Zwei tapfere Frauen

  1. Mose 1, 1 – 22

1 Dies sind die Namen der Söhne Israels, die mit Jakob nach Ägypten kamen; ein jeder kam mit seinem Hause: 2 Ruben, Simeon, Levi, Juda, 3 Issachar, Sebulon, Benjamin, 4 Dan, Naftali, Gad, Asser. 5 Und alle leiblichen Nachkommen Jakobs zusammen waren siebzig an Zahl. Josef aber war schon vorher in Ägypten.

             Die Namen der Söhne Israels stehen am Anfang dieses Buches. Das ist keine Nebensache – sondern transportiert eine Überzeugung: Geschichte hat es immer mit konkreten Menschen zu tun, die einen Namen tragen, aus einem Lebenszusammenhang her kommen,  hier dem Zusammenhang der Wanderung Jakobs nach Ägypten. Der Bogen wird gespannt: „So steht am Anfang des Buches in seiner Anknüpfung an das erste Mosebuch und die wunderbaren Ereignisse der Josefsgeschichte die Liste der Stammväter, die Aufzählung der „Söhne Israels“, die Gott viele Generationen früher nach Ägypten hatte kommen lassen, um sie dort zu seinen Volk zu berufen und zu befreien.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.9)  

             Es sind Einzelne, die selbstständig – ein jeder kam mit seinem Hause – nach Ägypten gekommen sind. Aber sie gehören zusammen und sie werden in Ägypten zum Volk. Aus der Einzel- und Familiengeschichte wird in Ägypten Volksgeschichte.

 6 Als nun Josef gestorben war und alle seine Brüder und alle, die zu der Zeit gelebt hatten, 7 wuchsen die Nachkommen Israels und zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark, sodass von ihnen das Land voll ward.

            Das ist mehr als nur eine Notiz über die kraftvolle überaus starke Vermehrung. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“(1. Mose 1, 28)  Dieser Segen und Auftrag des Anfangs in der Schöpfung kommt zum Tragen.  Gleich vier Verben stehen dafür:  wachsen – zeugen – mehren – stark werden. Es ist, so darf man wohl lesen, ein geradezu unaufhaltsamer Prozess, weil er dem Willen des Schöpfers entspricht. Das Resultat: „Durch die Erfüllung des segnenden Vermehrungsbefehls ist die kleine Jakobssippe zum großen Volk geworden.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S. 37)   

8 Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef 9 und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk Israel ist mehr und stärker als wir. 10 Wohlan, wir wollen sie mit List niederhalten, dass sie nicht noch mehr werden. Denn wenn ein Krieg ausbräche, könnten sie sich auch zu unsern Feinden schlagen und gegen uns kämpfen und aus dem Lande ausziehen.

            Frühere Zeiten zählen nicht mehr. Dass Josef einmal für Ägypten eine wichtige, wohl tuende Rolle gespielt hat, gerät in Vergessenheit. Was zählt ist die Gegenwart, und in ihr die Angst vor diesem so rasch wachsenden Volk. Die nüchternen Analyse des Pharao: sie sind mehr und stärker als wir kann nicht darüber hinwegtäuschen: Hier hat die Angst das Sagen. Es ist eine diffuse Angst, durch nichts im Verhalten der Israeliten begründet. Aber gerade das macht Angst oft so stark, dass sie diffus ist, rationalen Gründen nicht zugänglich und deshalb eben unangreifbar und unfassbar.„Die „Bevölkerungsexplosion“ der an sich ohnmächtigen Fremden macht ihm Sorge.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.14) Dagegen muss man etwas tun. Das kann nicht einfach so hingenommen werden. Klugheit, List ist gefragt.

          „Das Motiv des Pharao ist Angst. Es ist das gleiche Motiv, das zutiefst auch heute dem Antisemitismus und jeder Form von Fremdenhass zugrunde liegt: Angst vor dem Fremden aus Unsicherheit über die eigene Position. Darum ist diese Angst dumm, gerade wo sie es „klug anstellen“(1,10) will, um den anderen, vor dem es einem „graut“ (1,12), zu beseitigen.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.12) Es ist die Angst, die heute Pegida plagt – Angst vor der Überfremdung, vor dem Weg in die Minderheit, vor der Feindseligkeit des „Gastvolkes“. Töricht damals und dumm heute. Aber mörderisch gefährlich.  

 11 Und man setzte Fronvögte über sie, die sie mit Zwangsarbeit bedrücken sollten. Und sie bauten dem Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratsstädte. 12 Aber je mehr sie das Volk bedrückten, desto stärker mehrte es sich und breitete sich aus. Und es kam sie ein Grauen an vor Israel. 13 Da zwangen die Ägypter die Israeliten unbarmherzig zum Dienst 14 und machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit in Ton und Ziegeln und mit mancherlei Frondienst auf dem Felde, mit all ihrer Arbeit, die sie ihnen auflegten ohne Erbarmen.

            Der erste Schritt: Ausbeutung. Arbeiten lassen, ohne Lohn, ohne Rechte. Zum Aufbau der neuen Königsstädte Pitom und Ramses werden diese ungeliebten Hebräer als Fronarbeiter herangezogen. „Für die Ägypter war „Hebräer“ ein umfassender Begriff zur Bezeichnung aller nicht hergehörigen Fremden. (Hj. Bräumer, aaO.; S.41) Es ist die zynische Erwartung: wenn wir sie arbeiten lassen bis zum Umfallen, haben sie keine Kraft mehr, sich zu vermehren. Dem könnte auch vernünftige, listige Strategie weiter helfen: „Ist an eine räumliche Trennung der zwangsarbeitenden Männer von den Frauen gedacht?“ (E. Kellenberger, ebda.)  Gesagt wird dazu nichts.

