Auf dass ich sein eigen sei

  1. Petrus 1, 17 – 21

 17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;

            Es ist eine enge, wohl auch eine emotional gefärbte Beziehung zu Gott, die sich in der Anrede Vater zeigt. Anders als Gott oder gar „das Gott“ oder „Ewige Kraft“. Darum geht es Petrus: „Das Bild von Gott, das Christen infolge ihres Christusglaubens haben, hat Konsequenzen für ihr Tun.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.79)

       Erst recht das Bild als Vater. Dieses Bild verhindert auch, den Hinweis auf das Richten ohne Ansehen der Person als eine Drohung zu lesen. machen. Aber dieser Hinweis unterstellt schon „väterliche Konsequenz“ und nicht Wegschauen und Durchgehen lassen. Sein Richten ist gerecht, weil es das Werk jedes einzelnen betrachtet. Das ist eine gemeinchristliche Überzeugung, die sich durch die Schriften des Neuen Testamentes zieht.

             Aus dem Wissen um dieses kommende Gericht ergibt sich die Aufforderung zum Leben in Gottesfurcht. Jetzt. Auch in der Fremde. Misstrauisch beäugt und manchmal ausgegrenzt. Das allein schon wäre Grund genug, sich vor den Menschen, der Umwelt und den staatlichen Behörden zu fürchten.

              Es ist die Lutherbibel, die aus der Furcht, φβος, „Gottesfurcht“ macht. Über den reinen Wortlaut hinaus, aber sachlich wohl doch richtig. „Unter Gottesfurcht ist die ehrerbietende Anerkennung Gottes als Vater und Richter zu verstehen.(T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.172) Ihm alleine gebührt Ehre und Anbetung und eben auch Furcht. Es kann sein, hier klingen auch Worte Jesu nach: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“(Matthäus 10,28)    

 18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

             Dieses Fortsetzung des Gedankens zeigt: Es liegt Petrus nichts daran, seinen Lesern Angst zu machen. Sie klein zu machen. Sondern im Gegenteil: Er will sie ermutigen, aufrichten, stärken. Das zeigt er ihnen, indem er sie erinnert: Ihr seid Gott, dem Vater eure Erlösung wert. Und dieses Erlösen lässt er sich kosten. Da ist es nicht mit Silber oder Gold getan. Da braucht es mehr, viel mehr.

            Darauf läuft der Satz zu: Eure Erlösung ist die Hingabe Christi am Kreuz. Das teure Blut ist,  – so lese ich das – eine Chiffre für das Kreuz. Erlöst – freigekauft, herausgelöst. Im griechischen Wort schwingt der Freikauf mit, wie er auf dem Sklavenmarkt wohl einmal geschehen konnte, wie er auch für Juden immer für eine Schuldknechtschaft im Blick war. „Wenn irgendein Fremdling oder Beisasse bei dir zu Besitz kommt und dein Bruder neben ihm verarmt und sich dem Fremdling oder Beisassen bei dir oder jemandem von dessen Sippe verkauft, so soll er, nachdem er sich verkauft hat, das Recht haben, wieder frei zu werden, und es soll ihn jemand unter seinen Brüdern einlösen oder sein Oheim oder sein Vetter oder sonst sein nächster Blutsverwandter aus seinem Geschlecht; oder wenn er selbst so viel aufbringen kann, so soll er selbst sich einlösen.“ (3. Mose 25, 47 – 49)

            Hier aber geht es einen Schritt weiter: Christus erlöst von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise. πατροπαρδοτος ist ursprünglich ein durch und durch positives Wort. In einer Gesellschaft, die den Alten, den Vätern eine besondere Würde zuspricht, wir reden dann gerne von patriarchalischer Gesellschaft, ist das naheliegend. Umso mehr Gewicht hat es, wenn hier angedeutet wird: Der Weg den Vätern nach ist nichtig, führt ins Nichts. Die Erlösung holt aus dieser vorgegebenen Spur heraus.

