Das Mahl würdig feiern

1.Korinther 11, 27 – 34

 27 Wer nun unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn.

             Das ist ein Satz, der viel Skrupel und Angst ausgelöst hat. Der die Praxis der Kirche tief beeinflusst hat: Vor der Feier des Mahles muss man sich würdig machen – beichten, nichts essen und trinken, nicht mit dem Ehepartner schlafen. Das alles, so glaubte man, macht tendenziell unwürdig. Da ist aus einer verfehlten Art und Weise, das Mahl zu feiern plötzlich die Forderung eines Qualitätszustandes der Feiernden gemacht worden. Man kann als Person unwürdig sein

            Was für eine verhängnisvolle Verschiebung. „Nur solche sollten das Mahl empfangen, die dafür „würdig“ sind. Dieses Missverständnis hat unendlich viel Scheu, wenn nicht gar Angst erzeugt, das Abendmahl zu empfangen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.186f.)Verstärkt noch durch eine Praxis, die Mahlfeier an den Gottesdienst nur anzuhängen, nur für die wenigen, die sich dazu berechtigt fühlten. Und dann auch nur ganz selten.

 28 Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch. 29 Denn wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.

             Selbstprüfung ist angesagt: Bin ich würdig? Bin ich innerlich auf Empfangen eingestellt? Entspricht mein Leben den Wertmaßstäben Gottes? So ist das jahrtausendlang wohl gelesen und auch verkündigt worden. Und hat Angst gemacht. Aber: „Die Unwürdigkeit ist nicht – wie man sich das früher oft vorgestellt hat und wie es bis heute nachwirkt – die fehlende moralische Disposition oder innere Einstellung des einzelnen Mahlteilnehmers zum Sakrament.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S. 48) Wenn nur die „Würdigen“, nur die Reinen das Abendmahl mitfeiern dürften, es wäre von Jesus nicht gestiftet worden und es dürfte bis heute nicht ein einziges Mal gefeiert werden!

            Paulus geht es um anderes: Das Mahl ist das Mahl, das mit Christus und untereinander verbindet. Zu einem Leib werden lässt. Das die Unterschiede – sozial, in der Herkunft und im Geschlecht begründet – überwindet und zweitrangig macht. Wer aber in der Praxis des Mahles an diesen Unterschieden festhält, sie durch die Art der Feier gar zementiert, der missbraucht das Mahl. Der isst und trinkt sich zum Gericht.   

            Das also ist unwürdig essen und trinken: wir bleiben unter uns. Wir schließen aus der Mahlgemeinschaft aus. Wir lassen nur die zu, die sind wie wir selbst. Noch einmal anders: Es geht nicht um individuelle Verfehlungen in der Vergangenheit des Einzelnen. Die werden ja gerade in der Einladung an den Tisch des Herrn unter seine Vergebung gestellt. Sondern es geht um die Bereitschaft, sich durch das Mahl in eine neue Praxis in der Zukunft führen zu lassen – als Gemeinschaft am Tisch des Herrn und dann eben auch als eine Gemeinschaft im Alltag.

            Das macht Paulus auch in seinem Sprachgebrauch deutlich: Wer den Leib des Herrn nicht achtet – wenig später wird er die Gemeinde genau so nennen – Leib Christi (12,27) – der mag Abendmahl feiern, so hochliturgisch er nur will – es ist dann eine Feier, die sich gegen ihn wendet. Ihm zum Gericht wird. Nicht der Umgang mit den Elementen, Brot und Wein, sondern der Umgang mit den Brüdern und Schwestern ist es also, der die Feier des Mahles würdig oder unwürdig macht.

             Noch einmal: Ob das Mahl, das gefeiert wird, Herrenmahl ist oder nicht, diese Entscheidung liegt nicht in der Vergangenheit der Einzelnen, sondern in der Zukunft des Miteinanders. Für Paulus ist die Sache klar: Was die Korinther feiern, mit ihren Grüppchen, ihren wechselseitigen Ausgrenzungen, ihrer sozialen Kälte, ihrer Selbstbezogenheit, ist kein Herrenmahl. Sein hartes Urteil: Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn.(11, 20) wird hier noch einmal bestätigt.

