Gott – alles in allem

1.Korinther 15, 50 – 58

 50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.

             Es wirkt wie ein Neueinsatz, vielleicht auch wie ein Atemholen zu einem abschließenden Gedankengang. Noch einmal schärft es Paulus ein: Es gibt keinen natürlichen Übergang und Zugang zum Reich Gottes. „Fleisch und Blut machen das Wesen des natürlichenund sterblichen Menschen in seiner Kreatürlichkeit aus.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/4  Neukirchen 2001, S.368) Einmal mehr ist Paulus ganz nahe bei dem, was der 4. Evangelist später schreiben wird und nimmt es gewissermaßen vorweg: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3)

            Der gleiche Paulus, dem so viel daran liegt, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, der Auferstandene der Gekreuzigte, dass es eine unauflösliche Identität der Entschlafenen mit denen, die auferweckt werden, gibt, betont hier die Diskontinuität: Kein nahtloser Übergang. Das Sterbliche ist nicht Reich-Gottes-fähig, wird also die „Unvergänglichkeit“ – so besser statt Unverweslichkeit – nicht erben.  Daran liegt Paulus: „Es geht nicht um eine Wiederbelebung der sterblichen, vergänglichen, verwesenden Leiber der Toten, sondern um eine ganz neu geschaffene, dem Wesen Gottes entsprechende Leiblichkeit.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.269)

  51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; 52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.

            Ein Geheimnis gibt Paulus weiter. μυστριον. Mysterion. Er treibt Mysterien-Verrat. Darin unterscheidet sich ja das junge Christentum von den zahlreichen Kulten der Umwelt: Es will gerade keine Geheimlehre für ein paar Eingeweihte sein, eine Elite. Sondern es ist Botschaft an alle.

            Das Geheimnis: wir werden alle verwandelt werden. Es gibt keinen Vorsprung für die, die schon entschlafen sind, auch keinen Rückstand für die, die schon entschlafen sind. Es gibt auch keinen Vorsprung für die, die am lieben jüngsten Tag, zur Zeit der letzten Posaune leben. Es ist offensichtlich: Für Paulus ist es seine Erwartung, realistische Möglichkeit, dass diese letzte Posaune bald erklingt. „Die Wiederkunft Jesu wird noch zu seinen Lebzeiten stattfinden“. (W. Klaiber, ebda.)

             Fernab von aller Spekulation über Zeitpunkt ist das das Thema des Paulus: Wir alle werden verwandelt werden. Keiner und keine wird bleiben, wie er oder sie war. „Diese wunderbare Verwandlung betrifft nicht nur etwas am Menschen, etwa seine äußere Gestalt, oder seine innere Struktur, sondern umgreift den Menschen als Ganzen. Er wird nicht bloß verändert, sondern ein radikal anderer werden, und zwar inklusive seiner Leiblichkeit.“ (W.Schrage, aaO.; S.372)

             Das aber geschieht im Nu. Plötzlich. ν τμ. In einem unteilbaren Moment. Es ist kein Prozess, keine langsame Entwicklung. Sondern das Reich Gottes kommt am Ende, zur Zeit der letzten Posaune – von einem Augenblick auf den anderen.

            Es ist wichtig, was der Kommentator festhält: „Bei Paulus, den die Sorge um die Identifizierung und Identitätssicherung der vom Tod Erweckten offenbar nicht plagt, geschieht die Verwandlung sofort mit der Auferweckung der Toten. Nicht, dass man sich selbst und andere wieder erkennt, sondern dass Gott schöpferisch und verwandelnd handelt, ist auch hier der springende Punkt.“ (W.Schrage, aaO.; S.375)

             Die etwas bange Frage: Werden wir uns denn wiedersehen und wieder erkennen? tritt in den Hintergrund.

Would you know my name if I saw you in heaven?
Would it be the same if I saw you in heaven?
          E. Clapton 1991

 Sie tritt zurück, weil das Bild bestimmt wird von dem einen: Gott erweckt zum neuem Leben. Alles andere darf man dann auch getrost ihm überlassen

 53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. 54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«

             In dieser Verwandlung geschieht, was schon lange angesagt ist durch die Propheten: Die endgültige Entmachtung des Todes. Mehr noch: Seine Vernichtung. Er hat ausgespielt und tritt ab von der Bildfläche. Es gibt ihn nicht mehr. Das ist die Zukunft, die Paulus sieht.

            Darum stimmt er jetzt schon, in der Zeit, in der der Stachel des Todes noch nicht endgültig gezogen ist, doch schon in diese Worte der Propheten mit ein. Leiht sie sich, macht sie sich zu eigen, singt es als sein kleines Siegeslied nach.

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.

             Wenn der Tod aber ausgespielt hat, seine Macht verloren hat, dann hat aber auch mit ihm ausgespielt, was ihn so schmerzhaft macht: die Sünde. Und das Gesetz. Er hat keine Handhabe mehr und kein Werkzeug. Auch wenn Paulus im Brief an die Korinther die Rolle des Gesetzes nicht so diskutiert wie in seinem späteren Brief nach Rom – das steht für ihn fest: Das Gesetz hat keine Macht mehr über die Christen. Die Sünde hat keine Macht mehr über sie. Weil sie in Christus sind, sind sie frei.

  57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

             Es ist der Sieg Christi, den Paulus vor Augen hat, der Sieg des Auferstandenen, Auferweckten. An diesem Sieg haben wir als Christen Anteil. Weil Gott uns daran Anteil gibt. Ihn uns an- und zurechnet. Wieder drängt sich mir der Blick auf den 4. Evangelisten auf:  „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33)

 58 Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

 Es ist die Antwort auf diesen Sieg, der den Christen voraus ist, der ihnen die Tür weit aufmacht: seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn. Die Antwort auf die große Auferstehungshoffnung ist eine nüchterne Beständigkeit im Hier und Jetzt. Ist das Handeln im Geist Christi, das anderen zugute kommt. Ist das Tun, das sich die Hände schmutzig macht in der Schinderei des Alltags, weil es keine Angst mehr davor hat, die helle Zukunft Gottes zu versäumen. Nichts von dem, was wir in dem Herrn tun, ist vergeblich, leer, κενς. Nichts läuft ins Leere. Mag sein, das Tun macht keine Schlagzeilen. Aber es hat Langzeitwirkungen bis in die Ewigkeit.

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise;
und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt,
da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in uns’re Welt.        M. Siebald 1973, EG 621

Herr Jesus, ich kann mich Dir lassen mit meinen Fragen, meiner Sehnsucht, meinen Hoffnungen

Ich muss es nicht wissen, wie das geht: Auferstehung. Vollendung. Ewiges Leben.

Es reicht mir, dass es Dir entgegen geht, Dir, der uns durch den Tod voraus gegangen ist, den Weg frei gemacht hat, der uns die Tür des Vaterhauses offen hält, jenseits der Zeit

Bis dahin will ich zufrieden sein: Du bist bei uns alle Nächte, alle Tage. Amen