Zu groß!

1.Korinther 13, 1 – 7

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

             Es gibt faszinierende Redner. Sie wissen, wie man Aufmerksamkeit gewinnt und sie hochhält, wie man die Gefühle trifft, wie man Gedanken so transportiert, dass die Zuhörer gar nicht anders können als zustimmen. Redner mit Menschen- und mit Engelzungen. Die Beherrschung solcher rhetorischen Künste mit Menschen- und mit Engelzungen stand in Korinth wohl hoch im Kurs.

            Es mag mitschwingen, dass das Reden in Engelszungen sich auch auf das in Korinth hochgeschätzte Zungenreden bezieht, die Glossolalie. „Die Fähigkeit, in Lauten zu sprechen, die keiner menschlichen Sprache zugehören, galt als eine Möglichkeit, an der Sprache der Engel und des Himmels teilzuhaben.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.211f.) Nicht zuletzt war sie auch Erweis der Kraft des Geistes, gehört doch zur urchristlichen Überlieferung die Pfingsterfahrung der Jünger in Jerusalem: Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“(Apostelgeschichte 2, 3-4)

             Das alles weiß Paulus und würdigt Paulus und grenzt dann doch ein: Ohne die Liebe  ist das alles leeres Getöse, sinnlose und sinnfreie Lärmerei. Erst die Agape, γπη, die Liebe macht aus diesem Reden heilsames. Für einen selbst und für die anderen.

  2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

             In einem zweiten Satz wendet sich Paulus dem zu, was für die Gemeinde gleichermaßen wichtig ist: prophetisch reden, in die Erkenntnisse führen, Glauben, der Berge versetzt. „All das sind Gaben, die an und für sich hoch zu schätzen sind.“ (W. Klaiber, aaO.; S.212) Lebensäußerungen der Gemeinde.

              Aber auch diese Gaben und Befähigungen sind nichts, wenn in ihnen nicht die Liebe wirkt. Die Liebe, die nicht in der Selbstbestätigung verharrt, sondern die anderen sucht. Ihr Wohl und ihr Heil. Es sind Sätze gegen eine Selbstgenügsamkeit, die Paulus hier formuliert. Sie benennen die Gefahr: Wo die Liebe fehlt, wird „das Sein des Christen als Christen, seine christliche Identität und Authentizität“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S. 289) zunichte.  Der Christ schrumpft in dieser Haltung ohne Liebe zu einem Nichts zusammen, mag da noch so viel Prophetie, Wissen, Erkenntnis und Glauben sein. Härter kann das Urteil kaum sein. 

 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

             Schließlich und endlich: auch die Hingabe des Lebens, auch das Verschenken aller Güter nützt nichts, wenn es nicht aus der Liebe kommt. Erst und allein die Liebe macht diakonisches Handeln zur Diakonie nach dem Willen Gottes. Und gleich dazu – und obendrein hoch aktuell: Auch das selbstgewählte Martyrium ist nichts. Sich selbst verbrennen als ein Zeichen, dass man das Leben nicht für das höchste Gut hält, läuft ins Leere, erst recht, wenn es aus Hass geboren wird.

            Was für eine Anfrage an unser Reden von professioneller Distanz! In allen drei Sätzen folgt Paulus seinem Muster: Er stellt hohe Werte voran und sagt: aber ohne die Liebe ist das alles nichts. Alle nur denkbare religiöse Vollkommenheit läuft ins Leere, wird zunichte, wenn sie nicht aus der Liebe kommt und in Liebe gelebt wird. Was für eine Anfrage auch an kirchliche Praxis, die sich oft genug wie richtige, aber blutleere Pflichterfüllung anfühlt – zugespitzt in einem Buchtitel: „Mit lieblosen Gottesdiensten die Liebe Gottes feiern“ (Chr. von Lewtzow, Stuttgart 1999)

            Es ist aktuell in diesen Tagen, in denen die Berufung auf den Glauben so schändlich missbraucht werden kann. Für Paulus hat alle Glaubenspraxis und alle Glaubenskonsequenz sich einer Frage zu unterwerfen: Wird darin die Liebe sichtbar – zu Gott und zu den Menschen? Wo das nicht der Fall ist, da ist der ganze Glaube – und sei er noch so stark, nicht mit Gott vereinbar. Da läuft er ins Leere. Glauben ohne Liebe ist nichts.

             Man wird diese Sätze nicht lesen können, ohne sich erschrocken zu fragen: Wie steht es dann um mich? Um meinen Glauben? Wie steht es mit meiner Liebe? Erst dann lese ich diese Worte wirklich, wenn sie nicht nur alle anderen um mich herum fragen und in Frage stellen, sondern mich selbst.

