Auslieferung

Markus 14, 43- 52

43 Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.

             Ein großer Auftritt. Plötzlich, sogleich. εθς. Sofort nach den Worten Jesu ist Judas, einmal mehr bestimmt als einer von den Zwölfen, da. Er, der irgendwie von der Bildfläche verschwunden war, ohne dass es Markus groß erwähnt hätte. Jetzt ist er da und mit ihm ein ganzer Trupp von Leuten. Die Schar ist eine „Abordnung der drei Fraktionen des Synhedrions… Damit ist zu verstehen gegeben, dass die offizielle höchstrichterliche jüdische Behörde gegen Jesus eingreift.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.268)

 44 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. 45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn.

             Jetzt wird Judas Verräter genannt – vom Griechischen παραδιδος her wäre genauer: Auslieferer. Er hat ein Zeichen ausgemacht mit seinen Begleitern, an dem sie Jesus erkennen sollen: der ist es, welchen ich küssen werde. Offensichtlich muss Jesus gekennzeichnet werden – weil er der Schar nicht bekannt ist? Oder weil es in dem Gelände dunkel ist?

            Jedenfalls: Judas tritt, kaum, dass sie da sind, zu Jesus, grüßt ihn: Rabbi, Meister und küsst ihn. Die Anrede zeigt Respekt, trotz allem. Macht aber auch den inneren Widerspruch im Tun des Judas sichtbar. Und: „Der innige Kuss zeigt, wie das Freundschaftsverhältnis infam missbraucht wird.“ (J.Gnilka, aaO.; S.269) κατεφλησεν. Ob in diesem Wort wirklich drin steckt, dass der Kuss innig ist, wage ich nicht zu entscheiden. Mich erinnert das mehr an die offiziellen Brüderküsse früher Ostblock-Zeiten, von denen eine Menge nur falsch waren, geheuchelt. Judas hat seinen Part erfüllt. Von ihm ist danach bei Markus keine Rede mehr.

 46 Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab.

             Die mit Judas gekommen sind, walten ihres Amtes. Sie nehmen Jesus fest. Dabei kommt es zu einem Zwischenfall, der die bis dahin reibungslose Aktion stört. Einer ergreift sein Schwert, schlägt nach dem Knecht des Hohenpriesters und trifft ein Ohr. Schlägt es ihm ab.

            Höchst merkwürdig: Nur der Vorgang wird erzählt. Aber keine Reaktion – weder auf der Seite Jesu noch auf der Seite der Verhaftungstruppe. Es kommt zu keinem weiterreichenden Handgemenge. Es ist, als wäre nichts geschehen. Man erfährt auch nicht, wer das Schwert führt – ob ein Jünger, oder einer aus der Schar, der aus Versehen seinen Anführer – so kann man der Knecht des Hohenpriesters lesentrifft.

             „Der Verlust des Ohres galt als Schandmal, wie schon die Assyrer und Babylonier die Strafe des Ohrabtrennens kannten.“ (J.Gnilka, aaO.; S.270) Dann könnte in dieser scheinbar so überflüssigen Notiz der Hinweis stecken, dass diese ganze Aktion eine Schande ist, die auf Urheber und Ausführende zurück fällt.

 48 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. 49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden.

             Genau das spricht Jesus an. Wie widersinnig ist dieses ganze nächtliche Unternehmen. Tag für Tag war er im Tempel, sichtbar, nicht verborgen. Sie aber haben sich die Nacht ausgesucht für ihr dunkles Geschäft. Er hat als Lehrer, als Rabbi im Tempel gelehrt. Sie versuchen mit ihrer Aktion einen Räuber aus ihm zu machen. Sie scheuen, wie Räuber, das helle Licht des Tages, um ihn, der immer im Hellen unterwegs ist, in ihre Hände zu bekommen. Die Worte Jesu sind auf den ersten Blick an die Schar gerichtet, die ihn ergreift, in Wahrheit aber an die, die diese Leute ausgesandt haben.

            Es ist nicht wirklich ersichtlich, auf welche Stelle der Schrift sich der Satz bezieht: Aber so muss die Schrift erfüllt werden. Vielleicht klingt von weitem an: Er ist den Übeltätern gleichgerechnet ist.( Jesaja 53,12) Sicher ist das aber nicht.

 50 Da verließen ihn alle und flohen. 51 Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. 52 Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.

            Das Wort Jesu an seine Jünger erfüllt sich: Da verließen ihn alle und flohen. Die vorher noch die Treue beschworen haben, verschwinden im Dunkel der Nacht. Bringen sich in Sicherheit. Immerhin einer folgt noch, ihm nach. Leicht bekleidet. Er scheint dem Verhaftungskommando so nahe gekommen zu sein, dass er auffällt und sie na h ihm greifen. Da entflieht er. Nackt.

          Wer auch immer der junge Mann ist – ob es womöglich gar der junge Johannes Markus ist, der mögliche Verfasser des Evangeliums, immerhin ein Jerusalemer! – wir wissen es nicht. „Aber eines macht Markus deutlich: Auch der letzte, der versucht, Jesus zu folgen, rettet nur die nackte Haut.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.285)

Jesus mein Gott
Alle sind geflohen
Alle haben sich in Sicherheit gebracht
Es ist wohl wahr
Die Kreuzwege des Lebens gehst Du immer ganz allein

Wahrscheinlich wäre ich auch weggelaufen
hätte Dich den Häschern überlassen
weil ich mich nicht zum Helden eigne

Ich danke Dir
dass Du Deinen Auslieferer und die Jünger
die geflohen sind
nicht mit Verachtung gestraft hast
ihnen ihre Angst und ihre Untreue nicht vorgehalten hast als Versagen
als Verrat

Ich danke Dir
dass Du in jener Nacht nicht weggelaufen bist
dass Du Dich in die Hände der Menschen hast geben lassen
weil es Dein Weg ist
durch die eigene Hingabe alle zu gewinnen
auch die
die so viel Angst um sich selbst haben. Amen