Anpassen oder Abgrenzen?

  1. Petrus 3, 1 – 7

 1 Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, 2 wenn sie sehen, wie ihr in Reinheit und Gottesfurcht lebt.

             Immer noch leitet das gleiche Stichwort den Gedankengang: Unterordnen. Jetzt geht es um die Frauen in der Gemeinde. Sie sollen sich ihren Männern unterordnen. Vielleicht wird dadurch der eine oder andere, der nicht zur Gemeinde gehört, nicht an das Wort glaubt, für den Glauben gewonnen. Nicht durch Worte, sondern durch Verhalten. Reinheit und Gottesfurcht – beides zeigt sich am Lebenswandel. Davon ist Petrus überzeugt.

            Es ist eine hilfreiche Klarstellung: „Es geht nicht um willenloses Untertansein, sondern um die rechte Zuordnung von Mann und Frau und damit um Bestand und Funktion der Ehe. Die Mahnung, sich unterzuordnen, bedeutet keinen Gegensatz zur Gleichberechtigung der Geschlechter, die für gläubige Eheleute selbstverständlich sein sollte.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.107f.) Aber diese wohlwollende Sicht ändert nichts daran, dass Petrus hier seine Aufforderung auf dem Hintergrund der „strikt patriarchalischen Gesellschaft und Familie“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S. 142) formuliert. Und es erklärt sich auch einigermaßen schlüssig aus den ethischen Leitvorstellungen des Petrus, „der das Christentum besonders in geduldigem Hinnehmen von gegebenen bedrückenden Zuständen bezeugt findet.“(N. Brox, aaO.; S.141)

        Es liegt auf der Hand, dass wir heute diese Sicht eines besonders deutlichen Zeugnisses durch das widerspruchslose Leiden und Erleiden von Unrecht nicht mehr so ganz zu teilen vermögen. Auch als Christen, manchmal gerade als Christen sehen wir uns berechtigt, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und sie, wo immer wir es vermögen abzustellen, zu überwinden. Das hat sicherlich auch darin seinen Grund, dass wir (in der Bundesrepublik Deutschland) nicht mehr die verschwindende Minderheit sind, sondern einen nach wie vor sicheren Stand in der Gesellschaft haben.

3 Euer Schmuck soll nicht äußerlich sein wie Haarflechten, goldene Ketten oder prächtige Kleider, 4 sondern der verborgene Mensch des Herzens im unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes: das ist köstlich vor Gott. 5 Denn so haben sich vorzeiten auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren Männern unterordneten, 6 wie Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte; deren Töchter seid ihr geworden, wenn ihr recht tut und euch durch nichts beirren lasst.

            Es geht nicht um Äußerlichkeiten, nicht um Image, nicht um betörende Schönheit. Sondern um die inneren Werte. Der verborgene Mensch des Herzens soll Leitbild für die Frauen sein. „Die sittenreine und schmucklose Frau war weithin das aus männlicher Sicht konstruierte Idealbild in der paganen (=heidnischen) Antike.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.287) Wenn man so will: Petrus teilt hier das Frauenbild seiner Zeit. Was durchaus erlaubt danach zu fragen, ob wir heute noch an dieses Frauenbild gebunden sind oder uns doch eher an Frauenbildern auch unserer Zeit orientieren dürfen – wie immer die auch aussehen mögen.

           Als Musterbeispiel für seine Sicht führt er Sara an, die Abraham ihren Herrn nennt. „Sie erkannte die Führungsrolle Abrahams in der Ehe an.“ (U. Holmer, aaO.; S.112) Ist es das, was wir heute zu lernen haben? Mir scheint, dass dieses Denken in starren Führungsrollen überholt ist. Auch für Christen. Nur noch ein theoretisches Rückzugsgefecht, das aber keine Entsprechung mehr in der Lebenswirklichkeit findet.

         Liest man die Abrahams-Erzählungen ganz und nicht nur einzelne Verse, so hat man obendrein den Eindruck, dass Petrus hier durchaus einseitig gelesen hat – die starken Seiten der Sara, die sich Abraham gegenüber durchaus zu behaupten weiß, sind ausgeblendet. Über die Art und Weise, wie und ob Sara sich äußerlich durch Haarflechten, goldene Ketten oder prächtige Kleider geschmückt hat, gibt der Text der Abrahams-Erzählungen nichts her. Immerhin galt sie als „sehr schön“ und begehrenswert. Nicht von ungefähr holt der Pharao die Schöne in seinen Harem (1. Mose 12, 14-15). Ein hässliches, schmuckloses Entlein war Sara jedenfalls nicht.

