Gottes Logik: Das Wort vom Kreuz

1.Korinther  1, 18 -25

 18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

             Denn – das klingt nach Begründung, nach Ableitung aus vorher schon gesagtem. Aber es ist wohl nur eine Art Auftakt. Jetzt ist Paulus bei seinem Thema – dem Wort vom Kreuz. Er erklärt zunächst nicht, was der Inhalt dieses Wortes ist – vielleicht kann er das ja auch als bekannt voraussetzen – sondern wie es wirkt.

        Es ist mehr als nur ein historisches Ereignis. Und: „Das Kreuz als historisches Faktum bleibt stumm und zweideutig.“(W.Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S.170) Man muss daran erinnern: die Römer haben massenhaft gekreuzigt. Es war für sie eine Machdemonstration, eingesetzt, um auch nur zart aufkommende Widersetzlichkeit und Widerspenstigkeit bei den von Rom beherrschten Völkern im Keim zu ersticken.   

        So gesehen stimmt das Urteil: Eine Torheit. μωρα. Das Kreuz löst Entsetzen aus. Es finden sich genug Stimmen in der Antike, die die Kreuzigungen unmenschlich finden, eine Schande für zivilisierte Leute. Und nun also – die Botschaft vom Kreuz- Predigt, die behauptet, dass das Kreuz ein Heilszeichen sei, weil der Gekreuzigte der ist, an dem das Leben heil wird. „Es geht um die Botschaft, dass Gott die Menschen gerade dadurch gerettet hat, dass sein Sohn den schändlichen Tod eines Verbrechers und Aufrührers erlitten hat.“ (W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S.25)

               Das zu hören ist eine Zumutung – für den damaligen Hörer genauso wie für die heutigen Hörerinnen und Hörer. Es ist nicht die Botschaft, die von vornherein einleuchtend wirkt, die der Logik des menschlichen Denkens entspricht.

            Darum löst das Wort vom Kreuz, λγος το σταυρο, diese Kreuzeslogik, heftige  Ablehnung aus. Mehr als nur Kopfschütteln. Sie findet keinen Glauben. Wo das so ist, bleiben Menschen in der Gottesferne, gehen sie Gott verloren. Hinter diesen Worten stehen wohl auch „bittere Erlebnisse, die der wandernde Apostel hundertfach bei harten Zusammenstößen in den Synagogen und auf den Marktplätzen der Mittemeerwelt gemacht hatte.“(E. Stange, Der erste Korintherbrief, Bibelhilfe für die Gemeinde, Leipzig o.J, S.22 ) Die Ablehnung des Evangeliums gehört zur Erfahrung des Paulus.

           Aber auch, dass andere hören. Berührt werden, dass sie für den Glauben gewonnen, aufgeschlossen werden.  Dass das geschieht, hängt an Gottes Kraft, an der Dynamik, δναμις, die Gott in dieses Wort hinein gibt. Es ist Gottes Wirken, sein Werk, dass Menschen sich diesem Wort vom Kreuz öffnen

              Es ist ein dürrer Satz, aber so unglaublich wichtig. Ein Satz auch, vor dem wir heutzutage zurückschrecken, weil er als arrogant, als anmaßend empfunden wird. „Hier und nirgendwo anders fällt die Entscheidung über Heil und Unheil der Menschen… Die Wirkung des Kreuzeslogos ist unausweichlich eine doppelte. Der Kreuzeslogos ist heil und verderbenbringend.“ (W.Schrage, aaO.; S.172)  

            Paulus denkt hier nicht darüber nach, ob dieses unterschiedliche Hören irgendwie vorherbestimmt ist. Er stellt nur fest: es gibt beides – Ablehnung und Zustimmung, Glauben und Unglauben.

  19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.

             Daran allerdings liegt ihm: Dieser Weg, dass sich das Heil des Lebens am Wort vom Kreuz entscheidet, an diesem Zeichen, das so viel Widerspruch auslöst – das ist der Weg, den Gott geht. Es ist ein Weg, der der Art Gottes entspricht – darauf weist das Zitat aus Jesaja hin. Gott tritt der Logik der Welt, der Weisheit entgegen in seinen Wegen. Abzulesen daran, dass er sich zu denen wendet, die nichts vorzuweisen haben: „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.“ (Jesaja 29, 18-19) Und  so wie er die ganz unten erwählt, so macht er den ganz unten, in der Gottesferne des Kreuzes, zu seinem Heilszeichen.

