Seid wachsam!

 1. Petrus 5, 8 – 14

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

             Es ist der Blick in den Hintergrund der Welt, der hier sichtbar gemacht wird. Im Vordergrund agieren Menschen. Petrus aber sieht im Hintergrund den anderen Akteur – den Teufel. Den Widersacher – Gottes und der Menschen. Es ist nicht das Anliegen des Petrus: Menschen verteufeln – aber sie, die die Christengemeinde bedrängen, verleumden, die Christen in Ängste jagen, treiben das Geschäft des Gegenspielers Gottes.

         Das ist keine Kleinigkeit, die Petrus hier anspricht. Keine Belanglosigkeit. Sondern hier ist Wachsamkeit und Widerstandskraft gefordert. Und doch auch nicht zu viel Respekt. Seid nüchtern und wacht. Petrus ruft zum Widerstand auf – fest im Glauben. Das ist kein Aufruf zu einem vergeblichen Kampf. Wohl aber ein Aufruf zu einem Kampf, in dem sie nicht allein sind.

        Es ist eine vergessene Wahrheit: Christsein geht nicht ohne Kampf. Dieser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen, wohl aber gen alles, was die Christen vom Glauben abbringen will, was ihnen den Weg zu Gott versperren will. Es ist merkwürdig genug: das schändlich missbraucht Wort vom „Dschihad“ birgt darin einen Wahrheit, die frühere Generationen der Christenheit durchaus noch kannten, wenn es den Weg des Glaubens als eine kämpferische Auseinandersetzung charakterisiert – mit dem eigenen ungezügelten Trieben, mit Mächten, mit Lebensumständen, mit Herausforderungen, die vom Glauben entfremden können.

          Der Widersacher versucht, sich größer zu machen, als er ist. In den Augen des Petrus ist er nicht nur ein Scheinriese, der kleiner wird, je näher man ihm kommt. Aber auch als brüllender Löwe ist er doch einer, dem die Christen widerstehen können. Es ist die Eigenart biblischer Autoren, dass sie nie in aussichtlose Kämpfe schicken. Sondern immer nur so, dass sie daran erinnern: du bist nicht allein. Wenn der Glaubende kämpft, auch sich abkämpft, hat er doch Christus zur Seite.

         Luther hat von solchem Kämpfen gewusst, die eigene Angst davor auch gekannt – und deshalb sich selbst und anderen zum Trost geschrieben:

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nichtdas macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.            M. Luther 1529, EG 362

          Ich finde es großartig: Es ist nicht so, dass alle Furcht wie wegeblasen wäre. Aber sie wird kleiner, vielleicht sogar beherrschbar: so fürchten wir uns nicht so sehr. Jedenfalls: sie darf das Leben nicht mehr überwältigend bestimmen.  Christen stehen nicht alle an einer, der gleichen Front – aber es gibt Gemeinsamkeit in den Leiden und in den Kämpfen: was ihr erfahrt, kennen die andern auch. Wir wissen aus den Märtyrerberichten des 2. Jahrhunderts: „Man teilte sich gegenseitig mit, was örtlich, regional vorgefallen war, um zu informieren, zu ermutigen und um den einzelnen in die Standhaftigkeit der Gemeinden einzubinden.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.239) Immer wieder dieser Hinweis: ihr seid nicht die einzigen, die das erleben. Es ist ja die große Anfechtung: so wie ich zu leiden habe, so leidet sonst kein Mensch.

          Nein, sagt Petrus: Ihr seid nicht die einzigen. Es ist ein Herausführen aus der gefühlten Einsamkeit – so wie es auch bei Elia am Berg Horeb war. Der glaubte sich am Ende allein, samt seiner neuen Gotteserfahrung. Und wurde eines Besseren belehrt: Elia „sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen. 15 Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus…. Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.“ (1.Könige 19, 14-15.18)

             So wie Gott es Elia nicht gestattet, erlaubt es Petrus seinen Lesern und Leserinnen nicht, dem Irrglauben zu folgen, dass sie in ihrem Leid die einzigen sind, die es so trifft. Da sind andere, die das Gleiche durchmachen. Das macht das eigene Leiden nicht ungeschehen, auch nicht schmerzfrei. Aber es löst die Einsamkeit des eigenen Leidens auf.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

             Diesen Kampf bestehen zu helfen, ist vor allem anderen Gottes Sache. Er ist es, der aufrichten, stärken, kräftigen, gründen wird. Er ist es, aus dem die Widerstandskraft sich nährt. Er lässt doch seine Berufung nicht hinfallen. So bezeugt es auch Paulus: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Gott lässt die, die er will, denen seine Liebe gilt, für die er sich zu Tode geliebt hat, nicht fallen.

