Christusförmig werden

  1. Petrus 2, 18 – 25

 18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.

             Angesprochen sind nicht alle Sklaven, sondern die „Haussklaven“. So ist das griechische οκται (oiketai) präzise zu verstehen. „Auch freigelassenen Sklaven eines Hauses wurden so bezeichnet.“ (U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.97) Nach vorne (2. 13) gibt es eine Stichwortverbindung durch die Weisung – sich unterzuordnen.

          So wie sich die Christen in die staatlichen Ordnungen einfügen sollen, so sollen sie auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld „die gesellschaftliche Realität annehmen“. (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.250) Nicht nur, wo es leicht ist, sondern auch, wo es schwer ist. Es ist so, dass die Herren, δεσπται, („Despoten“), das Sagen haben – unabhängig davon, ob sie gütig, freundlich oder seltsam sind. „Wunderlich“ könnte auch mit „verkehrt“ oder „ungut“ wiedergegeben werden. Es sind Menschen, die es denen schwer machen, die von ihnen abhängig sind. „Vermutlich versuchten sie, die Glaubenspraxis ihrer christlichen Sklaven und Sklavinnen zu unterbinden.“ (T. Popp, aaO.; S.255) Wie auch immer – auch ihnen sollen sich die Christen unterordnen!

 19 Denn das ist Gnade, wenn jemand vor Gott um des Gewissens willen das Übel erträgt und leidet das Unrecht. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr um schlechter Taten willen geschlagen werdet und es geduldig ertragt? Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott.

             Die Begründung: Unter solchen Verhältnissen zu leiden ist Gnade. Nicht das Unrecht ist Gnade, sondern dass es jemand erträgt. Dass es einer auf sich nimmt, auch wenn sich alles in ihm dagegen aufbäumen möchte. Wer das auf sich nimmt, dass er für seine guten Taten – hier steht wieder γαθοποιοντες – leidet, der stellt sich damit in die Nähe Christi. Man könnte auch so sagen: Gnade ist schlicht Christus nahe sein. So wird es Petrus in den folgenden Sätzen eindrücklich vorführen.

 21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;

             Das ist ihre Berufung: Christusförmig leben Wie er Leiden auf sich nehmen. Seinem Vorbild nachfolgen. In seine Fußstapfen treten. Christus hat euch ein πογραμμν, („Hypogrammon”) gegeben. Luther hat das mit “Vorbild” übersetzt. Man könnte auch sagen: eine Vorlage, eine Schablone, nach der sich unser Leben ausrichten soll.

       Jesus hat in seinem Leben vorgelebt, wie das Leben der Christen aussehen kann nach dem Willen Gottes. An ihm ist ablesen, wie wir leben sollen und wie wir leben können:

–  frei von allem Betrug, der andere übers Ohr haut.
– frei von dem Zwang zum Zurückschlagen, wenn einer uns verletzt hat
– frei von den Drohgebärden und Kraftakten, die den anderen einschüchtern sollen
– frei von dem tief eingewurzelten Misstrauen, das Gott nicht zutraut, dass er uns versorgt und deshalb alle Lebenssorge an sich selbst bringen muss.

            Im Leben Jesu haben die Christen ihr Lebensprogramm vor Augen, das Gott ihnen zutraut. In dem Lebensweg Jesu haben sie den Weg vor Augen, den Gott mit ihnen gehen will. Wobei es wichtig ist ‑ es geht hier nicht um ein Nachahmen, das Linie um Linie nachzeichnet und keine eigene Handschrift erkennen lässt. Sondern wie sich beim Schreiben-lernen immer mehr eine eigene Handschrift entwickelt, so soll sich auch beim Schreiben des eigenen Lebensprogrammes nach der “Jesus‑Schablone” eine ganz eigene Handschrift entwickeln.

 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

          Dabei stellt Petrus Jesus nicht nur als Vorbild hin, das wir nachahmen sollen. Er sagt nicht nur: ‘Seid wie Jesus’, sondern er sagt auch und das zuerst: ‘Jesus ist für euch!’ Das macht er fest an dem Weg Jesu zum Kreuz. Diesen Weg zum Kreuz ist Jesus “für uns” gegangen. Diesen Weg ans Kreuz ist Jesus gegangen, um uns die ganze Liebe zu zeigen, mit der er uns liebt. Es ist eine wesentliche Unterscheidung: Wir sollen aus dem Weg Jesu, aus seiner Hingabe leben, aber wir sollen nicht gleichfalls nach Golgatha.

