Leiten – weiden

  1. Petrus 5, 1 – 7

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:

             Nach den vielen Worten an die ganze Gemeinde, aber auch an einzelne Gruppen, Männer, Frauen, Sklaven, wendet sich Petrus jetzt an die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Die Presbyter. Sie sind, nach Lebensjahren die Älteren, die, die die Gemeinde leiten sollen. „Für die Leitung der Gemeinde ist Reife des Alters und Reife in geistlicher Hinsicht nötig.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.162)

            Es wirkt wie eine Neuvorstellung ihnen gegenüber, wenn Petrus hervorhebt: ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi. Er stellt sich mit ihnen auf eine Stufe, in eine gemeinsame Verantwortung. Weil es ihm um die Gemeinsamkeit geht, betont er auch, dass er Zeuge der Leiden Christi ist. Das meint wohl nicht: Augenzeuge der Passion und auf Golgatha. Sondern: „Er steht wie die Adressaten und Adressatinnen in der Gemeinschaft der Leiden Christi(4,13) und ist wie sie ein Teilhaber der Herrlichkeit, die im Begriff ist, offenbart zu werden.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.400)

          Weil er sich so mit ihnen im Leiden und der Hoffnung verbunden weiß, nimmt er sich heraus, sie zu ermahnen, zu ermutigen. Beides klingt im Wort παρακαλ an. Nicht die „Amtsautorität““ als „Apostel“ (1,1), sondern die gemeinsame Erfahrung stellt Petrus in den Vordergrund. Diese Gemeinsamkeit gibt ihm das Recht zu seinem Ermahnen.    

 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; 3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

             Das ist ihr Auftrag: Da zu sein für die Gemeinde, die ihnen anvertraut ist, anbefohlen. Zu treuen Händen übergeben, so wie ein Herr seinen Hirten seine Herde anvertraut. Es ist ein urvertrautes Bild, das hier angedeutet wird, mit dem Wort weiden.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
            Er weidet mich auf einer grünen Aue
            und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.       Psalm 23,2-3

 

            In der Septuaginta-Fassung des Psalms steht wie bei Petrus für weiden ποιμαίνω. So also sollen die Ältesten mit der Gemeinde umgehen, dass sie die Arbeit Gottes an ihr tun. Und das nicht zwanghaft, nicht ehrgeizig, nicht ehrsüchtig, sondern freiwillig und aus Herzensgrund. Sie sollen in ihrer Art und ihrem Verhalten Vorbilder sein τποι „Typen“ könnte man salopp sagen. Leute von denen andere in der Gemeinde sagen können: An denen sehen wir, was „typisch“ ist für Christen.

            Daran liegt Petrus: nicht als Herren über die Gemeinde. Die Christen erleben so viele Herren um sich herum, so viele, die Macht über sie ausüben wollen, sie bedrängen, einengen, dass solches Verhalten in der Gemeinde keinen Raum haben soll. Die Gemeinde gehört dem einen Herrn, Christus, dem κυριός. Darum darf sich keiner in ihr als Herr aufspielen. Es ist gut sich zu erinnern: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“(Matthäus 10,26-27) Durch ihr Sein sollen sie leiten, nicht durch Herrschen oder Anherrschen.

            Eine Besonderheit soll nicht übersehen werden: wo Luther übersetzt über die Gemeinde steht das griechische Wort κλρος. „Mit dem Wort κλρος, von dem sich unser Wort „Klerus“ ableitet, werden also nicht die Amtsträger, sondern die Gemeindeglieder bezeichnet.“ (T. Popp, aaO.; S.405) Nicht auszudenken, was das heißen könnte – die ganze Gemeinde ist der Klerus, nicht nur einzelne Leute. Alle sind „Kleriker“! Alle sind gerufen, das Evangelium zu leben und weiterzusagen. Um sie dazu zu befähigen, braucht es den Dienst der Ältesten. Ihre Aufgabe: die Gemeinde mündig machen. Auskunftsfähig. Gottesdienst-bereit. Tüchtig, den Glauben zu leben.

4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

             „Für die Erfüllung solcher Amtsführung wird Lohn und Heil zugesagt.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.232) Was sie tun, wie sie es tun, findet sein Echo in der Anerkennung durch den Erzhirten, durch Christus. Sie werden zu bekränzten, gekrönten Häuptern – ein Bild, das die damalige Zeit aus den Stadien der Welt gut kennt. „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.“(1. Korinther 9, 24-25)

             Paulus sieht diesen Lohn, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit, für alle – Petrus sieht ihn gewiss nicht nur für die Presbyter, aber auch für sie. Ihr Arbeiten wird anerkannt werden. Selbst wenn die Gemeinde es nicht wahrnimmt. Was für ein Trost für so manche Kirchenvorsteherin und manchen Kirchenvorsteher, der/ die die eigene Arbeit nie durch die Gemeinde gewürdigt erfährt.

