Jede bringt etwas mit

1.Korinther 14, 26 -33a

 26 Wie ist es denn nun, liebe Brüder?

             Paulus hat die Grundlagen geklärt. Jetzt fährt er fort und fragt nach einer Praxis des Gottesdienstes, die diesen Grundlagen entspricht. Vielleicht ist es ein bisschen voreilig, hier sofort von Gottesdienst zu reden, „zumal fraglich ist, ob an allen Orten dieselbe Gottesdienstform vorauszusetzen ist, ja, es überhaupt schon feste liturgische Ordnungen gegeben hat.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.444) Es besteht durchaus die Gefahr, dass wir unsere Vorstellungen von Gottesdienst und Gottesdienstordnung in die Worte des Paulus hineinlesen.

            Also ein wenig vorsichtiger formuliert: Was zu tun ist, diese Frage bezieht sich auf die Zusammenkünfte der Gemeinde. Wahrscheinlich kommt man der Wirklichkeit in Korinth näher, wenn man an große Hauskreise denkt, an Gruppen, die sich relativ spontan in einem Raum versammeln, an Zusammenkünfte, die nicht einer so strengen Ordnung folgen, wie sie unsere Gottesdienst-Ordnungen darstellen. In denen sich Ordnungen erst herauskristallisieren müssen

  Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!

             Soviel wird schon sichtbar: Da kommen Menschen zusammen, die etwas einzubringen haben und die nicht darauf warten, dass nur einer oder zwei das Wort führen. Jeder bringt etwas ein – der eine einen Psalm, der andere etwas Lehrreiches, der dritte eine Einsicht, eine Offenbarung. Andere reden in Zungen und wieder andere legen das Gehörte aus. Kurz, es ist eine höchst aktive Beteiligung, die hier sichtbar wird.  So geht es zu und durchaus nicht nur ausnahmsweise, sondern es scheint  „eine gewisse Regelmäßigkeit der genannten Phänomene vorausgesetzt.“ (W.Schrage, ebada.)

             Das Ziel: Erbauung. οκοδομή. Oikodome. Streng genommen heißt das „Hausbau“. Das Bild vom Hausbau wird urchristlich gern verwendet, sowohl im Blick auf den Einzelnen und sein Lebenshaus als auch im Blick auf den Bau der Gemeinde. „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“(Matthäus 7,24) mahnt Jesus. So schwingt es ja auch bei Paulus schon weiter vorne mit: Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden.(3, 11 – 13) Die Versammlungen der Gemeinde bauen an diesen Bau weiter mit. „Jede bringt etwas mit“ weiterlesen

Gegen die Insider-Sprache

1.Korinther 14, 13 – 25

 13 Wer also in Zungen redet, der bete, dass er’s auch auslegen könne. 14 Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist; aber was ich im Sinn habe, bleibt ohne Frucht.

             Weil es den Korinthern so wichtig ist, weil diese Gabe für sie so sehr im Vordergrund steht, bleibt Paulus am Thema – Zungenrede, Glossolalie. Und nennt eine Bedingung dafür, die wie in der Gemeinde praktiziert werden soll. Wer sie übt, der bete, dass er’s auch auslegen könne.  damit die anderen verstehen können und nicht nur der Himmel seine Freude daran hat.

 15 Wie soll es denn nun sein? Ich will beten mit dem Geist und will auch beten mit dem Verstand; ich will Psalmen singen mit dem Geist und will auch Psalmen singen mit dem Verstand. 16 Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger dabeisteht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? 17 Dein Dankgebet mag schön sein; aber der andere wird dadurch nicht erbaut.

             Es ist eine indirekte Auslegung dessen, was Zungenreden ist: „Beten“, „“lobsingen“, „segnen“, „danksagen“, davon ist allein die Rede.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.236) Das hat alles sein Recht – und ehrt Gott. Und doch: Es gibt Menschen in der Gemeinde, die das nicht verstehen, die dieser Sprache unkundig sind. διτες. Idiotes „ist der Laie, der Nicht-Fachmann. der Nicht-Eingeweihte.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.403) Er, sie hört Laute, aber sie sagen ihm nichts. Er muss sich vorkommen wie ein Idiot.

