Lebendige Steine

  1. Petrus 2,4 – 10

 4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

            Zu ihm – zum Herrn – so muss man vom vorangegangen Vers lesen. Das Bild vom lebendigen Stein wird den ganzen Abschnitt bestimmen. Dem Christus als dem einen lebendigen Stein entsprechen die Christen als lebendige Steine. Und, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird: Ihre Erfahrung, dass die Umwelt sie ablehnt, ihnen tief skeptisch gegenüber steht, entsprich der Erfahrung Christi: von den Menschen verworfen, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Sie teilen sein Geschick. Aber eben nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor Gott. In Gottes Ewigkeit.

            Der Plural ist hier nicht zufällig, sondern von der Sache her bestimmt. Christsein gibt es nicht im Alleingang. Spitz gesagt: der protestantische Einzelne, der keine Kirche und keine Mitchristen für den Glauben braucht, ist eine geistliche Fehlentwicklung und nicht das, was das Neue Testament lehrt. Hier eben Petrus. Deshalb ist das Bild vom Haus der lebendigen Steine auch schlüssig. Es signalisiert, dass es um Gemeinschaft geht und es zeigt, dass diese Gemeinschaft der Christen an die Stelle des Tempels tritt. War vorher der Tempel der Ort, um zu opfern, so ist das jetzt das Miteinander der Christen. Das Steinhaus wird abgelöst durch das Haus, das die Menschen miteinander bilden.

 6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, 8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.

             Das Stichwort lebendiger Stein wird weitergeführt. Durch die Zitate aus der hebräischen Bibel. Grundlage ist der auserwählte, kostbare Eckstein. Für Petrus zweifelsfrei: Christus. Wer auf diesem Stein steht, an ihn glaubt, steht auf festem Fundament. Er wird nicht zuschanden. Das sagt der Briefschreiber Leuten, die in ihrer Umwelt oft beschämt dastehen, nicht anerkannt werden. Die verspottet werden: Was habt ihr schon für eine Fundament für euren Glauben.

            Dass er diese Stimmen kennt, zeigt die Fortsetzung: Für die Ungläubigen ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Nicht mehr tauglich. Unnütz. Als Grundstein eine Fehlinvestition. Deutlich wird dieses Urteil als Unglauben gewertet. „Unglaube bedeutet also, Christus die Anerkennung als von Gott gesetztem Heilsgrund zu verweigern.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.209)

            Der Abschnitt über den Eckstein, Grundstein hat unverkennbar Nähe zu den Schlussworten der Bergpredigt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Matthäus 7,24 -27) Die Aufforderung hier wie dort ist deutlich: Stelle Dein Leben auf das feste Fundament des Felsen Christus, des Glaubens an ihn. Das kann man, ohne deshalb und dadurch Fundamentalist zu werden!

            Umso irritierender ist dann die Schlusswendung. Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. Es ist die Realität, die die Gemeinden erleben, „dass das Wort Ärger macht und Anstoß erregt.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.101) Dass nicht alle glauben, sondern dass der Ruf zum Glauben auf Ablehnung und Gleichgültigkeit stößt. Wohl auch auf sich überlegen gebenden Spott. Diese Ablehnung ist kein Zufall. Sondern in ihr erfüllt sich die Bestimmung von Menschen.

            Die Frage, die sich aus dem Wortlaut ergibt, heißt: Ist das vor allem Anfang der Welt so festgelegt? Dann wäre das einer der biblisch ganz seltenen Belege einer Vorherbestimmung zum Verderben. Oder darf man anders verstehen: „Die göttliche Bestimmung geschieht allerdings nicht a priori, vielmehr führt erst die Begegnung mit Christus zur Alternative von Glaube und Unglaube.“(T. Popp, aaO.; S.211)Anders gesagt: An Christus scheiden sich die Geister.

       So sieht es auch der Evangelist Johannes: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“(Johannes 3, 17-18) Es ist nicht ein ewiger Ratschluss, der hier exekutiert wird, sondern eine aktuelle Entscheidung wird in ihrer – ewigen – Konsequenz ins Licht gerückt. Damit wird freilich gleichwohl die Bedeutung dieser Entscheidung nachdrücklich unterstrichen.

