Gott ist treu!

1.Korinther 10, 1 – 13

 1 Ich will euch aber, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit darüber lassen, dass unsre Väter alle unter der Wolke gewesen und alle durchs Meer gegangen sind; 2 und alle sind auf Mose getauft worden durch die Wolke und durch das Meer 3 und haben alle dieselbe geistliche Speise gegessen 4 und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.

             Ein neues Thema? Oder doch das gleiche Thema, nur diesmal anders angegangen? Es ist ein langer Gedanken-Weg bis hierher, auf dem Paulus sich mit der Lebenshaltung und Glaubenssicht der Korinther auseinander setzt. „Die falsche Freiheit verbindet sich in Korinth mit einer falschen Sicherheit und Unbekümmertheit.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.162) Um eine heilsame Erschütterung dieser Sicherheit – Luther würde das „securitas“ nennen im Unterschied von der „certitudio“, der Gewissheit – geht es Paulus jetzt. Dabei hält er daran fest – was er jetzt schreibt, schreibt er lieben Brüdern – und Schwestern.

            Unsere Väter – das darf man nicht so eng sehen, als wären jetzt in Korinth nur die Christen angesprochen, die einen jüdischen Hintergrund haben. Paulus „setzt ganz selbstverständlich voraus, dass alle Christen in die Familie des Volkes Gottes aufgenommen sind.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.152) Darum ist die Geschichte Israels eben auch die Vorgeschichte der Christen aus den Heiden und sind die Väter Israels eben unsere Väter.

            Im Hintergrund der Argumentation des Paulus steht: „Dass sich Wüstenzeit und Messiaszeit, Mose und Messias entsprechen, ist jüdische Tradition.“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S.391) Darum kann Paulus an der Wüstenzeit deutlich machen, wie Geschehen heute zu verstehen ist.

            Zugleich deutet er an: Schon in der Wüstenzeit ist Christus der, von dem das Leben ausgeht –  der Fels aber war Christus. Wie das zu denken ist, macht uns heute Schwierigkeiten, auf die Paulus nicht wirklich eingeht, so wenig wie es auch das Johannes-Evangelium tut. Nur dass es so ist, dass er eine Gegenwart Christi vor seinem Leben in der Zeit denken kann, das zeigt sich hier.

             Diese Sicht aber teilt er mit anderen in der ersten Christenheit. „In Christus ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (Kolosser 1, 16)„Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.“ (Johannes 1,10) So hat  diese Glaubens-Einsicht auch den Weg in das christliche Bekenntnis gefunden: Wir glauben „an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.( Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel, EG 805)

            Es ist eine eigenwillige Sicht auf den Durchzug. Alle unter der Wolke, alle durchs Meer, alle auf Mose getauft, alle haben Anteil am Manna und alle haben  vom Wasser aus dem Felsen getrunken. Es sind Geschichten, die zum Grundbestand der Erzählungen Israels gehören, die von der Fürsorge Gottes erzählen. Fünfmal in wenigen Worten alle – πάντες. Damit wird das Gewicht dieser Aufzählung deutlich. Darauf kommt es Paulus an: diese Fürsorge haben alle erfahren. Diesen Weg der Freiheit aus der Knechtschaft sind alle gegangen.

  5 Aber an den meisten von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie wurden in der Wüste erschlagen.

                   Es kommt das aber. Diese so wunderbare Erfahrung der Fürsorge Gottes hat nicht zu einem Verhalten geführt, das das Wohlgefallen Gottes ausgelöst hätte. So wie Paulus die Geschichten von der Fürsorge Gottes andeutet, so könnte er auch die Geschichte vom verweigerten Vertrauen des Volkes andeuten. Vom Murren, vom fehlenden Glauben, von der Widerspenstigkeit. Dass sie in der Wüste bleiben, dahingerafft, ist die Folge ihres verweigerten Glaubens: „Alle die Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich getan habe in Ägypten und in der Wüste, und mich nun zehnmal versucht und meiner Stimme nicht gehorcht haben, von denen soll keiner das Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe; auch keiner soll es sehen, der mich gelästert hat.(4. Mose 14, 22-23)

6 Das ist aber geschehen uns zum Vorbild, damit wir nicht am Bösen unsre Lust haben, wie jene sie hatten.

             Das ist das Ziel der Worte des Paulus: Warnung. An ihrem Schicksal in der Wüste sollen die Korinther sehen, dass falsche Sicherhit in den Untergang führt. Dass die Lust am Bösen Verderben gebiert. Es ist eine überaus ernsthafte Warnung, sagt sie doch: Weder die Taufe noch das Essen und Trinken der geistlichen Speise und des geistlichen Trankes bewahren wie von selbst vor der Lust am Bösen. Taufe und Herrenmahl immunisieren nicht automatisch gegen alle Gefährdungen des Glaubens. Was an den Vätern geschehen ist, die doch alle zu Gottes geliebtem Volk Israel zählten, ist „Vorbild“  – im Sinn einer Negativ-Folie. Nicht um es nachzuahmen, sondern um diesen Weg zu meiden.

 7 Werdet auch nicht Götzendiener, wie einige von ihnen es wurden, wie geschrieben steht (2.Mose 32,6): »Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu tanzen.« 8 Auch lasst uns nicht Hurerei treiben, wie einige von ihnen Hurerei trieben: und an einem einzigen Tag kamen dreiundzwanzigtausend um.

