Verständlich sprechen

1.Korinther 14, 1 – 12

    1 Strebt nach der Liebe!

        Die Kapiteleinteilung in unseren Bibelausgaben lässt manchmal zu wünschen übrig. Sie ist nicht heilig, auch nicht unfehlbar. Darum darf sie auch kritisch befragt werden. Dieser Satz passt, so sehe ich es, wunderbar als Abschluss zum Hohenlied der Liebe – 1. Korinther 13. Die Zuordnung zu Kapitel 14 ist wohl ausgelöst durch das „strebt“, Δικετε, dem dann gleich ein „bemüht euch“, „eifert“ folgen wird. Als Eröffnung des Nachfolgenden wirkt er gleichwohl irgendwie schräg. Es sei denn, man liest alles, was folgt, unter diesem Vorzeichen. Dann macht es freilich Sinn: Alles, was jetzt gesagt werden wird, steht immer noch unter dem Vorbehalt: Ohne Liebe ist alles nichts.

 Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!

            Seltsam: der gleiche Paulus schreibt hier, der zuvor so oft seine Skepsis hat sichtbar werden lassen. Jetzt: Müht euch! ζηλοῦτε, wie schon in 12,31. Streckt euch aus nach den Gaben des Geistes. „Das „Streben“ ist kein eigenmächtiges Sich-Einüben, sondern ein Bemühen, das sich im Gebet äußert.“ (C.Wolf aaO.; S.130) Die beiden so eng aufeinander folgenden Imperative unterstreichen: Man darf die Gaben des Geistes „haben“ wollen! Mit aller Macht. Man kann, darf und soll sich für den Geist und seine Gaben öffnen.

            Unter den außerordentlichen Gaben des Geistes – um die geht es hier – ist die Gabe des prophetischen Redens besonders erstrebenswert. Die Begründung für diese Vorzugsstellung liefert Paulus anschließend nach.

 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.

             Der Vorzug der prophetischen Rede ergibt sich aus dem Vergleichen und ist schlicht in ihrer Richtung begründet. Sie kommt den Nächsten und der Gemeinde zugute. Menschen in der Gemeinde werden stabilisiert, getröstet und ermutigt. Auch dadurch, dass sie ihrer Zukunft bei Gott vergewissert werden – das wäre ja im engeren Sinn prophetischer Zuspruch.

             Die andere in Korinth hoch geschätzte Gabe,  Zungenreden – oder Sprachengebet, wie man auch sachgemäß übersetzen kann –  dagegen wendet sich ausschließlich an Gott. Es bleibt für die Menschen, die es miterleben, unverständliches Gelalle. Nur Gott hat etwas davon – könnte man salopp sagen. Und natürlich, so trägt Paulus nach: Zungenreden erbaut den, der es „macht“. Der erhebt sich dabei über seine engen Grenzen. Der sieht – so würde ich sagen – den Himmel schon ein wenig offen.

             Eine persönliche Erfahrung aus den frühen 70er Jahren lässt mich weiter denken. Damals habe ich in einer Pfingstgemeinde das Sprachengebet miterlebt, ein Singen über den Horizont hinaus. Ich habe nichts verstanden, aber ich bin bis heute davon tief berührt. Und darum weit entfernt von der Skepsis, die ich bei den meisten evangelischen Zeitgenossen gegenüber diesem Phänomen des Sprachengebetes und Zungenredens beobachte.

            Aber es ist typisch Paulus: wichtiger als das Abheben in den Himmel ist ihm das Aufheben der Nächsten, die Zuwendung zu denen, die da sind – Arme, Geplagte, Sorgenvolle. Der Ernstfall des Glaubens ist in der Zeit nicht der himmelhochjauchzende Lobpreis, sondern die tief demütige diakonische Zuwendung zur Gemeinde. „Zu den Geringsten meiner Brüder.“(Matthäus 25,40) 

            Prophetische Rede – das ist in diesem Sinn: Platzanweisung bei denen, die es nötig haben. Da wirst du gebraucht. Da gehe hin. „Es war offenbar etwas Ähnliches wie unsere Predigten, wie ja auch die alttestamentliche Prophetie ihr Schwergewicht nicht in einer Voraussage der Zukunft hat, sondern in der Deutung des göttlichen Willens in der Gegenwart.“ (E. Stange, Der erste Korintherbrief, Bibelhilfe für die Gemeinde, Leipzig o.J, S.40) Prophetische Rede ist so ganz in der Tradition der Propheten: sie sagen das Wort in die Zeit hinein, das einen neuen Weg weist – hier eben, so lese ich Paulus, den Weg zu den Geringen in der Gemeinde.

 5 Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde. 6 Nun aber, liebe Brüder, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?

             Immer noch: Zungenreden. „Was diese Gabe an hilfreicher Erfahrung schenkt, soll möglichst allen zugute kommen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.222) Aber irgendwie kommt Paulus aus der Polemik gegen das Reden in Zungen dennoch nicht wirklich heraus. Nicht aus einer grundsätzlichen Skepsis – die bleibt den späteren Kirchen vorbehalten, die so unkontrollierbare Phänomene doch eher fürchten als fördern. Sondern seine Skepsis hat im Blick, dass die Gemeinde vor allem anderen verständliche Worte braucht. Vielleicht könnte man auch sagen: Gesunde Lehre. Vernünftige Theologie.