 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; 10 die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnade, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25).

            Ihr aber – wieder die Anrede an die Leserinnen und Leser, die die Verlesung dieses Briefes hören: Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen. Ihr steht auf der richtigen Seite. Und jetzt, um diesen persönlichen Schritten zusätzlich Gewicht zu geben. Ihr habt mit eurem Schritt bestätigt, dass ihr erwählte Leute seid. Ihr gebt Gott mit eurem Schritt Recht. Petrus kann sich gar nicht genug tun: das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums. Eine wertschätzende Bezeichnung folgt der nächsten – alle gewonnen aus der Schrift. Was für das Königshaus des David gesagt war, für Israel, das gilt für die christlichen Gemeinden, so klein und mickrig sie auch sein mögen.

           Das Gewicht dieser Worte liegt in der Wertschätzung, die sie transportiert, nicht in einer Funktion, die aus ihr abgeleitet werden könnte: Die Christen sind nicht allesamt Könige und Priester geworden. Das Priestertum aller Getauften, aller Gläubigen aus diesen Worten gradlinig und einseitig ableiten zu wollen, überstrapaziert den bloßen Wortlaut. Dazu muss man auf anderes mit zurückgreifen: auf die Taufe, auf die Gotteskindschaft, auf die Geistbegabung aller.

           Gleichwohl schwingen in den Worten auch Aufträge mit: Sie sollen als Gemeinde leben, die keinen aufgibt, die in Geduld einen langen Atem bewahrt, gerade auch mit den Angeschlagenen. Sie sollen als Gemeinde das heilige Volk sein, in dem einer für den anderen eintritt. Das ist der priesterliche Dienst, den ich als Aufgabe der Gemeinde Jesu Christi glaube: Für einander vor Gott einstehen. In Fürbitte und Fürsprache die vor Gott bringen, die vielleicht selbst den Weg zu Gott und die Worte an Gott nicht mehr finden.

        Diese Aufgabe wird allerdings hier nicht durch „Sollen“ und „Müssen“ einfordert.  Sondern wie ein guter weiser Seelenführer spricht Petrus ihnen die Wertschätzung, Anerkennung Gottes zu, wie sie in den herausragenden Verheißungen des AT an Königshaus, Priesterschaft und heiligem Volk sichtbar wird. Das wird dann schon das rechte Verhalten auslösen.

         Wozu sie freilich alle gerufen sind: Sie sollen die Wohltaten Gottes verkündigen. Das Evangelium ausrufen. Christus bezeugen. Dazu haben sie umso mehr Grund, weil es nicht nur ihr Auftrag ist, sondern weil sie damit den Wechsel ihres Lebens bezeugen: Aus der Finsternis in das Licht Gottes, aus der Zerstreuung in die Sammlung als Volk Gottes. Das ist ja die Wohltat, die sie erfahren haben, dass sie zum Volk Gottes geworden sind, dass die Gnade ihr Lebenstraum geworden ist. „Sie hatten nicht zusammen gehört und sich nicht gekannt, und jetzt sind sie – in ethnischer, nationaler und sozialer Mischung – miteinander Gottes Volk.“ (N. Brox, aaO.; S.107) Wie sollten sie diesen Wechsel nicht als Wohltat, als Geschenk Gottes aller Welt bezeugen. Sie sind in dem, was sie jetzt sind der lebendige Erweis dafür, wie Gott handelt.

Mein Gott
Du machst aus uns Leute
die Du an die Arbeit stellst
Du willst
dass wir Deine Zeugen sind
Deine Liebe weitergeben
Dein Erbarmen anderen zuwenden
Aus Deiner Treue selbst treu sind
Du willst
dass wir es weitersagen
Wie Du unser Leben verwandelt hast

Gib Du uns die Freude ins Herz
die gar nicht anders kann
als von Deinen großen Gaben zu singen
zu reden und sich im eigenen Handeln von Dir leiten zu lassen. Amen