Der halssstarrige Bote

  1. Mose 4, 1 – 17

1 Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen.

            Gleich dreimal nicht. Gründlicher kann man seinen Widerstand gegen den Auftrag kaum anmelden. Wie soll das auch zustande kommen, dass die Israeliten ihm, der jetzt wieder da ist, glauben, dass sie auf ihn hören, den sie doch vor Jahren  als Schiedsmann abgelehnt haben. Und überhaupt, wie muss das in den Ohren der Hörer klingen: Der HERR ist mir erschienen. Das kann doch nur Widerspruch auslösen.

            „Dieser von Mose als Möglichkeit erwogene Unglaube Israels konnte wirklich erwartet werden. Seit vier Jahrhunderten war für die Israeliten von einem eingreifenden Erscheinen Jahwes nicht zu merken gewesen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.95) Es ist der gesunde Menschenverstand, der hier Skepsis anmeldet. Mit Gott rechnen, schön und gut – aber doch nicht so konkret, so direkt. Und schon gar nicht jetzt.  

  2 Der HERR sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab. 3 Der HERR sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange und Mose floh vor ihr. 4 Aber der HERR sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus und erhasche sie beim Schwanz. Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand. 5 Und der HERR sprach: Darum werden sie glauben, dass dir erschienen ist der HERR, der Gott ihrer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.

            Es kommt uns fremd vor, was da geschieht. Gott lässt sich auf Demonstrationen ein, die wie Zaubertricks wirken. Wunder. Aus dem Stab in der Hand des Mose wird eine Schlange, aus der Schlange wieder in Stab. Das ist zum Fürchten, auch für Mose selbst. Was ist das für eine Botschaft an Mose? Dass „er sich im Bedarfsfall durch wunderhafte „Macht“-Wirkungen als göttlicher Beauftragter ausweisen könnte?“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.32)

         Sofort meldet sich bei mir die Frage: sind solche Machttaten denn wirklich überzeugender als Worte? Oder lassen sie sich nicht auf eine Ebene ein, wo gezaubert und getrickst wird? Gott aber scheint überzeugt: Auf Grund einer solche Vorführung werden sie dir glauben. Weil sie in diesen Taten den wundermächtigen Gott der Väter erkennen. Obwohl: Wunder dieser Art werden in der Geschichte der Väter – Abraham, Isaak, Jakob – nicht erzählt. Sie passen besser zu den Göttern und Priestern in Ägypten.

6 Und der HERR sprach weiter zu ihm: Stecke deine Hand in den Bausch deines Gewandes. Und er steckte sie hinein. Und als er sie wieder herauszog, siehe, da war sie aussätzig wie Schnee. 7 Und er sprach: Tu sie wieder in den Bausch deines Gewandes. Und er tat sie wieder hinein. Und als er sie herauszog, siehe, da war sie wieder wie sein anderes Fleisch. 8 Und der HERR sprach: Wenn sie dir nun nicht glauben und nicht auf dich hören werden bei dem einen Zeichen, so werden sie dir doch glauben bei dem andern Zeichen.

            Ein zweites Zeichen erhält Mose – diesmal am eigenen Leib. Seine Hand wird aussätzig und wieder rein. Wieder stehe ich vor einem Rätsel und frage mich: was soll das? Eine Erklärung hilft mir weiter: „Beide Zeichen gehen von ihm selbst aus und bedrohen ihn selbst; er hat Angst vor der Schlange – er wird aussätzig. Beide Male muss er im hören und Ausführen der nächsten Anweisung sein eigenes Gefühl der Angst und des Widerwillens überwinden und erfährt dann die Aufhebung der Bedrohung. Diese beiden Zeichen befreien und ermutigen dann vor allem ihn selbst zum Hören.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.32)

            Diese Deutung hilft mir zum Verstehen: hier werden nicht Demonstrations-Wunder für andere, für die Israeliten eingeübt, sondern hier geht es um die Überwindung des Widerstandes im Herzen des Mose. Er soll durch diese Erfahrungen lernen. Es sind keine Tricks, der schon einmal üben soll, damit er sie später „kann“.    

 9 Wenn sie aber diesen zwei Zeichen nicht glauben und nicht auf dich hören werden, so nimm Wasser aus dem Nil und gieß es auf das trockene Land; dann wird das Wasser, das du aus dem Strom genommen hast, Blut werden auf dem trockenen Land.

            Es folgt ein drittes Angebot – Wasser aus dem Nil wird zu Blut werden.  Das ist ein Zeichen, das jetzt nicht mehr Mose gegenüber demonstriert wird. Sondern er bekommt es gewissermaßen als Möglichkeit mit auf den Weg. Es ist die zweite ägyptische Plage (7,17 – 22), die hier schon angedeutet wird.

10 Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.

            Mose ist ein schwerer Fall für den HERRN. Jetzt fällt es ihm ein: Ich kann nicht reden. Ich konnte noch nie reden. Ist das nur „ein Vorwand, hinter dem sich die Angst des Menschen vor einer von Gott gegebenen Aufgabe verbirgt“? (M. Noth, ebda.) Es ist für mich vielmehr ein Zeichen dafür, dass Mose nicht mehr der ist, der sagt: „Es gibt viel zu tun, packen wir es an!“ Er ist nicht mehr der Macher, der sich seine Wege selbst sucht und seine Aufgaben selbst definiert. Gewiss, er ist widerspenstig und wehrt ständig ab – aber es ist ein Abwehren aus dem Selbstzweifel heraus, aus einer Demut, die mir näher am Leben zu sein scheint.

