Kostbares Geschenk: Abendmahl

1.Korinther 11, 17 – 26

 17 Dies aber muss ich befehlen: Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. 18 Zum Ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich’s. 19 Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Rechtschaffenen unter euch offenbar werden.

             Eben noch hat Paulus die Gemeinde gelobt.(11,2) Aber dabei kann er nicht bleiben. Sondern muss erneut den Finger in eine Wunde legen – wie schon am Anfang seines Briefes. Fast so, als wäre er nicht weitergekommen.

            „Ich habe gehört“ sagt Paulus und beruft sich so auf sichere Informationen. „Die mündliche Quelle, auf die die Informationen des Paulus zurückgehen, ist nicht genauer zu bestimmen, wird aber wohl mit den Informanten aus 1,11 identisch sein.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.19) Über den Versammlungen, den Gottesdiensten der Gemeinde liegt ein Schatten. „Über ein Fernbleiben von Gemeindeveranstaltungen ist nicht zu klagen.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.187) Aber auch wenn viele kommen, so kommen sie doch nicht zusammen. Sie bleiben in ihren Gruppen und Grüppchen, in ihrer sozialen Situation gefangen. Das nennt Paulus Spaltungen. σχσματα. Schismata. Es ist das Wort, das wir für tiefgreifende Trennungen gebrauchen,  nicht für harmlose Meinungsverschiedenheiten.

             Die Gegensätze – hier Paulus-Leute, da Apollos-Anhänger, dort noch einmal andere – und zusätzlich die sozialen Unterschiede haben sich so verhärtet, dass es nicht mehr zu einem wirklichen Miteinander kommt.

            Es mutet an wie der Versuch, aus einer Not eine Tugend zu machen wenn er dann noch hinzufügt, solche Spaltungen – diesmal das noch stärkere Wort αρσειςHäresien – müssen sein.  Sie gehören als Element der Bewährung dazu. Denn immerhin: dass es so in Korinth steht, wird auch zeigen, wer denn nun wirklich die Einheit der Gemeinde sucht, wer darum ringt, dass sie nicht auseinanderfliegt, sondern zusammen auf dem Weg Christi bleibt. Wem an der ganzen Gemeinde liegt und nicht nur an Teilen. Wer nicht das Seine sucht, sondern das Heil der Anderen.

            Die Worte Jesu jedenfalls zeigen einen anderen Weg, der auch für die Feier des Abendmahls wichtig ist: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.“ (Matthäus 5,23-24) Das ist ursprünglich auf den Gang zum Opferaltar bezogen, aber ist gleich gültig für den Gang zum Tisch des Herrn!  Der Weg zum Abendmahl fängt nicht erst im Gottesdienst an, der Weg zum Abendmahl führt über die Versöhnung mit dem Nächsten, dem Bruder, der Schwester.

20 Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. 21 Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. 22 Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.

             Die Zerrissenheit der Gemeinde zeigt sich auch in der Feier des Abendmahls. Und jetzt wird Paulus ganz hart: So wie ihr eben nicht mehr zusammenkommt, sondern in Gruppen bleibt, ist das, was ihr feiert, nicht mehr das Abendmahl des Herrn.

            Er führt die Unterschiedlichkeit vor, die in der Herkunft begründet ist. Die einen kommen von zuhause, schon zuvor durch die häusliche Mahlzeit satt und genährt. Die anderen kommen – von der Arbeit? –  hungrig, erschöpft. Wieder andere kommen gar betrunken.

              „Vermutlich steht es so, dass die Begüterten schon vor dem Erscheinen der anderen ihre mitgebrachten und erleseneren Spesen verzehrten oder für die gemeinsame Mahlzeit nur Reste übrig ließen.“ (W.Schrage, aaO.;S.24 ) Das alles womöglich noch mit dem Argument: Es gehe ja den anderen gar nichts verloren – denn die Mahlfeier würde ja anschließend doch liturgisch korrekt und ordentlich gehalten.

              Das ist für Paulus das Ärgernis: Aus dem gemeinsamen Mahl über sozialen Grenzen hinweg wird so ein Kultmahl, das keine soziale Grenze mehr zu überwinden braucht. Dazu kann Paulus sich nicht positiv stellen, das kann er nicht loben. An dieser Stelle ist Paulus sehr hart und klar: wer sich so verhält, verachtet die Gemeinde Gottes. Das ist mehr als nur Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Habenichtsen. Es gefährdet durch die verweigerte Gemeinschaft das Zentrum der Gemeinde, ihre Zusammengehörigkeit.

               Es ist ja auch eine Verweigerung gegenüber dem Weg Christi, der sich gerade mit den Armen und Hungrigen identifiziert: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40) Wie könnte man ihm gegenüber rechtfertigen, dass man sich von den Armen und Hungrigen, den Sklaven und Geplagten, den Niedrigen in der Gemeinde distanziert?

 23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24 dankte und brach’s und sprach:2 Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

             Es ist überraschend: diesem Missbrauch des Mahles, dieser verweigerten Gemeinschaft stellt Paulus zunächst einmal entgegen, dass er die Abendmahls-Überlieferung ins Blickfeld rückt. So hat Paulus es empfangen und so hat er es weitergegeben.  Darum geht es doch – dass das Abendmahl als Feier sich an dem orientiert, was vom Herrn her kommt. Es muss in den Worten, aber auch in der Weise, wie es gefeiert wird, dem Herrn entsprechen.

