Ungeliebter Helfer

  1. Mose 2, 11 – 25

 11 Zu der Zeit, als Mose groß geworden war, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah ihren Frondienst und nahm wahr, dass ein Ägypter einen seiner hebräischen Brüder schlug. 12 Da schaute er sich nach allen Seiten um und als er sah, dass kein Mensch da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sande.

             Mose wächst auf. Am Königshof. Geformt als Ägypter, geprägt als Ägypter. Als Prinz. „Im Fall des Mose ist anzunehmen, dass seine Erziehung darauf angelegt war, einmal das Ressort für semitische Fronarbeit zu verwalten.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.63) Das kann so sein – der Text sagt es nicht.

            Davon aber erzählt der Text, dass Mose hingeht und sieht, wie es um die Hebräer steht. Unter welchen Bedingungen sie arbeiten in Pitom und Ramses und anderswo. Sieht er das mit neutralen Augen? Oder doch als einer, der weiß: das sind seine Brüder. Es stimmt und er mag es so empfunden haben: „Er ist ein Mensch zwischen den Fronten, der weder zu der einen noch zu der anderen Seite gehört. Er ist ein Außenseiter, und gerade als solcher hat er ein besonders stark ausgebildetes und unparteiisches Gerechtigkeitsempfinden.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.18)  

              Ein Aufseher der Ägypter schlägt, vermutlich muss man sogar lesen: erschlägt (hikkāh, wie auch direkt danach, bezogen auf Mose) einen seiner hebräischen Brüder. Diese Tat beantwortet Mose, indem er den Ägypter erschlägt. Nicht ohne sich vorher versichert zu haben, dass es keine Zeugen für sein Tun gibt. Nur die Sonne war Zeuge und Mose könnte mit dieser unbeobachteten Tat weiterleben wie bisher.

 13 Am andern Tage ging er wieder hinaus und sah zwei hebräische Männer miteinander streiten und sprach zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Nächsten? 14 Er aber sprach: Wer hat dich zum Aufseher oder Richter über uns gesetzt? Willst du mich auch umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast?

             Aber die Tat ist ein Anfang. Weil das Sehen nach den Brüdern auch mehr war als eine Augenblickseingebung. „Mose hat nicht nur aus Neugier einmal nach seinen Brüdern gesehen.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.23) An einem anderen Tag treibt es Mose wieder hinaus – man wird wohl lesen müssen: zu den Fronarbeitern. Diesmal sieht er Streit zwischen zwei hebräischen Männern und mischt sich wieder ein. Es ist, als könnte er nicht unbeteiligt sehen. Sich raushalten. 

            Es ist großartig und doch auch gefährlich zugleich, wenn einer ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat. Großartig, weil er nicht alles durchgehen lässt, sich nicht gleichgültig heraushält. Ruhig zusehen kann, wie Unrecht geschieht. Gefährlich ist es, weil der gerechte Zorn, wenn er tatkräftig wird und handgreiflich, in Unrecht umschlagen kann.

            Von mir selbst weiß ich, dass es manchmal gut ist, wenn die auslösenden Gegenstände meines gerechten Zornes – ob Ereignisse oder Personen – außerhalb meiner Reichweite sind. Solange der Zorn sich nur Worte sucht, mag es noch gehen. Wenn er aber handgreiflich wird, dann wird es gefährlich. Für diese Gefahr und Gefährdung steht Mose.

                  Sein Schlichtungsversuch kommt wohl auch deswegen schlecht an. Wer bist du? wird er gefragt. Was machst du aus Dir? Was maßest du dir an? Was bildest du dir ein? Und dann „sagt der Zurechtgewiesene dem ungebetenen Schiedsrichter ins Gesicht, was wirklich geschehen ist: Getötet hat er!“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.19) Und wird wohl wieder töten, wenn er das Recht so in die eigenen Hände nimmt.

Da fürchtete sich Mose und sprach: Wie ist das bekannt geworden?

