In der Welt unangepasst bleiben

  1. Korinther 5, 9 – 13

 9 Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr nichts zu schaffen haben sollt mit den Unzüchtigen. 10 Damit meine ich nicht allgemein die Unzüchtigen in dieser Welt oder die Geizigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müsstet ihr ja die Welt räumen.

             „Schon in einem früheren Brief, den wir nicht kennen, hatte er die Gemeinde ermahnt, nicht mit den Unzüchtigen zu verkehren.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.80) Auf diesen Brief verweist Paulus zurück, um aber zugleich klarzustellen, wie er nicht verstanden werden soll. Nämlich als eine Warnung, auch nur auf die Straße zu gehen. Oder mit den Menschen des eigenen Umfeldes zu tun zu haben. Oder sich mit Leuten abzugeben, von denen man nicht wissen kann, wie sie sind.

            Es ist keine Warnung vor denen, die in dieser Welt unerkannt unterwegs sind – Unzüchtige in dieser Welt oder Geizige oder Räuber oder Götzendiener. Man sieht es den Leuten ja nicht an, was sie sind. Und sie tragen auch kein Markenzeichen an sich: Achtung, Götzendiener! Wer ganz sicher sein wollte, dass er nicht mit den falschen Leuten in Berührung kommt, der müsste ja die Welt räumen.

            Die Herausforderung an die Christen, auch in einer Hafenstadt wie Korinth, ist eine andere: „In diesem Milieu seine Lauterkeit und Wahrhaftigkeit zu behaupten.“ (E.Fascher, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 7/1; Berlin 1980, S.165) Sie zu bewahren auch im Gegenüber zu durchaus fragwürdigen und womöglich zwielichtigen Gestalten. „Kontakt-Sperren zur Welt und Gemeinde-Isolation widersprechen in ihrer Konsequenz der paulinischen Intention und Verkündigung. Die Welt ist das Feld der Bewährung und nicht sich selbst zu überlassen.“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S. 389)

            Das ist ein wichtiger Hinweis: Paulus will nicht den Rückzug aus der Welt, sondern die Begegnung mit ihr, in der die Christen aber sichtbar werden lassen, aus welcher Wirklichkeit sie leben. Sie sollen auf ihre Umwelt zugehen und sich nicht zurückziehen ins Ghetto, die Welt nicht räumen. Wer das Zeugnis für Christus über die engen Gemeindegrenzen hinaustragen will, der muss sich auch auf die Begegnungen mit Menschen einlassen, die noch nicht so sind, wie es den moralischen Standards der Christen entspricht.

             Mir kommt beim Lesen die gegenwärtige Debatte in den Sinn, ob man denn um des Friedens willen und um der Frage, wie mit Flüchtlingen einigermaßen geordnet umzugehen sei, mit so zwielichtigen, blutbefleckten und durchaus skrupellosen Machtmenschen wie Erdogan, Assad und dem saudischen Königshaus und vielen anderen sich überhaupt an einen Verhandlungstisch setzen dürfe. Es ist wohl so: Wenn man sich nicht aus der Welt der Politik verabschieden will, in der nach Lösungen für schwierigste Fragen gesucht wird, kommt man nicht umhin, blutbefleckte Hände zu schütteln.

 11 Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen haben, der sich Bruder nennen lässt und ist ein Unzüchtiger oder ein Geiziger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.

             Die Stoßrichtung im Schreiben des Paulus ist eine andere, nach innen: Wer in der Gemeinde ist, sich Bruder nennen lässt, auch Schwester, der soll und darf nicht mehr in seinen alten Verhaltensmustern beharren. Paulus macht sich nichts vor: Unzüchtige, Geizige,  Götzendiener, Lästerer, Trunkenbold oder Räuber – das trifft für die Vergangenheit so mancher Gemeindeglieder zu. Sie haben nicht alle immer schon eine blütenreine Weste, sondern sie haben Dreck am Stecken, sind belastete Leute mit zwiespältiger Vergangenheit. Aber sie haben eine Umkehr-Geschichte erlebt. Eine Lebenswende. Das allerdings sagt Paulus deutlich: „Wer sich als Christ ausgibt, kann nicht gleichzeitig oder gar deshalb ein Lasterleben führen.“  (W.Schrage, aaO.; s. 394)

         Es ist nicht damit getan, zu warnen, zu mahnen, sich gewissermaßen auf Abstand zu begeben, den Umgang zu meiden: Sondern wenn einer in diesen alten Verhaltensmustern beharrt, dann muss  das Konsequenzen haben: Ausschluss aus der Gemeinde, Ausschluss vom Herrenmahl.