11 Der HERR sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich’s nicht getan, der HERR? 12 So geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.

             Den Hinweis auf die eigenen körperlichen Defizite wiederlegt Gott mit seinem Hinweis: Ich bin doch der Schöpfer. Ich weiß also, wer du bist, was du kannst, auch, was du nicht kannst. Ich, Gott, kenne deine Grenzen. „Es ist eine Überinterpretation, aus den Argumenten des Mose herauslesen zu wollen, dass Mose ein Stotterer war.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.100) Seine Angst führt das Wort, nicht sein Sprachfehler. Auf die Angst antwortet Gott – den Sprachfehler hätte er ja einfach heilen können: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst. Die Antwort Gottes auf alle Einwände des Mose ist eine erneute Beistandszusage. Und: Mose wird Weisung empfangen, die später für Israel zur Weisung, zur Thora wird. Er muss sich nichts selbst ausdenken – er muss nur Gottes Mund sein.

13 Mose aber sprach: Mein Herr, sende, wen du senden willst.

            Immer noch hält Mose dagegen. Suche dir einen anderen Boten. Sende wen du willst – das heißt im Klartext: Mich nicht. Ich will nicht. Erstaunlich, dass Mose so mit Gott spricht, dass er nicht aufgibt, dass er nicht klein beigibt. „Alle Einwände sind letzten Endes nur vorgeschobene Signale. Dahinter steht die Abwehr, mit der der Mensch gegen den Auftrag Gottes reagiert.“ (I. Willi-Plein, aaO.;S.33)  So ist Mose also gewiss ein Sonderfall und doch ist er in seiner Abwehr auch einer wie wir. „Die natürliche Reaktion gerade des Menschen, der die Größe eines Auftrags erkennt, ist das Gefühl der Überforderung.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.32) Und darum: das kann ich nicht. Das will ich nicht.

 14 Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron aus dem Stamm Levi beredt ist? Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen. 15 Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. 16 Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein und du sollst für ihn Gott sein.

            Jetzt hat Gott die Faxen dicke – so könnte man salopp sagen. Das führt aber eben nicht dazu, dass er sagt: OK, du willst nicht, dann wähle ich mir eben einen anderen. Er nimmt seinen Auftrag an Mose nicht zurück. Erstreicht ihn nicht von der Werkzeug-Liste. Sondern Mose wird erfahren, dass Gott längst alles vorbereitet hat- Da ist Aaron, sein Bruder. Der wird das öffentliche reden übernehmen. Der wird sagen, was Mose ihm vorsagt. Und auch darüber muss sich Mose keine Gedanken machen: Gott selbst wird Mose und Aaron lehren, was sie tun sollen.

                  Jahrhundert später wird Jesus zu seinen Jüngern sagen, die auch die Bangigkeit angesichts der Größe ihrer Aufgabe kennen: „Wenn sie euch aber führen werden in die Synagogen und vor die Machthaber und die Obrigkeit, so sorgt nicht, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt.“ (Lukas 12,11-12) Auch hier die Zusage: Es hängt nicht an euch und eurer Beredsamkeit – es hängt alles daran, dass Gott, dass der Geist euch Worte gibt.

       Und, weil es nicht einem Mal getan ist, mit einem guten Zurede: „So nehmt nun zu Herzen, dass ihr euch nicht vorher sorgt, wie ihr euch verantworten sollt. Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können.“ (Lukas 21, 14 -15)

 Es ist für mich ein Aspekt des Evangeliums, wie Gott mit Mose nicht de Geduld verliert, wie er es auf sich nimmt, seinen Widerstand zu überwinden, ohne Mose durch schiere Größe zu überwältigen. Auch das gibt es ja, dass Gott einfach durch seine Größe und Macht zwingt – der Schluss des Hiob-Buches steht dafür. Hier aber – und später bei Jesus – ist es anders: ein unglaublich geduldiges Werben und Eingehen auf die Ängste. Nur ein Mose, der in seinen Ängsten ernst genommen ist und über sie hinausgeführt ist, wird den Weg zum Pharao gehen können, unerschrocken durch den Glanz des gottgleichen Königs.

17 Und diesen Stab nimm in deine Hand, mit dem du die Zeichen tun sollst.

 Es ist alles gesagt. Darum hören wir auch nichts mehr von einer erneuten Antwort des Mose. Was jetzt noch bleibt, ist den Stab in die Hand nehmen und losgehen. Handeln, wie es ihm von Gott gezeigt wird. Es ist Zeit, dass den Worten Taten folgen.

 

Heiliger Gott, wie schwer machen wir es Dir so oft. Wir wissen, was Du willst, aber wir wollen nicht, was Du willst

Ich kenne den Widerstand gegen Deine Wege, die Furcht vor den Schritten, die in unbekanntes Land führen, die Zweifel, die das eigene Herz lähmen.

Du hast es oft schwerer mit uns, Deinen Leuten, als mit denen, die gar nicht an Dich glauben.

Ich danke Dir, dass Du uns dennoch immer wieder rufst. Amen