 7 Desgleichen ihr Männer, wohnt vernünftig mit ihnen zusammen und gebt dem weiblichen Geschlecht als dem schwächeren seine Ehre. Denn auch die Frauen sind Miterben der Gnade des Lebens, und euer gemeinsames Gebet soll nicht behindert werden.

             „Die Männer sind die Übergeordneten und Privilegierten.“ (N. Brox, aaO.; S.147 ) Deshalb fehlt hier eine Aufforderung zur Unterordnung. Sie wird ersetzt durch die Mahnung, die Ehefrauen zu achten, ihnen die Ehre zu geben. Sie sollen ihnen Verständnis und Achtung erweisen. Aber es bleibt dabei: die Frauen sind das schwächere Geschlecht – eine These, die sich hartnäckig bis heute hält.

      Erst der letzte Satz eröffnet eine Perspektive über das Rollenverständnis der Umwelt hinaus. Auch die Frauen sind Miterben der Gnade des Lebens. Das mag im ersten Lesen ein bisschen gönnerhaft klingen. Aber es ist mehr, ein Schritt nach vorne. Es ist der Glaube an den einen Christus, die Wirklichkeit der Gnade, die den Unterschied der Geschlechter sekundär macht, der auch die bestehenden sozialen Verhältnisse relativiert. „Die Gemeinde eröffnet einen Raum für positive Gegenerfahrungen. In ihr gehören Frauen gleichrangig mit Männern in die Mitte.“ (T. Popp, aaO.; S.303) Wo so gelebt wird, in gegenseitiger Achtung und Ehrerbietung, gewinnt auch Beten freien Raum, ob allein oder gemeinsam.

            Ich gestehe mir ein: Diese Worte und dieses Frauenbild stimmen nicht überein mit meinem Denken, auch nicht mit der Art, wie ich seit über 40 Jahren mit meiner Frau lebe. Was also können sie dann noch für uns leisten? Wenn sie mich, wenn sie uns nicht mehr in unserem Denken und Verhalten leiten? Sie fordern uns heraus, uns über unsere Grundentscheidungen Rechenschaft zu geben. Es kann ja nicht der ausschließliche Sinn biblischer Worte sein, dass wir uns ihnen im Denken und Handeln unterwerfen. Sondern manchmal ist das ihr Sinn heute, dass wir im Gegenüber zu ihnen unser eigenes Bild reflektieren und für uns geklärt bekommen. In unserer Verantwortung als Glaubende vor dem dreieinigen Gott.

           Es bleibt die nachdenkliche Frage, wie weit Petrus hier in der Anpassung an die Umwelt geht und ob er nicht zu weit geht? „Die notwendige Einbettung des Christusglaubens in das Gefüge der Gesellschaft birgt in sich … die Gefahr, dass das spezifisch Christliche einschläft. Das Wagnis der Inkulturation des Evangeliums bringt es mit sich, dass die christliche Existenz durch die bürgerliche Existenz überlagert werden kann, anstatt sie zu transformieren.“ (T. Popp, aaO.; S.305) Mit dieser Gefahr hat sich die christliche Gemeinde zu allen Zeiten auseinander zu setzen, wenn sie nicht den Weg in die abschottende Wagenburg-Mentalität gehen will. Eine Faustregel, nach der hier zu entscheiden wäre, gibt es nicht. Gefordert ist vielmehr die Wachheit für die Zeit, das offene und ehrliche Gespräch in der Gemeinde und die beständige Orientierung am Evangelium.

Heiliger Gott
wir leben mitten in der Gesellschaft
beeinflusst von dem Denken unserer Zeit
von den Wertvorstellungen um uns herum
auch im Miteinander der Geschlechter sind wir Kinder unserer Zeit
lernen wir jeden Tag neu

Das mutest und traust Du uns zu
Die Zeit
in der wir leben
ist die Zeit
in die Du uns stellst

Gib Du uns die Wachheit und Unterscheidungsfähigkeit
aufzunehmen
was sich mit dem Glauben verträgt
aber auch nicht mitzutun in dem
was dem Glauben nicht entspricht

Gib uns Mut zur Offenheit und zum Leben mit klaren Grenzen. Amen