            Mag sein – jetzt ist Zeit der Leiden. Aber es ist nur eine kleine Zeit. Nichts gegen das, was kommt. Nichts gegen die Freude, die auf die Christen wartet. Nichts gegen die Herrlichkeit, die über ihnen aufleuchten wird. Weil er auf diese kommende Vollendung traut und sie seinen Lesenden nahe bringen will, schließt Petrus mit dem Gebetsruf. Gott wird an sein Ziel kommen – mit uns.

 12 Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich meine, habe ich euch wenige Worte geschrieben, zu ermahnen und zu bezeugen, dass das die rechte Gnade Gottes ist, in der ihr steht.

             Silvanus wird hier als Schreiber des Briefes genannt. Wohl nach dem Diktat des Petrus. Das könnte ein wenig das sprachgewandte Griechisch erklären, das man einem einfachen Fischer vom See Genezareth nicht so recht zutrauen mag. Skeptiker, die glauben, dass der Name „Petrus“ im ganzen Brief nur ein Pseudonym ist, um die Autorität des Briefes zu untermauern, halten auch den Hinweis auf Silvanus für eine Fiktion. Andere, die mit der „Echtheit“ des Briefes rechnen, verweisen gerne darauf: Silvanus dürfte wohl der Silas sein, der mit Paulus im Gefängnis von Philippi einsitzen muss. (Apostelgeschichte 16, 19 – 25)

             Mir liegt an dieser Verfasserfrage nicht wirklich viel. Wichtiger ist mir die Intention des ganzen Briefes, die hier noch einmal benannt wird: dem Verfasser geht es darum, dass die Christen, die diesen Brief lesen – leidende, verfolgte, bedrängte Leute – in ihrem Glauben befestigt werden. Dass sie allem Leiden zum Trotz sich in der wahren Gnade Gottes – so besser statt rechten Gnade – geborgen wissen. Für diese wahre Gnade steht auch Silvanus in seiner Treue, die ihm Petrus bestätigt, ein. Petrus und Silvanus sind treue Leute, auf deren Worte man sich verlassen kann.

 13 Es grüßt euch aus Babylon die Gemeinde, die mit euch auserwählt ist, und mein Sohn Markus. 14 Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe. Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!

             Es bleibt der Abschluss – ein Gruß von Gemeinde zu Gemeinde. Eben nicht nur ein Gruß eines einsamen Apostels. Der Kuss der Liebe – mitten in einer Welt, die den Angeschriebenen feindlich begegnet, geben sie einander ein Zeichen der Verbundenheit. Dabei wissen sie sehr wohl, dass diese Zeichen in der Alltagspraxis gelebt sein will, damit es nicht zum leeren Symbol wird.

            Am Ende: Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid! Es ist ein Anknüpfen an die Weise, wie der Auferstandene seine Jünger grüßt: „Friede sei mit euch!“ (Johannes 20, 26) Es ist mehr als ein frommer Wunsch, mehr auch als ein gut gemeinter Gruß. „Die neue Welt Gottes ist keine Utopie, sondern lässt sich bereits jetzt in der Kraft des Geistes existenziell erfahren.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.454) Mit seinem Gruß stellt Petrus seine Gemeinden in die Wirklichkeit des Friedens Gottes, der durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist und aller Friedlosigkeit der Welt zum Trotz Raum gewinnt in der Gemeinde.

Heiliger Gott
gib Du uns den langen Atem
der uns im Glauben beständig werden lässt

Herr Jesus
präge Du uns die Bilder ein
die unser Durchhalten stärken
die uns festen Grund unter die Füße geben
Dein Bild
wie Du Dich erbarmst
wie Du aufrichtest
wie Du Dich hingibst bis in den Tod
damit wir leben

Lass Du uns durch den engen Horizont der Zeit schauen
dass wir das helle Licht der Ewigkeit aufleuchten sehen
und es uns leuchtet
so dass wir auf dem Weg bleiben mit Dir zu Dir. Amen

Ein Gedanke zu „Seid wachsam!“

  1. Wieder ganz neu die Aktualität und Lebendigkeit dieses Petrus-Briefes entdecken dürfen!! Herzlichen Dank für die wertvollen Erläuterungen!!

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