            Darin sollen die Korinther sich selbst prüfen – als Einzelne und als Gemeinde. Und dann eben zu einer neuen Praxis finden. Als Einzelne und als Gemeinde. Hier darf sich keiner hinter gemeindlicher Praxis verstecken. Hier gibt es kein Herausreden, sondern nur nüchterne Selbstprüfung.

  30 Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen. 31 Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet. 32 Wenn wir aber von dem Herrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht samt der Welt verdammt werden.

             Die falsche Praxis hat tiefgreifende Folgen.  Dem Leser heute stockt der Atem, scheint es doch so, als würde Paulus einen Zusammenhang herstellen: Wo das Abendmahl so entleert wird, greifen Krankheit und Schwäche, ja der Tod um sich. Eine Möglichkeit zum Verstehen ist, dass er darin wirklich sieht, was er zuvor gesagt hat: Wer das Abendmahl so am Kern vorbei feiert, der isst und trinkt sich selber zum Gericht

            Wahrscheinlich ist es sinnvoll, so zu verstehen: „Paulus möchte der Gemeinde zeigen, dass aus ihrem Fehlverhalten eine krankmachende Atmosphäre entsteht.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.188) Dem kann man entgegenwirken, wenn man sich selbst richtet, sich dem Abendmahl gemäß verhält. Wenn man die Gemeinschaft lebt, die im Mahl gefeiert wird.

            Dieses sich selbst prüfen und selbst richten – ich würde lieber sagen: neu ausrichten – nimmt dann das Gericht Gottes nicht vorweg, aber nimmt ihm seinen Charakter als Verdammungsgericht. Es bleiben Korrekturen, es bleiben auch Defizite – aber sie führen nicht zu einer Verwerfung zusammen mit der Welt.  Was Paulus hier sagt und als Praxis nahelegt, „dient der Gemeinde als Warnung, als Ruf zur Umkehr; und es bewahrt sie damit vor der Verurteilung im Endgericht.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.96)

33 Darum, meine lieben Brüder, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander. 34 Hat jemand Hunger, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das andre will ich ordnen, wenn ich komme.

            Weil es Paulus auf eine veränderte Praxis ankommt, wird er jetzt ganz praktisch. Aufeinander warten. Nicht: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das ist  noch einmal „ein ziemlicher klarer Hinweis darauf, dass das Hauptproblem darin bestand, dass einige aus der Gemeinde – und zwar die wohlhabenden Mitglieder- schon früher zusammen kamen und schon gegessen hatten, wenn die anderen sich nach getaner Tagesarbeit hungrig einfanden. (W. Klaiber, aaO.; S.189) Den Hunger, wenn es ihn denn gibt, angemessen zuhause stillen. Aber besser eben durch das Warten aufeinander, durch das Mahl miteinander sichtbar machen: wir gehören zusammen. Alle. Ohne Unterschied. Männer, Frauen, Arme, Reiche, Sklaven, Freie, Christen aus jüdischer Herkunft und frühere Heiden.

            Das alles sind keine Geschmacksfragen, sondern es ist ernst: wo das Wesen des Abendmahls verfehlt wird durch die Art, wie es gefeiert wird, durch die Praxis rund um das Abendmahl, wird das nicht folgenlos bleiben. Vor diesen Folgen, dem Gericht, will Paulus durch sein Mahnen bewahren.

            Alles andere wird sich auch später noch gut regeln lassen. Ordnen. Aber dies ist jetzt vordringlich und duldet keinen Aufschub. Weil es im Mahl des Herrn und ein Grundelement im Leben der Gemeinde geht.