            Was Paulus hier über die Zungenrede sagt, gilt doch für alles Reden im Gottesdienst! Maßstab für das Reden muss derjenige, diejenige sein, der oder die nicht eingeweiht ist. „Im Übrigen kann man nur der Verallgemeinerung zustimmen, hier einen Angriff des Paulus auf alles gottesdienstliche Reden in Insidersprache herauszuhören, das sich um die am Rande und die draußen nicht bekümmert und mit selbstgenügsamer Fertigkeit einer esoterischen Sprache oder gar eines christlichen „Jargons“ sich bedient, dem gegenüber ein Fremder sich hoffnungslos draußen fühlen muss.“ (W.Schrage, aaO., S.402 )

                 Das sind kritische Worte, die bis heute uneingeschränkt gelten und nichts an Gültigkeit verloren haben. Die Sprache der Kerngemeinde, aber auch die Sprache der christlichen „Profis“, schließt oft genug aus. Umgekehrt gilt auch: die milieuspezifische Sprache, der sehr spezielle Musikgeschmack, auch die kulturelle Eigenart irgendeiner gemeindlichen Gruppe ist oft eine unübersteigbare Barriere für die, die im Gottesdienst Heimat und Zuflucht suchen, weil sie sonst immer alleine sind. Wo immer es so zugeht, ist mit Paulus die Frage nach der Liebe  zu denen zu stellen, die den Platz des Uneingeweihten innehaben. „Gegen die Insider-Sprache“ weiterlesen

Verständlich sprechen

1.Korinther 14, 1 – 12

    1 Strebt nach der Liebe!

        Die Kapiteleinteilung in unseren Bibelausgaben lässt manchmal zu wünschen übrig. Sie ist nicht heilig, auch nicht unfehlbar. Darum darf sie auch kritisch befragt werden. Dieser Satz passt, so sehe ich es, wunderbar als Abschluss zum Hohenlied der Liebe – 1. Korinther 13. Die Zuordnung zu Kapitel 14 ist wohl ausgelöst durch das „strebt“, Δικετε, dem dann gleich ein „bemüht euch“, „eifert“ folgen wird. Als Eröffnung des Nachfolgenden wirkt er gleichwohl irgendwie schräg. Es sei denn, man liest alles, was folgt, unter diesem Vorzeichen. Dann macht es freilich Sinn: Alles, was jetzt gesagt werden wird, steht immer noch unter dem Vorbehalt: Ohne Liebe ist alles nichts.

 Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!

            Seltsam: der gleiche Paulus schreibt hier, der zuvor so oft seine Skepsis hat sichtbar werden lassen. Jetzt: Müht euch! ζηλοῦτε, wie schon in 12,31. Streckt euch aus nach den Gaben des Geistes. „Das „Streben“ ist kein eigenmächtiges Sich-Einüben, sondern ein Bemühen, das sich im Gebet äußert.“ (C.Wolf aaO.; S.130) Die beiden so eng aufeinander folgenden Imperative unterstreichen: Man darf die Gaben des Geistes „haben“ wollen! Mit aller Macht. Man kann, darf und soll sich für den Geist und seine Gaben öffnen.

            Unter den außerordentlichen Gaben des Geistes – um die geht es hier – ist die Gabe des prophetischen Redens besonders erstrebenswert. Die Begründung für diese Vorzugsstellung liefert Paulus anschließend nach.

 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.

             Der Vorzug der prophetischen Rede ergibt sich aus dem Vergleichen und ist schlicht in ihrer Richtung begründet. Sie kommt den Nächsten und der Gemeinde zugute. Menschen in der Gemeinde werden stabilisiert, getröstet und ermutigt. Auch dadurch, dass sie ihrer Zukunft bei Gott vergewissert werden – das wäre ja im engeren Sinn prophetischer Zuspruch.

             Die andere in Korinth hoch geschätzte Gabe,  Zungenreden – oder Sprachengebet, wie man auch sachgemäß übersetzen kann –  dagegen wendet sich ausschließlich an Gott. Es bleibt für die Menschen, die es miterleben, unverständliches Gelalle. Nur Gott hat etwas davon – könnte man salopp sagen. Und natürlich, so trägt Paulus nach: Zungenreden erbaut den, der es „macht“. Der erhebt sich dabei über seine engen Grenzen. Der sieht – so würde ich sagen – den Himmel schon ein wenig offen. „Verständlich sprechen“ weiterlesen

Was bleibt – Liebe

 1.Korinther 13, 8 – 13

8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

             „Die Charismen vergehen, aber die Agape bleibt.“ (H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.119) Andersgesagt: Liebe hat Ewigkeitsqualiät. Was aus der Liebe geschieht, geht nie verloren