            Es läuft auf einen Umgang mit den Israeliten hinaus, der ohne Erbarmen ist, der kein Mitleid kennt, auch keinen Skrupel. Weil das Grauen überhandnimmt, weil es ihnen unheimlich ist, dass alle Maßnahmen nicht greifen. „Je stärker das Volk Israel bedrängt wird, desto mehr wächst es.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.43) Was bleibt ist die unbarmherzige Erschwerung der Umstände der Arbeit, die zynische Hoffnung, wie sie über KZ-Toren stand: „Arbeit macht frei.“ Da ist kein Raum für Humanität in solchem Grauen.

 15 Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hieß und die andere Pua: 16 Wenn ihr den hebräischen Frauen helft und bei der Geburt seht, dass es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben. 17 Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben.

             Weil aber alle diese Maßnahmen nicht fruchten, verfolgt der König von Ägypten einen neuen Plan. Diesmal direkt, aber immer noch irgendwie getarnt. Schon bei der Geburt sollen die beteiligten Hebammen, Schifra und Pua, Auslese betreiben. Statt Helferinnen zum Leben zu sein sollen sie den Tod bringen – für alle Söhne der hebräischen Frauen. Die furchtbare Auslese an der Rampe von Auschwitz und Birkenau und anderswo hat hier in der staatlich geplanten Selektion „noch am Steinpaar, dem orientalischen Gebärstuhl“ (I. Willi-Plein, ebda.) ihr Vorbild. Selektieren von Anfang an. Es steht nicht nur schlecht um die Lebenschancen israelitischer Jungen. Sie haben keine.

            Sind es hebräischen Hebammen, denen der König diesen Mordbefehl gibt oder sind es Hebammen für die Hebräerinnen, vielleicht also doch Ägypterinnen? Vom Wortlaut her ist alles möglich und letztlich nicht zu entscheiden. „Zahlreiche jüdische Ausleger gehen davon aus, dass die Hebammen Proselytinnen waren.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.47)Zum jüdischen Glauben übergetreten.

            Wie auch immer, ob hebräische Frauen oder Ägypterinnen oder Proselytinnen, an ihnen hängt es nun, ob die Geschichte des Gottesvolkes weitergeht. An ihrer Entscheidung. Wie knapp erzählt hier der biblische Text: Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben. Nichts über  Erwägungen der beiden Frauen, nichts über Gewissensnöte oder kluges Abwägen. Nur das Ergebnis ist wichtig. Aber was für ein starker Satz: Gottesfurcht ist nichts nur Innerliches, sondern hat konkrete, lebensdienliche Folgen für andere.

          Angst ist todbringend, Gottesfurcht dagegen bedeutet Leben – in erster Linie Leben für die anderen, die Schwächeren, hier die Kinder, die sich nicht wehren können; wider Erwarten aber auch Leben für die Geburtshelferinnen, für die Gott es gut ausgehen lässt.“ (I. Willi-Plein, aaO.;S.13) Es sind tapfere Frauen, die sich nicht auf einen Befehlsnotstand berufen.

 18 Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst? 19 Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. 20 Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. 21 Und weil die Hebammen Gott fürchteten, segnete er ihre Häuser.

            Sie werden vom König zur Auskunft bestellt. Weil sein Plan nicht funktioniert. Würden sie es zugeben, dass sie den Plan unterlaufen – sie wären des Todes. Sie weichen aus. Sie verschleiern ihren Anteil an den Geburten. Sie lügen. „Gottesfurcht schließt sogar List und Lüge der Hebammen mit ein!“ (E. Kellenberger, aaO.; S.15) Aber: wichtiger als die moralische Integrität: nicht lügen ist die moralische Aufgabe: Leben bewahren. Es ist nicht so einfach auf den Wegen Gottes. Manchmal braucht es eine Abwägung der Werte, die auf dem Spiel stehen!

22 Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk und sprach: Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil, aber alle Töchter lasst leben.

             Die Antwort des Pharao ist die eines Despoten. Jetzt gilt sein Befehl nicht mehr zwei Hebammen, sondern dem ganzen Volk. Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil. „Der Pharao mobilisiert sein Volk zum Völkermord – der Pogrom, die erste Judenverfolgung der Geschichte, beginnt.“ (I. Willi-Plein, ebda.) Wieder sollen die Töchter verschont werden. Aber das ist wohl kein Rest an Humanität, sondern das schlichte Kalkül: vielleicht lässt sich mit den Mädchen noch etwas anfangen – als Sklavinnen, billige Arbeitskräfte oder auch sonst. Es hätten sich schon Verwendungen finden lassen.

            Die Jungen aber – ab in den Nil. Ersäufen wie junge Katzen.

 Mein Gott, ich danke Dir für die Tapferkeit, die in keinem Geschichtsbuch steht, die keine Schlagzeilen gemacht hat, die oftmals erst viel später aufgespürt und aufgeschrieben wird.

Ich danke Dir für Männer und Frauen, die sich von der Gottesfurcht haben leiten lassen, die aus ihr die Kraft gewonnen haben, ihrem Gewissen zu folgen, sich unmenschlichen Befehlen zu verweigern.

Gib Du, dass wir sie nicht nur bewundern, sondern von ihnen lernen, Gottesfurcht und Tapferkeit. Amen