Ringen im Gebet

Markus 14, 32 – 42

32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane.

            Am Fuß des Ölbergs liegt der Garten Gethsemane. χωρον heißt kaum Garten, sondern eher „Landgut, Acker, kleines Grundstück“. (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.811) Neue Übersetzungen sind darum vorsichtiger als Luther: „Sie kamen zu einem Grundstück“(Einheitsübersetzung); „sie kamen an eine Stelle ´am Ölberg`“ (Neue Genfer Übersetzung) Die Übersetzung Garten ist wohl aus dem Johannesevangelium „eingewandert“, weil dort der Ort ausdrücklich als κπος, Garten (Johannes 18,1) bezeichnet wird. Bis heute kann man Gethsemane, der Name bedeutet: Ölkelter, in Jerusalem aufsuchen – eine Anlage mit uralten Ölbäumen. Ein beindruckender Ort.

Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. 33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!

             Jesus lässt seine Jünger zurück. Nur Petrus und Jakobus und Johannes nimmt er weiter mit, auf dem Weg in das Grundstück. Vor allem aber mit auf seinen Weg, seinen inneren Weg. Er geht weiter, um dort zu beten. Das ist kein heldenhaftes „jetzt erst recht“, sondern er fängt an zu zittern und zu zagen. Jesus ist nicht der Held, der keine Erschrecken, keine Bangigkeit kennt. Er ist nicht der Gerechte, der so in sich ruht, dass ihn nichts mehr berührt. Es gehört zur Erinnerung der ersten Gemeinde: „Als Christus hier auf der Erde war – ein Mensch von Fleisch und Blut – , hat er mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet und zu dem gefleht, der ihn aus der Gewalt des Todes befreien konnte.“ (Hebräer 5,7)

            Jesus geht diesen Weg nicht „dankbar ohne Zittern“(D. Bonhoeffer). Auffallend und ungewöhnlich: „Im Judentum pflegte man das Ideal des leidenden Gerechten, der voller Gottvertrauen in den Tod geht und der Märtyrer, die dem Tod heldenhaft in die Augen blicken.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.278) Jesus dagegen sagt von sich selbst: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. περλυπς – umgangssprachlich könnte man sagen: todtraurig. Er ist – schon vor dem Tod – zu Tode verwundet durch das, was auf ihn zukommt. „Die über Jesus kommende Angst ist so groß, dass Sterben Befreiung bedeuten könnte.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.259) Dagegen sucht er Halt – in seinem Beten und im Mitwachen der Jünger. Weil er weiß, dass er das kommende Geschick nicht allein wird tragen können.  

 35 Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, 36 und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!

             Es ist ein Ringen. Aber zugleich auch ein sich Ausliefern. Dass er sich auf die Erde wirft ist eine Form der Selbstpreisgabe – heute noch nachvollzogen in der Priesterweihe in manchen christlichen Kirchen. Wer auf dem Boden liegt, gibt sich selbst aus der Hand. So, ganz demütig ist es ein Beten um Verschonung. Hoffen auf einen Ausweg. Nicht auf einen Fluchtweg, den er sich ja selbst suchen könnte. Auf einen Ausweg, den Gott öffnen könnte, weil es ja so ist: alles ist dir möglich.

            In dieser letzten Angst und in diesem Ringen immer noch: Abba, mein Vater. Das ist kein ferner Gott, mit dem er spricht. Kein unnahbarer Allherrscher, kein HERR , auch nicht El Schaddai. Nicht Gott als das höchste Gut. Summum bonum. Nicht die irgendwie unbegreifliche Transzendenz. Sondern der Vater, mehr noch Mein Vater. αββα πατρ. Es ist ein Festhalten an der innigen Verbundenheit, wie sie das Johannes-Evangelium auf dem Punkt bringt: „Ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30) Ein Leben lang hat Jesus das Gespräch mit dem Vater gesucht. Nächtelang das Vertrauen auf ihn eingeübt. An diesem Vertrauen hält er auch jetzt fest und darum sucht er jetzt betend den Vater.

        Aus dieser gelebten Einheit mit dem Vater kommt sein Beten. Und in dieser Einheit steht sein Beten. Wenn er schließlich bittet: doch nicht, was ich will, sondern was du willst! so ist das nicht die Beugung unter einen fremden Willen, sondern ein Einstimmen in den Willen des Vaters, mit dem er eins ist. Man könnte wohl auch so sagen: Im diesem Beten hören wir zu bei einem Selbstgespräch des dreieinigen Gottes.

37 Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, “eine” Stunde zu wachen? 38 Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

             Es ist ein Atemholen in diesem Beten, in diesem Ringen um den eigenen Weg. Ein Atemholen, bei dem er nach den Jüngern sieht. Weil er auf ihr Mit-Beten hofft. Auf ihre Gebets-Unterstützung. Aber er findet sie schlafend. Nicht nur Petrus, sondern auch die anderen. Schlafend in dieser Stunde seines Kampfes. Weil sie der menschlichen Schwachheit Tribut zollen.

