Freude an der Vielfalt

1.Korinther 11, 2 – 16

 2 Ich lobe euch, weil ihr in allen Stücken an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch gegeben habe.

             Ein neues Thema, ein neuer Gedankengang. Paulus lobt, in einem Brief, in dem er bis dahin oft und gründlich kritisiert hat. Ist er also des Kritisierens müde und sucht jetzt einen anderen Weg? Man gewinnt ja Menschen leichter, wenn man sie lobt als wenn man ständig gegen sie redet. Überraschend an diesem Lob ist, worauf es sich bezieht: dass die Korinther an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch gegeben habe. Sie halten sich an das, was sie gelernt haben.

           παραδσις – wörtlich: das Übergebene, die Tradition ist ein theologisch zentraler Begriff bei Paulus. Es gibt den Glauben nicht anders, als dass er überliefert, übergeben wird, weiter gegeben wird, von den Aposteln, von Evangelisten und Lehrern, von denen, die ihn selbst empfangen haben. Später wird Paulus das noch an gewichtigster Stelle wiederholen:  „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (15,3)

           Unmittelbar zuvor hatte Paulus sie ja aufgefordert: „Folgt meinem Beispiel.“(11,1) Jetzt bestätigt er: Ihr haltet euch an meine mündliche Überlieferung. Mehr Lob geht kaum. Aber, es ist schon zu fragen, weil es im ganzen Brief so einmalig ist, „ob dieses Lob überhaupt ernst gemeint ist und nicht ironisch zu verstehen ist.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S.499) Aber es ist, wie auch immer, der Versuch, die Korinther für die nachfolgende Sicht des Paulus geneigt zu machen.

 3 Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist das Haupt Christi.

            Was für ein Einstieg: Ich lasse euch wissen. Es klingt fast so: Ich sage euch total Neues. Vielleicht aber ist doch nur gemeint: Darüber haben wir bis jetzt noch nicht gesprochen. Es ist schwer vorstellbar, dass die Korinther diese Rangfolge nicht kennen: Christus – der Mann  – die Frau. Eine Rangfolge, die gern aus der Schöpfung abgeleitet wird. „Paulus findet also einen wesenhaften Unterschied von Mann und Weib in dem Willen des Schöpfers begründet.“ (H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.90) Darauf kommt Paulus auch später zurück. Eine Rangfolge auch, bei der Paulus kaum mit Widerspruch zu rechnen hat. Damals jedenfalls nicht.

           An dieser Rangfolge ändert auch der Nachsatz nichts: Gott aber ist das Haupt Christi. Im Gegenteil: Er befestigt die ganze Kette als etwas, was ganz auf Gott zurückgeht und zu ihm hin lenkt. Wir haben es, so Paulus, in dem ganzen Komplex mit einer Gottesordnung zu tun – und eben nicht nur mit einer Tradition.   

 4 Ein jeder Mann, der betet oder prophetisch redet und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. 5 Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren. 6 Will sie sich nicht bedecken, so soll sie sich doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, dass sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.

             Jetzt kommt Paulus zum Anlass seiner Ausführungen. Es geht um Verhalten von Männern und Frauen im Gottesdienst. Männer beten und reden mit unbedecktem Kopf, Frauen aber sollen das so nicht tun. Sie dürfen – darauf achte man! – prophetisch reden und beten. Aber mit bedecktem Haupt.

            Ich lese hier: Paulus hat kein Problem damit, dass Frauen im Gottesdienst das Wort ergreifen. Sie müssen nicht schweigen! Sie dürfen beten. Sie dürfen das Charisma, die Gabe  des prophetischen Redens, wenn es ihnen gegeben ist, in den Gottesdienst einbringen! Das ist mir ganz wichtig festzuhalten.