               Nach diesen Negationen, nach dieser Eingrenzung der Charismen durch die Rückbindung an die allein bleibende Liebe, folgt jetzt, was Paulus unter Liebe versteht.

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich,

            Es tut gut: Paulus definiert nicht, was Liebe ist. Er zählt auf, wie sie ist, wie sie erfahren wird, was sie wirkt und was sie lässt. Zwei Wirkweisen am Anfang: Liebe ist langmütig und freundlich. μακροθυμε langmütig, könnte man auch mit großmütig, geduldig wiedergeben. Oder gar großzügig. Sie hat einen langen Atem. Sie hält durch – auch gegen Widerstände. In dem allem ist sie und bleibt sie zugewandt, freundlich. Die gleiche Zusammenstellung von Langmut, Geduld und Freundlichkeit findet sich im Römerbrief: „Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut?“(Römer 2,4)

            Das legt den Schluss nahe: In dieser Liebe spiegelt sich die Liebe Gottes selbst. Und wenn es zu einem Leben aus dieser Liebe kommt, so spiegelt dieses Leben die Liebe Gottes – und sei es noch so zerbrechlich in seinen Lebens- und Liebesäußerungen.

die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,

            Acht Negationen folgen. Manchmal ist es leichter im Negativen deutlich zu machen, worum es geht. Hier also: Was die Liebe alles nicht ausmacht. „Es werden Verhaltensweisen aufgezählt, die Gemeinschaft verhindern oder zerstören, weil sie das eigne Ich in den Mittelpunkt stellen und die anderen als Konkurrenten betrachten, die man niederhalten muss.“ (W. Klaiber, aaO.; S.214)

              Diese Verneinungen sind wieder wie eine Aufforderung an die Leser: Schaut bei euch selbst nach – seid ihr frei von solchen Verhaltensweisen?  Es ist eine harte Selbstprüfung, die Paulus mit diesen Worten einfordert. Eine Selbstprüfung, auf die sich wohl nur der einlassen kann,  der keine Angst davor hat, den eigenen Schwächen auf die Spur zu kommen. Sich ehrlich anzusehen. Leisten kann man sich das nur, wenn es vorher feststeht: Ich falle nicht aus der Liebe Gottes, wenn ich hier Defizite meines eigenen Leben sehen muss.

            Weil die Liebe Gottes ist, wie sie ist, langmütig und freundlich, kann ich mich ansehen, wie ich bin. Oft alles andere als langmütig und freundlich, oft auf der Suche nach meinem Recht, meiner Anerkennung,  oft getrieben vom Ehrgeiz, geplagt von der Angst, zu kurz zu kommen, erbittert und manchmal auch verbittert. Schadenfroh und manchmal auch ungerecht. So bin ich, gestehe ich mir ein. So sind wir. Aber, Gott sei Dank, so ist die Liebe nicht.

sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

            Jetzt wird es wieder schön, gut nachzusprechen. Die Liebe steht nicht gegen die Wahrheit, sondern sie ihr hold. Sie macht aus der Wahrheit nie eine Waffe, auch dann nicht, wenn die Wahrheit schmerzlich ist. Immer ist die Wahrheit in der Liebe eine Hilfe zum Leben. Weiß auch Jesus: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“(Johannes 8,32 )

             Und dann geht Paulus aufs Ganze. Gleich viermal „alles“. πντα. Panta. Es will einem schier den Atem nehmen. „Liebe lässt sich nicht kleinkriegen… Es gibt für die Liebe keine hoffnungslosen Fälle und keine aussichtlosen Lagen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.216)

            Wenn das so stimmt und es nicht nur schöne Worte sind, dann bleibt eine Frage: Von wessen Liebe ist die Rede? Von welcher Liebe? Menschenmaß hat diese Liebe nicht, die Paulus hier besingt. Dann müsste es also in diesem Hohen Lied der Liebe um die göttliche Liebe gehen, um die Liebe Gottes. Darum, an diese Liebe mit dem eigenen bisschen Liebe Anschluss zu gewinnen. Paulus, so scheint es, hält die Christen für anschlussfähig an diese Liebe, weil er mit der verwandelnden Kraft des Geistes rechnet.

Herr Jesus Christus , ich sehe auf Dich. Dann sehe ich die Liebe, die nicht nachlässt, keinen aufgibt, die langmütig ist und freundlich, geduldig und von großer Güte, die bis zum Äußersten geht, bis zur Hingabe des eigenen Lebens

Ich sehe Deine Liebe,  von der ich lebe, Tag um Tag, Jahr um Jahr

Gib Du, dass diese Liebe mich verwandelt, so verwandelt und durchdringt, dass ich lieben lerne in Deiner Spur. Amen