            Das ist zumindest eine Warnung auch für allen christlichen Traditionalismus. Nichts ist schon allein deshalb gut und wegweisend, weil es althergebracht ist, weil es „die Väter“ und meinethalben auch „die Mütter“ so gehalten haben. Es geht im Glauben der Christen nicht um die Bewahrung irgendwelcher heiliger Traditionen, sondern um den Anschluss des eigenen Lebens an Christus.

           Seine Hingabe wird hier beschrieben als das Opfer eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Christus als das Lamm – das ist ein Bild, das auch die Offenbarung kennt. Die Beschreibung des Sterbens Jesu als eines Opfertodes liegt wohl für die Christen, die das Opfer im Tempel, auch im heidnischen Tempel, noch aus ihrer Umwelt kennen näher als für uns. Bei uns ist das Wort „Du Opfer“ schon fast zum Schimpfwort geworden. Umso wichtiger ist zu sehen: hier wird das Opfer Christ zum Wertzeichen der Christen. Sie sind Gott das alles wert.

           Nur nebenbei sei darauf verweisen: diese Worte aus dem Petrusbrief haben offenkundig Luthers Erklärung zum 2. Glaubensartikel inspiriert:

„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott
vom Vater in Ewigkeit geboren,
und auch wahrhaftiger Mensch
von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr,
der mich verlorenen und verdammten Menschen
erlöst hat, erworben und gewonnen
von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels,
nicht mit Gold (und) oder Silber,
sondern mit seinem heiligen, teuren Blut
und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben,
auf dass ich sein eigen sei“
M. Luther, Kleiner Katechismus, Luther Deutsch; Bd. 6; Göttingen 1983, S. 146

20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, 21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

            Wieder kommt Petrus auf das zurück, was schon mehrfach angeklungen ist: Jetzt ist die Zeit der Erfüllung der Wege Gottes. Was er als den Weg Jesu beschreibt, was er an ihm sieht, das ist schon seit der Welt Grund der Plan Gottes. Worauf das Gewicht liegt: Das sagt Petrus, um seine Leserinnen und Leser zu stärken. Um euretwillen. Gottes Erlösungswerk in Christus ist ausgerechnet an sie adressiert, hat sie im Blick.

            In meiner Sprache: Der Plan Gottes ist uralt. Sein Heilswille für die Welt besteht von Anfang an. Aber jetzt, ausgerechnet jetzt, in diesem Jesus Christus und um der Christen willen, die jetzt in der Fremde leben, wird der Plan wirklich, erkennbar, sichtbar, offenbart. Das gibt ihnen eine unverlierbare Würde – ihnen, denen die Umwelt diese Würde oft genug wohl nicht zugesteht.

            Es ist eine Aufgabe an die Verkündigung, die hier sichtbar wird und die Petrus einlöst: so von den Taten Gottes zu reden, dass sie die Hörer oder Leserinnen stärken, dass sie ihnen zeigen: Ihr seid Gott unendlich wert. Es geht nie nur um das, was Gott getan hat, staunenswert in sich, sondern immer um das, was er für uns getan hat. Das Ziel aller Wege Gottes mit dieser Welt ist, dass er uns für sich gewinnt. Damit wir Glauben und Hoffnung zu Gott haben.

Was für ein langer Vorlauf
Was für ein langer Weg bis es so weit ist
Die ganze Geschichte der Welt läuft darauf zu
In Jesus wird der Weg zu Gott wieder Frei
In ihm tritt uns der entgegen
der alle Gefängnistüren des eignen Ich öffnet
der uns herausführt in die Freiheit
Das darf ich glauben für mich und für alle
Ihr seid Gottes geliebte Leute
Ihr seid ihm diesen ganzen langen Weg wert

Seitdem ist die Welt anders
Seitdem gibt es keinen mehr
der jenseits der Liebe leben muss
Seitdem ist eine Hoffnung in der Welt
die auch in der tiefsten Dunkelheit noch leuchtet
weil sie entzündet ist durch die Hingabe Christi
durch sein Kreuz.
Niemals mehr kann dieses Licht verlöschen. Amen