Narren – um Christi willen

1.Korinther  4, 6 -13

6 Dies aber, liebe Brüder, habe ich im Blick auf mich selbst und Apollos gesagt um euretwillen, damit ihr an uns lernt, was das heißt: Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!, damit sich keiner für den einen gegen den andern aufblase.

             Noch einmal benennt Paulus den Anlass, weshalb er so ausführlich auf dieses Thema eingeht. Sowohl er als auch Apollos werden missverstanden, missdeutet, wenn man sie zu Leit-Figuren macht, auf die man sich beruft. Über die man sich gewissermaßen definiert.

            Für beide gilt: die eigene Rolle, die eigene Grenze kennen. Diener, Haushalter sind sie. Aber eben nicht Heilande. Weil sie das wissen, blasen sie sich nicht auf, lassen sie sich auch nicht gegeneinander ausspielen. „Da nach Überzeugung des Paulus zwischen Apollos und ihm kein Gegensatz und kein Konkurrenzverhältnis besteht, konnte er am Beispiel ihres Zusammenwirkens die positive Bedeutung unterschiedlicher Schwerpunkte und Begabungen bei der Verkündigung darstellen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.64) Wer in Korinth Spaltungen betreibt, kann sich jedenfalls nicht auf Paulus und Apollos berufen. Sondern sie sind in ihrem Miteinander das so wichtige Gegenbeispiel für fruchtbare Vielfalt.

7 Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?

              Paulus spürt hinter den ganzen Querelen in Korinth Konkurrenzkämpfe. Die Neigung, sich selbst groß und die anderen klein zu machen. Er spürt den Stolz auf den eigenen Glaubensstand, der wie ein Stolz auf eigene Leistung ist.  Diesem Denken tritt Paulus streng entgegen: Ihr habt euch doch nicht selbst zu Christen gemacht! Auch alles, was ihr an Begabungen habt, ist doch nicht euer Verdienst und eure Leistung. „Christen haben nichts aus eigener Entscheidung, in eigenem Recht und zur eigenen Verfügung. Alles ist verliehen.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S. 336) Nur wer das übersieht und übergeht, kann sich auf den Sockel der Selbstbeweihräucherung stellen. Und zeigt gerade so, wie geistlich unreif er noch ist.

 8 Ihr seid schon satt geworden? Ihr seid schon reich geworden? Ihr herrscht ohne uns? Ja, wollte Gott, ihr würdet schon herrschen, damit auch wir mit euch herrschen könnten!

             Ein neues Stichwort klingt an: die Faszination der Fülle, des geistlichen Reichtums. In Korinth sind sie satt und reich. Nicht mehr die „geistliche Armen“, nicht mehr die, die „hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit.“(Matthäus 5,2 + 6) Sie sehen sich in Korinth als die Leute, die im Leben herrschen. Das ist noch einmal mehr und anderes als bloße muffige Selbstzufriedenheit. Wir haben schon alles! sagen sie in Korinth und sehen sich am Ziel – schon vollendet in der Zeit. Sie erwarten nichts mehr als Zukunft Gottes, weil sie sagen: Es ist durch den Glauben schon jetzt alles erfüllt.

            So sehr sind sie in Korinth von ihrer – vermeintlichen – Stärke erfüllt und überzeugt, dass sie sich schon der Welt gegenüber als Herrscher fühlen – und sich in der Gemeinde dann gegenseitig als Richter aufspielen. „Es sieht so aus, als hätten die Korinther schon ohne die Apostel Anteil an der Herrschaft Christi bekommen.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.66) Für Paulus ist das ein absurder Gedanke – nicht, weil er sich übergangen fühlt, sondern weil er weiß: Das Kommen Christi in seiner Herrlichkeit steht noch aus. Weil es so absurd ist, wird Pauls ironisch: Was gäben wir darum, wenn wir doch mit euch mitherrschen könnten!

9 Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte. Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen.

             Diesen geistigen Höhenflügen stellt er seine Realität und die Realität aller Apostel entgegen. Der Weg der Apostel führt nach unten. Auf den letzten Platz der Welt. Sie sind Todgeweihte. πιθανατους. Das ist der Platz in der Nähe des Gekreuzigten.

            Als Schüler habe ich den Gruß der Gladiatoren gelernt: „Ave Caesar, morituri te salutant. Heil dir, Cäsar. Die Todgeweihten grüßen dich.“ Es könnte gut sein, dass Paulus diesen Gruß kennt und ihn hier auf sich und seine Mitapostel bezieht.

