Gottes Weisheit – verborgen ins Gegenteil

1.Korinther  2, 6 -16

 6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

            Jetzt versucht Paulus zu erklären. Es geht nicht darum, Weisheit grundsätzlich für unsinnig zu erklären. „Das Stichwort Weisheit bezieht sich nicht auf das menschliche Bemühen zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.41) Paulus ist nicht auf einem Anti-Vernunft-Weg unterwegs. Es gibt Weisheit, Klugheit, die lebenstüchtig macht, die auch in den Alltagsentscheidungen hilft. Aber das ist nicht das Thema des Paulus.

             Sondern sein Thema ist die Weisheit, die vor Gott Bestand haben kann. Die aber kommt nicht aus der Weisheit dieser Welt. Nicht aus den Einsichten in die Ordnungen des Kosmos. Nicht aus dem Verstehen der Macht-Strukturen. Die Weisheit der Vollkommenen – das hat Paulus früh gelernt – kommt aus der Gottesfurcht.„Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“(Sprüche 1,7)

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

            So wie ich Paulus verstehe, geht er noch einen Schritt weiter: Die Weisheit, die vor Gott bestehen lässt ist die Erkenntnis  des Geheimnisses Gottes, das sich in dem gekreuzigten Christus offenbart. Die Weisheit Gottes „verbirgt sich hinter dem Kreuz Christi, das ja nach außen hin als ein Wahnsinn erscheint.“ (E. Stange, Der erste Korintherbrief, Bibelhilfe für die Gemeinde, Leipzig o.J, S.25)Auf dieses Kreuz ist die Heilsgeschichte von Anfang an zugelaufen. Das ist Gottes Plan, vorherbestimmt vor aller Zeit. Es ist wohl so, dass Paulus seit seiner Christusbegegnung vor Damaskus seine hebräische Bibel anders liest –  ausgerichtet auf den Christus. Er ist ihm zum Schlüssel seines Verstehens der prophetischen Botschaften geworden.

              Hinter dem Geschehen am Kreuz steht also Gottes Voraussicht. Er weiß von Anfang an, was sein Weg ist. „Die Menschen durch Christi Kreuzestod zu retten war nicht ein Notplan, weil alles andere schief lief, sondern von Anfang an Gottes Plan, um so die Menschen in ihrer tiefsten Not und Gottesferne zu erreichen.“ (W. Klaiber, aaO.; S.42) Und ganz besonders zum Staunen: wir – die Leute in Korinth, Paulus und seine Gefährten sind im Blick – was da, gewollt von Anfang an, geschieht ist vorherbestimmt zu unserer Herrlichkeit.  Schreibt Paulus an die Leute, denen er zuvor noch gesagt hat: Guckt euch doch an – ihr seid nicht die Vorzeigefiguren, nicht die Klugen, Mächtigen, Angesehenen, Weisen. Aber die Heilsabsicht Gottes gilt genau euch!

            Es ist die Tragik der Herrscher dieser Welt, dass sie für diese Wirklichkeit blind sind.  Ihre Blindheit zeigt sich darin, dass sie Jesus gekreuzigt haben. Dass sie in ihm nur diesen etwas seltsamen Prediger des Reiches Gottes gesehen haben, der Ärger macht, die Ordnungen durcheinanderbringt, der nicht ins Schema passt.  Hätten sie ihn erkannt als den Herrn der Herrlichkeit  – das ist eine jüdische Gottesbezeichnung – , hätten sie seinen Weg als den Weg Gottes erkannt, auf dem er seinen Plan ans Ziel bringt – sie hätten ihn nicht gekreuzigt.  

         Diese Worte wirken wie eine Entschuldigung der Herrscher der Welt, nicht wie eine Anklage. Nicht Bosheit, sondern Blindheit bestimmt ihr Handeln. Eine Blindheit allerdings, die aus ihrem Vertrauen auf ihre Weisheit erwächst.

           Die Gedanken hier sind nahe bei dem, was bei Lukas so gesagt wird:  „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. ….. Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3, 14-15.17)

         Ich lese hier den Versuch, auch den Mächtigen der Welt den Weg zum Glauben offen zu halten, indem sie nicht moralisch diskreditiert werden. Auch ihnen können die Augen geöffnet werden für die Wirklichkeit und Weisheit Gottes, die so anders ist als sie sich das gedacht haben.

