Keine Grenze für das Evangelium

 1. Petrus 3, 18 – 22

 18 Denn auch Christus hat “einmal” für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

             Diese beiden Worte denn auch zeigen, dass die Sätze über Christus als eine Begründung für zuvor Gesagtes gedacht sind. Als Begründung für die Unausweichlichkeit des Leidens. „Der 1 Petrusbrief gibt zusammen mit dem gesamten Urchristentum (zumal mit Paulus) als Antwort: Denn auch Christus hat gelitten.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.164)

           Es kann sein, ist aber mit letzter Sicherheit nicht nachweisbar, dass Petrus hier überlieferte Sprachformeln verwendet. Aber die Worte klingen nicht wie eine Augenblicks-Formulierung, sondern eher wie geprägte Sprache. Wie sie in Bekenntnissen begegnet oder in liturgischen Stücken. So wirken auch die Wendungen der Gerechte für die Ungerechten und das anschließende er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

             Paulus etwa definiert das Evangelium von Jesus Christus: der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“(Römer 1,3-4) Petrus sieht das Sterben Jesu als Geschehen nach dem Fleisch. Aber parallel zu Paulus die Auferstehung als ein Geschehen nach dem Geist. Die spätere christliche Zwei-Naturen-Lehre – wahrer Mensch nach dem Fleisch, wahrer Gott nach dem Geist – findet hier schon erste Bausteine.

            Aber es geht nicht nur um Lehre über Christus. Sondern es geht darum: dieser Weg ist ein Weg „für“ – für die Ungerechten, für euch. Indirekt, aber deutlich wird damit auch den Christen gesagt: Ihr ward nicht immer schon gut, nicht immer schon gerecht, nicht immer schon Gott recht. Sondern Christus nimmt das Leiden auf sich, damit er so den Weg frei macht für die Hörer und Leser dieser Worte. Damit er sie Gott zuführt. So sieht es auch Paulus: Wenn er die Reihenfolge der Auferstehung beschreibt: „als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören.“ 1. Korinther 15, 22) Christus eröffnet den Weg zu Gott und übernimmt als Führer die Spitze des ganzen Zuges. Er ist für uns.

            Eine Zwischennotiz: Wenn Petrus schreibt für die Sünden, gebraucht er ein anderes griechisches Wort als für die Ungerechten: Einmal περ, das vorrangig die Bedeutung „wegen“ hat. Die Sünden sind also Anlass und Grund des Leidens Jesu. Das andere Mal verwendet er πρ. Das aber heißt: „zum Besten von, zu Gunsten, für“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.760)

Wir können das Wortspiel δίκαιος ὑπὲρ ἀδίκων im Griechischen nur annähernd wiedergeben: der Gerechte für die Ungerechten. Es hat seinen schönen Nachhall im Liedtext gefunden:

Nun in heilgem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.                                                                                                         F. v
on Bodelschwingh 1938, EG 93

              Es ist das Anliegen des Petrus, dass seine Worte nicht nur als eine Einweisung in ein niemals endendes Leiden gehört und gelesen werden, sondern dass der Blick geweitet wird – über das Leiden hinaus auf das Leben nach dem Geist.

 19 In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, 20 die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch.

             Jetzt weitet sich der Horizont – Petrus sagt und schreibt, was kein Ohr je gehört und kein Auge gesehen hat: Im Geist geht Christus und predigt den Geistern im Gefängnis. Erst durch die Fortsetzung wird klar, was das Gefängnis, φυλακή , ist – die Welt der Toten. Ob das nun die Unterwelt ist, der Hades oder eine Art Zwischenwelt auf dem Weg zum Himmel, das mag getrost offen bleiben.

            Wer sind die Hörer dieser Christus-Predigt? Geister Es ist wieder ein Wortspiel – im Geist den Geistern. So als wollte Petrus sagen: Sie, die dort an diesem Ort verhaftet sind, werden durch den Geist Christi wieder zu dem, wozu sie ursprünglich bestimmt sind. Sie gewinnen durch sein Verkündigen Anteil an seinem Geist, der in das Leben ruft. Ob diese Predigthörer nur die Untergegangen der Sintflut-Generation sind oder nicht doch – so die ostkirchliche Ikonographie – alle, die vor Christus gelebt haben, lasse ich offen. Ich neige allerdings zur zweiten Sichtweise.

             Wichtig ist: denen dort, die Petrus Geister nennt, predigt Christus. Verkündigt er. Was Christus verkündigt, ist überflüssig zu sagen, weil das griechische Wort für verkündigen, κηρύσσω im Neuen Testament fest verbunden ist mit dem Evangelium, mit dem Ausrufen des Reiches. Mit dem Heimrufen auf den Weg zum Vaterhaus.

 21 Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr wird nicht der Schmutz vom Leib abgewaschen, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi, 22 welcher ist zur Rechten Gottes, aufgefahren gen Himmel, und es sind ihm untertan die Engel und die Gewaltigen und die Mächte.

             Es ist eine feste Stichwort-Verbindung in der frühen Christenheit von der Arche zur Taufe. Bestimmt durch den Umstand, dass es hier wie dort um Rettung geht. Wie die Arche gerettet hat, so rettet auch die Taufe. Taufe aber ist mehr und anderes als ein rituelles Reinigungsbad. Sie ist – so die durchaus eigenwillige Sicht des Petrus – eine an Gott gerichtete Bitte um ein gutes Gewissen. Das gute Gewissen kennen die Leserinnen des Petrusbriefes schon. Es „besteht in einer Lebenshaltung, die dem neuen Sein in Christus entspricht und daher die Verleumdungen und Schmähungen der Mitwelt als ungerecht erweist.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.346)

            So gelesen ist die Taufe also eine Rettung in dem Sinn, dass sie befähigt, bestärkt zum Leben aus der Christuszugehörigkeit. Sie öffnet einen Weg und hilft, auf diesem Weg zu bleiben. Sie ist nicht Versetzung in einen Heilszustand, der von der eigenen Lebenshaltung unabhängig gilt.

           Dass diese Bitte nicht ins Leere geht, das wird durch den Adressaten sichergestellt: sie geht an Christus, zur Rechten Gottes. An ihn, dem die Mächte und Gewalten untertan sind. An ihn, der uns vor Gott vertritt. Würde Petrus für seine Sicht einen Bündnispartner suchen – er könnte ihn leicht finden: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 33-34) In solcher Gewissheit kann auch eine leidende Gemeinde, können auch leidende Christinnen und Christen Kraft und Hoffnung zum Durchhalten gewinnen. Das sieht zumindest Petrus so.

Mein Gott und Herr
darüber kann ich immer wieder nur staunen
dass Du den Weg in die Tiefe
in das Leiden bis zum Tod auf Dich nimmst
damit ich zu Dir kommen kann
damit ich nicht länger Dir davonlaufe
damit ich mich nicht länger Deiner Liebe verschließe
damit ich herausfinde aus der Gottesferne

Du nimmst das Leben mit seinem Leiden auf Dich
damit ich Dir mein Leben anvertraue
So viel bin ich Dir wert
Dir sei Lob und Preis und Anbetung. Amen