            Es sind Bibelstellen wie diese, die mich skeptisch machen, wenn ich singen soll:

„Wir danken dir, wenn wir uns legen, dass deine Kirche immer wacht.“
G. Valentin 1964, EG 266

            Ich glaube nicht an die immer wachende Kirche. Sie kommt mir zu oft verschlafen vor. So wie ich selbst ja auch allzu oft den richtigen Augenblick verschlafe. Mich tröstet ein wenig, dass Gott, der Vater im Himmel, unser Schlafen nützt, um seine Taten zu tun: Adam ist im Tiefschlaf, als Eva geschaffen wird. Die Welt schläft, als der Christus geboren wird. Die Welt schläft auch in der Nacht der Auferstehung. Wichtiger als eine immerzu wachende Kirche ist, dass gilt:

„Der dich behütet, schläft nicht.                                                                                      Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“       Psalm 121,3-4

In der Kritik an den schlafenden Jüngern und ihrem Ermatten lese ich zugleich auch Trost für mich: Jesus hat eben nicht hellwache Leute mitgenommen in diese Nacht, sondern solche, die schwach sind, die ihrer Schläfrigkeit unterliegen. Die sich manchmal womöglich sogar in den Schlaf, den kleinen Bruder des Todes, flüchten.

Es ist meine Lebens-Wirklichkeit, die ich hier wiederfinde: Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Tausend erträumte Pläne, Höhenflüge des Geistes, Absichten ohne Ende, aber eine Trümmerlandschaft an Verwirklichungen. Leben als Fragment – das ist die Wahrheit, die hier sichtbar wird. Aber an diesen Leuten mit dem willigen Geist und dem schwachen Fleisch hält Jesus fest. Sie will er bei sich haben, nicht nur in dieser Nacht. „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast.“(Johannes 17,24) In Zeit und Ewigkeit.

39 Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte 40 und kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

             Es wiederholt sich alles – sein Beten und Ringen, sein Schauen nach ihnen und ihr Schlafen. Es ist, als wollte Markus es seinen Lesern einschärfen: diesen Weg geht Jesus allein, ohne menschlichen Beistand. Denn die bei ihm sind, wissen nicht, was da geschieht. Sie sind gefangen in ihrer Müdigkeit. Dieser Weg, der jetzt in Gethsemane anfängt, ist nicht der Weg der Jünger – es ist sein Weg. Nur sein Weg.

 41 Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. 42 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.

             Ein drittes Mal wiederholt es sich. Und dann ist es genug. πχει· Es ist soweit. Sie müssen nicht mehr wachen. Sie können nicht mehr schlafen. Jetzt ist die Stunde gekommen. Aber hier steht nicht das Wort für die Gottesstunde – καιρός – sondern hier steht ρα, Hora, als wollte Jesus sagen: Jetzt ist die Stunde der Menschen da. In dieser Stunde wird der Menschensohn ausgeliefert, überantwortet, dahingegeben. Einmal mehr παραδδοναι, dieses theologisch so gefüllte Wort. Er wird in die Hände der Sünder gegeben – was Markus nicht sagt: um der Sünder willen.

            Und wieder müsste man vom Griechischen her genauer übersetzen: „der mich ausliefert, der mich übergibt.“ Nicht: der mich verrät. Damit wir nicht moralisch so entrüstet hören, sondern genauer sehen: Es geht darum, dass er dahingegeben wird, „damit alle, die an ihn, diesen Dahingegebenen glauben, das ewige Leben haben.“(Johannes 3,16) Ja, es ist die Stunde der Menschen. Aber es ist zugleich die Stunde in der Heilsgeschichte Gottes. Wer es fassen kann, der fasse es.

            Diesem Geschehen geht er jetzt entgegen. Aufrecht. „Er wird nicht zum Sklaven eines göttlichen Heilsplanes, sondern überantwortet sich in freier Liebe dem Willen des Abba.“ (J.Gnilka, aaO.; S.263) Der eben noch voll Zittern und Zagen war, der scheint jetzt gefasst. Weil seine Stunde gekommen ist. Von jetzt an gehen die Ereignisse ihren Gang

         Es wird kein Zufall sein. Hier steht γγικεν. „Ist genaht.“ Das gleiche Wort, mit dem Jesus seine Predigt eröffnet hatte: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen.“(1,16) Wenn ich das ernst nehme, dann lese ich, dass diese Stunde jetzt, in Gethsemane nicht eine Stunde ist, in der das Reich Gottes ferne rückt, sondern in der seine Nähe weiter gilt.

Schreien möchte ich
Gib Antwort Gott
Schreien möchte ich
Geht kein anderer Weg?
Muss es wirklich dieser Taumelkelch sein?
Du kannst doch anders
Und Gott schweigt

Jesus
Ich sehe Dich auf den Knien
Ich höre Deine Worte
Ich höre
wie der Himmel schweigt

Nur von ferne ahne ich die Tiefe Deiner Angst
im Dunkel ohne Licht
im Schrei ohne Antwort
Und doch sagst Du in den schweigenden Himmel
„Aber nicht wie ich will sondern wie du willst.“

Das ist Dein Ja zum Weg des Vaters
geboren aus dem Gehorsam,
aus der Liebe
aus dem Einssein –
hineingesprochen in das Schweigen ohne Antwort
in das Gottesdunkel

Ich danke Dir für Dein Ja
der Welt zum Heil
und mir zum Leben. Amen