             Es ist bemerkenswert: Die Gaben, auch die größten Gaben sind Gaben für die Zeit, für den Weg durch die Welt. Die Liebe aber ist keine Gabe für die Zeit, sondern sie ist ewig. „Sie ist die Substanz der Ewigkeit. Willst du in deinem Leben Ewigkeit haben, dann liebe.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.223)

            Bei dieser Aussage stocke ich ein wenig, weil ich glaube, dass wir uns damit überfordern. Unsere zwischenmenschliche Liebe ist nicht von dieser Qualität, sie ist ärmer, hinfälliger, sie trägt, zum Schmerz so vieler, die Zeichen des Verfalls und der Vergänglichkeit an sich. Das gilt für die Liebe, wie wir sie der Ehe zurechnen genauso wie der Liebe, die Freunde verbindet, die Eltern mit Kindern verbindet. Wir haben es oft damit zu tun, dass unsere Liebe an ihre Grenzen kommt, stirbt – und schrecklich -, sich manchmal gar in Hass verwandelt.

           Doch – es bleibt bei Paulus diese so unfassbar große Sicht: die Liebe, die an die Liebe Gottes in Christus angeschlossen ist, die bleibt. Immer und ewig. Diese Liebe aber ist Geschenk und wird nur da wirksam, wo wir die leeren Hände geöffnet Gott hinhalten, dem väterlichen und mütterlichen Gott, der uns in Jesus seine Liebe zeigt.

            Ist es dem gegenüber schlimm, dass die Gaben zeitliche Gaben sind, dass sie aufhören werden? Paulus rückt mit diesen Worten Wertigkeiten zurecht. Was in Korinth so hoch geschätzt wird, fast schon wie ein Zeichen der Vollendung angesehen wird – prophetische Reden, Zungenreden, Erkenntnis – das ist alles nur für die Zeit. In der Ewigkeit Gottes überflüssig. Nicht nur, weil es noch nicht perfekt ist, sondern weil es dann einfach damit vorbei ist.    „Was bleibt – Liebe“ weiterlesen

Zu groß!

1.Korinther 13, 1 – 7

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

             Es gibt faszinierende Redner. Sie wissen, wie man Aufmerksamkeit gewinnt und sie hochhält, wie man die Gefühle trifft, wie man Gedanken so transportiert, dass die Zuhörer gar nicht anders können als zustimmen. Redner mit Menschen- und mit Engelzungen. Die Beherrschung solcher rhetorischen Künste mit Menschen- und mit Engelzungen stand in Korinth wohl hoch im Kurs.

            Es mag mitschwingen, dass das Reden in Engelszungen sich auch auf das in Korinth hochgeschätzte Zungenreden bezieht, die Glossolalie. „Die Fähigkeit, in Lauten zu sprechen, die keiner menschlichen Sprache zugehören, galt als eine Möglichkeit, an der Sprache der Engel und des Himmels teilzuhaben.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.211f.) Nicht zuletzt war sie auch Erweis der Kraft des Geistes, gehört doch zur urchristlichen Überlieferung die Pfingsterfahrung der Jünger in Jerusalem: Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“(Apostelgeschichte 2, 3-4)

             Das alles weiß Paulus und würdigt Paulus und grenzt dann doch ein: Ohne die Liebe  ist das alles leeres Getöse, sinnlose und sinnfreie Lärmerei. Erst die Agape, γπη, die Liebe macht aus diesem Reden heilsames. Für einen selbst und für die anderen.

  2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

             In einem zweiten Satz wendet sich Paulus dem zu, was für die Gemeinde gleichermaßen wichtig ist: prophetisch reden, in die Erkenntnisse führen, Glauben, der Berge versetzt. „All das sind Gaben, die an und für sich hoch zu schätzen sind.“ (W. Klaiber, aaO.; S.212) Lebensäußerungen der Gemeinde.

