Wir haben ihn gesehen!

1.Korinther 15, 1 – 11

 1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.

             Ein neues Thema: Fast so, als wäre über den vielen Worten aus dem Blick geraten, worum es geht. Paulus geht es immer um das Evangelium. Um seine Wirkung: Es macht selig. Durch das ihr gerettet werdet – so wörtlich σζεσθε. Es lässt fest stehen. Aber: es will auch festgehalten werden.

            Es ist eine doppelte Erinnerung – einmal an das, was Paulus verkündigt hat. Zum anderen aber auch daran, dass sie in Korinth diese Verkündigung auch angenommen haben. Daran erinnert Paulus: „Es ist der Grund ihres Glaubens und das Mittel ihrer Rettung, von dem jetzt die Rede sein wird.“ (H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.140) Es braucht immer beides: Die klare Verkündigung und Ohren, Verstand und Herzen, die sie annehmen. Menschen, die sich das Evangelium auch wirklich gefallen lassen. Die am Evangelium festhalten, damit sie nicht gewissermaßen ins Blaue hinein glauben.

 3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe:

             Was Paulus in Korinth verkündigt, gepredigt, was er weitergegeben hat, ist nicht seine Erfindung. „Es geht Paulus um die Übereinstimmung seiner Missionsverkündigung von der Auferweckung des für unsere Sünden gestorbenen Christus mit der gesamten urchristlichen Verkündigung.“(C.Wolf, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.150) Also keine paulinische  Sonder-Botschaft, sondern er hat vielmehr selbst empfangen. Keiner gibt sich den Glauben selbst. Sondern alle stehen mit ihrem Glauben in einer Kette der Weitergabe – in einer Erzählgemeinschaft. .

            Was folgen wird, sind geprägte Worte, Bekenntnisformeln, die älter sind und auf die Paulus zurückgreift. Daraus „ergibt sich, dass die Kirche Christi seit den frühesten Anfänge nie ohne Credo existiert hat.“ (H.D. Wendland, ebda.) 

            Diese wenigen Worte markieren den Unterschied zwischen christlichem Glauben und Religiosität. Religiosität ist eine Reise in die eigene Seele, die nichts von außen braucht, keine Erzählungen, keine Formen. Sie genügt sich selbst Der christliche Glauben kann sich nie selbst genügen. Er entsteht aus Weitergabe des Empfangenen und er wird bewahrt in der Weitergabe des Empfangenen.

Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

            Das sind Zentralsätze: gestorben ist für unsre Sünden, begraben, auferstanden am dritten Tage. Es ist die Verdichtung, wie wir sie im sonntäglichen Glaubensbekenntnis nachvollziehen.

            Nach der Schrift betont Paulus. Ohne doch eine einzelne Schriftstelle aus der Hebräischen Bibel anzuführen. Nicht, weil er keine wüsste, sondern weil ihm die ganze Schrift dafür Zeugnis ist. Was da in Kreuz und Auferstehung geschehen ist, das ist geschehen nach dem Heilswillen Gottes. Es geht Paulus nicht um einen formalen „Schriftbeweis“: da steht es doch. Sondern es geht ihm um den rettenden Willen Gottes, den er in diesem Geschehen am Werk sieht. Darum auch für uns.

           Was an Karfreitag und Ostern in Jerusalem geschehen ist, hat seinen Wert nicht darin, dass es ein einmaliges Ereignis in der Geschichte ist, sondern darin, dass es für uns geschieht. Dass es Gottes Weg ist, uns zugute, den er mit Jesus Christus geht, durch das Dunkel des Todes in die Tiefe der ausweglosen Nacht in das Licht des neuen Schöpfungsmorgens. Für uns. Die Worte heben „besonders hervor, dass die Auferweckung Jesu nicht der Vergangenheit angehört, sondern als abgeschlossenes Ereignis seine fortdauernde Bedeutung für die Gegenwart behält.“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/4  Neukirchen 2001, S. 38)

5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

            Neben die Schrift treten die Zeugen. Er ist gesehen worden. Paulus will, so denke ich, nicht die Auferstehung beweisen. Aber er will bezeugen, dass es Begegnungen mit dem Auferstandenen gegeben hat – und gibt. Erfahrungen, dass er lebt, dass er in die Gegenwart hinein wirkt. Durch seinen Geist.

            Es ist eine Zeugen-Reihe, die singulär ist. Wobei Kephas, also Petrus,  und die Zwölf ja auch in den Oster-Erzählungen der Evangelien Jünger mit einer eigenen Begegnung mit dem Auferstandenen sind. Von einer Erscheinung vor 500 Brüdern berichten die Evangelien nicht. Genauso nicht von einer Begegnung mit Jakobus – gemeint ist wohl der Bruder Jesu. Von ihm wissen wir: „Zu Jesu Lebzeiten war er jedenfalls kein Anhänger Jesu.“ (C.Wolf , aaO.; S.168)  Den vorläufigen Abschluss bildet dann eine Erscheinung vor allen Aposteln.

