Gegen die Insider-Sprache

1.Korinther 14, 13 – 25

 13 Wer also in Zungen redet, der bete, dass er’s auch auslegen könne. 14 Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist; aber was ich im Sinn habe, bleibt ohne Frucht.

             Weil es den Korinthern so wichtig ist, weil diese Gabe für sie so sehr im Vordergrund steht, bleibt Paulus am Thema – Zungenrede, Glossolalie. Und nennt eine Bedingung dafür, die wie in der Gemeinde praktiziert werden soll. Wer sie übt, der bete, dass er’s auch auslegen könne.  damit die anderen verstehen können und nicht nur der Himmel seine Freude daran hat.

 15 Wie soll es denn nun sein? Ich will beten mit dem Geist und will auch beten mit dem Verstand; ich will Psalmen singen mit dem Geist und will auch Psalmen singen mit dem Verstand. 16 Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger dabeisteht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? 17 Dein Dankgebet mag schön sein; aber der andere wird dadurch nicht erbaut.

             Es ist eine indirekte Auslegung dessen, was Zungenreden ist: „Beten“, „“lobsingen“, „segnen“, „danksagen“, davon ist allein die Rede.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.236) Das hat alles sein Recht – und ehrt Gott. Und doch: Es gibt Menschen in der Gemeinde, die das nicht verstehen, die dieser Sprache unkundig sind. διτες. Idiotes „ist der Laie, der Nicht-Fachmann. der Nicht-Eingeweihte.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.403) Er, sie hört Laute, aber sie sagen ihm nichts. Er muss sich vorkommen wie ein Idiot.

            Was Paulus hier über die Zungenrede sagt, gilt doch für alles Reden im Gottesdienst! Maßstab für das Reden muss derjenige, diejenige sein, der oder die nicht eingeweiht ist. „Im Übrigen kann man nur der Verallgemeinerung zustimmen, hier einen Angriff des Paulus auf alles gottesdienstliche Reden in Insidersprache herauszuhören, das sich um die am Rande und die draußen nicht bekümmert und mit selbstgenügsamer Fertigkeit einer esoterischen Sprache oder gar eines christlichen „Jargons“ sich bedient, dem gegenüber ein Fremder sich hoffnungslos draußen fühlen muss.“ (W.Schrage, aaO., S.402 )

                 Das sind kritische Worte, die bis heute uneingeschränkt gelten und nichts an Gültigkeit verloren haben. Die Sprache der Kerngemeinde, aber auch die Sprache der christlichen „Profis“, schließt oft genug aus. Umgekehrt gilt auch: die milieuspezifische Sprache, der sehr spezielle Musikgeschmack, auch die kulturelle Eigenart irgendeiner gemeindlichen Gruppe ist oft eine unübersteigbare Barriere für die, die im Gottesdienst Heimat und Zuflucht suchen, weil sie sonst immer alleine sind. Wo immer es so zugeht, ist mit Paulus die Frage nach der Liebe  zu denen zu stellen, die den Platz des Uneingeweihten innehaben.

18 Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. 19 Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.

             Erstaunlich: Paulus praktiziert Zungenrede. Mehr als ihr alle. Er hat diese Gabe – und sie ist ihm offensichtlich nicht peinlich, sondern wichtig. So wichtig, dass er Gott dafür dankt! Es geht nicht an, sich auf Paulus zu berufen, wenn man diese enthusiastischen und ekstatischen Erfahrungen aus dem Leben der Christen am liebsten verbannen möchte.

            Nur, das steht für Paulus außer Frage: der eigentliche Platz für diese Gabe ist nicht der Gottesdienst aller, sondern die Anbetung des Einzelnen. Im Gottesdienst geht es um reden mit meinem Verstand. Um Worte, die den anderen dienen. Um Worte, die unterweisen: κατηχσω Unser „Katechismus“ kommt von da her. Ein Wort, das wir, paradox genug, insidermäßig gebrauchen, aber in den seltensten Fällen erklären.

 20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.

              Der Katechismus ist eine Basis-Unterweisung in den Wissens-Gegenständen des Glaubens. Aber auch wer das alles weiß, was im Katechismus steht, ist noch nicht im Glauben unterwiesen. Dazu braucht es ein Verstehen des Herzens. Das erhofft sich Paulus für seine Korinther. Dazu will Paulus ermutigen – sich nicht einfach nur irgendwelchen Gefühlen oder Atmosphären hinzugeben, sondern durchaus den Verstand, das Verstehen zu nützen, um zu unterscheiden. Paulus will den durch sein Verstehen unterscheidenden Gottesdienst-Teilnehmer.

 21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.« 22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.

             Es ist eine Gerichtsansage an Israel, auf die Paulus jetzt zurückgreift. Weil Israel die Worte der Propheten verachtet und sich nicht rufen lässt, wird es andere Worte zu hören kriegen, andere Sprachen. Aber auch durch diese fremden Zungen werden sie sich nicht rufen lassen. Sie werden diese Sprachen hören und doch nicht hören, weil sie eben nichts verstehen.

