Keine Minderwertigkeitsgefühle – kein Hochmut

1.Korinther 12, 12 – 26

 12 Denn wie der Leib „einer“ ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch „ein“ Leib sind: so auch Christus. 13 Denn wir sind durch „einen“ Geist alle zu „einem“ Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit „einem“ Geist getränkt. 14 Denn auch der Leib ist nicht „ein“ Glied, sondern viele.

             Paulus bleibt bei seinem Bild: Der Leib ist einer, eine Ganzheit. Aber diese Ganzheit besteht aus vielen Gliedern. Alle Organe des Leibes sind ein Organismus. Das kann jede und jeder an sich selbst sehen, erfühlen, ertasten. Das ist unsere Wahrnehmung. Wenn es jetzt weiterginge: so ist es auch mit der Gemeinde, wäre es ein schlichter, sinnvoller Vergleich.

            Aber Paulus fährt fort: so auch Christus. Er redet von Christus als einem Leib. „Die Gemeinde wird also nicht nur mit einem Leib verglichen; vielmehr ist sie der Leib Christi.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.201) Sie ist es, weil er, Christus selbst,  sie dazu macht.

            Das sprengt unsere gewohnten Denkkategorien. Mit dem Vergleich kommen wir gut zurecht. Aber mit dieser Wirklichkeit, die Paulus behauptet, haben wir es schwer. Wir sehen die Organisation Kirche, die Organisationsform Kirchengemeinde. Aber dass verborgen in, mit und unter diesem so allzu menschlichen Gebilde Christus präsent sein soll in der Welt, das ist unserem Denken eine harte Zumutung.  Sie wird uns nicht erspart.

            Diesem Leib sind die Christinnen und Christen eingefügt, hinein getauft durch den einen Geist – unabhängig davon, wo sie herkommen, unabhängig davon, welchen sozialen Status sie haben. Alle haben Anteil an dem einen Geist, mit dem sie getränkt sind. Mit hinein getauft signalisiert Paulus: Christsein ist immer ein Hinzukommen, nicht der freie Zusammenschluss irgendwelcher religiös begabten, christlich geprägten Leute.

            Dass der Leib lebendig nur so ist, dass er ein Organismus mit vielen Gliedern ist, schließt ein, „dass es abgestorbene Glieder und passive Mitgliedschaft in einem lebendigen Leib wesensmäßig nicht geben kann.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.221) Das ist eine große Anfrage an die Art und Weise, wie mancherorts Christsein gelebt wird, ohne jede Kirchenbindung, ohne jeden lebendigen, nachhaltigen Kontakt zu den Brüdern und Schwestern.

 15 Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? 16 Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein?

            Es scheint, als ginge Paulus jetzt auf Empfindungen in der Gemeinde ein. Da gibt es die, die sich nicht gleichwertig fühlen. Unterschätzt und sich deshalb auch selbst unterschätzen. Abwerten. Seine Antwort: „Auch Gemeindeglieder mit unterschätzten Funktionen sollen sich gegenüber angeblich höher Qualifizierten nicht verstecken müssen oder ausgeschlossen fühlen.“ (W.Schrage, aaO.; S.223 )

  17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? 18 Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. 19 Wenn aber alle Glieder „ein“ Glied wären, wo bliebe der Leib? 20 Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist „einer.“

             Paulus treibt die Argumentation geradezu widersinnig weiter: Was, wenn der Leib nur ein Organ wäre, nur Auge, nur Gehör. Bis heute leuchtet das ein: „Der ist ja nur Kopf“ sagen wir und meinen einen am Leben behinderten, weil er nur denken kann, nicht fühlen, nicht spüren, nicht den eigenen Körper erfahren. Was für ein merkwürdiger Leib, wo alles nur ein Glied wäre. „Das ergäbe ein Monstrum und keinen lebensfähigen Leib.“ (W.Schrage, ebda.)

            Im Rückgriff auf die Schöpfung weiß Paulus: Der Schöpfer hat es gut gemacht, wunderbar, zum Staunen schön, dass er den Leib des Menschen so geschaffen hat, wie wir ihn erfahren.  Gott sei Dank, kann man da nur sagen. Und – was für den Leib eines Menschen gilt, wunderbar, zum Staunen schön, das gilt auch für den Christusleib. Für die Gemeinde. Gott sei Dank für seine Gabe.   

 21 Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. 22 Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; 23 und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; 24 denn die anständigen brauchen’s nicht.

             Jetzt wendet sich Paulus, deutlich erkennbar, einer anderen Gruppe in der Gemeinde zu. Er „wendet sich an die sich vollendet dünkenden Pneumatiker und warnt sie vor Überheblichkeit.“(C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.109) An die, die sich reich begabt wissen. Ausgestattet mit Talenten. Angesehen, weil sie wichtige Funktionen wahrnehmen. Für die manche in der Gemeinde nur Fußvolk sind, auf die sie im Grunde für den eigenen Glauben auch verzichten könnten.

            Dieser Überheblichkeit stellt Paulus seine Sicht entgegen: Gerade die schwächsten Glieder sind die nötigsten. Wird doch an ihnen sichtbar, wie Gott ist: „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist.“(1,27) Diese Sicht hält Paulus auch jetzt durch. Und führt sie weiter zu denen, die nicht zum Vorzeigen taugen. Die mit dem Leben nicht zurechtkommen, die an den alltäglichen Dingen scheitern. Die man gern im Hintergrund lässt.

            An ihnen und dem Umgang mit ihnen muss sich zeigen, ob die Gemeinde sich vom Geist Christi leiden lässt! „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ (Markus 10,43-44)

Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, 25 damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen.

             Es ist die Absicht des Schöpfers der Gemeinde, des Herrn, dass sie vielfältig ist, Starke und Schwache, Arme und Reiche, Hochbegabte und solche, die irgendwie nur mitlaufen. So sollen sie miteinander umgehen, dass die Einheit leitet, dass keine Spaltungen seien. Wieder σχσμα, Schisma – das Problem, das die Gemeinde in Korinth belastet. Für Paulus steht fest: „Streit über Wichtigkeit und Bedeutungslosigkeit einzelner Glieder kann es nicht geben, weil jedes von Gott seine eigene Würde und Funktion hat und alle aufeinander angewiesen sind.“ (C.Wolf, ebda.)

 26 Und wenn „ein“ Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn „ein“ Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.

             Das ist der Weg der Heilung, auf dem die Spaltungen überwunden werden.  Es geht um die Fürsorge füreinander, um wechselseitiges Tragen.  Wobei schon gilt: Damit das Leiden eines Gliedes von den anderen mitgetragen werden kann, muss es auch sichtbar gemacht werden, mitgeteilt werden. In dieser Hinsicht sind wir in vielen Gemeinden einigermaßen zurückhaltend.

 Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.                                                                                                   G. Tersteegen 1738,  EG 393

            Diese wechselseitige Fürsorge und Anteilnahme und Anteilgabe ist ein Weg, der in die Freude führt. Nicht nur bei Einzelnen, sondern in der ganzen Gemeinde.

Mein Gott, Du willst uns miteinander, aufeinander angewiesen, füreinander fürsorglich.

Du willst, dass wir nicht im Alleingang leben, dass wir nicht einsam mit unserem Glauben unterwegs sind, nicht einsam im Himmel ankommen wollen.

Ich danke Dir für die Brüder und Schwestern, die anders sind als ich, an denen ich mich manchmal reibe, die mich manchmal in Frage stellen,    die mich aber oft genug auch tragen, mich auch ertragen.

Gib Du, dass wir aufeinander achten, sorgsam und liebevoll aus Deiner Liebe. Amen