 12 Denn was gehen mich die draußen an, dass ich sie richten sollte? Habt ihr nicht die zu richten, die drinnen sind? 13 Gott aber wird die draußen sind richten. Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte!

          Paulus unterscheidet: Er ist nicht mit der Aufgabe unterwegs, die ganze weite Welt moralisch auf Linie zu bringen Er soll nicht die draußen richten. Er sieht für sich selbst eine Grenze: Er hat seine Aufgabe an denen, die das Evangelium gehört und aufgenommen haben. Für die anderen ist er nicht zuständig. Und auch die Gemeinde muss nicht die ganze Welt auf Linie bringen, sondern sie muss darauf achten, dass die in der Gemeinde, die drinnen sind, den Weg Gottes gehen. „Richten“ meint hier: ausrichten, zurecht bringen.

         Was für eine Entlastung auch für uns: Wir müssen uns nicht ständig über den moralischen und sittlichen Zustand der Welt ereifern und entrüsten. Die Welt ist, wie sie ist. Das, was uns aufgetragen ist, ist begrenzt: „Nicht einfach wegsehen, wo sich Brüder und Schwestern durch ihr Verhalten in Gefahr begeben; schon gar nicht Fehlverhalten als Freiheit glorifizieren, sondern sich stattdessen in solidarischer Trauer auf die Problematik des anderen einlassen und Hilfe anbieten.“ (W. Klaiber, aaO; S82)

           Wo aber die Hilfe nicht angenommen wird, wo alle Gesprächs-Angebote und Begleitversuche auf taube Ohren stoßen, da bleibt nur: Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte! Aber auch hier wieder ist ein solcher Ausschluss wohl nicht so verstehen, dass damit die Tür ein für alle Mal zugeschlagen wird. „Es geht um ein Nein zur Sünde, das Gottes Ja zum Sünder nicht aufhebt.“ (W. Klaiber, ebda.) Es kann gut sein, dass hier ein Wort Jesu mit klingt, in dem es auch um den Umgang mit denen geht, die von der Linie der Gemeinde abweichen. Nach einem langen Anlauf ist der letzte Schritt: „Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.“(Matthäus 1817) Das heißt aber: Betrachtet ihn wie einen, der das Evangelium noch einmal ganz neu, von vorne hören muss – und sagt es ihm auch so.

Wir heute haben große emotionale Schwierigkeiten mit Worten wie „Kirchenzucht“ oder „Gemeindezucht“. Wir sehen darin Machtinstrumente, die geeignet sind, Menschen zu disziplinieren, zu maßregeln, klein zu machen. Die Gemeinde, an die Paulus schreibt, hat keine Machtmittel. Und ein Ausschluss aus ihr ist nicht die Vernichtung einer bürgerlichen oder gesellschaftlichen Existenz. Sondern der Ausschluss ist der letzte Versuch, deutlich zu machen: Die Bindung an Jesus Christus ist ethisch nicht gleichgültig, sondern sie hat Konsequenzen für das Verhalten: Keine Lügen, keine Gewalt, keine Exzesse, keine Untreue, kein Diebstahl. Wer aber so leben will, weiter leben will,  für den kann es keinen Platz in der Gemeinde geben. Da ist eine weite Welt, die für ihn oder sie empfangsbereit ist und offen steht.

         Für die Gemeinde heißt Ausschluss eines Bruders, einer Schwester: Jetzt beginnt neu das Suchen nach Wegen, wie sie wieder zu gewinnen sind. Ein Akt der Gemeindezucht kann nie der Schlusspunkt unter den Weg mit einem Menschen sein. Immer nur eine Art Gedankenstrich – Denkpause. Denn das letzte Wort wird Gott sprechen und nicht die Gemeinde. Sie nimmt auch mit einem Ausschluss von Wort und Sakrament dieses letzte Wort Gottes nicht vorweg.

Herr Gott, Du barmherziger Vater im Himmel, lehre Du uns aufeinander zu achten, im Geist der Liebe miteinander umzugehen, Irrenden zurecht zu helfen und uns selbst helfen zu lassen, wo wir irren.

Hilf Du uns, dass wir nicht im Geist der Rechthaberei miteinander umgehen, dass wir das Leben in der Gemeinschaft nicht eng machen,      dass wir die Weite bewahren und nicht aus Angst nur noch Grenzen ziehen

Lehre uns Deine Freiheit. Amen