Sogar der Leib hat Zukunft in Gott

1.Korinther 15, 35 – 49

 35 Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen?

             Nach der grundsätzlichen Debatte darüber, ob es überhaupt eine Auferweckung gibt, geht Paulus jetzt auf die Anfrage ein: Wie werden die Toten auferstehen? Wie soll man sich das denn vorstellen? Das sprengt doch jede Vorstellungskraft – und weil das so ist, so die nächste Folgerung, gibt es keine Auferstehung.

            Mich erinnert das an meine Schüler. Die argumentierten auch so: Wenn alle auferstehen, vom Anfang der Welt an – dann ist doch gar nicht Platz genug auf der Erde. Durch diese ungeklärte Platzfrage war für sie die Erwartung der Auferstehung irgendwie unrealistisch. Aus der einfachen alltäglichen Erfahrung: Leben braucht Platz.

            In Korinth fragen sie nicht nach dem Platz. Sondern nach dem Leib. σμα. Nach dem, was im Grab gelandet ist. Das ist ja das Ärgernis in der Darstellung des Paulus: er redet von einer Auferweckung, die den Leib betrifft, nicht nur irgendwie die Seele oder den Geist. Von einem Geschehen, das eine sichtbare Seite hat.

  36 Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. 37 Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.

              Die erste Antwort: Es ist wie beim Säen. Das geht auch nur durch das Sterben hindurch. Ganz, wie es auch im Mund Jesu klingt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24) Offenkundig ist die Erfahrung, die antike Naturbeobachtung, die beim Säen gemacht wird, eine, die in der Christenheit auf die Auferstehung angewendet wird. Das Saatkorn wird der Erde preisgegeben und verschwindet in ihr. Aber das ist notwendig, damit neue Frucht werden kann.

           Was das Johannes-Evangelium im Blick auf Sterben und Auferstehen Jesu sagt, wendet Paulus auf die Christen an. Der Weg zur Auferweckung geht durch das Sterben. „Gott schenkt neues, leibhaftiges Leben durch den Tod hindurch.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.262) Es gibt – und daran hängt für Paulus fast alles – ein Kontinuität zwischen dem Korn, das in die Erde gegeben wird und dem, was als neue Frucht, als Leib daraus hervor geht.

 38 Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib. 39 Nicht alles Fleisch ist das gleiche Fleisch, sondern ein anderes Fleisch haben die Menschen, ein anderes das Vieh, ein anderes die Vögel, ein anderes die Fische.

             Kontinuität sagt Paulus und gleich daneben: Verschiedenheit. Daran hängt sein Denken: Gott gibt – wie er will. Der Zusammenhang zwischen dem, was in den Tod gegeben wird und dem, was aus dem Tod kommt, legt nicht im Menschen, nicht im Stofflichen, sondern im Geben Gottes. Leib – ja. Aber Leib, wie er, Gott, will.

            Darum kann Paulus gelassen die Verschiedenheit anführen. Seltsamerweise jetzt nicht mehr Verschiedenheit der Leiber, sondern des Fleisches. σρξ. Das ist bewusste Wortwahl, weil es jetzt um die irdische Wirklichkeit gibt. Fleisch ist nicht gleich Fleisch. Das wissen sie doch auch in Korinth. Was aber hier in der Weltwirklichkeit gilt, das muss doch – so legt der Gedanke nahe -, erst recht gelten in Beziehung auf die Wirklichkeit der neuen Schöpfung.

 40 Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen. 41 Einen andern Glanz hat die Sonne, einen andern Glanz hat der Mond, einen andern Glanz haben die Sterne; denn ein Stern unterscheidet sich vom andern durch seinen Glanz.

             Die Weltwirklichkeit – die Verschiedenheit des Fleisches – überträgt Paulus jetzt auf die Differenz zwischen irdischer und himmlischer Wirklichkeit. Auch da gilt: unvergleichlich. Irdische und himmlische Körper – jetzt wieder σματα – sind beide Körper, aber doch grundlegend verschieden. Unvergleichlich. Ihre Herrlichkeit – jetzt verwendet Paulus das Wort δξα -ist verschieden. Aber: Der Glanz Gottes, die Herrlichkeit Gottes, spiegelt sich in beidem – in den irdischen Leibern mit ihrer Vergänglichkeit und im unvergänglichen, himmlischen Körper.

            Wahrscheinlich kennt Paulus, aufgewachsen mit den Schriften das Wort:  Die Gott aber liebhaben, müssen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht!“(Richter 5,31) Vielleicht kennt er auch das Wort, das Jesus über das Ende der Zeit gesprochen hat, weil es an ich n weitergegeben worden ist:  Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre!“(Matthäus 13,43). Beide Sätze haben ein Echo im Lied unserer Tage gefunden:

Die Gott lieben werden sein wie die Sonne,
die aufgeht in ihrer Pracht.                                        P. Strauch, 1981

            Darum kann Paulus unbefangen von der Herrlichkeit der Leiber reden, sowohl der irdischen als auch der himmlischen. Ihre Herrlichkeit, ihr Glanz ist Reflex der Herrlichkeit Gottes. Sonst nichts.

 42 So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. 43 Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. 44 Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.