             Jetzt überfällt Mose die Furcht. Doch wohl nicht nur, weil seine Tat bekannt geworden ist. Sondern vielleicht auch, weil diese Worte ihn aufwachen lassen wie aus einem Traum. Der Erzähler der Apostelgeschichte, Lukas, deutet so eine Selbst-Täuschung des Mose an, wie sie wohl auch im Judentum in der Diskussion war: „Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht.“(Apostelgeschichte 7,25) Der sich als Wohltäter, als Rechtsbeistand seiner Brüder sehen wollte, muss erschreckt erkennen: so sehen sie mich nicht.

15 Und es kam vor den Pharao; der trachtete danach, Mose zu töten. Aber Mose floh vor dem Pharao und hielt sich auf im Lande Midian. Und er setzte sich nieder bei einem Brunnen.

             Zurückweisung durch die Hebräer und jetzt auch noch: Strafverfolgung durch den Pharao. Als der von dem Vorgang erfährt, will er Mose erfassen und töten lassen. Dem entzieht sich Mose durch Flucht. Ins Ausland, In die Fremde. Nach Midian. Ein Nachfahre Kains ist Mose, hat doch auch er seinen Menschenbruder erschlagen, wenn auch einen aus dem Volk der Unterdrücker.

            Dort, in Midian findet er einen Aufenthaltsort. Eine Bleibe. „Er kam zur Ruhe im Lande Midian.“ (Übersetzung Hj. Bräumer, aaO.; S.67)Der flüchtige Totschläger kann sich niedersetzen und ausruhen. An einem Brunnen.

 16 Der Priester aber in Midian hatte sieben Töchter; die kamen, Wasser zu schöpfen, und füllten die Rinnen, um die Schafe ihres Vaters zu tränken. 17 Da kamen Hirten und stießen sie weg. Mose aber stand auf und half ihnen und tränkte ihre Schafe.

             Es ist nicht die erste Brunnengeschichte, die in den Mosebüchern erzählt wird. Unwillkürlich hört man die früheren Geschichten mit – von Elieser, der Rebekka an einem Brunnen findet und von Jakob, der Rahel am Brunnen trifft.

            Hier sind es die Töchter des Priesters von Midian, sieben Töchter. Und Mose wird ihnen, es sitzt wohl tief in ihm ein regelrechtes „Helfersyndrom“, zum Beistand, darin, dass er sich wieder einmal einmischt. In einem fremden Land in einen fremden Streit. Ganz entgegengesetzt zur Warnung der viel späteren Weisheit: Wer vorübergeht und sich mengt in fremden Streit, der ist wie einer, der den Hund bei den Ohren zwackt.“ (Sprüche 26,17) Hier geht es ohne Gewalt ab. Es reicht, dass Mose hilft, zupackt, die Schafe mit ihnen tränkt.

             Es ist die dritte Erzählung einer Einmischung. „Die drei Erlebnisse des Unrechts scheinen an Gewichtigkeit jeweils abzunehmen, und doch führen sie auf ein Ziel zu. Sie prägen den Weg, den Mose nach Midian gehen muss, als den Weg ins scheinbar Unbedeutende, aus dem Gott beruft.“ (I. Willi-Plein, ebda.)

         Mir scheint, dass hier ein Grundmuster des Lebens des Mose sich schon andeutet: immer wieder gerät er in die Situation, sich auf die Seite der Gefährdeten zu stellen. Partei zu ergreifen. Im Leben des Mose gibt es keinen Rückzug auf die Position des neutralen Beobachters. Er hängt immer mit drin, ob mit gerechten Zorn oder mit der Fürbitte für die, die den Zorn auf sich ziehen.

 18 Und als sie zu ihrem Vater Reguël kamen, sprach er: Warum seid ihr heute so bald gekommen? 19 Sie sprachen: Ein ägyptischer Mann stand uns bei gegen die Hirten und schöpfte für uns und tränkte die Schafe. 20 Er sprach zu seinen Töchtern: Wo ist er? Warum habt ihr den Mann draußen gelassen? Ladet ihn doch ein, mit uns zu essen. 21 Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau. 22 Die gebar einen Sohn und er nannte ihn Gerschom; denn, sprach er, ich bin ein Fremdling geworden im fremden Lande.

