Ich bin so frei!

  1. Korinther 9, 1 – 18

 1 Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht unsern Herrn Jesus gesehen? Seid nicht ihr mein Werk in dem Herrn? 2 Bin ich für andere kein Apostel, so bin ich’s doch für euch; denn das Siegel meines Apostelamts seid ihr in dem Herrn.

             Stakkato-mäßig schießt Paulus regelrecht Fragen auf die Korinther ab. Ob er im Ernst Antworten erwartet? Es ist ja manchmal so: Man fragt, aber in Wahrheit steckt in jeder Frage eine Aussage. Also: Ich bin frei. Ich bin Apostel. Ich habe den Herrn Jesus gesehen. Ihr seid mein Werk in dem Herrn.

           Es ist schon so: „Dieser Gedankengang ist sehr polemisch formuliert.“ (C.Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 72; Berlin 1982, S.18)  Nicht zuletzt entsteht dieser Eindruck der Polemik, weil diese Reihe von insgesamt 16 (!) Fragen die Korinther mehr und mehr in die Enge treiben muss, weil immer nur eine Antwort bleibt: Ja, Paulus, so ist es. Sie können es ja nicht bestreiten: er ist der, der das Evangelium als Erster nach Korinth gebracht hat.

            Paulus ist, das weiß er selbst, nicht überall der „Pionier-Missionar“ gewesen. Mancherorts mögen ihn Christen auch irgendwie kritisch und skeptisch sehen. Manche bestreiten ihm auch den Apostel-Titel, weil er Jesus nicht als den gesehen hat, der in Galiläa und Judäa geheilt und gepredigt hat. Paulus erfüllt nicht die Anforderungen, die ein Evangelist Lukas an einen Apostel stellt: So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“(Apostelgeschichte 1,21-22)  Paulus aber hat Jesus „nur“ als den Christus, „nur“ als den Auferweckten und Erhöhten gesehen. Vor Damaskus. Dieses Sehen damals aber hat Wirkung – bis zu seinem Leben heute.

           Die erste Frage ist die Überschrift und das geheime Thema des ganzen Abschnittes: Bin ich nicht frei? fragt Paulus – und verteidigt damit seine Vollmacht, seine Freiheit, seine „Rechte“ der Gemeinde gegenüber. Auch, wie es sich zeigen wird, seine Freiheit, auf diese Rechte zu verzichten.

             Mich beschäftigt eine sprachliche Beobachtung. Die Korinther reden gerne von ihrer Freiheit als ξουσα, Exousia, als etwas, das der Macht Christi entspricht. Vollmacht. Eine geistliche Kraft. So wird normalerweise auch die Macht und Vollmacht von Aposteln beschrieben. Paulus aber wählt hier mit λεθερος  ein eher umgangssprachliches, profanes Wort, keine religiös bestimmte Vokabel. Es könnte also so sein, dass er schon durch die Wortwahl zeigen will: Wir reden über Vorletztes. Und: wir reden nicht über die Vollmacht, von der ihr so groß zu reden wisst, sondern eine Etage tiefer – über Freiheit in alltäglichen Dingen. 

3 Denen, die mich verurteilen, antworte ich so: 4 Haben wir nicht das Recht, zu essen und zu trinken? 5 Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die andern Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?

            Das ist ja wohl der Vorwurf: Paulus fehlt es an Vollmacht! An Freiheit. Auch deshalb, weil er so bescheiden auftritt. Keine Ansprüche macht. Er traut sich nicht, sagen sie und meinen zu wissen: er traut sich nicht, weil er nicht kann, weil es ihm am Recht dazu fehlt, eben doch an der Vollmacht.

            Gemeint ist: „Das Essen auf Gemeindekosten. Das wird durch das zusätzliche Trinken bestätigt. Gemeint ist also der Lebensunterhalt, für den bei Aposteln und Evangelisten normalerweise die Gemeinden aufkamen.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S. 291) Wäre Paulus ein „richtiger“ Apostel, so würde er sich dieses Recht doch nehmen! In gleicher Weise müsste die Gemeinde auch für eine mitreisende Ehefrau aufkommen. Das entfällt, weil Paulus unverheiratet unterwegs ist- ein Umstand, der irritierend genug ist bei seiner Herkunft aus dem jüdischen Volk, wo Ehe sozusagen zu den Grundpflichten eines Mannes gehört. Die anderen Apostel jedenfalls sind nicht allein unterwegs und sie fordern den Unterhalt auch für ihre Frauen selbstredend ein.

