Aus dem Wasser gezogen

  1. Mose 2, 1 – 10

1 Und es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm ein Mädchen aus dem Hause Levi zur Frau. 2 Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn.

            Szenenwechsel. Von dem großen Gesamtbild der Blick auf ein Paar aus dem Haus Levi. Ein Mann, eine Frau. Ihre Namen erfahren wir erst später: „Das sind die Geschlechter Levis nach ihrem Stammesverzeichnis. Amram nahm Jochebed, die Schwester seines Vaters, zur Frau; die gebar ihm Aaron und Mose.“(6,19-20) Sie wird schwanger. Sie gebiert einen Sohn. Beide, der Mann und die Frau leben so den Segen, den Gott auf die Menschheit gelegt hat. In einem Land, in dem der König diesen Segen nicht will – nicht für ihresgleichen.

Und als sie sah, dass es ein feines Kind war, verbarg sie ihn drei Monate. 3 Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, machte sie ein Kästlein von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils.

            Der Knabe ist ein schönes Kind. „Tob – schön, gut, ansehnlich. Auf ihm ruht schon von Geburt an das Wohlgefallen; Güte und Schönheit sind nicht zu trennen.“(O.-A.Scriba, Aufbruch in Gottes Zukunft, Zur 32. Bibelwoche 1969/70, Berlin 1969, S. 16) Es liest sich als hätte sie ihn verborgen, weil er schön und gut anzusehen ist.  Das drängt die Frage auf: „Hätte Jochebed ihren Sohn, wenn er nicht hübsch oder wenn er krank gewesen wäre, ohne weiteres dem Tod preisgegeben?“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.54 ) Meine Antwort: Nein: Denn es geht hier darum, dass ihr Tun dieses Kind schön, gut, ansehnlich sein lässt.

            Und doch: dieses schöne Kind wird jetzt im Nil ausgesetzt. Sie, die Mutter, folgt also dem Befehl des Pharao: Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil. Aber sie wirft nicht, sondern legt ihn in ein Kästlein. Der Erzähler verwendet für dieses Kästlein das gleiche Wort, wie es früher für die Arche gebraucht worden ist: tebāh. „Es ist kein Zufall, dass der Begriff „Arche“ im Alten Testament nur zweimal vorkommt. In einer „Arche“ wurden Noah und seine Familie gerettet. In einer „Arche“ wurde Mose gefunden.“ (Hj. Bräumer, aaO; S. 55) Vielleicht darf man sagen: dieses Kästlein ist ein erster, sehr verhaltener Hinweis auf Gottes Rettungshandeln. Wie er in der Arche vor der Sintflut gerettet hat, so kann er in diesem Kästlein vor der mörderischen Wut des Pharao bewahren.

4 Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde. 5 Und die Tochter des Pharao ging hinab und wollte baden im Nil, und ihre Gespielinnen gingen am Ufer hin und her. Und als sie das Kästlein im Schilf sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. 6 Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte.

             Die Schwester des Mose – wir erfahren ihren Namen nicht, steht Wache. Um Schlimmeres zu verhüten? Sie wird Augenzeugin, wie die Tochter des Pharao ihren Bruder findet. Zufällig, auf dem Weg zum Baden. Sie finden das Kästlein und als sie es öffnen – Überraschung! Ein weinender Knabe.

 Da jammerte es sie und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein.

            So knapp kann man erzählen und doch so gewichtig. Es jammerte sie. Sie ist nicht gefühlskalt. Sie spürt Erbarmen. Sie hat kein Anteil an dem Leben ohne Erbarmen (1,14), dass die Israeliten bedroht. „Sie hat im Gegensatz zu ihrem brutalen Vater menschliches Mitleid mit dem hilflosen Knaben, obwohl sie sich darüber klar ist, dass er offenbar ein Hebräer-Knabe ist.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S. 15)Man muss wohl davon ausgehen: Sie kennt den Befehl ihres Vaters zur Vernichtung hebräischer Jungen.  Aber dieser Befehl spielt jetzt keine Rolle. Weil sie ein leibhaftiges Kind vor Augen hat, ist es, als gäbe es diesen Befehl nicht. Nicht für sie.

 7 Da sprach seine Schwester zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und eine der hebräischen Frauen rufen, die da stillt, dass sie dir das Kindlein stille? 8 Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. 9 Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen. Die Frau nahm das Kind und stillte es.

            Jetzt kommt die Schwester aus der Deckung und betritt offen die Bühne. Sie macht einen atemberaubend klugen Vorschlag. Sie will für eine der hebräischen Frauen sorgen, die dieses Findelkind für die Pharaotochter stillt. Ihr Vorschlag findet Gehör. Sie kann die Mutter rufen und die übernimmt im Auftrag der Pharao-Tochter jetzt die Fürsorge für das Kind. Stillen, Wickeln, Dasein. Alles, was für ein Kind wichtig ist, ist jetzt offizielle Aufgabe

10 Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.

            Das geht so, bis das Kind groß ist. „Die übliche Zeit des Stillens in Ägypten war drei Jahre.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.58) Dann bringt sie ihren Sohn zu der Pharao-Tochter. Diese adoptiert den Sohn als ihren Sohn und gibt ihm den Namen: Mose. Eine Anspielung auf den Fundort. Er ist ein „Herausgezogener“ – so das Verb mašah – herausziehen.  So erklärt sich Israel den Namen. Aber der Name Mose hat auch ägyptische Berührungen wie Ahmose oder Thutmosis.

            Durfte die Tochter des Pharao das – einfach einen hebräischen Knaben adoptieren? Hatte sie so viele Rechte, so viele Freiheiten? Ist das vorstellbar, dass sie den menschenverachtenden Befehl des Vaters einfach unterläuft? Das sind Fragen, die wir stellen. Aber es sind Fragen, auf denen das Interesse des biblischen Erzählers nicht liegt.

            Sein Interesse ist anders. Er will zeigen, dass über dem Weg des Knaben kein ungewisses Schicksal waltet. Sondern „sein ungewisses Schicksal heißt Jahwe.“ (M. Noth, ebda.) Nur: das zeigt sich tief hinein verborgen in das Geschehen. „Alle Personen, durch die Gott in dieser Erzählung seinen Heilsplan gegen die „klugen“ Mordpläne ins Werk zu setzen beginnt, sind, von außen betrachtet, unbedeutende Menschen, die nur tun, was in der jeweiligen Situation ihre Aufgabe ist: Die Geburtshelferinnen helfen zur Geburt, der Mann nimmt seine Frau, die Mutter umgibt ihr Kind mit Zuversicht, das Mädchen „sieht“ das Erbarmen der Prinzessin. Gottes Werkzeuge haben keine komplizierten Pläne auszuhecken, sondern ihren Platz auszufüllen.” (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.16)

             Man muss nicht immer schon, und schon gar nicht im Voraus wissen, dass man in Gottes Plan eine Rolle spielt. Es genügt zu tun, was dran ist, was menschlich geboten ist. Getreu dem Wort Kierkegaards: „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber erst rückwärts verstanden.“

Mein Gott, manchmal genügt es, einfach nur zu sehen, zwei Augen, ein Gesicht, ein weinendes Kind.

Wenn aus der großen Zahl Einzelne werden, dann verändert sich das Bild, bekommt das Erbarmen eine Chance, vielleicht. Wenn wir uns berühren lassen von dem, was wir sehen.

Gib Du uns die Augen, die die Einzelnen sehen, nicht nur die Menge, die sich dem Erbarmen nicht verweigern. Amen