             Die Mädchen kommen früher als gewohnt nach Hause. Ihr Vater erkundigt den Grund und lädt dann durch die Töchter den unerwarteten Helfer, den ägyptischen Mann, zu sich nach Hause ein. Reguël  sieht in  seinem Gast einen Ägypter, keinen Hebräer.  Mose lässt sich einladen, bleibt und findet so eine Bleibe. „Er bleibt als schutzbefohlener Gast (hebräisch:ger) bei dem midianitischen Priester, wird sein Schwiegersohn und die Priestertochter gebiert ihm einen Sohn.“(M. Noth, aaO.; S.24)

             Man könnte sagen: Mose findet eine neue Heimat. Eine sichere Bleibe. Aber es ist merkwürdig: Er nennt „seinen Sohn „Ödnissbeisass“, Gerschom… Dort, wo er Obdach und sogar eine Familie gefunden hat, fühlt sich Mose ganz deutlich als Fremder. Wo aber war er zu Hause? Etwa in Ägypten, da er doch als Ägypter galt? Aber auch dort hatte er ja abseits gestanden. Und die Hebräer? Sie waren selbst Leute ohne Heimat.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.20) Es ist, als würde sich im Schicksal des Mose der Satz schon vorab bilden, der Jahrtausende später geschrieben wird: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)

 23 Lange Zeit aber danach starb der König von Ägypten. Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. 24 Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. 25 Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.

            Die Jahre gehen ins Land. Der Pharao stirbt. Aber am Geschick Israels ändert sich nicht. Fronleute, die unter ihrer Knechtschaft leiden und schreien. Was sie schreien, wohin sie schreien – unklar. Ob ihre Klage an Gott gerichtet ist – darüber sagt der Text nichts!

            Allein darauf kommt es an: Dieses Klagen kommt vor Gott. Er hört es, erhört es. Es ist, als würde ihr Schreien sie ihm ins Gedächtnis bringen. Als hätte er sie zuvor ein wenig aus den Augen verloren. Jetzt aber kommt ihr Wehklagen an und  Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. „In Gottes Augen waren die Israeliten zu keiner Zeit  wie für die Ägypter – namenlose fremde Sklaven. Für Gott sind sie und bleiben sie die Nachfahren Abrahams, Isaaks und Jakobs und damit die Erben der den Vätern gegebenen Verheißungen.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.73) Paulus wird – wiederum viel später – daraus den Schluss ziehen: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29)

            Es ist eine Reihenfolge, aus der Heil erwächst, aus der sich die ganze nachfolgende Erzählung, die Befreiung entwickeln wird: Hören – gedenken – sich annehmen. Wobei sich annehmen im Luthertext auch anders übersetzt werden kann: „Er gab sich ihnen zu erkennen. Er tat sich kund.“ Das sind zwei Seiten der einen Münze: indem Gott sich seiner Leute annimmt, macht er sich ihnen kund. Gibt er sich zu erkennen.

            Davon lebt der Glaube bis heute: dass Gott sich zu erkennen gibt, indem er sich seiner Leute und der Welt annimmt. Einen anderen Gott kennt der Glaube nicht, sucht er nicht und braucht er auch nicht!  Und einen anderen Weg zu Gott gibt es auch nicht als den, dass er sich zu erkennen gibt und sich kund macht und sich seiner Welt annimmt.

Mein Gott, wir planen so gerne den nächsten Schritt, das nächste Projekt, Reisen und Lebenswege. Wir schmieden Pläne. Wir haben unseren eigenen Traum vom Leben, von Gerechtigkeit, von unserer Rolle für einen guten Weg.

Wie oft aber werden unsere Pläne durchkreuzt. Wie oft stehen wir selbst uns im Weg. Wie oft meinen wir es gut, aber es ist nicht gut, was wir meinen und tun.

Es ist gut, dass Du uns nicht aus den Augen verlierst, auch wenn wir uns lange vergessen vorkommen, Dir verloren gegangen. Du nimmst Dich unser an. Gott sei Dank. Amen