            „Nicht das Dass, sondern das Wie steht zur Debatte.“ (W.Schrage, aaO.; S.507) Die kritische Anfrage des Paulus gilt dem äußeren Auftritt. Unbedeckt könnte heißen unverschleiert. Es könnte auch heißen: mit offenen Haar. Schwer zu entscheiden. Worum es geht: Frauen sollen in ihrem Auftreten den Unterschied der Geschlechter nicht überspringen. Sich nicht wie Männer gebärden, auch nicht im Äußeren. Sonst könnten sie ja gleich wie Männer auftreten – auch, was die Haare angeht – kurz geschoren.

 7 Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. 8 Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau von dem Mann. 9 Und der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen. 10 Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen.

             Noch einmal der Rückgriff auf die Überlieferung, diesmal ganz hoch angesiedelt, auf die Schöpfung. Aus der Reihenfolge – erst der Mann, dann die Frau, wird unter der Hand eine sachliche Vorordnung. Begründet damit, dass der Mann Gottes Bild ist. So hat er auch Anteil am Glanz Gottes, seiner Herrlichkeit. δξα. Die Frau aber ist „nur“ Abglanz des Mannes. Ihre δξα, ihr Glanz ist der Mann. Noch einmal unterstreicht Paulus: Frauen gibt es um der Männer willen und nicht umgekehrt. Ob Paulus damit wirklich den Worten aus 1. Mose 1 gerecht wird, mag jeder für sich selbst prüfen.

            Und ein letztes Argument führt Paulus an: das bedeckte Haupt der Frau ist auch um der Engel willen nötig, „damit bei der ohnehin nicht gerade in bürgerlichen Formen ablaufenden Prophetie die Frauen durch unordnungsgemäße Haartracht nicht zusätzliche Verführungskraft ausstrahlen und als sexuelle Wesen die Aufmerksamkeit der Engel auf sich ziehen.“  (W.Schrage, aaO.; S.515)

                Man muss das ernsthaft lesen, um gleichzeitig die Schwächen in der Argumentation des Paulus zu spüren. So wenig traut er seiner schöpfungsmäßigen Vorordnung, dass er dann mit der Erregbarkeit der Engel argumentieren muss, von denen doch der Herr Jesus weiß, dass das gar nicht ihr Thema ist: „Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie die Engel im Himmel.“(Markus 12,25)

                      Für uns heute, die wir doch schon einige Zeit Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Mann und Frau behaupten, immerhin seit dem vorigen Jahrhundert, ist die ganze Art, wie Paulus hier argumentiert, zwar gerade noch gedanklich nachvollziehbar, aber doch nicht mehr handlungsleitend. Wir beschäftigen uns allenfalls ironisch mit der Frage der Kopfbedeckungen und Haartrachten im Gottesdienst.

11 Doch in dem Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann etwas ohne die Frau; 12 denn wie die Frau von dem Mann, so kommt auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott.

            Fast könnte man sagen: jetzt nimmt Paulus alles zurück. Weil er spürt, dass es nicht trägt, wie er bislang gesprochen hat? Wahrscheinlich auch, weil er ja den anderen Gedanken nicht einfach aus seinem eigenen Denken verbannen kann: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) In dem Herrn sind alle die Trennungen und Unterschied der Überlieferung, auch der Auslegungstraditionen, doch zweitrangig, nicht einfach weg, aber doch nicht mehr  in Kraft.

13 Urteilt bei euch selbst, ob es sich ziemt, dass eine Frau unbedeckt vor Gott betet. 14 Lehrt euch nicht auch die Natur, dass es für einen Mann eine Unehre ist, wenn er langes Haar trägt, 15 aber für eine Frau eine Ehre, wenn sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr als Schleier gegeben.

            Jetzt ist Paulus endgültig auf dem Rückzug. Aus der hoch theologischen Frage wird eine Geschmacksfrage, etwas, was er dem Urteil der Korinther überträgt. Sie sollen bei sich selbst entscheiden, ob das denn richtig ist – langhaarige Männer. Oder ist es nicht doch richtiger, langhaarige Frauen? So ist es von Natur aus. Als ob es nicht schon damals den edlen Beruf des Friseurs gegeben hätte.  Sie sollen sich in Korinth untereinander einig werden.

