Ich bin

  1. Mose 3, 1 – 22

 1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

             Es ist ein Satz ohne Zeit. Ein zeitloser Satz. Schafe hüten für den Schwiegervater. Das ist jetzt der Alltag des früheren Prinzen, des früheren Flüchtlings. Sein Weg dabei lässt ihn „bei seinen Wanderungen von Weideplatz zu Weideplatz zu dem weit abgelegenen und Mose vorher offenbar unbekannt gewesenen „Gottesberg“ gelangen.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.26) Wo dieser Gottesberg Horeb genau zu suchen ist, wissen wir nicht. Die Lokalisierungsversuche sind ebenso zahlreich wie widersprüchlich.

  2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

             Dort widerfährt ihm eine Begegnung. Seltsam genug. Eine feurige Flamme aus dem Dornbusch. Was nur ein erstaunliches Naturphänomen sein könnte, ist doch mehr Denn es brennt nicht einfach nur ein Busch. Sondern der Engel des HERRN erschien ihm. malach jahwe. Aber nicht auf diesen Engel reagiert Mose zunächst, denn die ersten Sätze heben nicht gleich auf diese Begegnung ab. In ihnen scheint es so, als sähe Mose nur diese seltsame Naturerscheinung und wollte sie, neugierig geworden, genauer betrachten. Sie ergründen. Was ist das, dass am Sinai der Dornbusch – hebräisch: seh – nicht verbrennt?  Mose rechnet mit seltsamen Naturerscheinungen, aber nicht mit einem Erscheinen Gottes – auch nicht in der Gestalt seines Engels.

 4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! 6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

             Mose nähert sich dem Busch – und wird jetzt aus dem Busch angerufen. „Welch eine Umkehr: Wo Mose ein Naturschauspiel sieht, da ist er gesehen; wo Mose entdecken will, da ist er bekannt; wo Mose ein Phänomen ohne Namen ahnt, da wird er beim Namen gerufen.“. (PU. Lenz, Schlitzer Predigten, Schlitz 1986, S.17)  Hörbares Zeichen dafür, dass er gesehen und erkannt ist. Der ihn anruft – der HERR,  – kennt ihn. Längst bevor Mose auch nur ahnen kann, mit wem er es zu tun hat. Auch das wird hier angedeutet: Der HERR, der sein Volk sieht und erkennt, der sich seiner annimmt, der sieht und erkennt auch diesen einsamen Mann jenseits der Steppe.

            Bei seinem Namen gerufen, antwortet Mose. Hier bin ich. „Das heißt: Gott, ich stehe dir zur Verfügung.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.78)  Ist das nicht zu viel gelesen? Mose weiß doch noch nichts – nicht, mit wem er es zu tun hat, nicht, was von ihm erwartet werden könnte. Wie soll er sich da blindlings zur Verfügung stellen können? Ich zögere ein wenig und denke viel vorsichtiger über die Antwort des Mose. Mir genügt: Er sieht sich gestellt. An diesem Ort.

            Und erfährt sofort eine Schranke. Sein Gegenüber, Gott, hält ihn auf Distanz. Wie nahe Mose kommen darf, bestimmt nicht seine Neugier, sondern dies bestimmt allein Gott. Die Heiligkeit Gottes duldet nicht jede Nähe. Es ist ja auch eine gefährliche Nähe, Gott so nahe zu kommen. Eben kein Alltagsland.

         Deshalb auch: zieh deine Schuhe von deinen Füßen. Aufbewahrt ist diese Anweisung noch in der Praxis von Muslimen, die beim Betreten der Moschee die Alltagsschuhe ausziehen. „Das Ausziehen des Schuhes ist eine symbolische Handlung für Besitzabtretung bzw. Besitzverzicht.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.79 ) Wenn Mose das also tut, seine Schuhe ausziehen, so erklärt er damit den Verzicht auf sich selbst, darauf, über sein Leben verfügen zu können. Dazu fordert ihn Gott auf. Das wird sein Leben von nun an prägen.     

           Jetzt erst erfährt Mose anfangsweise, mit wem er es zu tun hat: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Nicht irgendein Gott, irgendeine Gottheit, sondern der Gott, der schon zuvor in der Geschichte der Väter sich bewährt hat, sich als treu erwiesen hat, als der, der auch schwere Wege mitgeht.

