Möglichst viele gewinnen

  1. Korinther 9, 19 – 23

 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.

          Die Unabhängigkeit von Ersatzleistungen der Gemeinde unterstreicht, was für Paulus entscheidend ist: Ich bin frei von jedermann. Unabhängig. Niemand verpflichtet – außer dem Herrn Jesus und seiner Gnade.  „Es geht Paulus um einen Lebensstil, der ganz dem Evangelium entspricht und sich deshalb ganz den Menschen zuwendet.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.144) Nicht Autarkie um der Autarkie willen. Frei, Ἐλεύθερος ist Paulus. Das ist ja sein Thema schon seit der ersten Frage: Bin ich nicht frei?

            Diese Freiheit aber hat ihr Spitze darin, dass Paulus jedermann zum Knecht wird. Genauer; sich zum Knecht macht. δολωσα. Einmal mehr klingt hier das Wort Doulos, Sklave an. Die Freiheit des Paulus ist kein Selbstzweck. Sondern sie hat jedermann im Blick. Den Anderen. Man könnte auch sagen: den Nächsten. Den potentiellen Bruder, die potentielle Schwester.

             Alle steht da im Griechischen. Um möglichst viele zu gewinnen. Hier beschreibt Paulus seinen missionarischen Impuls. Er will Menschen gewinnen. Am liebsten alle, aber immerhin möglichst viele. Wie weit ist das entfernt von einer kirchlichen Wirklichkeit, in der ich auch heute noch ständig zu hören bekomme: „Wir wollen nicht missionarisch sein.“ Allen kirchlichen Strategie-Papieren zum Trotz.     

            Für Paulus aber ist das sein Antrieb: Menschen gewinnen. κερδαίνω, „jemand gewinnen, geneigt machen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.433) Das Wort „begegnet sonst vor allem im geschäftlichen Bereich für Profitmaximierung der Geschäftsleute.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S. 339) Es hat also durchaus einen Beigeschmack. Übernommen wird es dann ein Wort der urchristlichen Missionssprache, getragen von der Überzeugung, dass Christus gewinnen das Leben gewinnen ist – die schöne Ewigkeit Gottes. Genau dieses Wort gebraucht Paulus für sich selbst und sein Lebensziel – „dass ich Christus gewinne“ (Philipper 3,8)

        Diese Sätze des Paulus haben Martin Luther spürbar inspiriert, so dass er sie an den Anfang einer Schrift gestellt hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, Luther Deutsch Bd 2, Göttingen 1981, S. 251)

20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.

             Um also Menschen zu gewinnen, lässt Paulus sich auf sie ein. Passt er sich ihnen an, gleicht er sich ihnen an, lebt er wie sie. Wird er einer wie sie. Juden wie ein Jude. Den Leuten unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz.

            Dahinter steht eine Grundüberzeugung: wer sich nicht auf die Menschen einlässt, hat ihnen auch nichts zu sagen. Wer nicht in ihre Kultur eintritt, in ihren Lebensstil, der wird sie nicht erreichen und schon gar nicht gewinnen.  Es sind die gleichen Überzeugungen, die heute wieder durchdiskutiert werden in der Frage, ob und wie die christliche Verkündigung über die engen Mauern des kirchlichen Milieus hinaus kommen kann.

21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.

             Die Aufzählung des Paulus ist nicht vollständig. Sie knüpft bei denen an, die schon für die Gemeinde in Korinth im Blick sind: Juden, Leute, die das Gesetz immer noch hochhalten, Heiden, Starke, Schwache. Sie können sich darin wiederfinden und verstehen: der Apostel hat sich an uns orientiert, weil es ihm um uns ging und geht.

 Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.

             Anpassung an alle. Ist das nicht Selbstaufgabe – und schlimmer noch: Preisgabe des Evangeliums? Trifft dieser Vorwurf den Paulus: Du bist einer, der standpunktlos unterwegs ist,  das Mäntelchen nach dem Winde hängt, den Leuten nur sagt, was sie hören wollen. Das ist ja der Vorwurf, der bis heute erhoben wird, wenn Verkündiger dahin gehen, wo die Menschen sind – ins Theater, ins Kino, auf den Sportplatz, wenn sie im Karneval auftreten oder sich bei Volksfesten unters Volk mischen. Alles nur Anpasser.

           Paulus aber weiß: „Ein Evangelium ohne Grenze ist auch ein Evangelium ohne Grund, ohne Kraft, ohne Wahrheit. Wo es kein Nein gibt, das gibt es auch kein Ja.“ (W.Schrage, aaO.; S.347) Paulus sagt eben nicht zu allem Ja und Amen. Aber er sagt an allen Orten immerzu das Evangelium: dass in Jesus Christus die Gnade Gottes erschienen ist, dass in ihm der Weg zu Gott geöffnet wird, dass es den Verzicht auf die Selbstrechtfertigung; den Verzdicht auf das Vertrauen auf die eigenen Leistungen, auch die eigenen frommen Leistungen braucht, um dieser Gnade teilhaftig zu werden.  Wer sich das nicht gefallen lässt – das Evangelium von der geschenkten Gnade – der bleibt unter dem Nein.

             „Das Evangelium ist eine heilvolle Macht, eine Botschaft, die dazu drängt, mit Menschen geteilt zu werden. Wer am Evangelium teilhaben will, muss sich auch in seine Bewegung zu den Menschen mitnehmen lassen.“ (W. Klaiber, aaO.; S.148) Indem Paulus dieses Evangelium unaufhörlich und überall sagt, austeilt, lebt, wird er seiner teilhaftig, wird es zur Prägung und zum Fundament seines Lebens. Oder anders gesagt: Paulus selbst ist sein erster Predigthörer. Der Erste, der seine Verkündigung annimmt und sich von ihr bestimmen lässt.

Dass Paulus sich so auf Menschen einlassen kann, ihnen so entgegen kommen kann, hat eine Voraussetzung: er ist sich selbst losgeworden in der Bindung an Christus. Selbstlos geworden. Er ist in allem sich Hingeben gehalten. Er muss keine Angst mehr haben, sich selbst zu verlieren, weil er sich in die Hände Christi gegeben hat. Sich ganz auf die anderen einlassen, ihnen einer werden wie sie – das geht nur, wenn die Frage der eigenen Identität nicht mehr das Maß aller Dinge ist. Nur wer gehalten ist, muss sich nicht mehr selbst halten. Weil Paulus fest gebunden ist, kann er so frei sein, allen alles zu werden.

            Übersetzt ins Heute heißt das: eine Kirche, die dauernd Angst um ihren eigenen Bestand hat, kann nicht selbstlos sein, nicht wirklich auf die Welt, wie sie ist, zugehen. Und Christen, die nicht wissen, dass sie gehalten sind, dass Christus sie hält, können sich nicht auf die einlassen, die mit dem Glauben nichts (mehr) am Hut haben. Ihnen einer zu werden wie sie setzt voraus, dass ich mich nicht selbst halten muss, meine Identität sichern. Dass ich mich gehalten weiß.

Mein Jesus, Du bist einer geworden wie wir, damit wir Dir Deine Liebe glauben, damit wir Dir glauben, dass der Vater uns gut ist, dass das Vaterhaus uns offen steht, dass wir willkommen sind.

Hilf Du doch, dass wir den Menschen nicht so begegnen, dass sie glauben,  sie müssten erst werden wie wir, bevor sie Dir recht sind.

Lass uns ihnen begegnen in der Liebe, die Du uns entgegen gebracht hast. In Deiner entgegenkommenden Liebe. Amen