            Wie aber steht es mit der Wehrlosigkeit Jesu? Mit seinem Verzicht auf das Echo-Verhalten? Es sind im höchsten Maß verdichtete Erinnerungen an die Passions-Erzählung der Evangelien, die hier sichtbar werden: der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt. Meine These: Es geht hier nicht darum, die Christen zu einem solchen Verhalten aufzufordern, sondern ihre Erfahrungen, dass sie unschuldig leiden, dass sie nicht zurückschlagen (können), dass sie mancher Willkür einfach ausgeliefert sind, werden hier als Nähe zu Christus gedeutet. Ihr erlebt, was er durchlebt hat. „Die leiden-müssenden Christen sollen das Leiden am Vorbild, in den Spuren des leidenden Christus erlernen.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.136) Er ist ihnen nahe, auch in ihrem Leiden.

             Oder anders gesagt: Da, wo sie Abwertung des eigenen Lebens erfahren durch Ungerechtigkeiten und Willkür, da sehen sie an ihm: Du, Du bist es mir wert, dass ich mein Leben für Dich einsetze. Du bist es mir wert, dass ich mein Leben für Dich hingebe. Du bist es mir wert, dass ich Dir meine Liebe schenke. Das steckt in dieser Wendung: der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz. Wo wir selbst und wo kein anderer mehr für uns gut sprechen wollten, da hat er für uns gutgesprochen, da hat er sich für uns ins Geschirr gelegt. Er hält fest an dem, was wir kaum noch zu glauben wagen: dass Liebe, bedingungslose Liebe uns Menschen, Dich und mich, zu ändern vermag.

            Das alles weiß ich und sehe in diesen Worten des Petrus das Herzstück seiner Argumentation. Das will er seinen Lesern damals und über alle Zeiten hinweg nahe bringen: Ihr seid als Leidende Menschen in der Spur Jesu. Darum dürft ihr Euch dem Leiden stellen und müsst es nicht als Unglück und Unrecht wie eine Abwertung eurer selbst erleben. Und doch zucke ich zusammen, wenn ich singen soll:

Lasset uns mit Jesus leiden, seinem Vorbild werden gleich;
nach dem Leide folgen Freuden, Armut hier macht dorten reich,
Tränensaat, die erntet Lachen; Hoffnung tröste mit Geduld:
Es kann leichtlich Gottes Huld aus dem Regen Sonne machen.
Jesu, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir.

Lasset uns mit Jesus sterben; sein Tod uns vom andern Tod
rettet und vom Seelverderben, von der ewiglichen Not.
Lasst uns töten hier im Leben unser Fleisch, ihm sterben ab,
so wird er uns aus dem Grab in das Himmelleben heben.
Jesu, sterb ich, sterb ich dir, dass ich lebe für und für.    S.von Birken 1653, EG 284

Das ist mir persönlich den Mund zu voll genommen. Wenn es denn sein muss, dann möchte ich so tapfer sein können. Aber als Selbstaufforderung geht es mir zu weit. Nachfolgen, wenn er ruft – ja. Aber nachahmen, um einem hohen Ideal zu entsprechen – nein.

25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 Zum Schluss heißt es: „Ihr seid bekehrt“. Das hat aus vielen Gründen bei uns einen schrägen Klang. Wir wollen nicht so gerne bekehrt und belehrt werden. Im Hintergrund steht Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“(Jesaja 53, 6) Damit wird das Bild verständlich: Gott hat mit euch einen neuen Weg angefangen. Ihr habt in der Nachahmung Christi begonnen, seinen Weg zu gehen, mit Fragen und Hoffnungen, mit Ängsten und Zuversicht, manchmal scheiternd und doch auch im Erfahren von Gelingen. „Ihr seid bekehrt“ – das ist kein punktuelles Verständnis, kein Datum, das abgefragt wird – es ist der Beginn eines lebenslangen Prozesses. Ihr habt nun ein neues Ziel für euren Lebenweg und einn Gefährten, in dessen Spur ihr gehen könnt.

Christus Du
Wahrer Mensch und wahrer Gott
Bruder im Leiden
Hirte unserer Seele
Weggefährte unserer Lebensreise

Du Christus
wie oft habe ich danach geschaut
nach Fußspuren
denen ich nachgehen kann
denen ich mich anvertrauen kann
die mir den Weg zum Leben zeigen

Deine Spuren sehe ich
Sie werden mir vor Augen gemalt.
Sie locken mich
Aber: Ich traue mich nicht in diese Fußspur zu treten
Das werde ich nicht können –
so höre ich meine innere Stimme –
das eigene Recht loslassen
schweigen zu unfairen Angriffen
mich einfach dem Schutz Gottes vertrauen
waffenlos
ohnmächtig und doch gelassen.

Du aber versprichst:
In meiner Fußspur wachsen Dir Liebe
Geduld
Treue
Hingabe zu

Darum will ich –
fragend, suchend, glaubend Deinen Spuren folgen
an Dir Maß nehmen
Dich nachahmen

Und so magst Du es schenken
dass ich auf den Wegen meines Lebens Dir nachgestaltet werde. Amen