         Jetzt erst verhüllt Mose sein Angesicht. Denn jetzt erst versteht er: ich sehe mehr als ein Naturphänomen, ich stehe vor dem, den ich nicht anschauen kann, ohne zu vergehen.

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

            Der HERR  redet zu Mose. Aber er redet über sich: Ich habe gesehen. Ich habe ihr Leid erkannt. Ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette. Nicht Israel, nicht Mose, Gott der HERR ist das Thema dieser Sätze. „Gott lässt sich in Herz blicken.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.26)

            Was jetzt kommt, ist also eine Herzensangelegenheit. Aus dem Sehen und Erkennen Gottes wird ein Handeln. Früher schon einmal hatte es geheißen: „Da fuhr der Herr hernieder“ (1. Mose 11, 5) Aber was zu der Sprachverwirrung in Babel führt, das wird hier zu einem Anfang für das Volk Israel. Dass es dieses Volk geben wird, dass es den Weg in ein gutes und weites Land finden wird, das liegt alles an dem, was im Herzen Gottes seinen Anfang nimmt. Das ist sein Plan: herausführen.   

  9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

             Um diesen Plan zur Tat werden zu lassen, beansprucht der HERR Mose. Er soll sein Bote sein. Ihn will er zum Pharao senden. Hatte es zuvor noch geheißen: dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe so wird jetzt daraus der Auftrag an Mose: damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. Er wird nicht in eigener Macht und auf eigene Faust handeln, sondern in allem, was er tun wird, folgt er dem Auftrag, in den er jetzt gestellt wird.

 11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? 12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge. 13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?

             Was folgt, ist der Angst des Mose geschuldet. Seiner Demut wohl auch. Dem Wissen: Das alles ist zu groß für mich. „Moses erster Einwand ist der Selbstzweifel. „Wer bin ich, dass ich gehen sollte, ausgerechnet ich! Mose hat sein Selbstvertrauen längst verloren, und gott fordert es auch gar nicht von ihm.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.25) Wenn Mose auf sich selbst sieht, sieht er den Gewalttäter, der flüchten musste, den abgelehnten Streitschlichter, den Schafhirten, der im immer gleichen Trott unterwegs ist. Da ist nichts, was ihm für diesen Auftrag qualifiziert.  Es ist die „typische Reaktion des von Gott Gerufenen. Gottes Werkzeuge haben sich zumeist nicht um ihr Amt beworben.“(I. Willi-Plein, ebda.)

             Die Antwort Gottes: eine Beistandszusage. Ich will mit dir sein.  Und ein Zeichen, das weit in der Zukunft liegt. In weiter Ferne. Aber mehr hatte Jakob auch nicht für seinen Weg: Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (1. Mose 28,15) Erst im Nachhinein wird sich alles so zusammen fügen, dass Mose den Weg überschauen kann. Jetzt ist sein Vertrauen gefragt.

            Mose gibt sich noch nicht geschlagen. Was soll er den Israeliten sagen? Wenn er nach langen Jahren wieder auftaucht. Was soll er ihnen über seinen Auftraggeber sagen, denn das werden sie ja wissen wollen: Wer steht hinter dir? Und, so ahnt Mose: sie werden sich nicht zufrieden geben damit, dass er sich auf den Gott eurer Väter beruft. Da kann doch jeder kommen.

    14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. 15 Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

            Auf die Frage: wer steht hinter mir, erhält Mose Antwort, die er weitergeben soll. Ich werde sein, der ich sein werde. Das ist – obwohl es so wirken könnte, kein Rätselwort. Sondern es ist Zusage. So zu übersetzen: „Ich werde dasein als der, der ich dasein werde. Ich werde für euch dasein. Ich bin da für euch.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.86) Darauf läuft alles hinaus, „auf die große Bundeszusage, die Israel überhaupt erst zu seinem Volk macht.“(I. Willi-Plein, aaO.; S.27) Dass Gott ist und immer sein wird – daran gibt es in der Bibel keinen Zweifel. Aber dass er für sein Volk da ist von Geschlecht zu Geschlecht – das ist gute Botschaft, Evangelium.

            Und das ist der Name, mit dem Israel – und in seinen Fußspuren die Christenheit – ihn anrufen darf, solange die Zeit der Welt geht: Herr, sei für uns da. Sei du uns nah.