 9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

             Es ist bezeichnend für den Umgang des Paulus mit der hebräischen Bibel. So richtig lässt sich das Zitat nicht zuordnen, vielleicht, weil er aus dem Gedächtnis heraus zitiert? Aber in der Tendenz ist es klar: die Korinther, Paulus, die Christen – sie dürfen wahrnehmen, was früher verhüllt war. Ihnen ist es offenbart durch den Geist. Wenn man fragt: Was denn? So ist wohl als Antwort zu geben: dass in Christus, dem Gekreuzigten das Heil Gottes offenbar ist, dass er die Gnade in Person ist, dass er den Weg zu Gott öffnet.

            So ist auch die Wendung von den  Tiefen der Gottheit nicht irgendwie ein Hinweis auf die Abgründe Gottes, auch nicht auf sein unergründliches Wesen, sondern schlicht: Gott geht für die Rettung seiner Menschen in die abgründigste Tiefe, bis in den Tod am Kreuz. Das ist das Zeugnis des Geistes über die Tiefe Gottes, dass wir den gekreuzigten Christus erkennen, in ihm den Heiland der Welt.

 11 Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes. 12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

            Fast könnte man sagen: Paulus spürt, wie er sprachlich abhebt und sucht deshalb nach einer Brücke für unser Verstehen. Er findet sie im Blick auf uns selbst: Letztlich kann nur der einzelne Mensch sich selbst erkennen, verstehen, begreifen. Wie es in mir aussieht, weiß keiner, manchmal ja nicht einmal ich selbst. Aber wenn es doch einer weiß, dann eben ich selbst. Ich bin meiner selbst bewusst.

            So ist es auch mit Gott. Wie es in Gott aussieht, um Gott steht, das wissen wir nicht. Das weiß keiner – nur er selbst. „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“(Matthäus 11,27) Es gibt keinen Weg zu Gott, wenn er selbst ihn nicht öffnet. Alle menschliche Gottsuche muss daran scheitern, dass er anders ist, uns entzogen. Unzugänglich. Daran hält Paulus in allen seinen Briefen eisern fest.

            Und setzt dem doch zugleich entgegen: Wir haben den Zugang zu Gott, den er uns geschenkt hat. Durch den Geist. Es ist der Geist Gottes, der uns die Augen für Jesus öffnet. Es ist der Geist Gottes, der uns in ihm, Jesus, den Christus Gottes, den Sohn sehen lässt. Es ist der Geist Gottes, der uns die Gaben Gottes in dem Gekreuzigten erkennen und annehmen lässt: Seine Gnade, sein Erbarmen, seine Gerechtigkeit. Es ist der gleiche Geist Gottes, der die Fülle der Gnadengaben in uns zur Wirkung bringt. „Echte Erkenntnis, die Gottes Geist ermöglicht, erschließt uns Gottes gnädiges Handeln und Schenken in Christus.“(W. Klaiber, aaO.; S. 45)

            Es ist gewiss kein Zufall, sondern von Paulus gewollt: Im griechischen Wort für geschenkt  steckt die Gnade als Wort mit drin, Dass Gott gibt, schenkt, ist schon Gnade. Und nie anders zu verstehen. Freie Gabe an uns und nie seine Schuldigkeit. Und auch das ist wohl bewusst von Paulus so formuliert: Der Geist aus Gott öffnet uns nicht die Augen für das Wesen Gottes, für sein unergründliches Sein. Sondern er öffnet uns die Augen für sein Schenken. Gott wird nie anderes erkannt als in seinem Weg und Tun, seinem Erleiden in Jesus Christus.

 13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

            Um aber dies weitersagen zu können, von diesem Geschenk Gottes reden zu können, braucht es eine andere Sprache als die der menschlichen Weisheit. Andere Worte – gemeint ist wohl: eine andere Logik. Keine andere Grammatik. Auch keine „heiligen“ Worte. Wohl aber Worte und Sprache, die das Staunen widerspiegeln, die Ergriffenheit, die durchsichtig werden für Gott. Dass das geschieht ist nicht Ergebnis menschlicher Sprachfertigkeit, sondern allein Wirkung des Geistes. „Auch durch eine noch so gute Predigt muss sich der Geist Gottes den Weg zum Menschenherzen bahnen.“ (R. Knieling – mündlich überliefert)

14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. 15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

            Wieder steht Paulus vor der Barriere, mit der er sich als Evangelist und Missionar abkämpft. Es gibt ein Hören der Worte, das aber nicht zum Hören des Herzens wird. Das kein Echo auslöst, keine Transformation des Lebens. „Schön gesprochen“ – aber das war es dann auch.

