliten, dass es mit ihnen übel stand, weil man sagte: Ihr sollt nichts ablassen von dem Tagewerk an Ziegeln.

             Die zynische Antwort: „Faul seid ihr. Faul.“ Von wegen religiöse Pflichten. Ihr wollt nur nicht. Der Pharao lässt nicht mit sich reden. Sein Herz ist fest, sein Urteil steht fest. Und darum ist auch seine Weisung klar: Packt an. Hängt euch rein.

         Was für eine bescheidene Situation. Jetzt verstehen die Aufseher der Israeliten: Hier ist nichts zu machen. „Ihre Demarche beim Pharao erbringt nichts.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.34) Im Gegenteil: alles ist schlimmer geworden, hoffnungslos.

 20 Und als sie von dem Pharao weggingen, begegneten sie Mose und Aaron, die dastanden und auf sie warteten, 21 und sprachen zu ihnen: Der HERR richte seine Augen wider euch und strafe es, dass ihr uns in Verruf gebracht habt vor dem Pharao und seinen Großen und habt ihnen so das Schwert in ihre Hände gegeben, uns zu töten.

             In dieser Situation treffen die Aufseher auf Mose und Aaron. Es ist nur zu verständlich eine aufregende Begegnung. Für sie wie wohl für alle Isareliten ist klar: Mose und Aaron sind die Schuldigen. Sie haben den Pharao aufgebracht. Sie haben mit ihren Plänen die verschärften Arbeitsbedingungen provoziert. Das soll der HERR, auf den sie sich berufen, sie spüren lassen.

 22 Mose aber kam wieder zu dem HERRN und sprach: Herr, warum tust du so übel an diesem Volk? Warum hast du mich hergesandt? 23 Denn seitdem ich hingegangen bin zum Pharao, um mit ihm zu reden in deinem Namen, hat er das Volk noch härter geplagt, und du hast dein Volk nicht errettet.

             Mose aber weiß: ich habe doch nur den Auftrag des HERRN erfüllt. Ich habe gesagt, was ich sagen sollte. Deshalb sucht er ihn nun auch auf – einen Altar, ein Heiligtum – oder schlicht an einem Ort des Gebetes? Und fragt: Warum? Es ist der Widerspruch zwischen dem Plan Gottes – retten, herausführen und der Situation, die jetzt eingetreten, die Mose nicht begreift, die ihm zu schaffen macht. Mose ist noch nicht so weit, dass er wie von selbst sagen könnte: »Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.« ( M. Luther, zit. nach EG Bayern, S. 406) Mose hat es jetzt mit einem Weg Gottes zu tun, den er nicht versteht.

6,1 Da sprach der HERR zu Mose: Nun sollst du sehen, was ich dem Pharao antun werde; denn durch eine starke Hand gezwungen, muss er sie ziehen lassen, ja er muss sie, durch eine starke Hand gezwungen, aus seinem Lande treiben

             Die Antwort des HERRN: nun sollst du sehen. „Die Zeit des Abwartens ist vorbei, die Zeit des Eingreifens ist gekommen.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.124)Mag sein, der Pharao ist stark und fühlt sich mächtig. Aber er wird gezwungen sein, die Israeliten gehen zu lassen! Der Arm des HERRN ist stärker als der Pharao. Man könnte auch so lesen: Gott hat es durch Mose und Aaron im Guten probiert, gewaltlos, durch freundliche Bitten. Jetzt wird der Pharao zu spüren haben, dass sein Herz zwar fest ist (so die Bedeutung von verstockt – 4,21) – aber der Wille Gottes fester, stärker.

 

Heiliger Gott, Deine Aufträge können in Konflikte führen, mächtigen Interessen zuwider laufen, der Logik der Welt widersprechen.

Deine Aufträge können es uns abverlangen, dass wir Widerspruch anmelden, dass wir Menschlichkeit einklagen.

Deine Aufträge können einsam machen, ins Zwielicht geraten lassen, den eigenen Leuten fremd werden lassen.

Gib Du, dass wir dann dennoch Deinen Aufträgen treu bleiben. Amen