              Aber auch diese Gaben und Befähigungen sind nichts, wenn in ihnen nicht die Liebe wirkt. Die Liebe, die nicht in der Selbstbestätigung verharrt, sondern die anderen sucht. Ihr Wohl und ihr Heil. Es sind Sätze gegen eine Selbstgenügsamkeit, die Paulus hier formuliert. Sie benennen die Gefahr: Wo die Liebe fehlt, wird „das Sein des Christen als Christen, seine christliche Identität und Authentizität“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S. 289) zunichte.  Der Christ schrumpft in dieser Haltung ohne Liebe zu einem Nichts zusammen, mag da noch so viel Prophetie, Wissen, Erkenntnis und Glauben sein. Härter kann das Urteil kaum sein.  „Zu groß!“ weiterlesen

Ein tragfähiges Netz

1.Korinther 12, 27 – 31

 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

            Es ist eine Zusammenfassung der bisherigen Argumentation und zugleich Rückkehr zum Ausgangpunkt. Wichtiger aber noch: es ist eine Zusage, Zuspruch. Alles Gesagte hängt daran, dass dies stimmt: Ihr seid. „Das Sein, die gegebene Wirklichkeit ist das erste.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.211) Nicht was Christen aus sich machen, auch nicht, was Christen machen, ist das Fundament, das sie trägt. Sondern was sie von Gott her, durch sein Tun, sind.

             Ihr seid Leib Christi. Kein Vergleich, sondern Feststellung. So verhält es sich mit euch. Das ist die Existenz, in die ihr hineingestellt seid. Ihr in Korinth so wie alle anderen Gemeinden auch. Was Paulus hier sagt, gilt für die einzelne Gemeinde wie für die ganze Christenheit. „Jede Einzelgemeinde repräsentiert die Kirche in ihrer Gesamtheit.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.231)

            Und auch das ist ein Satz, des Glaubens wert: Jeder von euch ist ein Glied an diesem Leib. Was immer die Christen auch sein mögen, wie es um ihre Fähigkeiten und Grenzen bestellt sein mag, welches Lebensschicksal sie zu tragen haben – das steht fest: durch Glauben und Taufe sind sie Glied am Leib Christi. „Ein tragfähiges Netz“ weiterlesen

Keine Minderwertigkeitsgefühle – kein Hochmut

1.Korinther 12, 12 – 26

 12 Denn wie der Leib „einer“ ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch „ein“ Leib sind: so auch Christus. 13 Denn wir sind durch „einen“ Geist alle zu „einem“ Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit „einem“ Geist getränkt. 14 Denn auch der Leib ist nicht „ein“ Glied, sondern viele.

             Paulus bleibt bei seinem Bild: Der Leib ist einer, eine Ganzheit. Aber diese Ganzheit besteht aus vielen Gliedern. Alle Organe des Leibes sind ein Organismus. Das kann jede und jeder an sich selbst sehen, erfühlen, ertasten. Das ist unsere Wahrnehmung. Wenn es jetzt weiterginge: so ist es auch mit der Gemeinde, wäre es ein schlichter, sinnvoller Vergleich.

            Aber Paulus fährt fort: so auch Christus. Er redet von Christus als einem Leib. „Die Gemeinde wird also nicht nur mit einem Leib verglichen; vielmehr ist sie der Leib Christi.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.201) Sie ist es, weil er, Christus selbst,  sie dazu macht.

            Das sprengt unsere gewohnten Denkkategorien. Mit dem Vergleich kommen wir gut zurecht. Aber mit dieser Wirklichkeit, die Paulus behauptet, haben wir es schwer. Wir sehen die Organisation Kirche, die Organisationsform Kirchengemeinde. Aber dass verborgen in, mit und unter diesem so allzu menschlichen Gebilde Christus präsent sein soll in der Welt, das ist unserem Denken eine harte Zumutung.  Sie wird uns nicht erspart.

            Diesem Leib sind die Christinnen und Christen eingefügt, hinein getauft durch den einen Geist – unabhängig davon, wo sie herkommen, unabhängig davon, welchen sozialen Status sie haben. Alle haben Anteil an dem einen Geist, mit dem sie getränkt sind. Mit hinein getauft signalisiert Paulus: Christsein ist immer ein Hinzukommen, nicht der freie Zusammenschluss irgendwelcher religiös begabten, christlich geprägten Leute.

            Dass der Leib lebendig nur so ist, dass er ein Organismus mit vielen Gliedern ist, schließt ein, „dass es abgestorbene Glieder und passive Mitgliedschaft in einem lebendigen Leib wesensmäßig nicht geben kann.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.221) Das ist eine große Anfrage an die Art und Weise, wie mancherorts Christsein gelebt wird, ohne jede Kirchenbindung, ohne jeden lebendigen, nachhaltigen Kontakt zu den Brüdern und Schwestern. „Keine Minderwertigkeitsgefühle – kein Hochmut“ weiterlesen

Vielfalt in der Einheit

1.Korinther 12, 1 – 11

 1 Über die Gaben des Geistes aber will ich euch, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit lassen.

