Wir können nicht anders

  1. Petrus 3, 13 – 17

 13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.

             Ist das nur eine rhetorische Frage: Wer könnte euch schaden? Die in diesem Brief angesprochen werden, machen doch  täglich Erfahrungen, dass ihnen Schaden zugefügt wird. „Ihnen wird längst Böses angetan.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.157) Das kann man nicht schönreden, das darf man auch nicht verharmlosen.

            Aber der Briefschreiber möchte seine Leute dazu bringen, dass sie Böses nicht mit Bösen beantworten und dass sie so leben, „dass der Anlass für Übergriffe und Attacken seitens der Nichtchristen nicht schuldhaft bei den Christen liegen darf.“ (N. Brox, ebda.) Nicht einmal den Hauch von Gründen sollen sie liefern, sondern immer dem Guten nachstreben, um das Gute eifern. Sie sollen ζηλωτα „Zeloten“, Eiferer sein, wenn es um das Gute geht.

            Darauf folgt kein Argument mehr, sondern eine Feststellung: Christen sind Menschen, die um der Gerechtigkeit willen leiden. Wenn man so will: das gehört zu ihrer DNA. Das ist die Kehrseite der Erwählung durch Gott – Ablehnung und Feindschaft in der Welt. Nahe an diesem Denken heißt es in den Abschiedsreden Jesu: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“(Johannes 15, 18-20) So über das Christsein zu denken, das gewissermaßen not-wendig der Welt entfremdet und Feindschaft auslöst, ist also nicht exklusives Gedankengut des Petrus.

       Die Antwort auf diese Situation ist seltsam genug – eine Seligpreisung! Was sie an Widerstand, an Leiden erfahren, ist doch in Wahrheit Anlass, sie selig, μακριοι zu nennen. Weil sie auf dem Weg Christi sind. Wieder könnte Petrus an der Bergpredigt anknüpfen, beginnt doch Jesus seine Seligpreisungen genau mit diesem Wort μακριοι: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ (Matthäus 5, 10 – 12)

 Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

             An die nüchterne Beschreibung und Feststellung der Situation schließt sich merkwürdig unvermittelt die Aufforderung an: Keine Furcht. Kann man das ernsthaft fordern? Erst recht, wenn man weiß, wie es um die Gemeinde steht, welchem Druck sie ausgesetzt ist? Ich lese hier nicht: Furcht ist nicht erlaubt, ist überflüssig. Auch nicht: „Wer Menschen fürchtet, hat sein Vertrauen nicht ganz auf Gott gesetzt und wer glaubt, wird Menschen letztlich nicht mehr fürchten.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.123)

            Martin Luther jedenfalls hat viel vorsichtiger gedichtet:

„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“                                                                      M. Luther 1529, EG 362

          Ein Verbot der Furcht kann Petrus nicht ernsthaft meinen. Schon gar nicht der Petrus, der sich an seine Furcht erinnert – vor einer Magd, in der Nacht, in der ihn die Furcht um sich selbst zum Verleugnen gebracht hat. Nein. Petrus weiß, dass auch Christen sich manchmal fürchten. Was er aber wohl sagt: Lasst euer Leben, euer Denken, Reden, Tun nicht von der Furcht bestimmen. So, dass ihr euch nichts mehr traut. So, dass ihr dem Herrn Christus nicht mehr traut.

           Heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Ich lese hier schlicht: Macht eure Herzen fest in Christus. Haltet die innere Verbindung zu ihm. Weil, „wer Christus beherzigt, handelt auch beherzt.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.328) Indem ihr das tut, Schritt um Schritt, gewinnt ihr auch eine innere Festigkeit und vielleicht sogar Gelassenheit mitten in der Angst.

 Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, 16 und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen.

             Das ist das Ziel der Heiligung: Bereit zu werden, wann immer, wo immer, von wem auch immer es gefordert wird, Rechenschaft abzulegen über den Glauben, über die Hoffnung, über den Grund des eigenen Lebens. Rechenschaft, im Griechischen πολογα – unser Wort „Apologie“ klingt hier an – ist Verteidigungsrede, ein Eintreten für den Glauben, für seine Wahrheit, für seine verpflichtende Kraft wo immer es auch erforderlich ist.

            „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“(Apostelgeschichte 4,20)Das ist im besten Sinn apologetisch geredet. Der Ort für solches Reden kann vor Gericht sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Petrus Christenprozesse im Blick hat. Aber das kann genauso auch der Alltag sein, in dem Christen zu Rede gestellt werden – von ihren Herren, ihren Nachbarn, Freunden, Verwandten, Eltern oder Kindern.

            Diese „Rechenschaft über die Hoffnung ist hier jedem Christen zugetraut und keine Sache spezieller amtlicher oder „fachlicher“ Kompetenz.“ (N. Brox, aaO.; S.160) Alle sind dazu gerufen und alle werden dazu befähigt. So wie es Jesus seinen Jüngern zugesagt hat: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“(Matthäus 10, 19-20)

            Sogar auf den Stil solcher Rede über die Hoffnung geht Petrus ein: Mit „Milde und Furcht“ sollen sie reden. Nicht aggressiv, sondern werbend. Gelöst, mit einem guten Gewissen, weil sie ja wissen: wir stehen hier nicht als Leute, die zu Recht verfolgt werden, sondern wir stehen hier um des Glaubens willen. Für Christus. Das macht ein gutes Gewissen. Und dieses gute Gewissen wird auch die beeindrucken, die gegen die Christen stehen, die sie verleumden, ihnen übel wollen. „Der Stil der (auch verbalen) Selbstdarstellung des Christentums wird zum Argument für oder gegen seine Hoffnung.“ (N. Brox, aaO.; S.161) Das ist die Erwartung des Petrus. Und mancher Skeptiker dem Glauben gegenüber ist nicht durch die messerscharfe Argumentation von Christen überzeugt und gewonnen worden, sondern durch ihr Aushalten des Widerspruchs in Geduld und Freundlichkeit, in Sanftmut und Milde.

17 Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

            Dieser Abschluss wirkt wie ein Sprichwort. Aber er bringt doch noch einmal auf den Punkt, worum es geht: Nicht um Leiden an sich. Das gehört zur Welt dazu. Petrus erklärt nicht, dass es kein Leben ohne Leiden gibt. Das wissen sie – auch damals schon alle. Er hebt auch nicht darauf ab, dass Leben mit Leiden besser sei als ein leidfreies Leben. Aber er will schon deutlich machen: Wenn Leiden, dann nur um guter Taten willen, um des Glaubens willen. „Alle seine Aussagen gelten nur vom ungerechten Leiden“ (N. Brox, aaO.; S.162) Und eben nicht, weil einer leiden muss, der ertappt worden ist bei bösem Tun.

Heiliger Gott
Rühre Du meine Lippen an
Gib Du mir ein mutiges Herz
dass ich nicht schweige
wenn mein Glauben gefragt ist
dass ich mich nicht wegducke
wenn mein Reden gefordert wird
dass ich nicht still halte
wenn Du meine Hände und Füße brauchst
dass ich mich zu Dir bekenne
zur Zeit und zur Unzeit

Gib Du mir die richtigen Worte
aber auch das richtige Tun
so dass andere verstehen können
dass ich nicht nur Lehrsätze sage
sondern von Dir berührt bin
ergriffen und gehalten
dass Du mein Leben bist. Amen