            So hört der natürliche Mensch. ψυχικς νθρωπος. Der Psychiker. Der Mensch, der Leib, Seele und Geist ist. Von Natur aus sind wir unempfänglich für die Wahrheit Gottes, für seinen Geist. Auch in unserem besten Wollen und Empfinden, auch in den Höhenflügen des Geistes. Mit Luther gesprochen: „Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.“(M. Luther 1524, EG 299) Das ist eine Sicht, die bis tief in die Kirche hinein heftigsten Widerspruch erfährt. Aber es ist  die Sicht, die Paulus mit anderen neutestamentlichen Boten teilt: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Johannes 3,5)

           So denkt Paulus und stellt dieser Sicht den anderen Menschen dagegen. νθρωπος πνευματικός. Den Pneumatiker. Den geistlichen Menschen. Keinen Augenblick lässt Paulus einen Zweifel daran: das ist keine Eigenschaft, die wir von Natur aushaben. Dass das πνευμα in einem Menschen wohnt, ist Gabe, Anteil am Geist Gottes, nie naturgegebener Besitz. Nie menschlich-natürlich-angeborene Eigenschaft. Dass Menschen zum Glauben kommen ist Geschenk von oben. Wunder. Immer. Bis heute. Was für eine Herausforderung auch in unsere Zeit hinein. Das Entscheidende des Lebens gibt es nur geschenkt, nur als Gabe, nur als Widerfahrnis.

           Das ist, nach Paulus die Wirkung der Gabe des Geistes: Geöffnete Augen und daraus resultierend Urteilsfähigkeit. Die Fähigkeit, den Weg Gottes durch die Welt zu erkennen. Seine Spuren zu „lesen“. In allem die Güte des Schöpfers zu sehen und die Liebe des Erlösers.

 16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

            Wieder: Hier wird die Barriere sichtbar, über die keiner hinwegkommt. An der Gott-Suchende scheitern und zerbrechen können. Gott entzieht sich unserem Erkennen und Begreifen. Einmal mehr greift er dazu auf Worte des Propheten Jesaja zurück, der in seine Zeit hinein das Handeln Gottes bezeugt, der sich nach unten beugt, sich der Niedrigen annimmt, der die Großen und Mächtigen links liegen lässt, die Götter als nichts entlarvt. Der in der Geschichte so handelt, wie er es will. Der für sein Werk der Befreiung keine Ratgeber braucht, keine Menschenweisheit, auch keine eigene Stärke bei denen, die er befreien will.

            Wie ein Triumphgeschrei klingt es dann: Wir aber haben Christi Sinn. νος steht da und nicht Geist, πνευμα. Ein Wechsel, der in meinen Augen Sinn macht, verhindert er doch eine allzu einfache Gleichsetzung unseres Geistes mit dem Geist Gottes. νος  – „Sinn, Einsicht, Verstand, Gedanken, Gesinnung, Sinnesart“. (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.524) Es sind die Lebensfolgen, auf die es Paulus vor allem ankommt. Sie erwachsen daraus, dass unser Menschengeist angerührt wird vom Geist Gottes, dass wir gleichgesinnt mit Christus werden.

            Das meint Christi Geist, der unseren Geist, unseren Sinn berührt: Der Geist, der „die Christen Verstehen lehrt, ist nicht ein Feld-, Wald- und Wiesengeist oder eine naturhaft-magische Enthusiasmus wirkende Potenz, sondern das Pneuma des gekreuzigten Christus, also am Kreuz zu messen und darum unausweichlich ein Kritikern aller eigenen Weisheit und ebenso aller elitären. Letztlich ist nur der vom Geist und von Weisheit erfüllt, der im Glauben an den Gekreuzigten lebt.“ (W.Schrage, aaO.; S.267) Diese Worte des Exegeten sind eine Kampfansage gegen alle geistlichen Höhenflüge und ein Trost für allen schlichten Glauben.  

            Der ganze Abschnitt, so lese ich, erklärt den Verzicht des Paulus auf hohe Redekunst, rhetorisches Feuerwerk. Weil die Überredung zum Glauben den Weg zum Glauben nicht öffnet, sondern versperrt. Weil solche Versuche der Überredung entweder Widerstand hervorrufen oder Unterwerfung hervorbringen. Beides aber steht dem Glauben im Weg. Der Glaube kommt anders – der Geist erfordert leere Hände.

Mein Gott

nie werde ich Dich verstehen

nie werde ich Dich ergründen

nie werde ich über das Staunen hinaus kommen

 

Das aber genügt mir

dass ich sehe

wie Du Dich uns zuwendest in Jesus Christus

wie Du uns in ihm Deine Liebe öffnest

Deine Gnade schenkst

Dein Erbarmen unverbrüchlich zusagst

In seinem Kreuz glaube ich Deine Liebe

Dein Erbarmen

 

Danke

Dass du mir diesen Glauben  ins Herz gelegt hast

Dich mir in diesem Glauben schenkst. Amen