Jeder hat seine Berufung

1.Korinther 7, 1 – 16

 1 Wovon ihr aber geschrieben habt, darauf antworte ich:

             Es hat Anfragen aus der Gemeinde in Korinth gegeben. Sie sind durch einen Brief zu Paulus gekommen. Es geht um „Dinge der praktischen Lebensführung“(W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.120) Dafür erhofft man sich in Korinth Wegweisung – und Paulus müht sich, dieser Bitte nachzukommen.

 Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. 2 Aber um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann. 3 Der Mann leiste der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann. 4 Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.

             Merkwürdig genug: Es gibt in Korinth nicht nur die, die in Sachen Sexualität ausgesprochen freizügig unterwegs sind. Es gibt auch die anderen,  die ängstlich sind. Die fürchten, dass gelebte Sexualität, auch in der Ehe, nicht gut sein könnte. Es ist die gleiche Quelle – einmal die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leib und zum anderen die Angst vor dem Leib. „In beiden Fällen gelingt es nicht, die leibliche Dimension menschlicher Existenz in das Christsein zu integrieren.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.99)

            Paulus möchte in die Freiheit führen. Darum: Die gelebte Sexualität gehört in die Ehe. Dort hat sie ihren guten Platz und wehrt auch der Unzucht. Sie hilft dazu, dass sich nicht Bilder und Phantasien übermächtig breit machen können. Es hört sich ein bisschen umständlich an, ist aber doch ausgesprochen hilfreich: „Eheliche Gemeinschaft schließt selbstredend leibliche Gemeinschaft ein.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S.63 ) Aber es gibt in der Ehe kein Recht auf die Einforderung eheliche Pflichten. „Keiner der beiden Ehepartner hat einfach das Verfügungsrecht über den eigenen Körper“.(W. Klaiber, aaO.; S.100) Und erst recht nicht über den Körper des Anderen, der Anderen. Beide, Mann und Frau, haben eigene Wünsche, eigene Sehnsüchte, eigene Vorstellung. Beide dürfen wünschen und beide dürfen auch Nein sagen zu den Wünschen des anderen.

  5 Entziehe sich nicht eins dem andern, es sei denn eine Zeit lang, wenn beide es wollen, damit ihr zum Beten Ruhe habt; und dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht versucht, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 6 Das sage ich aber als Erlaubnis und nicht als Gebot.

             Was aber nicht sein soll, ist, dass man sich für immer oder allzulange dem, der anderen verweigert. Es mag solche Zeiten geben. Aber dann sind sie wechselseitig verabredet, erfordern das Einverständnis beider. Solche Fastenzeit kann durch mancherlei bestimmt sein. Als ein Beispiel nennt Paulus Zeiten des Betens. Des Rückzugs, würden wir vielleicht sagen. Der Selbstklärung. Jeder kennt wohl solche Zeiten, wo eine Aufgabe einen so in Beschlag nimmt, dass so wesentliche Lebensvollzüge wie gelebte Sexualität in den Hintergrund treten.  

            Ich  stimme zu: „Die Tendenz von V.5 ist eindeutig die einer Warnung vor allen asketischen Verstiegenheiten und Bravourstückchen. Wer dem Satan infolge der Überschätzung der eigene Kraft durch allzu asketische Lebensweise zu entlaufen sucht, läuft ihm nur ums sicherer ins offene Messer und erliegt ihm.“ (W.Schrage, aaO.; S.69 )

             Darum ist es auch sinnvoll, dass Paulus seine Wort einordnet: sie sind ein Zugeständnis, kein Befehl. So besser statt Gebot. Weder die Ehe noch die Ehelosigkeit will Paulus befehlen, auch nicht die zwischenzeitliche Abstinenz von ehelichem Verkehr in der Ehe. Da gibt es nichts zu befehlen, auch nicht zu erlauben. Das mögen Eheleute halten, wie sie es untereinander vereinbaren können.

7 Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.

        Jetzt spricht Paulus von sich selbst. Er lebt ehelos, unverheiratet. Das ist, so sagt er es indirekt, seine eigene Gabe von Gott. χρισμα, Charisma nennt er seine Ehelosigkeit und macht damit deutlich: Das ist keine Verlustgeschichte, sondern der Weg, den Gott mit ihm geht. Er könnte sich das gut für alle Menschen so vorstellen. Aber das ist nicht zwingend.