            Genauso verhält es sich mit der Zungenrede. Sie wirkt keine Umkehr, weil sie nicht verstanden wird von den Unkundigen und Ungläubigen. Aber diese Feststellung ist kein Vorwurf gegen die Ungläubigen, sondern ein Vorwurf gegen die, die sich selbst in ihrer Zungenrede gefallen und nicht verstehen wollen, dass die Ungläubigen Worte brauchen, die sie verstehen können. „Durch die Glossolalie (Zungenrede) wird den Ungläubigen der Weg zum Glauben und zum Bekenntnis zu Gottes Gegenwart vielmehr gerade verlegt.“ (W.Schrage, aaO.; S.408) Darum sagt die Zungenrede den Ungläubigen nichts. Sie ist ein unverständliches, seltsames Phänomen, mehr nicht. Sie wird so lediglich zu einem Zeichen, das ihren Zustand, nicht zu verstehen und nicht zu glauben, manifestiert.

 23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?

             Paulus könnte zurückgreifen auf das Wort, das er aus Jesaja angedeutet hat: „Zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw kaw (Jesaja 28,11) Unverständliche Kinder-Gestammel. Gelalle. Würde nicht einer, der in so eine Versammlung mit solchen Wortfetzen gerät, nur noch den Kopf schütteln können? Eine Wirkung, die einen Zugang zum Glauben öffnet, geht davon jedenfalls nicht aus! Sagt Paulus in der Einseitigkeit, in der er manchmal redet.

24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

              Dem gegenüber ist es die prophetische Rede, die die Wirklichkeit des menschlichen Herzens aufdeckt. Das kennzeichnet das prophetische Reden, „dass es den Besucher ins Gewissen trifft und er sein Innerstes erkannt und aufgedeckt sieht.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.241)

                 Es ist mir ein bisschen zu kurz und zu schnell gedacht, wenn ich lese: „Die Prophetie… hält ihm in Form einer Gerichtsrede seine Sünden vor und fordert ihn zur Umkehr auf.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.137) Ich kann in diesen Sätzen auch das andere gut lesen: Da wird ein Mensch plötzlich seiner tiefen Sehnsucht nach Gott gewärtig. Da spürt er auf einmal, wie sehr er angewiesen ist auf die Liebe, die ihn nicht fallen lässt, was immer auch gegen ihn sprechen mag. Da begreift einer, was er vorher nie begriffen hat, dass die Unruhe seines Herzens erst gestillt ist, wenn er zur Ruhe findet in Gott.

         „Indem Menschen mit der Wahrheit über sich selbst konfrontiert werden, begegnen sie der Wirklichkeit Gottes und bekennen: In der Gemeinde ist Gott gegenwärtig.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.228) Es geht Paulus nicht zuerst und auch nicht ausschließlich darum, dass einer oder eine über seiner und ihrer eigenen Schuld verzagt und sich dann unterwirft, sondern dass ihn oder sie die Gegenwart Gottes so anrührt, dass er, dass sie gar nicht mehr anders kann als niederfallen und anbeten.        

             So, wie wir es ja gerne auch einmal im Gottesdienst singen:

Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten  und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.                                   G.
Tersteegen 1729, EG 165

             Dieser ganze Abschnitt ist eminent wichtig. Gerade für uns heute, eine Volkskirche auf dem Rückzug, befasst mit dem mehr oder weniger unfreiwilligen und noch nicht akzeptierten Rückbau. Weil zwar die Glossolalie, mit der Paulus sich hier herumschlägt als Phänomen aus unseren Kirchen – abgesehen von ein paar pfingstlichen Gemeinden – verschwunden ist. Aber das dahinter liegende Problem ist eine bleibende Frage an uns als Kirchen: An wem richten wir unser Reden aus? Dient es nur uns selbst – zur Selbstbestätigung? Dient es nur einem kleinen Kreis, meinetwegen der Kern-Gemeinde, die heute auch immer mehr schrumpft, um sie mit vertrautem Vokabular bei der Stange zu halten? Dient es nur der innerkirchlichen Verständigung, womöglich gar nur dem Nachweis: Ich kann auch theologisch gelehrt, geistlich tiefgehend  daher reden? Oder dient es wirklich dem, der zur Gemeinde kommt, weil er sucht und fragt, weil ihm um Trost bange ist, weil er eine Sehnsucht in sich trägt, von der er hofft, dass wir in der Kirche, in der Gemeinde ihr eine Richtung zeigen können. Gar nicht unbedingt, dadurch, dass wir Antworten parat haben und verteilen, sondern darin, dass wir mit ihm das Suchen und Fragen – nach dem Gott hinter allem – aushalten.

Herr Jesus, lass Du die vielen Worte, die wir machen, durchsichtig werden, durchklingend werden für Dein Wort, Deine Stimme, Dein Reden.

Lass Du in den vielen Worten spürbar werden, wie Deine Liebe uns sucht,   Deine Treue uns hält, Dein Erbarmen uns zurecht bringt.

Gib Du, dass unser Leben nicht unsere Worte Lügen straft. Amen