Frei gegeben

1.Korinther  3, 1 -4

 1 Und ich, liebe Brüder, konnte nicht zu euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen, wie zu unmündigen Kindern in Christus. 2 Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen.

             Paulus setzt neu ein, indem er an den Anfang in Korinth erinnert. Da hat er zu ihnen gesprochen nicht als zu geistlichen Menschen, sondern er hat sie angeredet wie sie waren: zu Leuten, die wie neugeborene, unmündige Kinder waren. Fleischlich. „Sie waren in ihrem Denken und Handeln noch nicht so vom Geist Gottes bestimmt, dass sie dies hätten verstehen können.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.49) Ihre Maßstäbe waren noch vom Denken ihrer Umwelt geformt, ihr Denken noch in den engen Grenzen ihrer Herkunft gefangen. Es wäre eine Überforderung gewesen, mit ihnen all das zu verhandeln, was er heute mit ihnen zu verhandeln hat.

            Er greift zum Vergleich: auch Neugeborene können noch keine feste Nahrung zu sich nehmen. Wer sie nicht schädigen will, darf sie nicht überfordern. Hinter diesem Bild steht die Vorstellung, dass Menschen im Glauben wachsen und reifen, dass der Anfang nicht alles ist.

            Ohne Bild: wenn Christen heute auf dem erlernten Wissens- und Erfahrungstand ihrer Konfirmandenzeit bleiben, dann läuft in ihrem Leben als Christen etwas schief. Wenn man so will: Paulus hat ein Bild vom Glauben, das dem „lebenslangen Lernen“ entspricht, das heute allseits gefordert ist. Eben auch im Christsein. Wer sich dem verweigert, weil er ja jetzt alles gelernt hat und es auch vermeintlich bescheinigt bekommen hat mit der Konfirmation: „jetzt ist das Lernen des Glaubens fertig“, der bleibt auf einem Glaubensstand, der ein Anfang ist. Aber mehr auch nicht. Schlicht gesagt: „Für Paulus ist der Christenstand ein Werden und Reifen.“ (E. Stange, Der erste Korintherbrief, Bibelhilfe für die Gemeinde, Leipzig o.J, S. 27)

 Wichtig ist schon hier allerdings: fleischlich, σάρκινος, ist nicht gleich lasterhaft, nicht den Begierden unterworfen. Es ist hilfreich, dass die Neue Genfer Übersetzung statt fleischlich sagt: geistlich unreif. Das hilft verstehen: fleischlich ist der, der seine Wertmaßstäbe von allzu menschlichen Dingen leiten lässt – von Sympathie, von Antipathie, von der Faszination durch brillante Redekunst, von der Verlockung durch das Versprechen übersinnlicher Einsichten oder geistlicher Höhenflüge.

Man ist nicht wie von selbst geistlich reif, wenn man tiefe Einsichten und geistliche Höhenflüge als Erfahrungen sein eigen nennen kann. Sondern für Paulus zeigt sich – ich greife vor – geistliche Reife im Ja zur Vielfalt in der Gemeinde, in der Akzeptanz derer, die anderes glauben wie ich selbst und doch auch auf dem Weg des Glaubens sind.

Auch jetzt könnt ihr’s noch nicht, 3 weil ihr noch fleischlich seid.

             Aus dem damaligen Anfang ist den Korinthern kein Vorwurf zu machen. Wohl aber daraus, dass sie, die so hoch von sich denken, in Wahrheit nicht weiter gekommen sind. „Gewiss sind die Korinther keine Neubekehrten mehr und doch sind sie immer noch nicht mündig geworden. Die Zeit als solche bewirkt kein wirkliches christliches Vorwärtskommen.“ (W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S.282)Woran Paulus festmacht, dass sie immer noch unmündig sind, fleischlich, wird er sofort sagen.

Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise? 4 Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos -, ist das nicht nach Menschenweise geredet?

             Darin zeigt sich ihre geistliche Unreife, dass sie noch ticken, wie früher, dass sie untereinander uneinig sind, Eifersucht und Zank die Gemeinde zu zerreißen drohen. Sie leben, wie alle um sie herum – als Parteigänger von Menschen, als Anhänger dieses oder jenes Lehrers. Nach Menschenweise. Das ist ja verständlich. Und alle um die Gemeinde herum sehen sie ja auch so – als Anhänger irgendeines auswechselbaren Kultes, irgendeiner faszinierenden Führungsfigur.

            Unvergesslich ist mir ein Dialog auf dem Sportplatz. Zwei junge Mädchen aus der kirchlichen Jugendgruppe hatten einen Anstecker am Trainingsanzug: „Jesus lebt.“ Und ein alter Herr, sehr angesehen im Sportverein und in der Stadt, ging freundlich darauf ein: „Schön ist das, das ihr so ein Hobby habt. Mein Hobby ist der Sport.“

            Es scheint, als würden die Korinther in ihrem Eifer einem Irrtum erliegen: sie gehen mit den Boten, denen sie sich verpflichtet fühlen, nicht als Boten um, sondern sie überhöhen sie. „Sich zu ihnen statt zu Christus zu bekennen, verfehlt also völlig das Wesen ihrer Beauftragung.“ (W. Klaiber, aaO.; S.51) Indem sie sie überhöhen, verlieren sie zugleich, worauf es genau gesehen ankommt: dass sie nicht mehr an Menschen gebunden sind, sondern an Christus. Sie werden zu Parteigänger des Paulus, des Apollos und sollten doch Nachfolger Christi sein.

Mein Gott

ich danke Dir für alle

die mir das Evangelium nahe gebracht haben

die mir geholfen haben

als ich meine ersten Schritte im Glauben versucht habe

 

Ich danke Dir für alle

die mich auf dem Weg des Glaubens begleitet haben

denen ich ihre Kritik wert war

die ich ermutigt haben

meinen eigenen Weg zu suchen

 

Ich danke Dir für alle

die mich losgelassen haben

bei denen ich Freiheit gelernt habe

Freiheit des Denkens und Freiheit des Glaubens

die Freiheit

die mich Dir immer tiefer verbunden hat. Amen