Zurück in die Vergangenheit

  1. Mose 4, 18 – 31

18 Mose ging hin und kam wieder zu Jitro, seinem Schwiegervater, und sprach zu ihm: Lass mich doch gehen, dass ich wieder zu meinen Brüdern komme, die in Ägypten sind, und sehe, ob sie noch leben. Jitro sprach zu ihm: Geh hin mit Frieden.

            Mose kehrt aus der Steppe zurück, zu seinen Schwiegervater, der jetzt mit zweitem Namen genannt wird: Jitro. Die Bitte an den Schwiegervater lässt aufhorchen, zeigt sie doch, dass Mose so frei nicht ist. Er kann nicht einfach gehen, wann und wohin er will.

            Mose begründet seine Bitte mit der Absicht, nach seinen Brüdern in Ägypten zu sehen. Auffällig: Von der Gotteserfahrung am Horeb ist keine Rede. Aber wir erfahren auch keinen Grund, weshalb Mose sie verschweigt. Oder verschweigt er gar nicht, sondern redet nur einfach nicht darüber? Es könnte ja auch sein: Es gibt Erfahrungen die man erst einmal verarbeiten muss- und wenn zu früh darüber spricht, behindert man sich selbst in der Bearbeitung. Auf dieser Spur lese ich: „Über seine Berufung zu einer gefährlichen Sendung fällt kein Wort. Lässt sich schon über diplomatische Geschäfte nicht öffentlich diskutieren, wie viel weniger über den Inhalt einer Gottesberufung.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S. 105)

             Jitro fragt nicht nach. Er gibt den Schwiegersohn frei und gibt ihm seinen Segen.

19 Auch sprach der HERR zu Mose in Midian: Geh hin und zieh wieder nach Ägypten, denn die Leute sind tot, die dir nach dem Leben trachteten. 20 So nahm denn Mose seine Frau und seinen Sohn und setzte sie auf einen Esel und zog wieder nach Ägyptenland und nahm den Stab Gottes in seine Hand.

             Mose hat also von Jitro her frei Hand. Aber es braucht noch mehr – der HERR gibt den Weg frei. Er „informiert“ Mose, dass es an der Zeit ist und dass das große Hindernis – es gibt Leute, die ihm nach dem Leben trachten –  nicht mehr existiert. Wer gewohnt ist, sorgfältig und übergreifend zu lesen, der hört vielleicht mit: „Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.“(Matthäus 2, 19-20)

         So kann Mose aus Midian aufbrechen. Als Flüchtling ist er gekommen. Allein ist er aus Ägypten gekommen, als „Familienvater“ kehrt er zurück. Der Weg zurück nach Ägypten aber ist keine Flucht mehr. Sondern ein Aufbruch, zur von Gott bestimmten Zeit. „Wer einen wichtigen Auftrag von Gott hat, muss warten können.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.34) In der Hand trägt Mose den Gottesstab. Vielleicht darf man es schon mithören: „Dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Psalm 23,4)   

21 Und der HERR sprach zu Mose: Sieh zu, wenn du wieder nach Ägypten kommst, dass du alle die Wunder tust vor dem Pharao, die ich in deine Hand gegeben habe. Ich aber will sein Herz verstocken, dass er das Volk nicht ziehen lassen wird.

            Unterwegs kommt eine neue Botschaft von Gott. Eine Botschaft, die ihn auf den Widerstand des Pharao vorbereitet. Der wird nicht – wegen ein paar wundersamen Vorführungen – gleich klein beigeben.

            Man muss sorgfältig hören und nicht voreilig: Ich aber will sein Herz verstocken. Hier geht es nicht um Prädestination, schon gar nicht um ewige Verdammnis.  “Was mit Pharao im Angesicht der Ewigkeit geschieht, erfahren wir nicht.“(I. Willi-Plein, aaO.; S.35) Was gesagt wird, ist einzig und allein: Der Pharao wird in seinen Beschlüssen fest, er wird in seinem Willen festgemacht. Vielleicht ist es wirklich „eine Mischung aus Eigensinn, Hochmut und Trotz.“(Hj. Bräumer, aaO.; S.107) Dem Erzähler liegt nichts an dieser Analyse des menschlichen Herzens. Heutzutage würden wir sagen: Er bleibt konsequent bei seiner Linie, sich von ägyptischen Interessen im Blick auf billige Arbeitsplätze leiten zu lassen. Die humanitäre Frage interessiert ihn nicht. Pharao steht für eine wertfreie, interessengeleitete Politik.

22 Und du sollst zu ihm sagen: So spricht der HERR: Israel ist mein erstgeborener Sohn; 23 und ich gebiete dir, dass du meinen Sohn ziehen lässt, dass er mir diene. Wirst du dich weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn töten.

            Auf dieses feste Herz soll Mose eingehen und antworten: Erstgeburt gegen Erstgeburt. Gott fordert einen freien Weg für seinen Erstgeboren Israel. Wird ihm das verweigert, wird es der Pharao an seinem erstgeborenen Sohn zu büßen haben. Eine harte Botschaft!

