Ein tragfähiges Netz

1.Korinther 12, 27 – 31

 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

            Es ist eine Zusammenfassung der bisherigen Argumentation und zugleich Rückkehr zum Ausgangpunkt. Wichtiger aber noch: es ist eine Zusage, Zuspruch. Alles Gesagte hängt daran, dass dies stimmt: Ihr seid. „Das Sein, die gegebene Wirklichkeit ist das erste.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.211) Nicht was Christen aus sich machen, auch nicht, was Christen machen, ist das Fundament, das sie trägt. Sondern was sie von Gott her, durch sein Tun, sind.

             Ihr seid Leib Christi. Kein Vergleich, sondern Feststellung. So verhält es sich mit euch. Das ist die Existenz, in die ihr hineingestellt seid. Ihr in Korinth so wie alle anderen Gemeinden auch. Was Paulus hier sagt, gilt für die einzelne Gemeinde wie für die ganze Christenheit. „Jede Einzelgemeinde repräsentiert die Kirche in ihrer Gesamtheit.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.231)

            Und auch das ist ein Satz, des Glaubens wert: Jeder von euch ist ein Glied an diesem Leib. Was immer die Christen auch sein mögen, wie es um ihre Fähigkeiten und Grenzen bestellt sein mag, welches Lebensschicksal sie zu tragen haben – das steht fest: durch Glauben und Taufe sind sie Glied am Leib Christi.

28 Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wundertäter, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede.

             Jetzt erst kommt ausdrücklich das Stichwort, das doch schon durch die ganze Argumentation mitschwingt: Gemeinde. κκλησα. Ekklesia. Was Paulus jetzt sagt, gilt nicht nur für Korinth, sondern für die universale Kirche. Weil Ekklesia immer beides meint, die Gemeinde, Kirche vor Ort und die weltweite Kirche.

            Zu ihrem Nutzen hat Gott eingesetzt, Aufgaben gegeben, Befähigungen geschenkt. Das hält Paulus mit dem schlichten Wort „eingesetzt“ fest: „Die gemeindlichen Funktionen entspringen nicht einfach dem Gestaltungswillen der einzelnen Glieder und der Selbstorganisation der Gemeinde, sondern der Entscheidung Gottes.“ (W.Schrage, ebda.) Gott gibt sie mit ihren Gaben und Aufgaben der Gemeinde.

            Spürbar wird in der Aufzählung doch eine Vorordnung. Erstens, Zweitens, Drittens ist kaum nur bloße Nummerierung. Sondern es sind die Dienste zuerst genannt, die in besonderer Weise der Verkündigung zugeordnet sind, die der Ausbreitung des Evangeliums dienen. Aber diese Vorordnung begründet kein Herrschaftsverhältnis. Das wird schon dadurch deutlich, dass auch die anderen Aufgaben gesetzt sind von Gott: Alle Dienste haben den gleichen Ursprung, von daher auch trotz aller Unterschiedlichkeit den gleichen Wert. Eine Ämterhierarchie vermag ich hier nicht zu erkennen.

            Von daher ist ein Gegeneinander – hier Verkündigung, da Diakonie, hier Heilungsauftrag, da Leitungscharisma – nicht mit Paulus zu begründen. Er sieht in allen Diensten die Gnadengaben Gottes am Werk. Und ihm ist es wichtig, dass nicht alle die gleiche Gabe, das gleiche Profil haben.

29 Sind alle Apostel? Sind alle Propheten? Sind alle Lehrer? Sind alle Wundertäter? 30 Haben alle die Gabe, gesund zu machen? Reden alle in Zungen? Können alle auslegen?

            Das wird durch sein Fragen jetzt unterstrichen. Das sind nicht nur rhetorische Fragen. Sondern hier wird die Erfahrung der Gemeinde mit in Anspruch genommen. Sie wissen doch: „Hätten alle dieselbe Funktion, wäre der Leib Christi nicht gesund und lebensfähig.“ (W.Schrage, aaO.;S.239) Sie kennen auch aus der Praxis die Verschiedenheit der Gaben und der Aufgaben. Sie kennen also damit auch den Reichtum, der ihnen als Gemeinde in dieser Vielfalt gegeben ist.

 31 Strebt aber nach den größeren Gaben! Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.

            Erstaunlich: strebt! Im Griechischen: eifert! ζηλοτε – die „Zeloten“ lassen grüßen! Geht das denn, fragen wir sofort: Kamm man nach den Gaben χαρσματα, Charismata, streben? Gar noch nach einer größeren, besseren, schöneren? Sie werden doch alle gesetzt, geschenkt! Und hatte nicht Paulus alle Hände voll damit zu tun, deutlich zu machen, dass es keinen Anlass gibt, sich zu überheben, eine Gabe höher als die andere zu schätzen? Wird er sich selbst jetzt dann doch untreu?

                 Oder meint er gar nicht, was er sagt? Einen Ausweg bietet die andere Übersetzung, die möglich ist: „Ihr streben aber nach den größeren Gaben.“ Dann würde sich hier leise Kritik melden, die von Paulus sofort weitergeführt wird: ich will euch einen noch besseren Weg zeigen. Statt dem Streben,  dem Anstrengen, dem Setzen auf Willen, Affekt und praktisches Üben ein anderer Weg. So könnte man lesen.

Heiliger barmherziger Gott, Du gibst Deiner Gemeinde, was sie braucht, damit sie ihre Aufgabe in der Welt erfüllen kann. Du gibst Menschen mit ihren Gaben, keinem alle Gaben, aber in jedem einen Gabe für alle.

Ich danke Dir, dass Du Menschen rufst, damit sie Dir dienen, damit sie den Menschen wohltun durch ihre Worte, ihre Taten, ihr Nahesein.

Ich danke Dir,  dass Deine Gemeinde wie ein großes Netz ist, dem jeder aufgefangen und aufgehoben ist, der sich darin auffangen und aufheben lässt. Amen