Der Blick in den Abgrund der Lüge

1.Korinther 15, 12 – 19

 12 Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

             Das ist die urchristliche Botschaft:  Christus ist von den Toten auferstanden. Darin ist sich Paulus mit allen anderen Boten einig. Das haben auch die Korinther als Grundton des Evangeliums gehört – und angenommen. Aber doch gibt es in Korinth einige, längst nicht alle, die sagen: Auferstehung der Toten – gibt es nicht. Das ist noch nicht die Aussage: Jesus kann doch nicht auferstanden sein.

            Leider sagt Paulus nichts über die Hintergründe dieser Parole in Korinth. Nur, dass sie einige, vielleicht Wortführer in der Gemeinde? – so vortragen. Denkbare Hintergründe für diese Haltung: 1. Eine grundsätzliche Bestreitung jeder Vorstellung von einem Weiterleben nach dem Tod. 2. Der ebenso grundsätzliche Vorbehalt gegen eine leibliche Auferstehung. Was nach dem Tod bleibt, ist die Befreiung der unsterblichen Seele aus dem Gefängnis des Leibes. 3. Eine Auferstehung der Toten ist deshalb überflüssig, weil im Glauben schon jetzt die geistliche Auferstehung geschehen ist. „Für sie wiedersprach der Gedanke an eine zukünftige leibliche Auferstehung dem Glauben an die schon geschehene Erlösung ihres Geistes, des eigentlichen Kerns ihrer Person vor Gott.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.250)

           Ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht klar sagen können, welche dieser Überlegungen in Korinth leitend waren.  Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allen Motiven gewesen. So wie ja auch heute Menschen nicht nur aus einem Grund Schwierigkeiten mit der Botschaft „Auferstehung der Toten“ haben.  Auch in der Kirche und völlig unbeschadet der Tatsache, dass wir Sonntag für Sonntag bekennen: „Ich glaube die Auferstehung der Toten.“ Manche denken: es ist besser, da nicht zu genau nachzufragen.

 13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

             Paulus ist für ein Stillhalteabkommen in Sachen Auferstehungs-Zweifel nicht zu haben. Er will klären. Und benennt deshalb als erstes die Konsequenzen. Ohne diese Wirklichkeit: „Auferstehung der Toten“ gibt es auch keine Auferstehung Jesu Christi. Das eine – die Auferstehung des Einzelnen, des Christus, hängt untrennbar an der Auferstehung aller. „Wenn es undenkbar ist, dass Tote auferstehen, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden!“ (W. Klaiber, aaO.;S.251) Salopp gesagt: Christus als die Ausnahme von der Regel – das gibt es nicht.  Für Paulus gilt: „Die Auferweckung Jesu als singulärer Einzelfall ist ganz unvorstellbar“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/4  Neukirchen 2001, S. 128)

             Ohne Wenn und Aber  zieht Paulus daraus radikale Konsequenzen: Ohne die Auferstehung Jesu ist alles Sagen des Evangelium leeres Gerede, vergeblich und baut der Glaube auf ein Fundament, das nicht trägt. Κενός„leer, eitel, grundlos, vergeblich“. (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.431) Ausgesprochen deftig übersetzt die VOLXBIBEL: „Dann war doch alles, was wir erzählt haben und auch euer Vertrauen auf Gott für den Arsch!“ (M. Dreyer, Volxbibel, München 2012, S. 1168) Meine Sprache ist das nicht, aber es trifft im Kern die Aussage des Paulus. Christlicher Glaube ohne den Glauben an den auferstandenen Christus ist Unsinn. Leer.

 15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.

             Mit anderen Worten: Ohne die Auferweckung Christi ist die christliche Botschaft eine Lügengeschichte. Priesterbetrug – so glauben ja manche bis heute. Dabei sagt Paulus nicht, dass er und die anderen Apostel in betrügerischer Absicht unterwegs wären. Sozusagen böswillig betrügerisch. Sondern es geht um die Verblendung von Zeugen, die „eine Gottestat bezeugen, die es gar nicht gegeben hat.“(W.Schrage, aaO.; S.131) Die es nicht geben haben kann, wenn nicht die ganze Welt der Auferweckung der Toten entgegen läuft.