             Daran aber liegt Paulus: Was hier armselig anfängt, verweslich, in Niedrigkeit, das findet seine Vollendung. Nicht körperlos. Nicht nur geistig. Sondern in einem geistlichen Leib. „Alle Wege Gottes enden in der Leiblichkeit.(F.Ch. Oettinger) Es ist wahr: „Es gehört zum Wesen geschöpflicher Existenz, vergänglich zu sein.“ (W. Klaiber, aaO.; S.263) Aber genauso wahr ist in den Augen des Paulus, dass Gott ins Fleisch kommt, dass er die Leiblichkeit will. Dass es kein irdisches, kein himmlisches, kein göttliches Leben ohne Leib gibt.

            Im Gegenüber zu den Korinthern, die aus einer Tradition der Leibverachtung kommen,  wohl auch der Leibfeindlichkeit, hält Paulus fest an der Würde des Leibes. Er ist nicht nur Träger und Gefängnis des Geistes, der Seele, ungeliebter Aufenthaltsort des „Eigentlichen“ am Menschen, sondern er ist Geschenk Gottes, Aussaat Gottes.  Und so wie es den natürlichen Leib gibt, so gibt es auch einen geistlichen Leib.

             Was aber ist, wo Paulus jetzt  so stark auf die Verschiedenheit abhebt, denn das Kontinuum? Die eine Möglichkeit wäre: der Leib. Beides ist ja Leib, das Irdische und das Himmlische.  Ich glaube aber, dass das Kontinuum von Paulus anders bestimmt wird: Es wird gesät. Das ist die Verbindung.  „Allein in Gottes Schöpfertreue“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/4  Neukirchen 2001, S. 300), der sät, liegt die Verbindung, die Kontinuität. Sein Tun ist die Verbindung, nicht irgendetwas an und in unserem Wesen. Das macht mich frei gegenüber allen Spekulationen über irgendwelche ewigen Anteile im Menschen.

45 Wie geschrieben steht: Der erste Mensch, Adam, »wurde zu einem lebendigen Wesen« (1.Mose 2,7), und der letzte Adam zum Geist, der lebendig macht.

             Einmal mehr stellt Paulus den ersten Menschen, Adam, dem letzten Adam, Christus, gegenüber. Das Ziel dabei ist: Die Korinther sollen verstehen, dass sie nicht mehr in der adamitischen Wirklichkeit allein aufgehen, sondern sie leben jetzt schon in der angebrochenen Christuswirklichkeit.

46 Aber der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der natürliche; danach der geistliche. 47 Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der zweite Mensch ist vom Himmel. 48 Wie der irdische ist, so sind auch die irdischen; und wie der himmlische ist, so sind auch die himmlischen.

            Auch daran liegt Paulus im Gespräch mit den Korinthern, dass sie die Wirklichkeit nicht überspringen. Zu der Wirklichkeit gehört auch die Reihenfolge, sachlich und zeitlich: irdisch – himmlisch, natürlich – geistlich. Es gibt ohne die natürliche Existenz keine geistliche – und solange wir auf der Erde unterwegs sind, ist die natürliche Existenz die Bedingung für alles Geistliche. Man darf das nie überspringen. Genauso ist es mit dem, dass wir irdisch sind, von unten, von der Erde, πγεια. Wer das leugnen wollte, macht sich etwas vor.

49 Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen.

             Das aber ist die Hoffnung, die Paulus hier, sehr verhalten, formuliert.  Wir werden Bild Christi, so wie wir als Geschöpfe  das Bild des Menschen, Adams Bild getragen haben, aber immer schon dazu berufen, mehr als nur Menschen-Bild  zu sein, sondern Bild des Schöpfers zu werden. Jetzt formuliert Paulus Gewissheit: Wir werden das Bild des himmlischen – Christus -tragen. Dieser Satz entspricht dem, wie er über die Taufe sprechen kann: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“(Galater 3,27) Das erwartet Paulus als die Vollendung der Auferstehung, der Welt, dass die Christen zum Bild Christi werden, auf das kein Dunkel und kein Schatten mehr fällt.

            Es bleibt Erwartung. Es ist noch nicht so weit. Das sagt er den Korinthern, die die Erwartung überspringen wollen, weil sie alles schon jetzt erfüllt sehen in der Gegenwart des Geistes. Für sie gibt es kein „noch nicht“. Wie anders spätere Lehrer der Kirche: „Jetzt fangen wir in einem Leben der Wiedergeburt erst an, das Ebenbild Christi in uns aufzunehmen; wir werden von Tag zu Tag mehr in dasselbe verklärt. Aber erst dereinst wird die völlige Erneuerung an Leib und Seele geschehen. Dann wird vollendet, was jetzt noch im Anfang steht.“ (Calvin, zit. nach W.Schrage, aaO.; S. 359 )

 Es ist ein Stammeln, Stottern, Buchstabieren, mein Jesus, wenn wir versuchen zu sagen, was doch keiner sagen kann, was es mit der Auferstehung ist, Deiner und unserer.

Wir wissen es ja nicht und alles Erklären ist Stückwerk. Aber Du, Du Auferstandener, hältst an uns fest, hältst uns fest. Einmal  aber werden wir Dich sehen.

Dann wird unser Fragen und Erklären überholt sein, nicht mehr ganz so wichtig wie wir gerne tun, weil die Wirklichkeit, Dich zu sehen und vor Dir zu stehen, größer und schöner ist, über alles Verstehen und Begreifen hinaus. Darauf warte ich. Amen