5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.

            Als wäre ihm aufgefallen, dass er sie beinahe vergessen hätte, trägt Petrus jetzt die Jüngeren nach. Mit einem knappen Satz, im Griechischen gar nur einem Wort: Ordnet euch unter. Es ist ja ein Dauerthema des Petrus: sich unterordnen. Es ist die zentrale Platzanweisung, die er vornimmt, fast so, dass man sagen könnte: In seinen Augen ist Christsein sich unterordnen. Unter Christus, unter die Geschwister, unter die weltlichen Herren, auch die seltsamen. Unter die Verhältnisse.

Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

          Die Aufforderung zum Unterordnen an die Jüngeren wird sofort ausgeweitet auf alle. Alle sollen Demut lernen. Bei Paulus hört sich das so an: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“ (Römer 12,16) Hebt nicht ab. Bleibt mit beiden Beinen auf der Erde. Demut ist keine kriecherische Lebenshaltung, sondern eine, die den Größenverhältnissen der Schöpfung entspricht. Gott gegenüber ist kein Hochmut angezeigt, sondern ihm entspricht eine Haltung der Unterwerfung. Der Proskynese, der Anbetung, die seine Größe preist und sich selbst als das sieht, was ich bin: Geschöpf.

         Wir sind nicht die autonomen Leute, die sich selbst genügen können. Das ist eine der großen Lügen unserer Zeit. Du bist, was du aus dir machst. Nur das. Du verdankst dich Dir selbst. Das stimmt schon von Anfang an nicht – wir werden geboren und bringen uns nicht selbst zur Welt.

          Es ist diese Haltung, die Demut, die Petrus sucht, auch ein Einüben in die Abhängigkeit. Durchaus in der Weise: wer annehmen lernt, dass er von Menschen abhängig ist, lernt auch die Abhängigkeit von Gott anzunehmen. So hat es wohl der große bayrische Bischof verstanden: Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.“(H. Bezzel, 1861 – 1917)So zu denken ist eine große Herausforderung für eine Zeit, in der Ich ständig groß und du und wir immerzu klein geschrieben wird.

              Diese Demut ist eine auf Zukunft ausgerichtete hoffnungsvolle Haltung. Sie steht unter der Verheißung, dass sie Gnade empfangen wird. Und sie findet Antwort darin, dass Gott die Demütigen erhöht. So ist Gott: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“(Lukas 1, 52-53) Es ist Gottes Art, dass der die Kleinen groß macht. Davon erzählt die Bibel immer wieder. Darauf lehrt Petrus seine Gemeinden hoffen.

 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

             „Das Gebet ist ein Grundelement der Demut vor Gott.“ (T. Popp, aaO.; S.435) Aber mehr noch als das: es ist die Möglichkeit, sich selbst zu entlasten. Einmal mehr wird man hören dürfen, wie Petrus auf Worte Jesu zurückverweist, die Evangelisten überliefern: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Matthäus 6, 34)

            Es ist eine Einladung zum Vertrauen: ich darf meine Sorgen loslassen. Ich muss sie nicht alleine tragen. Gott will, dass ich meine Lasten bei ihm ablade, dass ich mich entlaste. Dass ich so die Hände frei bekomme für das, was ich tun kann. Auf ihn werfe. Weil ihm an uns liegt.

            Ob das einfach so dahin gesagt ist – ein goldener Satz zum Schluss? Ich glaube das nicht. Petrus kennt doch die Situation seiner Gemeinden. Er weiß, wie sie bedrängt, bedrückt, geplagt und manchmal wohl auch verzweifelt sind. Er weiß, dass sie an manchen Tagen nicht wissen, ob es ein Morgen für sie geben wird. Solchen Leuten wirft man keine goldenen Sätze wie Trostpflaster hin. „In ihrer schweren Belastung durch die Bedingungen von Hetze und Verfolgung ist die Möglichkeit, alle Ängste vor Gott zu bringen (sie auf ihn zu werfen) und die Vergewisserung, dass ihm ihr Schicksal am Herzen liegt, für die Adressaten ein starker Trost.“ (N. Brox, aaO.; S.236)

             Es ist gut, so einen Adressaten für die eigenen Sorge und Ängste, die eigenen Ausweglosigkeiten zu haben. Ich muss das Leben nicht im Alleingang meistern – er ist da, der um uns sorgt.

Mein Gott
ich halte Dir meine leeren Hände hin
mein leeres Herz
meine oft so verwirrten Gedanken
meine Sorgen und Ängste
mich selbst

Wie gut
dass ich mich so an Dich halten darf
dass ich Dir nichts vormachen muss
vor Dir nicht stark sein muss
dass ich mir vor Dir meine Leere leisten kann

Halte Du uns fest
Führe Du uns auf rechter Straße
Leite Du uns zu den Quellen
die uns erquicken
Du unser guter Hirte. Amen