             Es wirkt wie Erinnerung an die Anfänge der Gemeinde: sind sie dadurch Gemeinde geworden, dass Paulus in fremden Sprache gelallt hat? Und wenn er jetzt wieder käme – würden sie dann auf ihn hören, wenn er in Zungen spräche? Sie würden doch gar nichts verstehen! Nur Gott im Himmel und Paulus selbst hätte etwas davon.

            Nein, was die Gemeinde braucht, ist anderes: Worte der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre. Nur damit kann doch die Gemeinde wirklich nach vorne gebracht werden. Wenn es um die größeren Gaben (12,31)geht, so gilt bei Paulus: Die Gabe, die den meisten in der Gemeinde dient, also den normalen Leuten, das ist die größere Gabe. Und nicht die Gabe, die dem, der sie „hat“ und „ausübt“, Ansehen einbringt. Hier nun: was alle akustisch und vom Wortlaut her auch inhaltlich verstehen können, das hat Vorrang.

7 Verhält sich’s doch auch so mit leblosen Dingen, die Töne hervorbringen, es sei eine Flöte oder eine Harfe: wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Kampf rüsten?

             Paulus nimmt sich selbst in seinen Worten ernst, indem er Vergleiche sucht, die seine Leute in Korinth verstehen können. Musikstücke leben von ihrer Klarheit. „Nur durch eine klare und deutliche Tongebung kann man Melodie und Rhythmus erkennen und das, was gespielt wird, nachvollziehen.“ (W. Klaiber, aaO.;  S.223) Erst recht gilt das für Signalrufe, wie sie beim Militär eingesetzt werden. Unerkennbare Signale stiften nur Verwirrung.

 9 So auch ihr: wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Es gibt so viele Arten von Sprache in der Welt und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich den nicht verstehen, der redet, und der redet, wird mich nicht verstehen.

             Genauso verhält es sich mit der Zungenrede. Sie ist in den Wind gesprochen. Ihre Botschaft kommt nicht bei den Menschen an. „The answer is blowin´ in the wind.“(B. Dylan) Das ist populär seit über 50 Jahren, gern gesungen, hier bei Paulus schon vorgeformt.  „Der Zungenredner und die Gemeinde stehen einander gegenüber wie zwei Leute, die sich nicht verstehen.“ (H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.126) Wieder die Erfahrung auch der Korinther: ohne Dolmetscher steht man vor fremden Sprachen völlig hilflos da. Man versteht nichts und wird nicht verstanden.

 12 So auch ihr: da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr die Gemeinde erbaut und alles reichlich habt.

             Jetzt zieht Paulus eine Art Zwischenfazit, holt noch einmal tief Luft. Es ist in Ordnung, dass ihr euch um die Gaben des Geistes bemüht, nach ihnen strebt, um sie ringt – aber achtet darauf, dass ihr das Ziel aller Gaben nicht aus den Augen verliert: die Gemeinde soll erbaut werden. Die Erbauung der Gemeinde, οκοδομή τς κκλησας,  ist die Absicht, in der Gott seine Gaben schenkt. Daran allein misst sich ihr Wert, ob sie diesem Ziel dienen. Wenn sie nur eine Art „Heiligenschein“ bei denen erzeugen, die sie gebrauchen, ausüben, hat sie Gottes Zweck versäumt.

             Es ist unverkennbar: Paulus hat ein kritisches Verhältnis zur Zungenrede. Das stellt mich vor die Frage: Wo trifft diese Polemik des Paulus in unsere Zeit heute? Nur eine Möglichkeit will ich andeuten: Es gibt eine kirchliche Sprache, die für den nicht gewohnten Gottesdienst-Besucher eine völlige Fremdsprache ist. Das fängt bei den Liedern an, die gesungen werden. Viele sind Lieder wie aus einer anderen Welt. Das geht manchmal über die Lesungen – aus „Luther“, aus „Bibel in gerechter Sprache“ weiter. Und das ist nicht zuletzt auch eine Anfrage an die Predigtsprache. Nicht die einzelnen Wörter, wohl aber die Art, wie wir denken und argumentieren, wir Prediger. Manchmal überfällt mich die Angst, auch auf der Kanzel: Ich spreche eine Sprache wie aus längst vergangenen Zeiten.

            Wahr ist daran ja: die Werte der Welt, in der wir leben, die auf uns einwirkt, sind schon lange nicht mehr bestimmt von den Vorstellungen, wie sie bei Paulus, in den Evangelien und vor allem in der Botschaft von Jesus Christus aufleuchten. Erst wenn ich weiß und annehme, dass es hier Brückenschläge braucht und nicht mehr naiv voraussetze: Wir sind uns ja im Grundsätzlichen einig, kann Übersetzungsarbeit, das Dolmetschen neu anfangen. Dann lohnt es auch, „dem Volk aufs Malus zu schauen“, weil man ihm dann nicht mehr nach dem Mund redet, sondern ihm eine fremde Botschaft zumutet. Wenn wir nur sagen wollen, was alle sich ohnehin selbst sagen, dann müssen wir nicht mehr vom Evangelium verständlich reden. Dann können wir bei den himmlischen, unverständlichen Gesängen bleiben.

Herr Jesus, gib Du mir die richtigen Worte, die Dich loben, den Vater im Himmel preisen, Deine Ehre vermehren.

Gib Du mir die Worte, die meine Zeitgenossen verstehen, die trösten können, aufrichten, ermutigen,   die zum Glauben verständlich einladen.

Gib Du mir, dass ich Deine Worte höre, in mich aufnehme, mich Deiner leisen Stimme anvertraue und dann weitergebe, was ich von Dir empfangen habe. Amen