             Es folgt eine Aufzählung des „typischen“ Verhaltens – der τύποι. Der Väter. Götzendiener waren sie, wie es sich im Tanz um das Goldene Kalb (2. Mose 32, 6) zeigte; sie trieben Hurerei – „Und Israel lagerte in Schittim. Da fing das Volk an zu huren mit den Töchtern der Moabiter; die luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter. Und das Volk aß und betete ihre Götter an.“(4 Mose 25,1-2) Das alles bleibt nicht ungestraft, nicht folgenlos.

9 Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie einige von ihnen ihn versuchten und wurden von den Schlangen umgebracht. 10 Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber. 11 Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild.

             Schwieriger ist das Nächste zu verstehen: die Warnung an die Korinther steht voran. Lasst uns nicht Christus versuchen – aber dann folgt der Satz: wie einige von ihnen ihn versuchten. Die aktuelle Situation wird mit Hilfe der Vergangenheit interpretiert. Es gibt in Korinth die Gefahr, dass Christus versucht wird. Worin diese Gefahr besteht, sagt Paulus allerdings nicht ausdrücklich.

            Ich überlege: In Korinth besteht die Gefahr, dass die Christen in ihren Enthusiasmus sich nur noch als „Sieger“ sehen wollen, dass sie den Weg der Leiden ablehnen, der in Wahrheit nüchtern zu erwarten steht. Paulus sieht den Weg der Christen als einen Leidensweg. Dem aber wollen sie sich in Korinth entziehen Sie sind nicht mehr bereit, die Leiden in der Nachfolge Christi zu ertragen. Weil ihnen dieser Weg der Leiden nicht passt, der Weg als Sieger aber versperrt ist, drohen sie zu murren und in die Auflehnung gegen die Wege Gottes zu geraten. Dieses sich Auflehnen gegen den Weg Gottes nennt Paulus  Christus versuchen. Korrekt müsste man sagen: den Herrn versuchen, denn da steht im griechischen Text nicht χρίστος,  Christus, sondern κύριος,  Kyrios.

              Der Hinweis auf die Schlangen zeigt, an welche Erzählung Paulus denkt. „Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.“(4. Mose 21, 4 – 6) Das Murren des Volkes gegen Gott und gegen Mose ist in den Augen des Paulus Murren gegen Christus, Versuchen Christi. So sieht Paulus in Gott schon Christus gegenwärtig, auch in den Schriften der Väter.

Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist. 12 Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle. 13 Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.

            Jetzt wird Paulus noch einmal unmissverständlich deutlich: diese Geschichten sind Warnung in die Gegenwart hinein. In  die Gegenwart, in der das Ende der Zeiten anbricht. Es ist das Schriftverständnis des Paulus, das sich hier zeigt: Es geht in der Schrift nie nur um geschehene Geschichte. Sondern alle Schrift zielt darauf, das Verhalten heute in Übereinstimmung mit dem Heilswillen Gottes zu bringen.

            Die Warnungen wollen der falschen Sicherheit wehren, der securitas. Der Sicherheit, die sich auf das eigene Tun gründet, auf das, was man organisieren kann, selbst bewerkstelligen. Wer auf sich selbst vertraut, auf die eigene Standfestigkeit, mag zusehen, dass er nicht falle. „Wer diese Gefahr des Fallens nicht ernst nimmt und sich bereits ungefährdet am Ziel wähnt, fällt nur umso leichter und sicherer.“ (W.Schrage, aaO.; S.409)  

               Bis jetzt war ja noch alles zum Aushalten, dass ihr’s ertragen könnt. πειρασμς νθρπινος menschliche Versuchungen, fügt Paulus an. Leiden und Schmerzen, Ängste und Sorgen, „die den Menschen als solchen treffen und in seiner Kreatürlichkeit und Begrenztheit begründet sind.“ (W.Schrage, ebda) Aber in den kommenden Zeiten des Endes wird es wohl härter werden. Da kommen die Versuchungen anderer Art: „Ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen... Denn es werden sich erheben falsche Christusse und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, sodass sie die Auserwählten verführen würden, wenn es möglich wäre.“(Markus 13, 13.21) 

                 In diesen Zeiten zählt nicht die eigene Standhaftigkeit, so wichtig sie auch sein mag. Was dann wirklich hält: Aber Gott ist treu. Er kennt seine Leute. Und so, wie er jedem das Maß des Glaubens (Römer 12,3) zuteilt, das für ihn erträglich ist, so lässt er auch keinen maßlos versuchen über die Kräfte hinaus. Er, Gott, setzt den Versuchen ihre Grenze. Eine Überzeugung, wie sie sich auch im Evangelium finden lässt:  „Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.“(Markus 13,20) Die Fürsorge Gottes hat in den Versuchungen kein Ende, sondern sie macht, dass ihr’s ertragen könnt.

             Am Ende wird so aus der Warnung etwas anderes, nämlich der Zuspruch der Treue Gottes, ein Ruf in das Vertrauen, dass Gott seine Hand über seine Leute hält und dass er sie festhält. Das glaubt Paulus und sagt Paulus, „dass es hier letztlich nicht auf menschliche Tüchtigkeit ankommt, sondern auf Gottes Treue, die den Glaubenden vor dem Abfall bewahren und zur Vollendung führen will.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.49)

Lieber Herr Jesus, Du willst, dass wir mit Dir leben. Das sagt sich so einfach, ist aber manchmal nur ein Tasten und Suchen, manchmal auch ein ratloses Irren.

Aber doch liegt Dir daran, dass wir beständig bei Dir bleiben, dass wir uns festmachen an Deinem Wort, dass wir nicht eigensinnig unsere Wege und unseres Weges gehen.

Gib Du, dass in den vielen Fragen des Lebens Dein Wort uns leitet,  uns den Weg zeigt, uns zum Durchhalten hilft, dass wir uns immer neu Dir anvertrauen. Amen