  6 Oder haben allein ich und Barnabas nicht das Recht, nicht zu arbeiten? 7 Wer zieht denn in den Krieg und zahlt sich selbst den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seiner Frucht? Oder wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde? 8 Rede ich das nach menschlichem Gutdünken? Sagt das nicht auch das Gesetz? 9 Denn im Gesetz des Mose steht geschrieben (5.Mose 25,4): »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.«

             Der dritte Themenkomplex: Paulus – und mit ihm Barnabas – verzichten auf den Unterhalt durch die Gemeinde, weil sie ihre Lebenshaltungskosten selbst erarbeiten. Sie haben einen normalen  „Broterwerb“ und leben nicht von dem; was ihnen die Verkündigung „einbringt“.  Das Recht – diesmal steht da ξουσα , Vollmacht – hätten sie auf jeden Fall. Das zeigt die Lebenserfahrungen. Mehr noch: Das zeigt die Schrift. So steht es im Gesetz – hier verwendet Paulus das Wort νμος und signalisiert so höchste Verbindlichkeit. Es ist so, dass die Fürsorge Gottes für seine Leute, erst recht für seine Apostel, diese Ordnung verfügt. Würde Paulus das also einfordern für sich, so würde er nur göttliches Recht einfordern.  Wenn Gott für das Vieh durch Tierschutzbestimmungen sorgt, sollte er nicht auch für seine Boten sorgen?

 Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen? 10 Oder redet er nicht überall um unsertwillen? Ja, um unsertwillen ist es geschrieben: Wer pflügt, soll auf Hoffnung pflügen; und wer drischt, soll in der Hoffnung dreschen, dass er seinen Teil empfangen wird. 11 Wenn wir euch zugut Geistliches säen, ist es dann zu viel, wenn wir Leibliches von euch ernten? 12 Wenn andere dieses Recht an euch haben, warum nicht viel mehr wir?

             Ganz steil wird es jetzt. Paulus beruft sich auf Gott, auf sein Reden. Nicht nur auf alte Worte der Schrift. Es ist von Gott her nur recht und billig, wenn er als Antwort auf seine Verkündigung von den Korinthern versorgt wird. Das wäre wahrhaftig nicht zu viel verlangt.

 Aber wir haben von diesem Recht nicht Gebrauch gemacht, sondern wir ertragen alles, damit wir nicht dem Evangelium von Christus ein Hindernis bereiten. 13 Wisst ihr nicht, dass, die im Tempel dienen, vom Tempel leben, und die am Altar dienen, vom Altar ihren Anteil bekommen? 14 So hat auch der Herr befohlen, dass, die das Evangelium verkündigen, sich vom Evangelium nähren sollen.

             Aber: wir haben von diesem Recht nicht Gebrauch gemacht. Wir – das ist Paulus mit Barnabas, vielleicht auch mit seinen sonstigen Weggefährten. Sie haben ihr Recht – wieder ξουσα  – nicht beansprucht. Aus dem einen Grund: um dem Evangelium nicht im Weg zu stehen. Damit keiner sagen kann: sie machen das alles ja nur als Broterwerb. Sie müssen ja so reden,  weil sie davon leben. Bis heute ist das ein Einwand gegen die Botschaft des Evangeliums, die „Profi-Christen“, wie es Pfarrerinnen und Prediger nun einmal sind, zu hören bekommen.

         Noch einmal: Das wäre in völliger Übereinstimmung mit den Befehlen des Herrn, sich vom Evangelium zu nähren! Das ist die letzte, die höchste Autorität – eine Weisung des Herrn.