            Das legt sich nahe dadurch, dass er sagt: wir sind ein Schauspiel – Zielscheibe des öffentlichen Spottes. Wir sind die Todgeweihten in der Arena der Welt. Wir sind die, bei denen alle gespannt darauf schauen, wie sie sich denn bewähren werden, wenn es ans Leben geht, wie sich ihr Glauben bewahrheiten wird, wenn er bis zum Äußersten gefordert wird.

             Was sich so abspielt, ist kein Geschehen im Winkel, auch nicht in unterirdischen Folterzellen. Sondern es geschieht vor aller Augen. Vor der Welt und den Engeln und den Menschen. Es mag irritieren, dass hier Engel als Zuschauer in dieser Schreckensarena mitgenannt werden. Aber ich lese darin einen Hinweis auf die kosmische Dimension: Was sich vor den Augen der Welt abspielt, ist auch jenseits des Horizontes im Blick. Es gerät nicht aus dem Blickfeld der himmlischen Mächte und Heerscharen.

           Bewähren sich die Apostel in ihrem Glauben, auch in der Arena der Leiden? Der Himmel schaut vor dieser Frage nicht weg, sondern er schaut hin. Nicht nur interessiert zu, sondern mit-leidend hin. Er lässt sich hineinziehen, so sehr, dass er die Leiden der Apostel im Kreuz Christi vorweg auf sich genommen hat.

 10 Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr herrlich, wir aber verachtet.

             Jetzt macht Paulus ein Kontrastprogramm sichtbar: wir – ihr. Sind die Korinther, die Klugen, Starken, Herrlichen, so sind die Apostel Narren, Schwächlinge, mickrig. Während die Korinther von ihrer Fülle begeistert sind, vom siegreichen Leben fasziniert, erfahren die Apostel ihren Weg als Ausgeliefertsein an ihre Schwäche. Als einen Weg, auf dem das Leben nicht weit wird, sondern eingeengt.

  11 Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe 12 und mühen uns ab mit unsrer Hände Arbeit. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; 13 man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute.

             Diese Enge wird jetzt zusätzlich beschrieben: Hunger, Durst, Blöße. Schläge, obdachlos. Es ist die Existenz von Verlierern, Opfern. Es ist ein Leben, mit dem so rasch keiner tauschen möchte. Paulus konfrontiert „das Lebensgeschick des Apostels in der Tiefe mit den Höhenflügen der Korinther.“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S. 345)

             Aber genau da, in der Tiefe bewährt sich der Glaube, bleiben die Apostel in der Spur Christi,  „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.“(1. Petrus 2,3)  Sie beherzigen und befolgen seine Worte: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lukas 6, 27-28) Darin sind sie Christus ähnlich, dass sie sich nicht durch die Feindseligkeiten zu einem Echo-Verhalten verführen lassen. „Der Verzicht auf Gegenwehr bedeutet nicht, sich und die Sache des Evangeliums aufzugeben.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.68) Sondern in diesem Verzicht wird sich die Geduld bewähren, die duldet und doch an der Freundlichkeit festhält.

            Aber es gehört zur Nüchternheit des Paulus: dieser „Lebensstil“ ändert nichts am Urteil der Welt: Abschaum, Kehricht – in der Sprache von heute: Opfer. Der letzte Dreck. Oder, wie es Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick über sein Leben sagt: „Fußmatte“.

            Wie weit sind diese Worte entfernt von der Hoffnung auf „gesellschaftliche Relevanz“, auf öffentliche Anerkennung, nach der wir uns als Kirchen immer noch gerne ausstrecken. Wird dieses Ausschauen nach dem Beifall der Umgebung nicht durch die harten Worte des Paulus grundsätzlich in Fragen gestellt? Es sind wohl immer nur seltsame Außenseiter, die aus den Worten des Paulus den Schluss ziehen: Wir müssen die Christen heute, auch bei uns, wieder darauf vorbereiten, dass ihr Glaube nicht Beifallstürme der Gesellschaft auslöst, sondern Widerspruch und Abwendung, hier und da feinen Spott oder auch offene Feindseligkeiten.

Herr Jesus

hinter Dir her gehen

in Deiner Spur leben

das ist das Lebensprogramm

dem ich mich verpflichtet weiß

 

Ich habe manchmal Angst

dass ich vor der letzten Konsequenz zurückschrecken werde

wenn Deine Nachfolge ins Leiden führt

mich isolieren könnte

der Gesellschaft um mich herum entfremden könnte

 

Gib Du mir

dass ich an Dir und in Dir bleibe

in den guten Zeiten

damit ich auch an Dir und in Dir bleibe

wenn die Zeiten sich ändern. Amen