            Das freilich ist ein sinnvoller Rat. So wenig es sein kann, dass sich die Gemeinde über der Frage des Essens in unterschiedliche, gar einander entfremdete Gruppen zerlegt, so wenig sie sich über Parteiführer zerspalten darf, so wenig darf es zu Spaltungen kommen, weil manche die Frage, wie Frauen sich beim Beten und Reden verhalten sollen völlig anders bewerten als andere. Die einen eher liberal, die anderen traditionsgeleitet. Einmal mehr: in der scheinbaren Nebensächlichkeit steht die Einheit der Gemeinde auf dem Spiel.

16 Ist aber jemand unter euch, der Lust hat, darüber zu streiten, so soll er wissen, dass wir diese Sitte nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.

            Deshalb auch dieses leicht genervte Basta: ich, Paulus, habe gesagt, was ich denke. Und er ist sich ziemlich sicher: Seine Sicht ist die der allermeisten Gemeinden Gottes. So halten es alle. „Paulus vertritt keine Sondermeinung.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.76) Das ist bei den Gemeinden so Sitte. Was als hochtheologische Debatte anfängt, endet als Beschwörung der Sitte.

            Das ist die letzte „Waffe“ des Paulus: wenn die Korinther an dieser Stelle nicht „Ordnung schaffen“, fallen sie aus der Gemeinschaft der anderen Gemeinden heraus, gehen sie einen gefährlichen Sonderweg.

             Es ist ein hilfreicher Hinweis. Paulus ist in seinem Denken auch ein Kind seiner Zeit. Auch in dem, was er für Frauen im Gottesdienst als akzeptabel oder unziemlich hält. „Er konnte damals damit rechnen, dass die Gemeindeglieder, rein vom Empfinden ihrer Zeit her, ohne dass jetzt Christentum und glaube dabei ein Rolle spielten, ihm zustimmen und ein solches Verhalten für „nicht geziemend, für „anstößig“ hielten. Wir heute aber empfinden anders und zwar wiederum, ohne dass Christentum und Glaube dabei mitsprechen.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.184) Die Aufgabe ist also: in der jeweiligen Zeit den Weg zu finden, wie es zu einem guten Miteinander in den Ausdrucksformen des Glaubens, auch im Gottesdienst kommen kann, die Männern und Frauen entsprechen. Auch unter der Berücksichtigung, dass nicht jede Gemeinde nur ihren Weg geht, sondern die Verbindung zu den anderen Gemeinden hält. Denn auch für Gemeinden gilt: Allein gehst du ein.

            Es drängt sich mir auf: Es gibt unzählige Beispiele, dass diese Argumentation des Paulus sich in innerkirchlichen Debatten wiederholt: wenn es um die Frage des Talars geht, wenn es um liturgische Elemente geht, wenn es um angeblich unaufhebbare Praxis geht: immer wieder wird hochtheologisch angesetzt: „Wir sollen Texte predigen und nicht Textilien.“  Am Ende aber bleibt: Das war schon immer so. Wobei „immer“ durchaus nur den Zeitraum der letzten 25 Jahre umfassen kann. Manchmal aber den von 500 Jahren.

            Ich hoffe an dieser Stelle auf mehr Augenmaß, auf mehr Entspannt-sein, auch auf mehr Gelassenheit. Bei anderen und auch bei mir selbst.

Mein Gott, Öffne Du uns die Augen, wo wir Regeln festhalten, die nicht mehr tragen, wo wir die Sitte beschwören, mit der keiner mehr wirklich lebt.

Öffne Du uns die Augen, dass wir den Reichtum unerer Traditionen schätzen lernen, dass wir nicht gering achten,  was uns weitergegeben ist an Liedern, Gebeten, auch an Sitte und Verhaltensmustern.

Öffne Du uns die Augen, dass wir uns freuen an den vielen Stimmen,     den vielen Beiträgen, der Unterschiedlichkeit, in der Männer und Frauen sich einbringen, in der sie Dein Lob vermehren. Amen