             Paulus fängt, so scheint es, ein neues Thema an – diesmal eines, das den Korinthern besonders am Herzen liegt: Die Gaben des Geistes. Für das Wort πνευματικν, Pneumatikon, gibt es zwei Übersetzungs-Möglichkeiten. Einmal sächlich, als Neutrum, dann sind die Geistesgaben gemeint. Aber es geht auch maskulin – dann ist von „den Pneumatikern“ die Rede. Dann sind die Menschen im Blick, über die Paulus reden will.

            Mir scheint, dass diese Doppeldeutigkeit im Griechischen der Sache angemessen ist: Man kann über die Geistesgaben nicht neutral, unter Absehen von den Menschen,  die sie haben,  sie praktizieren, mit ihnen begabt sind, sprechen. Es hängt gewissermaßen unlöslich ineinander: Die Gabe und die Art und Weise, wie Menschen sie gebrauchen.  Der Anspruch des Paulus an dieser Stelle: Ich habe zum Umgang mit den Gaben und den Begabten  Wegweisendes zu sagen. 

 2 Ihr wisst: als ihr Heiden wart, zog es euch mit Macht zu den stummen Götzen.

            Die Erinnerung an früher: Die Götzen waren stumm. Aber dennoch war die Wirkung dieser stummen Götzen Anziehung, mit unwiderstehlicher Gewalt. Darf man ergänzen: so dass ihr außer euch geraten seid. In Ekstase. Über euch selbst hinweg gerissen. Das so zu sagen, liegt nahe, weil „Ekstasen, Inspirationen, inspirierte Schreie, auch im Bacchus- Dionysos- und anderen Kulten bekannt waren,“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.119) zur Erlebnis-Ausstattung gehörten.  Umso wichtiger ist es, Klarheit darüber zu schaffen, was unter der Wirkung des Geistes Gottes geschieht, die auch ekstatische Elemente haben kann.

 3 Darum tue ich euch kund, dass niemand Jesus verflucht, der durch den Geist Gottes redet; und niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.

             Jetzt also: Gott meldet sich zu Wort durch den Geist. Es geht ja nicht um einen Allerwelts-Geist, um ein Art geistiges Fluidum oder den Welt-Geist, sondern um den Geist Gottes. Der wird erkannt und erkennbar am Bekenntnis: Jesus ist Herr. Die Negation benennt Paulus, weil es Menschen – wohl nicht nur erst in  späterer Zeit –  in der Gemeinde gibt, die sagen: Der irdische Jesus ist kein Thema für uns. Nur der erhöhte Christus zählt – und darum sagen sie sich von Jesus los. Jesus nach dem Fleisch – darüber brauchen wir nicht zu reden. Dem steht  das Bekenntnis gegenüber: Jesus ist der Herr.

            Womöglich hilft es zum Verstehen: Es gibt – zu späterer Zeit um 90 n. Chr. scheint das allerdings wahrscheinlicher – vielleicht Gruppen in Korinth, die „sich zwar zu dem erhöhten Herrn bekennen, aber den irdischen Jesus verfluchen.“(W.Schrage, aaO.; S.115) Sie reißen Jesus und Christus auseinander. Sie wollen nichts mit dem zu tun haben, der einer war wie wir. Weil sie die eigene Existenz als Menschen aus Fleisch und Blut nur als uneigentlich ansehen, nur als Vorspiel. Weil sie sich schon jetzt himmlisch glauben. Diese Leute sagen sich – so sagen sie: im Geist von Jesus los, indem sie ihn verfluchen: νθεμα ησος, Anathema Jesus. „Vielfalt in der Einheit“ weiterlesen

Das Mahl würdig feiern

1.Korinther 11, 27 – 34

 27 Wer nun unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn.

             Das ist ein Satz, der viel Skrupel und Angst ausgelöst hat. Der die Praxis der Kirche tief beeinflusst hat: Vor der Feier des Mahles muss man sich würdig machen – beichten, nichts essen und trinken, nicht mit dem Ehepartner schlafen. Das alles, so glaubte man, macht tendenziell unwürdig. Da ist aus einer verfehlten Art und Weise, das Mahl zu feiern plötzlich die Forderung eines Qualitätszustandes der Feiernden gemacht worden. Man kann als Person unwürdig sein

            Was für eine verhängnisvolle Verschiebung. „Nur solche sollten das Mahl empfangen, die dafür „würdig“ sind. Dieses Missverständnis hat unendlich viel Scheu, wenn nicht gar Angst erzeugt, das Abendmahl zu empfangen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.186f.)Verstärkt noch durch eine Praxis, die Mahlfeier an den Gottesdienst nur anzuhängen, nur für die wenigen, die sich dazu berechtigt fühlten. Und dann auch nur ganz selten.