            Sie alle sehen ihn. Das griechische Wort φθη  legt nahe: Er ließ sich sehen. Er ist erschienen. Es ist ein Sehen in der Zeit und doch zugleich ein Sehen, das eine neue Dimension eröffnet. Denen, die ihn gesehen haben „war weder ein wiederbelebter Leichnam noch der Geist eines Verstorbenen begegnet, sie hatten Jesus in der neuen Wirklichkeit gesehen, in die Gott die Menschen am Ende der Zeit stellen würde.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.243) Weil Ostern der Anfang der Neuschöpfung ist, der Anbruch und Einbruch der Ewigkeit in die Zeit.

  8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

             In diese Zeugenreihe reiht sich Paulus am Ende auch selbst ein. Mit seiner Erfahrung vor Damaskus, die er hier nicht ausführt, wohl aber benennt. In dem Bewusstsein, dass sie das Geschenk seines Lebens ist, die große Wende. Unverdiente Gnade. Das ist ihm widerfahren als einem, der ohne diese Erfahrung völlig sinnlos leben würde – so die eigentliche Bedeutung von unzeitigen Geburt. Er ist nicht nur zeitlich der letzte in seiner Aufzählung. Er ist auch sachlich der letzte, der geringste unter den Aposteln, der es in keiner Weise erwartet und verdient hat. Nicht wert, nicht würdig, aber doch dieser Begegnung gewürdigt.

            Dass einer Bote Jesu Christi sein darf, hängt nicht an der Qualität, die er oder sie von Hause aus mitbringt. Es hängt allein daran, dass es eine Berufung gibt, eine Begegnung, dass der Auferstandene sagt: Du sollst mein Bote sein. Ich will dich. Bei Johannes klingt das so: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16) Ein Wort des irdischen Jesus. Aber genauso beruft auch der Auferstandene.

 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

             Diese Erfahrung lässt ihn nicht ruhen. Diese Erfahrung hat er auch nicht als seine private Gnadengeschichte für sich behalten. Sie hat ihn in Gang gesetzt. Sie treibt ihn an. Hier taucht für einen Augenblick das Bild des rastlosen reisenden Missionar Paulus auf. Der durch den Raum der Ägäis eilt, von Stadt zu Stadt. Von dieser Gnade ist sein ganzes Leben jetzt geprägt. Sie gibt er weiter in seiner Verkündigung.

            Vielleicht darf man sagen: Ostern ist Erfahrung der Gnade. Das verworfene Leben wird gerechtfertigt. Das gilt als erstes dem gekreuzigten Christus. Er, den die Menschen verurteilt, verhöhnt, ausgegrenzt, verworfen und zu Tode gebracht haben, er wir in der Auferstehung gerechtfertigt. Er, für den die Menschen kein gutes Wort mehr hatten und dem sie als letzte Wort ihr Nein entgegen gehalten haben, er steht durch die Auferstehung unter dem unwiderruflichen Ja Gottes. Sein Leben ist durch den Tod hindurch bejaht. Und so wird er zum Wort, in dem das Leben erschienen ist. Ostern ist der Ausgangspunkt der Botschaft, die seitdem in der Welt ist: Das Leben steht unter dem Ja Gottes. Auch das verworfene, zerbrochene, gescheiterte Leben. Und weil das nicht nur eine gedachte und erdachte Botschaft ist, darum hängt so viel daran: er ist erschienen. Er ist gesehen worden. Das Ja Gottes ist über den Tod hinaus sichtbar geworden – an dem Auferstandenen.

            Mehr als alle hat er gearbeitet. κοπιᾶν, „Sich abmühen, sich abplagen bezeichnet im Griechischen die härteste und schwierigste Arbeit, die normalerweise nur Sklaven zugemutet wurde.“ (W. Klaiber, aaO.;  S.247) )Aber das passt ja zu Paulus, der sich gerne einmal als Diener, als Sklave Jesu Christi bezeichnet. Es ist ein Wort, das er gerne für seine Missionstätigkeit verwendet. Sie kostet Mühe.

11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

             Wie auch immer: auf diesem Fundament der Zeugen beruht der Glauben der Gemeinde in Korinth. Und, wichtiger noch: In dieser Botschaft ist Paulus sich mit allen anderen Boten des Evangeliums einig.

Herr Jesus, darüber lobe und preise ich Dich, dass Du nicht in der Herrlichkeit verschwunden bist, dass Du Menschen begegnet bist, Du Auferstandener

Darüber lobe und preise ich Dich, dass wir Deine Auferstehung glauben dürfen, den Zeugen folgen, die es uns sagen: Der Herr ist auferstanden

Darüber lobe und preise ich Dich, dass wir zu Deinen Zeugen werden dürfen, heute in unserer Welt hinein ausrufen dürfen: Der Herr ist auferstanden. Der Tod ist besiegt. Das Leben hat gewonnen. Amen