         Beim Suchen nach diesem Befehl kann man darauf stoßen: „In demselben Haus aber bleibt, esst und trinkt, was man euch gibt; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ (Lukas 10, 7) Worte Jesu aus der Aussendungsrede an seine Jünger.

15 Ich aber habe von alledem keinen Gebrauch gemacht. Ich schreibe auch nicht deshalb davon, damit es nun mit mir so gehalten werden sollte. Lieber würde ich sterben – nein, meinen Ruhm soll niemand zunichte machen!

             Paulus aber hat dieses Recht nicht beansprucht. Er will es auch in Zukunft nicht beanspruchen. Wer seine Zeilen liest, könnte ja auf die Idee kommen: Jetzt wird er gleich die Rechnung präsentieren. Jetzt wird er für die Zukunft Forderungen stellen. Das aber kommt nicht in Frage.

              Lieber sterben als sich bezahlen lassen. Als aus der Verkündigung des Evangeliums einen Broterwerb machen. Ist das nur überzogen? Womöglich nur persönliche Eitelkeit? So könnte man ja diese Floskel lesen: meinen Ruhm soll niemand zunichte machen! Nur, dass Paulus ja nicht damit hausieren geht, dass er unentgeltlich unterwegs ist, spricht dagegen. Es scheint vielmehr so zu sein: Es steht für ihn mehr auf dem Spiel, nämlich sein ganzes Sein als Apostel. Das ist ja sein Ruhm. Ich bin kein Lohnarbeiter. Ich bin Diener, Sklave Jesu Christi.

 16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.

             Das unterstreichen diese Worte: auf Paulus liegt eine unausweichliche Notwendigkeit. Geradezu ein Zwang. „Er kann gar nichts anderes mehr sein als Bote Gottes.“ (C.Wolf , aaO.; S.29) Es ist das gleiche Geschick, das die Propheten erleben: Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden? (Amos 3,8)  Vielleicht noch näher: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ (Jeremia 20,9)

            Es ist keine unausweichliche Zwangslage, in der Paulussteckt, auch kein unabänderliches Fatum, das über ihn verhängt worden wäre. Diese νγκη Notwendigkeit – ist der Wille Gottes, dass Paulus das Evangelium sagen soll, die Gnade ausrufen, die geschenkt ist. Das hat er ihm anvertraut, das hat er ihm auferlegt. Bei Lukas klingt das so:  Dieser Paulus „ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“(Apostelgeschichte 9,15)

            Diesem Auftrag kann Paulus sich nicht entziehen. Und in diesem Auftrag sieht er mit eingeschlossen: Kein Lohn, keine Bezahlung. Es ist sein Amt. Da steht im griechischen merkwürdiger Weise οκονομα, Ökonomie, Haushalterschaft, Verwaltung, nicht das sonst übliche διακοία. Diakonie, das Paulus sonst (Römer 12,7) gerne für Dienst und Amt verwendet. Paulus ist Gottes Ökonom, der seine Heilsordnung weitertragen soll. In diesem Auftrag an ihn zeigt sich Gottes Vertrauen auf Paulus.

 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.

            Vielleicht darf man sagen: dieses Vertrauen des Herrn ist Paulus Lohn genug. Dass Christus ihn würdigt, sein Bote zu sein, Dass er ihn würdigt, für ihn unterwegs zu sein, in der Welt, anspruchslos, aber mit dem Anspruch: ich rufe zum Glauben. Bedürfnislos, aber mit dem Bedürfnis: ich will die Gnade Gottes verkündigen, die im Christus Hand und Fuß, ein Gesicht gewonnen hat. „Der Lohn des Paulus besteht also gerade darin, ohne Lohn zu arbeiten und das Evangelium ohne Entgelt und Gegenleistung zu predigen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.142) Weil so auch für ihn selbst das Evangelium bleibt, was es ist: unverdientes Geschenk.

Mein Herr und Heiland, Du willst uns frei in allem, was wir sagen, in allem, was wir leben. Du machst uns frei, weil wir es wissen: Wir sind Dir Recht

Wir müssen unsere Freiheit nicht einklagen, keine Rechte verteidigen, nichts einfordern. Du allein genügst. Amen