 28 Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch. 29 Denn wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.

             Selbstprüfung ist angesagt: Bin ich würdig? Bin ich innerlich auf Empfangen eingestellt? Entspricht mein Leben den Wertmaßstäben Gottes? So ist das jahrtausendlang wohl gelesen und auch verkündigt worden. Und hat Angst gemacht. Aber: „Die Unwürdigkeit ist nicht – wie man sich das früher oft vorgestellt hat und wie es bis heute nachwirkt – die fehlende moralische Disposition oder innere Einstellung des einzelnen Mahlteilnehmers zum Sakrament.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S. 48) Wenn nur die „Würdigen“, nur die Reinen das Abendmahl mitfeiern dürften, es wäre von Jesus nicht gestiftet worden und es dürfte bis heute nicht ein einziges Mal gefeiert werden!

            Paulus geht es um anderes: Das Mahl ist das Mahl, das mit Christus und untereinander verbindet. Zu einem Leib werden lässt. Das die Unterschiede – sozial, in der Herkunft und im Geschlecht begründet – überwindet und zweitrangig macht. Wer aber in der Praxis des Mahles an diesen Unterschieden festhält, sie durch die Art der Feier gar zementiert, der missbraucht das Mahl. Der isst und trinkt sich zum Gericht.    „Das Mahl würdig feiern“ weiterlesen

Kostbares Geschenk: Abendmahl

1.Korinther 11, 17 – 26

 17 Dies aber muss ich befehlen: Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. 18 Zum Ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich’s. 19 Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Rechtschaffenen unter euch offenbar werden.

             Eben noch hat Paulus die Gemeinde gelobt.(11,2) Aber dabei kann er nicht bleiben. Sondern muss erneut den Finger in eine Wunde legen – wie schon am Anfang seines Briefes. Fast so, als wäre er nicht weitergekommen.

            „Ich habe gehört“ sagt Paulus und beruft sich so auf sichere Informationen. „Die mündliche Quelle, auf die die Informationen des Paulus zurückgehen, ist nicht genauer zu bestimmen, wird aber wohl mit den Informanten aus 1,11 identisch sein.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3  Neukirchen 1999, S.19) Über den Versammlungen, den Gottesdiensten der Gemeinde liegt ein Schatten. „Über ein Fernbleiben von Gemeindeveranstaltungen ist nicht zu klagen.“ (W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1874, S.187) Aber auch wenn viele kommen, so kommen sie doch nicht zusammen. Sie bleiben in ihren Gruppen und Grüppchen, in ihrer sozialen Situation gefangen. Das nennt Paulus Spaltungen. σχσματα. Schismata. Es ist das Wort, das wir für tiefgreifende Trennungen gebrauchen,  nicht für harmlose Meinungsverschiedenheiten.

             Die Gegensätze – hier Paulus-Leute, da Apollos-Anhänger, dort noch einmal andere – und zusätzlich die sozialen Unterschiede haben sich so verhärtet, dass es nicht mehr zu einem wirklichen Miteinander kommt.

            Es mutet an wie der Versuch, aus einer Not eine Tugend zu machen wenn er dann noch hinzufügt, solche Spaltungen – diesmal das noch stärkere Wort αρσειςHäresien – müssen sein.  Sie gehören als Element der Bewährung dazu. Denn immerhin: dass es so in Korinth steht, wird auch zeigen, wer denn nun wirklich die Einheit der Gemeinde sucht, wer darum ringt, dass sie nicht auseinanderfliegt, sondern zusammen auf dem Weg Christi bleibt. Wem an der ganzen Gemeinde liegt und nicht nur an Teilen. Wer nicht das Seine sucht, sondern das Heil der Anderen.

            Die Worte Jesu jedenfalls zeigen einen anderen Weg, der auch für die Feier des Abendmahls wichtig ist: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.“ (Matthäus 5,23-24) Das ist ursprünglich auf den Gang zum Opferaltar bezogen, aber ist gleich gültig für den Gang zum Tisch des Herrn!  Der Weg zum Abendmahl fängt nicht erst im Gottesdienst an, der Weg zum Abendmahl führt über die Versöhnung mit dem Nächsten, dem Bruder, der Schwester.

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