            In dem Wort vom Erstgeborenen Israel steckt aber noch eine andere, eine erfreuliche Botschaft: Wo es einen Erstgeborene gibt, gibt es auch Nachgeborene, Zweitgeborene, solche an dritter, oder vierter Stelle. Es kann noch andere Kinder geben.

        Die bleibende Frage ist, wie man darauf reagiert: mit Ablehnung, weil man seine Stellung als alleiniger Sohn oder einzige Tochter gefährdet sieht, mit Neid, oder gar mit Freude. Der Zug Gottes zum Universalismus war immer schon beides: Zumutung und Freudenbotschaft, Kritik an allen Alleinvertretungsansprüchen und Einladung zur Weite. „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird “eine” Herde und “ein” Hirte werden.“ (Johannes 10,16) 

  24 Und als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der HERR entgegen und wollte ihn töten. 25 Da nahm Zippora einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine Scham und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam. 26 Da ließ er von ihm ab. Sie sagte aber Blutbräutigam um der Beschneidung willen.

             Unheimlich. Der Rückkehrer, der den Weg Gottes zu finden sucht, wird in der Herberge angegriffen, überfallen, tödlich bedroht. Mir fällt als Parallele Jakobs nächtlicher Kampf am Jabok ein. Braucht es vor dem großen Auftrag die tödliche Bedrohung, damit die Motive geläutert werden, damit die Widerstandskraft geprüft wird?

            Gleichwohl: ich verstehe nicht, was hier erzählt wird. Ich leihe mir einmal mehr die Einsichten anderer: „Gott versucht nicht, Mose zu töten (davon ist im hebräischen Text nicht die Rede) sondern das Getroffensein von Gott bringt Mose in einen Zustand, der zum Sterben hinführt.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.38) Mit meinen Worten: eine Art tödlicher Lähmung ergreift Mose. Die Lösung des nächtlichen Kampfes und Krampfes geschieht nicht durch die Widerstandskraft des Mose, sondern durch Zippora. Sie beschneidet ihren Sohn – als wäre das ein vollgültiger Ersatz. Es ist das uralte Ritual, das Mose rettet. Eine Art Stellvertretung, wie so häufig im Leben und auf dem Weg Israels.

  27 Und der HERR sprach zu Aaron: Geh hin Mose entgegen in die Wüste. Und er ging hin und begegnete ihm am Berge Gottes und küsste ihn.

             Szenenwechsel. Aaron, bis dahin nur gelegentlich und beiläufig erwähnt, betritt die Bildfläche. Als einer, den Gott losschickt, Mose entgegen in die Wüste. Als die Brüder einander begegnen, am Berg Gottes – wieder dem Horeb? – küssen sie sich. Genauer: küsste Aaron ihn, Mose. Es kann stimmen: „Aarons Kuss ist nicht nur Begrüßung, sondern drückt wohl mehr Verehrung und Huldigung aus.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.33)

28 Und Mose tat Aaron kund alle Worte des HERRN, der ihn gesandt hatte, und alle Zeichen, die er ihm befohlen hatte. 29 Und sie gingen hin und versammelten alle Ältesten der Israeliten. 30 Und Aaron sagte alle Worte, die der HERR mit Mose geredet hatte, und Mose tat die Zeichen vor dem Volk.

             Die beiden sprechen miteinander. Mose gibt alles an Aaron weiter, bringt ihn auf den Stand der Dinge. Erst so können sie zusammen aktiv werden und die Ältesten der Israeliten versammeln. Wo ist nebensächlich. Aber was sie weitergeben, hat Gewicht. Aaron redet alle Worte, die der Herr Mose gesagt hatte. Und Mose beglaubigt die Worte durch die Zeichen. Der Text lässt in der Schwebe, woran zu denken ist. Es liegt nicht ganz fern, auf die wunderbare Stab-Schlange-Sache zu kommen und auf die Aussatz-Blitz-Heilung. 

 31 Und das Volk glaubte. Und als sie hörten, dass der HERR sich der Israeliten angenommen und ihr Elend angesehen habe, neigten sie sich und beteten an.

             Mose hatte befürchtet, dass alle Worte ins Leere laufen. Es kommt anders. Das Volk glaubte. „Glauben (hebräisch  ʼāman) heißt, das, was gesagt worden ist, als den festen Punkt anerkennen, auf den man sich stützen kann und an den man sich halten kann.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.114 ) Das, was sie hören, verweist sie auf die Zukunft. Aber es fängt ja jetzt schon an: Gott hat ihr Elend gesehen und sich ihrer angenommen. Das sagen die vielen Worte des Aaron und die Zeichen des Mose ihnen zu. Ihr Glaube lässt sie darin antworten, dass sie den HERRN jetzt schon anbeten.

 

Mein Gott, wie gut, dass keiner den Weg Deiner Aufträge allein gehen muss, einsam bleiben muss, weil Du ihm niemand zur Seite stellst

Du weißt, wie sehr wir darauf angewiesen sind,einen bei uns zu haben für die Zeiten der Mutlosigkeit, der Fragen, der Zweifel, einen zu haben, der kann, was wir nicht können.

Ich danke Dir, dass ich nicht allein sein muss auf meinem Weg des Glaubens, auf dem Weg, den Du mich führst. Amen