 16 Darum geh hin und versammle die Ältesten von Israel und sprich zu ihnen: Der HERR, der Gott eurer Väter, ist mir erschienen, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, und hat gesagt: Ich habe mich euer angenommen und gesehen, was euch in Ägypten widerfahren ist, 17 und habe gesagt: Ich will euch aus dem Elend Ägyptens führen in das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, in das Land, darin Milch und Honig fließt.

              Jetzt erhält Mose Ausführungsbestimmungen, die ein bisschen umständlich wirken. Er soll die Ältesten von Israel versammeln und vor ihnen Auskunft geben – über seine Gotteserscheinung und über den Plan Gottes. Es sind fast wörtliche Wiederholungen, die gerne damit erklärt werden, dass zwei Quellen zusammen gefügt worden sind.  Das mag so sein – ich lese darin aber mehr die Unumstößlichkeit des Planes Gottes.

  18 Und sie werden auf dich hören.

             Es ist, als ginge Gott noch einmal ausdrücklich auf diesen Menschen Mose ein, als würde er ihm bestätigen: Ja, du hast Zweifel, du hast Vorbehalte. Du rechnest auch mit Widerstand bei den Israeliten. Es leuchtet ein: „Mose fürchtet, dass die Israeliten nicht „hören“ werden, weil er letztlich an seinem eigenen Hören zweifelt.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.32) Es stimmt so: der eigene Zweifel ist immer die größte Hürde auf dem Weg zum Gehorsam, auf dem Weg des Vertrauens. Darauf lässt Gott sich ein, indem er auf Mose antwortet: Aber du sollst es schon bei den ersten Schritten erfahren, dass ich dich auf einen Weg sende, der sein Ziel erreicht. Sie werden auf dich hören. Sie, die dich als Friedensschlichter abgelehnt haben. Jetzt werden sie dich hören.

Danach sollst du mit den Ältesten Israels hineingehen zum König von Ägypten und zu ihm sagen: Der HERR, der Gott der Hebräer, ist uns erschienen. So lass uns nun gehen drei Tagereisen weit in die Wüste, dass wir opfern dem HERRN, unserm Gott.

             Die Anweisungen Gottes sind konkret: Kein Ausreise-Ersuchen für das ganze Volk, sondern nur ein Weg zu einen Opferfest in der Wüste. Die Hürde für den Pharao soll nicht zu hoch gesetzt werden.

 19 Aber ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht wird ziehen lassen, er werde denn gezwungen durch eine starke Hand. 20 Daher werde ich meine Hand ausstrecken und Ägypten schlagen mit all den Wundern, die ich darin tun werde. Danach wird er euch ziehen lassen. 21 Auch will ich diesem Volk Gunst verschaffen bei den Ägyptern, dass, wenn ihr auszieht, ihr nicht leer auszieht, 22 sondern jede Frau soll sich von ihrer Nachbarin und Hausgenossin silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. Die sollt ihr euren Söhnen und Töchtern anlegen und von den Ägyptern als Beute nehmen.

             Aber auch an der niedrigen Hürde wird der Pharao scheitern. Es wird – so ist wohl zu lesen – ein langer Weg mit vielen Widerständen sein, bis sie ausziehen dürfen. Trotz alledem – am Ende werden die Ägypter froh sein, dass sie endlich gehen – und sie nicht mit leeren Händen gehen lassen. Vielleicht darf man es so verstehen: sie, die über lange Zeit hin ohne Lohn schuften mussten, werden am Ende doch den Lohn für ihren Frondienst ausbezahlt erhalten. „Eine Entschädigung für die Fronarbeit und in einem gewissen Sinn das Startkapital f[r das neue Leben.“(Hj. Bräumer, aaO.; S.94) Diese letzten Worte  klingen nach friedlicher Trennung. Nicht nach nächtlicher Flucht und Gewalt.

 

Mein Gott, Du bist da. Du bist uns nah. Du bist für uns da.

Wie leicht vergesse ich das, wenn Sorgen nach mir greifen, Ängste mich durchschütteln, wenn die Last der Welt mir zu schaffen macht

Aber Du bist auch dann da, wenn ich blind für Dich bin, Deine Gegenwart nicht spüre, Deiner Hilfe nicht mehr traue. Du bist dennoch da. Amen