            Vielleicht darf ich so formulieren: Paulus erinnert an die empfangenen Worte, um den Weg zu der Weise, wie das Mahl gefeiert wird, zu begründen. Wer sich an die Worte Jesus hält, der wird sich doch auch an dem Willen Jesu ausrichten müssen.

              Oder anders herum: unser Debatten um die richtige Feier des Abendmahls dürfen nicht liturgisch verkürzt werden auf die Fragen nach Fladenbrot oder Hostien, nach Einzelkelch oder Gemeinschaftskelch. Ob es das Mahl des Herrn ist oder nicht, entscheidet sich an der gewährten oder verweigerten Gemeinschaft. Vor dem Mahl, im Mahl und nach dem Mahl.  Wo die Gemeinschaft verweigert wird, innerlich durch Vorbehalte, äußerlich durch die getrennten Wege, da kann es kiturgisch noch so festlich und stimmig zugehen – es hat nichts mit Jesus zu tun. Es ist kein Herrenmahl.

            Es folgen die Einsetzungsworte – genauer die Ursprungserzählung des Mahles. Paulus ist dabei nahe bei den Worten, wie sie auch die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas überliefern. Das ist in meinen Augen ein Hinweis, dass schon früh in der jungen Christenheit  von diesem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern nicht nur erzählt wird, sondern dass es als ein Grundelement des Glaubens in der Gemeinde gefeiert wird. Unter Rückgriff auf die Worte, die Jesus in der Nacht der Auslieferung gebraucht hat.

            Diese Worte werden durch den stetigen Gebrauch in den Mahlfeiern der Gemeinde mitgeformt. „Die Überlieferung bei Paulus ist das älteste schriftliche Zeugnis für die Abendmahlstradition… Da aber Paulus beim letzten Mahl Jesu nicht anwesend war, hat er den Wortlaut durch die Urgemeinde kennen gelernt. Da dieses Worte von Anfang an liturgisch verwendet wurden, ist der genaue Wortlaut, den Jesus in jener Nacht gesprochen hat, kaum noch zu ermitteln.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.186) Das ist keine historische Bankrotterklärung, sondern nur die Selbstbescheidung: Wir kommen hinter die überlieferten Worte nicht zurück.

            Zweierlei ist mir besonders wichtig: für euch gegeben. Der Tod Jesu hat darin seine Spitze, dass er für uns ist. Uns zum Heil, uns zur Rettung. Er ist nicht gut für Gott, um ihn irgendwie zufrieden zu stellen. Er ist gut für uns.

            Das andere ist: zu meinen Gedächtnis. Das ist nicht die Aufforderung: Vergesst mich nicht. Auch nicht die Aufforderung: Vergesst meinen Tod nicht. „Der, dessen gedacht wird, ist selbst in der Mahlfeier präsent und keine historische Reminiszenz.“(W.Schrage, aaO.; S.43) Abendmahl ist also keine irgendwie nostalgische Jesus-Gedächtnisfeier, sondern das Mahl in der Gegenwart des erhöhten Herrn

 26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

            Das Mahl ist im Vollzug Verkündigung. Es ist gefeierte Verkündigung der Gnade Gottes, die sich zu den Sündern neigt, die sich erbarmt, die sich schenkt. Es ist die Verkündigung Jesu, der den Tod auf sich nimmt, damit wir leben können.

            Es ist ein Mahl für die Zeit, ein Zeichen für die Zeit. Jetzt feiert diese Gemeinde dieses Mahl, in dessen Mitte die Verkündigung des Todes und der Auferstehung Christi, der Person des Jesus Christus als des Heils der Welt steht. Bis er kommt. Das hilft dazu, das Mahl nicht nur als eine Erinnerung zu sehen. Sondern es öffnet zugleich den Blick dafür, dass der Herr ja kommen wird, „mit des Himmels Wolken“(Markus 14,62). In der Herrlichkeit des Vaters.

         Markus erzählt als Abschluss des Mahles: Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“(Markus 14,25) Paulus ist an dieser Stelle zurückhaltend. Das Mahl nimmt nicht das himmlische Mahl vorweg, auch wenn es vielleicht einen Vorgeschmack davon gibt. „Wir sind noch nicht am Ziel, Wir feiern noch im Zeichen des Kreuzes und wir leben von dem, was Gott im Sterben Jesu für uns getan hat.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.186) Auch das Abendmahl soll nicht dazu führen, dass die Korinther die Zeit überspringen, sich schon im Himmel wähnen. Diese nüchterne Sicht des Paulus ist wohltuend.

Mein Jesus, wie oft habe ich feiern dürfen an Deinem Tisch, Austeilen und Empfangen. Wie oft habe ich gehört: „Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist.“ Wie oft ist es mir zugesagt worden: „Für dich“

Ich danke Dir für das Geschenk, das Du uns im Abendmahl machst, immer wieder neu, dass Du Dich selbst uns im Mahl schenkst, damit wir nicht nur hören, sondern schmecken und fühlen: Du bist freundlich und Deine Güte währt ewig. Amen