            Es ist wohl so: das entzieht sich und widerspricht der Logik der Welt. Es ist ein hartes Urteil: Die Weisheit, die Klugheit, der autonome Intellekt scheitert an Gott. „Die Weisheit dieser Welt ist das Bemühen der von Gott entfremdeten Menschenwelt, das Ganze des Seins verstehend zu erfassen – sei es, ohne dabei Gott zu berücksichtigen, sei es, indem er zum Faktor im eigenen System degradiert wird.“ (W. Klaiber, aaO.; S.27)Paulus sieht diese Versuche zum Scheitern verurteilt. Gott hat sie dazu verurteilt.

            Weil Gott diesen anderen Weg geht – einen Weg, der die Weisheit demütigt, die Klugheit an ihre Grenze führt, die selbstbestimmte Vernunft zum Scheitern verurteilt. Sie scheitert daran, dass sie immerzu mit der Welt umgeht „etsi deus non daretur“(Hugo Grotius 1583 – 1645), als ob es Gott nicht gäbe.

            Paulus hat eine andere Sicht auf die Welt: „Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, sodass sie keine Entschuldigung haben.“(Römer 1,20) Es ist eine selbstverschuldete Blindheit, die Gott hinter seinen Werken unsichtbar werden lässt. Dieser Blindheit will er abhelfen, sie will er heilen  durch den Gekreuzigten. Wer auf das Wort vom Kreuz vertraut, dem gehen die Augen auf.

22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; 24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

            Stattdessen aber verharren viele in ihrem Denken, Ihren Vor-Urteilen. Sie stellen Gott gewissermaßen Bedingungen. Juden, indem sie Zeichen fordern – wie es schon die Jesus-Erzählungen zeigen. Die Griechen, indem sie ihre Logik, ihre Weisheit, ihre Philosophie zum Maßstab nehmen. Es ist wahr: alle wollen Gott finden – aber indem sie ihm vorschreiben, wo und wie er sich zu finden lassen hat. Indem sie die Bedingungen diktieren, die er zu erfüllen hat. Und nicht, indem sie ihn da suchen, wo er sich finden lassen will: Am Kreuz von Golgatha.

            Paulus stellt es noch einmal klar: es ist der gekreuzigte Christus, in dem Gott sich zeigt. Gott will „seine Macht nur verborgen in tiefster Ohnmacht erscheinen, sich in der tiefe, nicht in der Höhe finden lassen.“ (W.Schrage, aaO.; S.212) Für mich ist es wichtig: nicht das Kreuz, der gekreuzigte Christus ist das Thema der Predigt. Paulus ruft zum Glauben an ihn, an Christus – nicht zum Glauben an das Kreuz. Zum Vertrauen darauf, dass sein Weg ans Kreuz und durch den Tod den Weg für uns zu Gott frei gemacht hat – und niemand kann ihn mehr versperren.

            Es ist wohl so: diese Predigt, dass ein Gekreuzigter das Heil der Welt ist, klingt verrückt in den Ohren der Griechen und den Ohren der Juden. Sie klingt bis heute verrückt in den Ohren so vieler. Torheit und Ärgernis. σκνδαλον, Skandal. Eine Zumutung.

            Und doch: Es gibt auch das, dass diese Botschaft Gehör findet, Herzen berührt, Leben verwandelt. In die Freiheit führt. Mit Gott versöhnt. Dass es wie Schuppen von den Augen fällt: In ihm, in dem zerbrochenen und verworfenen, dem geschändeten und fertiggemachten Jesus stehe ich vor Gottes Kraft und Gottes Weisheit.  Wo einem so die Augen aufgehen, da findet er sich wieder, berufen, hinzugetan zu den Berufenen, κλητόι. So wie die Leserinnen und Leser des Briefes nach Korinth.

25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

        „Dass Gott sich in die Schwachheit und Torheit des Kreuzes Christi mit hineinziehen lässt und im Kreuz den Weg in die Tiefe mitgeht, stößt alle vor den Kopf, die sich Gott als den über alles Schwache und Törichte, Leidvolle und Tödliche Erhabenen vorstellen.“(W.Schrage, aaO.; S.189) Aber darin, dass er das tut, wird er zum Retter, erweist sich seine vermeintliche Schwachheit als Lebenskraft. Es ist der Glaube, der das sieht.

Jesus

Öffne mir die Augen

dass ich Dich sehe am Kreuz

in Dir die Liebe

die sich bis in die Tiefe des Todes schenkt

das Erbarmen

das alles auf sich nimmt

um uns zu gewinnen

die Treue

die vor uns den Weg öffnet durch den Tod hindurch

 

Rühre Du mir das Herz an

dass ich mir gefallen lasse

dass Du diesen Weg für uns gehst

dass ich in ihm die Weisheit Gottes erkenne

 

Gib mir das Vertrauen in den Willen Gottes

Der auch in der tiefsten Ohnmacht festhält. Amen