            Wenn ich Paulus folge, so läuft sein Gedanke darauf hinaus: Ehelosigkeit ist, wenn sie denn akzeptiert wird, eine Gabe Gottes. Und Ehe ist, wenn sie denn akzeptiert wird, genauso eine Gabe Gottes. Da gibt es keinen Vorrang und keine Nachrangigkeit und keines von beiden ist nur eine „Notordnung“.

           Warum er dennoch sagt, dass er es lieber hätte, wenn alle so lebten wie er, wird er erst später begründen. Hier liefert er noch keine Begründung für den relativen Vorzug, den er seiner Ehelosigkeit zumisst.

 8 Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. 9 Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. 10 Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, dass die Frau sich nicht von ihrem Manne scheiden soll 11 – hat sie sich aber geschieden, soll sie ohne Ehe bleiben oder sich mit ihrem Mann versöhnen – und dass der Mann seine Frau nicht verstoßen soll.

             Aber: Wer nicht so leben will und kann, wie es Paulus tut, der soll doch heiraten. Das ist allemal besser als ein Leben in innerer Unruhe zu führen: Soll ich… Soll ich nicht… Noch einmal: „Sexuell enthaltsam leben zu können, ist ein besonderes Charisma, das Gott schenkt.“(W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.103) Dieses Charisma hat nicht jeder. Darum sagt er denen in Korinth, die auf dem Askesetripp in Sachen Ehe unterwegs sind: Wer heiratet, macht nichts falsch.

            Man muss von daher wohl auch zumindest skeptisch sein, ob es sinnvoll ist, geistliche Berufe mit diesem besonderen Charisma der Ehelosigkeit sozusagen kirchenamtlich zu verknüpfen. Auf der Basis von Kirchengesetzen.

           Weil er schon einmal dran ist: Es gibt auch keine Scheidungspflicht! Was für eine irrwitzige Umkehrung. Das Judentum kennt die Ehepflicht. „Jeder Mensch, der keine Frau hat, ist kein Mensch. (Rabbi Eleazar, um 270)“ (E.Fascher, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 7/1; Berlin 1980, S.181) In Korinth gibt es umgekehrt wohl Gruppierungen, die aus Angst vor dem „Verhängnis der Sexualität“ die Scheidung als den Weg zum Leben fordern. Dass Christen hier in der irdischen Wirklichkeit leben wie die Engel. „Sie werden nicht freien noch sich  freien lassen.“(Markus 12,35)

          Für den Widerspruch gegen solche Forderung beruft sich Paulus ausdrücklich auf den Herrn. Das ist jetzt keine Ermessensache mehr, sondern hier gilt das Wort Jesu: „Was denn Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“(Markus 10,9) Wie sollte auch ein Mensch die Gnadengabe Gottes, das Charisma, das ihm geschenkt ist, widerrufen können, es zurückgeben wollen! Daran hält Paulus unbeirrt fest, obwohl auch ihm schon damals nicht verborgen geblieben sein wird, dass Ehen scheitern können.

            Wo es aber doch zur Auflösung der Ehe gekommen ist – vermutlich bezieht sich Paulus auf eine konkrete Situation in Korinth – , da ist der neue Weg allein bleiben oder sich wieder versöhnen. „Paulus rechnet damit, dass auch eine zerbrochene Ehe wieder geheilt werden kann.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.104) Ich zögere ein wenig, mir das zur eigenen Sichtweise zu machen, weil ich zu viele in dieser Hoffnung gescheiterte Versöhnungsversuche vor Augen habe.

12 Den andern aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und es gefällt ihr, bei ihm zu wohnen, so soll er sich nicht von ihr scheiden. 13 Und wenn eine Frau einen ungläubigen Mann hat und es gefällt ihm, bei ihr zu wohnen, so soll sie sich nicht von ihm scheiden. 14 Denn der ungläubige Mann ist geheiligt durch die Frau und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den gläubigen Mann. Sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie heilig.