  16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.

             Noch einmal, zum Wiederholen, weil daran für Paulus alles hängt: Wer die allgemeine, zukünftige Auferstehung der Toten bestreitet, der bestreitet damit zugleich die Auferweckung Christi. Bestreiten die Oster-Wirklichkeit und die  Grundlage der Oster-Botschaft: “er ist auferstanden.” Wer das eine, die allgemeine Auferweckung nicht glaubt, muss damit die Auferweckung Christi auch zwangsläufig als Hirngespinst streichen. So viel Logik muss sein, sagt Paulus.

 17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18 so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.

             Wieder ist Paulus radikal in seiner Folgerung: Dann ist der Glaube nichts. Und er wird „persönlich“:  Euer Glaube – eitel, vergeblich, unnütz, zwecklos. ματαα. Dann fehlt allem, auf was ihr euch beruft, das Fundament. Dann ist es auch nichts mit der Vergebung. Dann stehen eure Sünden immer noch gegen euch und ihr seid und bleibt in ihnen gefangen. „Ohne Freispruch von der Schuld der Sünde und ohne Freiheit von der Macht der Sünde.“ (W.Schrage, aaO.; S.131) Dann bleibt alles beim Alten: „Welt ging verloren.“ Und am Ende sind die Toten nur tot, verloren für Zeit und Ewigkeit. Dann ist die Welt eine Welt, die auf das große Nichts zuläuft, in sich sinnlos, ungeliebt. Dann steht am Ende das unüberwindbare Minus.

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

             Entschlossen verstellt Paulus auch den Ausweg, der bis heute durchaus populär ist: Wenn sich am Ende herausstellt, dass das ganze Evangelium eine Luftnummer war, dann hat es doch dem Leben Halt und Farbe gegeben. Nein, widerspricht Paulus. Wenn es nur unser Leben hier verschönern soll, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Betrüger vor Gott, Betrüger vor uns selbst. Betrüger vor allen Menschen. Betrüger vor der Welt. „Der Ausfall der Auferstehungsbotschaft ist nach Paulus durch nichts zu kompensieren.“ (W.Schrage, aaO.; S.135)

             Es ist wohl wirklich so: „Auch die größten Worte und Taten Jesu, auch die tiefgründigsten theologischen Gedanken und bewundernswertesten karitativen Aktionen bleiben vergebliche Liebesmühe, wenn dem Tod nicht einst endgültig die Macht genommen wird.“ (W.Schrage, aaO.; S.136) Es ist der Blick in einen Abgrund der Sinnlosigkeit, den Paulus seinen Leuten in Korinth – und uns heute – nicht erspart.

         Wenn die Auferweckung der Toten ausfällt und damit die Auferweckung Christi nur eine Chimäre ist, dann hat es in der Weltgeschichte nie eine schlimmere Verführung gegeben als die Botschaft von der Auferweckung – und was daraus geworden ist: die christliche Kirche.

Damit habe ich mich oft herum geschlagen, mein Gott, was denn wäre, wenn die Auferstehung nur ein schöner Traum ist, wenn ich jahrzehntelang gepredigt hätte, und alles wäre nur leeres Gerede.

Du ersparst mir dieses Fragen nicht. Du forderst es mir ab, dass ich den Blick in den Abgrund aushalte.

Ich danke Dir, dass Deine Wahrheit nicht daran hängt, dass ich so felsenfest glaube, unerschütterlich und zweifelsfrei.

Sie hängt allein an Dir, an dem, was Du getan hast an Ostern, in der Stille der Nacht, ohne alle Zeugen, an Jesus. Amen