            Ich denke nach, über den Text hinaus: Wie wirken dieses Worte des Paulus, mit denen er die Praxis des Herrenmahles in Korinth tadelt?  Wie wirken sie auf uns heute, in einer Zeit, in der jeder nach seiner Fasson selig werden darf, jeder doch seine Meinung haben darf.  Ich habe den Eindruck, Paulus handelt sich bei uns harsche Kritik ein: Er ist anmaßend, setzt seine Sicht absolut, er lässt die anderen nicht gelten. Er macht sie klein. Er ist ein Extremist, ein Radikaler in Sachen Glauben. Und wenn wir heutzutage etwas fürchten, dann Leute, die den Glauben radikal, von Grund auf, ernst nehmen.

            Ich bin eher auf der Seite des Paulus: Wer sieht, dass der Karren auf einen Abgrund zurollt, der muss ihn umsteuern, muss die Handbremse ziehen. Der darf nicht einfach alles so laufen lassen. Ich wünsche mir in meiner Kirche auf allen Ebenen eine ehrliche Debatte mit heißen Herzen darüber, wo es Fehlentwicklungen gibt. Innere Fehlentwicklungen, im Weitergeben des Evangeliums. Wo wir nicht mehr Gott in Christus in der Mitte haben, nicht mehr den Ruf: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“(2. Korinther 5,20) Wo wir uns mit einer Feld-Wald-Wiesenfrömmigkeit und einem diffusen: „Wir haben doch alle den gleichen Gott“ zufrieden geben, uns mit einer abnehmenden Kirchlichkeit abfinden. Wo der Ruf zum Glauben exotisch wird, so wie er es bei Paulus auch war. Ich für meine Person will mich damit nicht abfinden.

            Aber ich sehe noch eine weitere, grundsätzliche Schwierigkeit. Wir gehen mit Texten um, die in einer völlig von unserer Situation unterschiedenen Situation geschrieben sind – für kleinste, überschaubare Gemeinden, für Gemeinschaften, in den wirklich einer den anderen kennt und braucht. Für Gruppen, die in viel stärkerem Maß ein gelebtes Miteinander haben als wir es in den Groß-Gruppierungen der Volkskirche kennen.

Es ist fast zwangsläufig, dass bei uns das Mahl vor allem liturgisch betrachtet wird. Die Gemeinschaft des Mahles besteht im Händereichen. Wenn die Hände gelöst sind, geht jede und jeder wieder seines/ ihren Weges. Mein Alltag verbindet sich nicht mit dem Alltag der anderen, die Mahl teilhaben. Wir ersetzen Wirklichkeit durch Symbol.

            Ich sehe das und bin völlig ratlos, wie sich an dier Stelle etwas ändern soll, wie ich dazu beitragen könnte, dass sich etwas ändern könnte. Mein Traum von einer Gemeinschaft, die trägt, stärkt, stützt, die ihre Mitte im Mahl miteinander hat, kommt mir eben nur wie ein Traum vor. Schön, aber nicht real. Hier und da in Kommunitäten aufleuchtend. Aber die Wirklichkeit vor Ort ist deprimierend anders.

Heiliger Gott, Du schenkst Dich uns. Du teilst Dich an uns aus. Du nimmst uns in die Gemeinschaft mit Dir hinein, wie viel auch immer gegen uns sprechen mag

Gib Du, dass wir Dein Vertrauen zu uns nicht ins Leere laufen lassen, dass wir Dir antworten mit unserem Vertrauen zu Dir, mit unserer Zuwendung zum Nächsten, mit unserer Akzeptanz gerade auch denen gegenüber, die uns fremd sind, mit denen wir uns schwer tun

Gib Du, dass wir Dein Mahl würdig feiern, uns darauf einlassen, dass wir im Teilen von Brot und Wein eins werden auch mit denen,von denen uns viel zu trennen vermag, Herkunft und Sitte, Denken und Glauben. Über alle Unterschiede hinweg – Deine Hingabe verbindet uns. Amen