             Jetzt gibt Paulus wieder eigene Einsicht weiter. Für das, was er sagt, kann er kein Herrenwort anführen. Diese Relativierung der eigenen Worte schafft Freiraum, die Worte des Paulus zu bedenken und – vielleicht – zustimmend zu übernehmen. Das ist sein Kernsatz: Auch unterschiedlicher Glaube ist kein Scheidungsgrund. Wenn der Ehepartner, ob Mann oder Frau es aushält, erträgt, dass der Christ, die Christin ihren Glaubensweg geht, gib es keinen Anlass, sich zu trennen. Jedenfalls: „Die Initiative zu einer Scheidung, wenn sie unausweichlich wird, kann nicht vom christlichen Partner ausgehen.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/2  Neukirchen 1995, S.103)

            Mit diesen deutlichen Worten wendet sich Paulus gegen „eine Bunker- oder Abgrenzungsmentalität.“(W.Schrage, aaO., S.104) Er setzt vielmehr auf die Ansteckungskraft des Glaubens. Gelebter Glaube färbt ab, er eröffnet ein Kraftfeld, das auch auf Nichtchristen wirken kann. Nicht muss, aber kann. Es ist die Hoffnung des Paulus: Die Heiligkeit der Heiligen greift auf die über, mit denen sie leben.

15 Wenn aber der Ungläubige sich scheiden will, so lass ihn sich scheiden. Der Bruder oder die Schwester ist nicht gebunden in solchen Fällen.

            Will der heidnische Partner die Scheidung, dann darf man sie ihm nicht verweigern. „Dann ist auch der christliche nicht mehr an die Ehe gebunden.“ (H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.58) Auch als Christ muss ich nicht unbedingt und unbegrenzt um eine Ehe kämpfen, die nicht mehr zu retten ist. Die daran scheitert, dass es keine gemeinsame Basis der Werte und Gefühle, der konkreten Lebbenswege mehr gibt.

Zum Frieden hat euch Gott berufen. 16 Denn was weißt du, Frau, ob du den Mann retten wirst? Oder du, Mann, was weißt du, ob du die Frau retten wirst?

            Wie kommt Paulus jetzt auf den Frieden? Die eine Möglichkeit: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es gibt die Situation, dass das Leben in der Ehe dem andauernden Kriegszustand gleicht.  Das ist nicht das, was Gott Menschen mit dem Charisma der Ehe zugedacht hat. Darum mag es ein Schritt in den Frieden sein – den inneren und den äußeren -,  wenn solch ein Ehekrieg zu Ende kommt.

            Die andere Möglichkeit: Über allen Problemen, die es in einer Ehe geben mag steht der Satz: Ihr seid zum Frieden berufen. Das gilt doch auch in den Kämpfen, die miteinander ausgefochten werden. Nicht die Kämpfe, der Frieden ist das Ziel.

            Was aber ist dann mit dem letzten Satz? Ich lese ihn nicht als Resignation, aber auch nicht als eine Aufforderung; durchhalten, weil du ja doch deinen Mann, deine Frau retten könntest – sprich: ihr die Augen für die Schönheit des Glaubens öffnen könntest. Wenn das gelingen soll, dann gibt es nur einen Weg: Alle belehrenden Reden, alles demonstrative Darstellen des Glaubens bleiben lassen.

            Mit dem anderen leben ohne „Schau her.“ Ohne zwanghaftes Vorzeigen: so sieht der Glaube aus. Auch ohne die ständige Wiederholung: Jesus liebt dich. Denn der Ehepartner, die Ehepartnerin will zuallererst spüren: Mein Mann, meine Frau liebt mich. Wenn der Mann, die Frau, nicht diese Liebe spürt, mit der sie um ihrer selbst willen geliebt wird, ist jedes Wort ein Wort zu viel.

Herr Jesus, ich danke Dir für meine Ehe, für alle Liebe,für alles Verstehen, für alles Teilen-können des Glaubens und des Lebens, für alle Gemeinschaft in der Hoffnung auf Dich.

Ich bitte Dich für alle Ehen,  die es schwer miteinander haben, wo der Glaube kein verbindendes Band ist sondern irgendwie ein letzte Fremdheit wirkt

Ich bitte Dich für alle Ehen, die es schwer haben unter den Umständen der Zeit

Schenke Du Liebe, die den anderen trägt, die es aushalten kann, dass es ein letztes unteilbares Geheimnis in jedem Menschen gibt, die den langen Atem bewahrt

Sei Du ihnen Halt, auch denen, die sich Dir nicht anvertrauen können, weil sie Dich und Deine Liebe nicht kennen. Amen