Leben wie es Gott entspricht

  1. Petrus 1, 13- 16

13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

             Darum. Weil das alles gilt. Aus den großen Zusagen folgt die Aufforderung, ihnen im eigenen Leben Raum zu geben. „Wer lebendige Hoffnung hat, wird entsprechend leben.“ (T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.161) Das ist kein rein passiver Akt: umgürtet die Lenden eures Gemüts.

             Das mag heutigen Leserinnen und Lesern als Bild zunächst Schwierigkeiten machen, aber wer sich erinnert; „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, der versteht leichter, was gemeint sein kann: Dem eigenen Gemüt Festigkeit geben durch einen Gürtel, so wie ein Gürtel hilft, den eigenen Körperschwerpunkt zu stabilisieren.

            Im Griechischen steht hier mit δίανοια ein Wort mit vielen Schattierungen: „Das griechische „dianoia“ ist mehrdeutig: Gemeint ist Denkkraft, Verstand, Gesinnung, Gedanke, aber auch Gemüt oder Gedankenwelt – all das ist in dem Ausdruck enthalten. In der LXX (= Septuaginta – die griechische Übersetzung des Alten Testamentes) ist „dianoia“ meist Übersetzung für Herz.“(U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.49) Es geht also um eine Haltung, die aus der Person-Mitte kommt und eine geistig-seelische Einstellung zu Menschen, Dingen und Situationen einschließt.

            Dabei wird diese „seelische Verfassung“, weil sie nicht aus sich selbst ihre Kraft hat, sofort wieder zurückgebunden an die Gnade. Sie ist in der Offenbarung Jesu Christi zugänglich geworden. In seinem Erbarmen, seinem Vergeben, seiner Treue, seiner Güte.

14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; 15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

            „Hoffende aber sind die Christen nur als Gehorsame.“(W.Schrage, Der erste Petrusbrief, NTD 10, Göttingen 1973, S.73) Der Gedanke wird fortgesetzt, jetzt aber mit einem anderen Bild: die Angeredeten sind Kinder. Ihr Kind-Sein wird näher bestimmt durch das Adjektiv: gehorsam. Kinder, die so sind, wie es sich der Vater, die Mutter, die Eltern wünschen. Die auf sie hören – das meint ja das Wort „gehorchen“ zuerst und zuletzt. Nicht eine „Autoritätsstruktur“, unter die man sich beugt, sondern ein Vertrauensverhältnis, das aus dem Hören kommt.

           Kinder Gottes – so würde ich ergänzen. In der Bergpredigt wird auch indirekt auf diesen Status als Kinder Gottes angespielt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48)Auch hier führt die Anrede als Kinder zur Aufforderung, das angemessene Verhalten zu suchen. Sich abzuwenden von alten Verhaltensmustern, von der Knechtschaft unter Begehrlichkeiten und Wünschen. Was das im Einzelnen ist, wird nicht gesagt. Begierden, – πιθυμαις reicht als pauschaler Hinweis für die Lesenden. Offensichtlich verlässt sich Petrus darauf: Das Wort als solches löst Bilder im Kopf seiner Leser aus. Sie werden wissen, was gemeint ist.

           Es gibt eine Zeit im Leben, auch bei Kindern, das sieht man ihnen vieles nach. Sie sind noch nicht verständig. Sie haben noch nicht den Überblick. Sie sind einfach noch zu klein um zu verstehen, was sie tun, was sie anstellen. Das alles schwingt mit in dem Wort Unwissenheit. Es geht allerdings nicht um fehlende intellektuelle Einsicht, sondern γνοία, Unwissenheit ist „in erster Linie existentielle Verschlossenheit und somit auch eine verkehrte Orientierung des Daseins und Handelns.“(T. Popp, aaO.; S.165) Es führt zu falschen Entscheidungen, wie sich auch andernorts zeigt: „Den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3, 15.17) Es ist der Gnade Gottes zu danken, dass er solche Zeiten der Unwissenheit nicht gegen uns wendet.

          Es geht in den wenigen Worten um mehr als nur um eine Abkehr von Lastern und schlechten Gewohnheiten. Der Verzicht macht noch keine neuen Leute. Sondern es geht, positiv gewendet, um eine Entsprechung zu Gott – so wie sie das Bergpredigtwort auch anspricht: Weil Gott, der die berufen hat, heilig ist, sollen auch sie heilig sein. Und das nicht nur am Sonntagmorgen oder zu irgendwelchen Höhepunktenn des Lebens: in eurem ganzen Wandel. Darum also sollen sie sich mühen, die das lesen: Dass in ihrem Wesen, ihren Worten und Werken etwas aufleuchten kann von der Wirklichkeit des Vaters im Himmel.  

              Hüten muss man sich davor, in solchen Worten so etwas wie eine Perfektionismus-Forderung zu hören. Es geht nicht um das perfekte, vollkommene, fehlerfreie Leben. „Heilig“ ist nicht fehlerfrei. Sondern heilig sind die, die zu Gott gehören, die auf ihn zu hören suchen, die in ihrem Leben die Wege Gottes zu gehen suchen. Die Zugehörigkeit zu Gott macht heilig, nicht die eigene Vollkommenheit. Aber, das ist auch mitgemeint, diese Zugehörigkeit zu Gott verpflichtet auch: ihr lebensmäßig zu entsprechen.

              In einer Welt, in der jeder nach seinem Gusto lebt, ist das eine fremde Botschaft: So leben, dass das eigene Leben Gott entspricht. Ihn abbildet. „Die Bibel kennt bereits den Appell, sich durch Heiligkeit Gott ähnlich zu machen. Im Umwelt-Milieu heidenchristlicher Gemeinden lautet dieses Schriftwort „Seid heilig, weil ich heilig bin, wie der Aufruf zum Überlaufen auf die Seite Gottes.“ (N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.77f.) Dass diese Botschaft weltfremd wirkt, daran hat sich bis heute nichts geändert.

 Adel verpflichtet
habe ich gelernt
Mein Herr Jesus
dass ich Deinen Namen trage
mich Christ nennen darf
verpflichtet mich zu einem Leben
das Deine Güte widerspiegelt
das die Gnade nicht billig macht
das der Gerechtigkeit den Weg bahnen will
– zuallererst in meinem eigenen Tun und Lassen

Schenke Du es doch
dass mein Leben durchsichtig wird hin auf Dich
Deine Güte und dein Erbarmen
Deine Treue und Dein Vergeben. Amen