Mundtot gemacht?

 1.Korinther 14, 33b – 40

 Wie in allen Gemeinden der Heiligen 34 sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden. 36 Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist’s allein zu euch gekommen?

             Ein Abschnitt, der wilde Debatten verursacht. Nicht nur von Frauen her, auch unter Männern. Die einen sagen: Das kann nicht von Paulus sein und entlasten ihn so. Anderen zeigt Paulus hier sein Gesicht als einer, der ein schwieriges Verhältnis zu Frauen hat.

            Die Worte stehen im Widerspruch zu früheren Sätzen, in denen Paulus die Mitwirkung von Frauen voraussetzt: Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.“(11,5) Nicht dass Frauen prophetisch reden und beten stellt Paulus in Frage, sondern nur wie sie es tun. Von daher befremdet hier  das unbedingte Schweigegebot.

            Die Begründung ist doppelt: so halten es alle anderen Gemeinden. Und: Es ist einfach nicht üblich. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden. Das hört sich nach Rücksicht auf die heidnische Umwelt an. „Nicht nur der Arm, sondern nicht einmal das Wort der züchtigen Frau soll öffentlich sein und sie soll die Stimme wie eine Entblößung scheuen und unter den Menschen draußen behüten.“(Plutarch, zit. nach W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.247)

             Das also sind die Argumente: alle machen es so, sogar die Heiden. Frauen haben nichts in der Öffentlichkeit zu melden. Es liegt auf der Hand, dass Paulus manchmal mit dem Zusammenhalt und der Übereinstimmung in den Gemeinden argumentiert. Sich auf das beruft, was üblich ist. Es liegt aber auch auf der Hand, dass dieses rigide Redeverbot sich mit dem beißt, was sonst von Paulus zu hören ist über die Mitwirkung der Frauen an der Arbeit in der Gemeinde. Weiß er doch immerhin von einer Apostelin namens Junia in höchster Ehrfurcht zu reden (Römer 16,7)

             Und weil der Abschnitt auch in Sprachstil und Wortwahl, nicht nur im Inhalt, doch Paulus fremd erscheint, halten viele Ausleger diese Sätze für eine spätere Zufügung. Von einem, der meint, Paulus müsste doch Ordnung geschaffen haben und dazu gehört eben, dass die Frauen die Gemeinde nicht durch Zwischenrufe und Zwischenfragen verwirren. Ich neige dazu, diese Ansicht – später Zusatz – zu teilen.

            Gleichwohl: die weitergehende Frage heißt ja, ob damit denn der ganze Abschnitt erledigt, irrelevant für uns ist. Bei uns heute dürfen die Frauen reden, beten, lehren, Gemeinde leiten. Hier hilft die Überlegung, dass Paulus sich auf die Umwelt und ihre Maßstäbe beruft – und eben nicht auf göttliche Weisung und göttliches Gebot. Es gibt Entscheidungen für das Umgehen und Leben in der Gemeinde, auch im Gottesdienst, die zeitbedingt fallen und nicht von Ewigkeitswert sind. Manchmal sogar beeinflusst durch Entwicklungen im Umfeld der Gemeinde, die durchaus nicht vom Glauben geleitet sind.

            Umso wichtiger ist freilich, dass wir unser Verhalten heute durchdenken und es nicht einfach nur machen wie alle. Es braucht die Begründungen, die der Sicht des Glaubens gerecht werden, die der einzelnen Bibelstelle durch das gesamtbiblische Zeugnis ihren Stellenwert lassen, aber gleichzeitig die Freiheit für andere Entscheidungen heute festhalten. Begründungen also, die beispielsweise unser heutiges Verhalten in der Gemeinde auf die Gleichebenbildlichkeit von Mann und Frau in der Schöpfung zurückführen, auf die Gleichheit der Erlösten in Christus, auf den einen Geist, der in beiden, Männern und Frauen wirkt.

            Ein bisschen barmherzig möchte ich aber auch mit Paulus – oder einem späteren Zusatz-Schreiber – umgehen. Er hat ja in einem seiner Spitzensätzen zur Sprache gebracht, was zum Thema eigentlich zu sagen ist: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesu.“ (Galater 3,28) Nur das weiß ich aus eigenem schmerzhaftem Erleben, dass es unglaublich schwer ist, einen theologische Grund-Satz herunter zu brechen in die Alltagsgestalt der Gemeinde, auch gegen Sitte und Gewohnheit, gegen das Urteil der Umwelt. Es dauert, bis eine Einsicht aus der Höhe der Gottesgedanken – Theologie – in den Niederungen des Alltags verankert ist, so dass sie die Richtung des Lebens beeinflusst. Es ist beklagenswert: wir bleiben so oft weit hinter dem zurück, was wir im Glauben verstanden zu haben glauben. Dieser Riss im Leben steht gegen uns, klagt uns an. Nicht nur Paulus. Es ist hart, das zu sehen.

 37 Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt, der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe. 38 Wer aber das nicht anerkennt, der wird auch nicht anerkannt.

             Das wirkt wie eine große Keule: Wer mir widerspricht, meine Worte nicht anerkennt, in ihnen nicht das Gebot des Herrn wahrnimmt, der ist auf dem Holzweg. Wer wirklich vom Geist Gottes geführt wird, der wird in dem, was ich, Paulus schreibe, den Geist erkennen. Gegen eine solche Beweisführung gibt es keine Argumente mehr. Entweder folgt man ihr oder man lehnt sie rundweg ab.

            Woran Paulus liegt, ist unmissverständlich klar zu machen: „Was ich vorgetragen habe, ist keine Privatmeinung.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.145) Auch nicht nur einfach Mehrheitsposition. Sondern es ist so, dass Paulus mit seinen Worten dem „Gott des Friedens“ (14,33)dient.

            Ich denke darüber hinaus: Es geht Paulus hier nicht nur darum, seinen Worten über die Ordnung der Zusammenkünfte Nachdruck zu verleihen, sondern es geht ihm um ein grundsätzliches Verstehen seines Briefes. Er ringt darum, dass die Gemeinde seine Wegweisungen als das anerkennen, was sie in den Augen des Paulus sind: als ein Weitergeben der guten Weisungen Gottes.

 39 Darum, liebe Brüder, bemüht euch um die prophetische Rede und wehrt nicht der Zungenrede. 40 Lasst aber alles ehrbar und ordentlich zugehen.

            Als hätte er das Gefühl, ein wenig harsch geschrieben zu haben, schlägt er am Ende versöhnliche Töne an.  Zum dritten Mal nach 12,31 und 14,12 : ζηλοτε. Eifert, Bemüht euch. Paulus ist weit entfernt davon, die Gaben gering zu achten Er möchte, dass sie die Gemeinde reich machen. Und möchte, dass sie geübt werden, gebraucht zum Nutzen aller. In guter Ordnung.

Mein Gott, manchmal habe ich nichts als Dein Wort,  kein Argument mehr, schon gar kein Beweismittel. Nur was ich von Dir gehört habe, was ich aus dem Evangelium verstanden habe.

Es ist gut, dass Du uns alle Machtmittel nimmst, mit denen wir Druck ausüben könnten, um unsere Sicht des Glaubens, unsere Wahrheit durchzusetzen.

Deine Wahrheit ist leise, machtlos, aber nicht ohnmächtig. Deine Wahrheit gewinnt Herzen, wo und wann Du willst.

Hilf Du mir dazu, die Ohnmacht des Wortes auszuhalten, Vertrauen zu lernen, dass Du Dein Wort nicht leer lässt, sondern es bestätigen wirst,  wo und wann Du willst. Amen